„We Margiela“

Die Geschichte des Maison Martin Margiela wurde nach dem Weggang des geheimnisvollen Gründers zum Mythos. Ein holländischer Dokumentarfilm erhellt die weiße Dunkelheit.

Sein Gesicht durfte niemals gezeigt werden: Martin Margiela beim Bemalen eines Models vor der Show

Nur ungern zeigte er sich in der Öffentlichkeit, und nur Eingeweihte wissen von daher, wie er in Wirklichkeit aussieht. Doch hinter dem Phantom Martin Margiela stand eine Frau, ohne die er nicht arbeitsfähig gewesen wäre: Jenny Meirens. Die Geschäftsfrau war der Anker des Unternehmens und verschaffte den Raum für eine schrankenlos wirkende Kreativität. Frau Meirens starb kurz vor Fertigstellung der Dokumentation. So ist nun die Stimme einer Toten zu hören, die über einen lebenslangen Partner spricht, den der Zuschauer dabei niemals zu Gesicht bekommt. Das Inkognito war für Martin Margiela wichtig, um sich produktiv zu halten. Er blieb selbst verborgen und uniformierte seine Mitarbeiter in den klassischen weißen Kitteln der Couture-Häuser. Aber anders als dort gab es nicht den einen Modeschöpfer bei Maison Martin Margiela, es gab nur das Wir.

Die Philosophie des Hauses als Dokument

Dieses Wir brachte seit den 80er-Jahren Ideen und Formfantasien ein in die Welt der Mode, die einst noch freakhaft und im Wortsinne vorauseilend gewirkt haben – mittlerweile ist das alles Normalität. MMM waren die Ersten, die übergroße Mäntel, Korkketten, runde Absätze, offene Säume und fleischfarbene Einteiler zu begehrten Modeartikeln machen konnten. In der Dokumentation kommen ehemalige Mitarbeiter des Kollektivs zu Wort. Einer von ihnen ist Lutz Huelle, längst selbst als Modeschöpfer bekannt, aber er sagt, dass die Zeit im Maison die schönsten Berufsjahre seines Lebens waren.

Manche halten die Modelle aus der alten Zeit wie Reliquien in Ehren

Sturm und Drang, eine gewisse vom Punk vererbte Haltung zur bürgerlichen Kultur bei gleichzeitiger Sorgfalt hinsichtlich der Auswahl von Materialien und insbesondere hinsichtlich ihrer Verarbeitung – vor allem aber das Handwerk der Mode vor der Konzernkultur: We Margiela ist ein Schwanengesang, allerdings ein freudvoller und vielstimmiger. Jeder Mitarbeiter ist Zeitzeuge, alle arbeiten sie noch immer in dieser Industrie, die sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts in eine weltweit agierende, vom Shareholder-Value getriebene Marketingmaschine entwickelt hat, in der ein autistisches Genie wie Martin Margiela vielleicht einen Platz fände – allein glücklich würde er dort dann nicht.

Open Sesame: Archiv der alten Schuhe

WE MARGIELA“ feiert am
22. Oktober Premiere im Museum Boijmans van Beuningen
in Rotterdam.

Fotos: Film Stills „We Margiela“ Documentary, Anders Edström Pictures for Margiela, Hands Meirens Holding Photo Group, Portrait Margiela Team; Closet with Tabi’s, Photo Mint Film Office 2015; Stockman, Photo Mint Film Office 2015

16.10.2017 | Kategorien Fashion, Film, Magazin | Tags , , ,

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