VIGGO MORTENSEN
im Interview

Foto aus "Den Menschen so fern" © Arsenal Filmverleih

Er malt, schreibt Gedichte und pfeift auf Hollywood: Viggo Mortensen. Kein Wunder, dass wir mit ihm beim Filmfest München über die ganz großen Fragen des Lebens philosophieren. Der 56-Jährige stellte dort den Algerien-Western Den Menschen so fern vor.

VON: Annette Walter

Interview: Mr. Mortensen, zwei Sätze: Um was geht es in Ihren neuen Film?

Viggo Mortensen: Um eine unerwartete Freundschaft zwischen zwei gewöhnlichen Männern, Mohamed, ein arabischer Muslim und Daru, ein christlicher Europäer, den ich spiele. Im Grund aber darum, wie ungerecht die arabische Bevölkerung von den Franzosen im Algerien der 1950er-Jahre behandelt wurde. Der Film basiert auf einer Geschichte von Albert Camus.

 

Interview: Was fasziniert Sie an Camus?

Mortensen: Seine Art zu denken, sein humanistischer Ansatz, seine Anerkennung des freien Willen und sein Widerstand gegen Kategorien oder in eine ideologische Kiste gesperrt zu werden. Das macht ihn nicht nur zu einem großartigen Schriftsteller, sondern zu einen der wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts.

 

Interview: Daru ist wieder so ein einsamer Helden, die Sie gern spielen.

Mortensen: Tja, vielleicht werde ich wirklich von solchen Charakteren angezogen. Aber viele Jungs wollen eben Abenteurer sein.

 

Interview: Was bedeutet Einsamkeit für Sie?

Mortensen: Wissen Sie was, ich sehe das so: Egal, ob du mitten in einer Menschenmenge in einer Stadt stehst oder allein in den Bergen, wenn du wirklich ehrlich zu dir bist, ist ein Teil von dir immer allein. Du musst immer wieder aufs Neue entscheiden, wie sehr du dich der Tatsache stellen willst, dass du irgendwann sterben musst. Manche Menschen ignorieren das ihr Leben lang.

 

Interview: Klingt schwierig – Ihr Rat?

Mortensen: Wir müssen akzeptieren, dass wir es mit einem komplizierten Problem ohne Lösung zu tun haben. Bei Camus geht es ja darum, dass der Menschen, um wirklich frei zu sein, seine Angst vor dem Tod in den Griff kriegen muss. Und Freud sagt, die beste Art, sich auf das Leben vorzubereiten, ist, sich auf den Tod vorzubereiten. Der Tod ist unvermeidbar. (lacht)

 

Interview: Ganz schön deprimierend.

Mortensen: In der Tat. Warum soll man versuchen, glücklich zu sein, wenn man weiß, dass man stirbt? Ich verstehe, wenn Menschen sagen, ich werde sterben, wieso soll ich überhaupt aus dem Bett aufstehen? (lacht) Oder meine Zähne putzen oder ein Buch lesen? Aber wir müssen versuchen, da wieder rauskommen. Wenn nicht, führt man ein verbittertes Leben oder bringt sich um.

 

Interview: Gibt es gar keine Hoffnung?

Mortensen: Natürlich, denn jeder von uns kann Möglichkeiten finden, mit anderen Menschen zu interagieren und daraus etwas lernen. Im Film lernt Daru etwas über sich selbst, weil er die Entscheidung trifft, mit Mohamed zu kommunizieren. Wenn man irgendeine Sache aus dem Film mitnehmen kann, dann die, wie wichtig Kommunikation ist. Und noch etwas: Es ist nicht so wichtig, ob wir den Weltfrieden erreichen. Wichtig ist, dass wir die Sehnsucht, der Wunsch danach pflegen.

 

Interview: Was bedeutet das für uns ganz aktuell mit den zahlreichen Konflikten auf der Welt?

Mortensen: Dass Gräben zwischen Menschen immer durch Mangel an Kommunikation entstehen. Ich bin der Überzeugung, dass Politiker, egal, ob im rechten oder linken Lager, Konflikte nur nutzen, um Macht zu bekommen und zu behalten. Sie haben ein Interesse daran, dass Menschen nicht umfassend miteinander kommunizieren. Warum? Weil sie die Gefahr wittern, dass wir über alle Dinge selbst reden und die Politiker dann gar nicht mehr brauchen.

 

Interview: Klingt, als wären Sie von der Politik desillusioniert, oder?

Mortensen: Natürlich. Ich müsste verrückt sein, wenn ich es nicht wäre. Aber es ist für mich kein Grund, aufzugeben.

 

Interview: Sondern?

Mortensen: Verbrennen wir alle Pässe und Flaggen! (lacht) Okay, das muss ich Ihnen erklären: Wissen Sie, es gibt ja mittlerweile in jedem Land, egal, ob Großbritannien, Deutschland, Spanien oder die USA, eine politische Bewegung gegen Immigration, den Ruf nach einer Einwanderungsquote. Die Wahrheit ist doch die: Wenn es Jobs gibt, werden die Menschen kommen. Die Natur regelt das. Politiker, die Regeln aufstellen, wer kommen darf und wer nicht, richten Unsinn an.

 

Interview: Warum tun sie es dann?

Mortensen: Um gewählt zu werden oder Geld damit zu verdienen. Ich nennen Ihnen ein Beispiel: Seit Jahrzehnten kommen Südamerikaner nach Spanien. Weil die spanische Wirtschaft seit 2007/2008 kriselt, kehren sie mittlerweile zurück nach Bolivien, Peru, Ecuador oder Argentinien. Das passiert ganz natürlich, egal, ob Politiker ihre Nase reinstecken. Das meine ich mit Pässe und Flaggen verbrennen. Wir sollten jegliche Immigrationspolitik zum Teufel jagen.

 

Interview: Warum gehen Sie nicht selbst in die Politik?

Mortensen: Da halte ich mich an Camus. Er wurde das auch gefragt. Wissen Sie, was er gesagt hat? Ich kann kein Politiker sein, denn ich kann den Tod meines Gegners weder akzeptieren noch fördern. (lacht)

 

Den Menschen so fern startet am 09. Juli 2015 in den deutschen Kinos. 

Daru (Viggo Mortensen, l.) und Mohamed (Reda Kateb) in "Den Menschen so fern"| Foto © Arsenal Filmverleih
Foto aus "Den Menschen so fern" © Arsenal Filmverleih