Out of Bietigheim-Bissingen: RIN

Seit RIN mit Yung Hurn die Kokshymne „Bianco“ rappte, ist deutschsprachiger HipHop plötzlich wieder hot (auch nüchtern). RIN und seine Crew sind das Fresheste, was die Branche gerade zu bieten hat.

RIN I Foto: NADINE FRACZKOWSKI, Styling: ORIANA TUNDO

Eigentlich wollte RIN für unsere Serie People of Interview seine sechs besten Freunde vorstellen, das Vorhaben wurde jedoch durch die regional üblichen Schlaf- und Wachgewohnheiten in seiner Heimatstadt konterkariert. So wurde ein etwas anderes Interview draus, auch schön. RIN ist 22 und stammt aus dem gemütlichen (und schuldenfreien) Bietigheim-Bissingen. Berühmt wurde er durch eine Kooperation mit dem Wiener Rapper Yung Hurn, die beiden besangen harte Drogen, und das ging der Zielgruppe ins Blut. Seitdem ist RIN, der gerne Gosha Rubchinskiy trägt und Italo Disco nicht scheut, der interessanteste Neuzugang im deutschen HipHop.

HARALD PETERS: Wie haben Sie Minhtendo kennengelernt?

RIN: Denhabeich kennengelernt, als ich gerade aus London kam und bei uns in Bietigheim vor dem Kaufland saß und auf den Bus gewartet habe. Minhtendo hat damals frisch in Bietigheim gearbeitet und kannte noch relativ wenig Leute. Er hat mich dann nach einer Kippe gefragt, und mittlerweile sind wir Geschäftspartner.

HP: Wie lange ist das her?

RIN: Sechs, sieben Jahre, glaube ich.

HP: Beschreiben Sie doch mal, was er macht.

RIN: Er hat die meisten meiner Singles produziert, also „Dizzee Rascal Type Beat“, „Doverstreet“ und „Bros“. Überrascht, was?

HP: Äh, nee…

RIN: Das ist auch der Grund, warum wir überhaupt angefangen haben, zusammenzuarbeiten: wegen unserer Liebe zur Musik. Wir haben gesagt: „Lass uns doch mal einsperren und ein bisschen Spaß haben.“ Und daraus ist was geworden.

HP: Und haben Sie und er bereits vorher unabhängig voneinander Musik gemacht?

RIN: Sie wissen ja einfach gar nichts über mich …

HP: Haha. Nun, die Idee dieses Formats ist, dass ich nicht so viel wissen muss, weil es davon handelt, dass der Interviewte, also Sie, dabei von sich und seinen Freunden erzählt. Wenn ich schon alles wüsste, würde ich ja nicht fragen.

Minhtendo I Foto: NADINE FRACZKOWSKI, Styling: ORIANA TUNDO

RIN: Sie wissen also wirklich nichts über mich?

HP: Nun, ich kenne immerhin Ihr neues, noch nicht erschienenes Album „Eros“, was mir einen gewissen Wissensvorsprung verschafft. Das Album ist übrigens sehr gut, deswegen reden wir hier überhaupt. Und ich kenne alle möglichen Videos. Natürlich kenne ich „Bianco“ mit Yung Hurn, und das Stück, in dem Chief Keef vorkommt. Wie heißt das doch gleich?

RIN: „Dontlike“.

HP: Sehen Sie!

RIN: Jedenfalls ist Minhtendo, wenn es um das Projekt RIN geht, mein engster Wegbegleiter. Er sitzt auch mit ihm zusammen, wenn es um Songs geht, deren Musik er nicht produziert hat. Zwei Köpfe sind immer besser als einer. Er sagt dann auch mal: „Ist gut jetzt. Lass mal für heute.“ Ich habe einen sehr großen Hang dazu, Sachen zu überdenken.

HP: Sie verlassen das Studio also zufrieden und kehren mit schlechter Laune zurück, weil Sie meinen, am Vortag nichts Gutes produziert zu haben?

RIN: Nein, viel krasser. Das geht von einer Sekunde auf die andere.

HP: Das klingt anstrengend.

RIN: Deswegen ist Minhtendo auch menschlich ein sehr wichtiger Teil des Teams. Ich bin glücklich, dass ich ihn dabeihabe.

HP: Wollen wir uns dem Nächsten widmen? Wir wäre es mit Bausa?

RIN : Ach, der Herr Bausa.

HP: Was ist mit dem?

RIN: Der ist einer meiner ältesten Kindheitsfreunde, seit ich zwölf bin ungefähr, also schon seit zehn Jahren. Unsere Freundschaft hat eigentlich auch nicht so viel mit der Musik zu tun, obwohl er im Nachhinein doch einen nicht unwesentlichen Teil zu meiner Karriere beigetragen hat.

HP: Nämlich?

RIN: Er hat meine erste Single mit mir aufgenommen und mir auch den Mut gegeben, das zu machen, was ich gemacht habe. Falls Sie die Single nicht kennen, die hieß „Ljubav“. Das war meine allerallererste Single, die für mich auch ein Wendepunkt war. Ich war damals von Rap einfach gelangweilt. Wie man auf Soundcloud noch hören kann, habe ich zu der Zeit nur auf Boom Bap-Beats gerappt, was irgendwie, ohne jetzt überheblich klingen zu wollen, keine besondere Herausforderung war. Das war der Punkt, wo ich dachte: „Ey, du kannst da jetzt noch krasser drauf rappen, das ist trotzdem langweilig. Das ist einfach nicht geil!“ Und dann habe ich gedacht: „Okay, dann fängst du jetzt an zu singen!“ Alle haben gelacht, und Bausa meinte nur: „Junge, mach dir keinen Kopf. Gehe einfach in die Kabine, singe das, was du willst, wie du willst, und ich mache den Rest.“ Das hat mir einfach einen unheimlichen Schub gegeben, weil ich plötzlich etwas Neues für mich hatte, eine neue Ausdrucksmöglichkeit.

Bausa I Foto: NADINE FRACZKOWSKI, Styling: ORIANA TUNDO

HP: Und das Singen hat gleich geklappt?

RIN: Ja, total. Ich meine, im Unterschied zu heute wusste ich damals natürlich nicht, was ich da eigentlich mache, das war reines Bauchgefühl. Aber es ist irgendwie lustig, dass es jetzt gleichzeitig auch mit Bausas Karriere als Rapper losgeht, obwohl unsere Karrieren eigentlich nichts miteinander zu tun haben.

HP: Hat er vor Ihnen angefangen?

RIN:Ja, lange vor mir. Aber zu einer richtigen Zusammenarbeit ist es bislang noch nicht gekommen, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass wir nie Zeit haben. Wir sind ja auch nie zur gleichen Zeit in der Stadt. Das ist echt verrückt, ich konnte mir das früher nie vorstellen, aber er ist weg, ich bin weg. Man ist auf Tour, spielt Festivals, dann hat man ein paar Tage frei, und, zack, geht es schon wieder weiter.

HP: Und das ist erst der Anfang…

RIN: Genau, das wird alles noch viel, viel mehr. Aber man darf sich da nicht beschweren, denn am Ende des Tages sind wir einfach nur deutsche Acts. Wenn es richtig hart kommt, ist man einen Monat lang auf Tour, aber mehr geht eigentlich nicht. Selbst, wenn man überall spielt, ist man relativ schnell mit den Städten durch. Wenn amerikanische Künstler auf Tour gehen, können Sie sich zu Hause verabschieden und sagen, dass sie in anderthalb Jahren wieder zurück sind.

HP: Wollen wir zu Shawn DeWayne Burnette wechseln?

RIN : Also, Shawn ist von den Jungs mein ältester Freund.

HP: Das heißt?

RIN: From day one, also mehr als zehn Jahre. Wir haben eigentlich unsere gesamte Kindheit miteinander verbracht. Bei vielen Geschichten, die ich auf „Blackout“ und „Dizzee“ oder anderen Songs erzähle, war er dabei.

HP: Und was macht Shawn?

RIN: Er hat gar nichts mit Musik zu tun, er hat auch keinen dieser Kreativberufe, er ist einfach mein Freund.

HP: Sehr gut. Es ist ja eigentlich total wichtig, Leute in seinem Freundeskreis zu haben, die nicht die gleichen Sachen machen wie man selbst.

RIN: Ja, das ist auch der Hauptgrund gewesen, warum ich damals aus Berlin zurück in die Heimat geflohen bin. Ich habe dort zu viele Sachen gesehen, die mir nicht gefallen haben, die ich nicht für erstrebenswert hielt. Ich schätze einfach das Leben in der Kleinstadt. Viele denken, dass es ja nicht besonders toll ist, in der Provinz aufzuwachsen, aber schöner hätte es nicht sein können.

Shawn DeWayne Burnette I Foto: NADINE FRACZKOWSKI, Styling: ORIANA TUNDO

HP: Wieso?

RIN: Ich glaube, das liegt an der Besonderheit von Bietigheim-Bissingen. Die Stadt zählt ja zu den wenigen Gemeinden in Deutschland, die nicht verschuldet sind. Die Olymp-Familie sitzt bei uns, die Porsche-Familie wohnt hier, dann die Mercedes-Leute, eine der weltweit größten Dental- Firmen, dann Valeo, die alle möglichen Scheibenwischer herstellen. Also, der Süden von Deutschland ist in der Hinsicht ja ohnehin ziemlich krass, aber Bietigheim hat zusätzlich noch ein paar Sahnehäubchen. Aus dem Grund hast du auf kleinstem Raum Superreiche, Reiche und Arme, die wohnen all nur ein paar Straßen voneinander entfernt. Dadurch wächst man auch komplett vorurteilsfrei auf.

HP: Ist das so?

RIN: Ja, total. Die Unterschiede haben für uns keine Rolle gespielt. Der reiche Junge, der kaputte Russe und der Türke haben alle zusammengesessen, weil alle nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt wohnten. Es gab keine Abschottung wie in einer Großstadt, wo es Reichenviertel gibt und Viertel, in denen ärmere Leute leben. Deswegen kommt, glaube ich, auch so viel freshe Musik von hier, weil es keine Szene gibt. Es gab nie jemanden, der mir hier für meine Musik auf die Schulter geklopft hat. Das ist nicht wie in Berlin, wo du gleich von Leuten gefeiert wirst. Wo die Musik den Charakter bestimmt und nicht andersrum. Wo du plötzlich einen Batzen von falschen Leuten und Blendern und Idioten um dich herum hast. Ich habe mir das wie eine Art Schauspiel angeschaut, weil es das hier in Bietigheim nicht gab und gibt. Auch wenn ich jetzt Erfolg habe, bin ich immer noch der gleiche Mensch, ich gehe in meine Kneipe, in die ich immer schon gegangen bin. Mein bester Freund macht sich auch heute noch über mich lustig und sagt: „Ey, Alter, was hast du denn da schon wieder an? Fashion-RIN trägt schon wieder so eine verschickte Hose!“ In den Großstädten kamen die dann immer gleich an und meinten: „Super, was du da trägst. Voll schön.“

HP: Das hat Ihnen nicht gefallen?

RIN: Nee. Ich denke: „Was willst du denn von mir?“ Deswegen singe ich auf „Blackout“ auch, dass ich keine neuen Freunde will. Ich mache Musik aus Leidenschaft und nicht, weil ich mit irgendwelchen B-Promis auf blöde Partys gehen will.

Rin: “Ich mache Musik aus Leidenschaft und nicht, weil ich mit irgendwelchen B-Promis auf blöde Partys gehen will”
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HP: Das ist ja auch der pure Horror.

RIN: Ich weiß. Ich war mal mit ein paar Kumpels auf einer dieser Partys, bei der es Freialkohol gab. Aber keiner trank. Alle snappten sich nur gegenseitig und starrten auf ihre Handys. Und dann kamen irgendwelche YouTuber zu mir und laberten mich voll. Und ich dachte nur: „Lasst mich doch bitte in Ruhe!“ Ich bin nicht daran interessiert, der neue It-Boy zu werden.

HP: Obwohl Sie es wahrscheinlich gerade werden.

RIN: Ja, stimmt, obwohl ich es gerade werde. Es ist einfach eine Leidenschaft, ich mache das aus Liebe. Auch dieses Modeding mache ich ja nicht, um modisch zu wirken. Ich trag es, weil es mir gefällt und weil ich schlecht mit Geld umgehen kann. Ich hatte ja nie jemanden, mit dem ich mich darüber austauschen konnte, nur das Internet. Es gibt da keine Szene in Bietigheim. Es ist nicht wie in Berlin, wo du auf Partys gehst und alle sehen gleich aus. In Bietigheim galt es auch nicht unbedingt als cool, als Weißer mit Rasta, zerrissener Hose und irgendwelchen Designerschuhen rumzulaufen.

HP: Damit macht man sich wahrscheinlich keine Freunde.

RIN: Deswegen finde ich es auch so schrecklich, wenn ich Leute erlebe, die sich Designerklamotten wie eine Verkleidung überstülpen. Man sieht es auf hundert Metern Entfernung: „Ihr seid nicht ihr selbst!“ Ich war richtig geschockt, als ich neulich in einem Secondhandladen war und ein Kind auf mich zukam. Ohne Spaß, älter als neun kann der Junge nicht gewesen sein, der ging mir nur bis zum Knie. Und der hatte ernsthaft Yeezys an und kam auf mich zu und meinte: „Ey, bist du RIN? Können wir ein Bild machen? Und kannst du das auf deinem Channel hochladen? Ich brauche mehr Follower.“

HP: Hahaha! Genial!

RIN: Das ist doch heftig. Ich meine, als ich neun war, habe ich zwar nicht mehr mit Steinen gespielt, aber ich hatte einen Game Boy und war draußen mit meinen Jungs. Na ja, jedenfalls bittet er mich um ein gemeinsames Bild, während ich in dem Laden durch die Klamotten wühle, und fragt dann: „Warum guckst du dir eigentlich den Kram an? Du kannst dir doch ganz andere Sachen leisten!“ Aber darum geht es doch gar nicht!

HP: Also, für ihn schon.

RIN: Ich war echt fassungslos. Ich meinte zu ihm: „In was für eine Richtung gehst du denn, Alter? Du bist doch erst neun!“ Was will der denn mit elf tragen? Total Look Louis Vuitton?



Interview: Harald Peters

Fotos: Nadine Fraczkowski, Styling: Oriana Tundo, Haare: Philipp Lawrenz/PHOENIX, Make-Up: Arzu Kücük-Maier/PHOENIX, Produktion: Claude Gerber, Foto-Assistenz: Marina Hoppmann, Styling-Assistenz: Alice Lushima

Das Interview stammt aus unserer September-Ausgabe, erhältlich in unserem Online-Store.

08.12.2017 | Kategorie Flashback | Tags , , , ,

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