Oh là là

Unsere Titelgeschichte aus der Inter/VIEW-Ausgabe 09/2014 – Kristen Stewart und Juliette Binoche im exklusiven Doppelinterview!

Foto: DRIU CRILLY + TIAGO MARTEL, Styling: OMAIMA SALEM

Die Biografien dieser beiden Frauen könnten kaum unterschiedlicher sein: Die Grande Dame des Arthouse-Kinos, Juliette Binoche, besuchte ein katholisches Internat, flüchtete mit 15 nach Paris und spielte sich mit der Hilfe von Jean-Luc Godard und Die Liebenden von Pont-Neuf bis hin zum Oscar (für Der englische Patient). Die andere, Kristen Stewart, wurde zu Hause unterrichtet, drehte mit neun ihren ersten Film und hält seit der Twilight-­Saga als Blockbuster-Prinzessin Hof in Hollywood. Für den Film Clouds of Sils Maria verließen beide jetzt ihre angestammten Jagdgründe und fanden (sowie erfanden) sich auf den malerischen Almen des Schweizer Oberengadins neu.

Eigentlich sah es so aus, als würde diese Geschichte nicht zustande kommen; Kristen Stewart und Juliette Binoche, ein Treffen in Paris, doch dann verpasste Stewart ihren Flug von Los Angeles, und das Fotoshooting, das eigentlich Montagabend stattfinden sollte, wurde abgesagt. Noch Dienstagfrüh wusste niemand, was passieren würde, dann hieß es auf einmal: Kristen kommt doch noch, sie sei schon im Anflug und habe 24 Stunden Zeit. Abends traf man sich im Studio der Fotografen, Kristen überraschte mit einer neuen Frisur, „kurz à la Binoche“, wie sie selbst erklärte. Am Vormittag des nächsten Tages fand dann tatsächlich das Gespräch der beiden Schauspielerinnen statt, dafür gebucht war ein Tisch im Restaurant des Hotel Bristol in der Rue du Faubourg Saint Honoré.

Als Kristen Stewart kommt, Jeans, weißes T-Shirt, nasse Haare, umarmen sich die beiden Frauen, man spürt, wie vertraut sie miteinander seit den Dreharbeiten zu The Clouds of Sils Maria in den Schweizer Bergen sind. Im Film spielt die Oscar-Preisträgerin Juliette Binoche die alternde Diva Maria Enders, Kristen Stewart ihre junge Assistentin und Chloe Grace Moretz die Blockbuster-Prinzessin der Stunde, was eine amüsante Hommage an Kristen Stewart selbst darstellt. Als der Film in Cannes Premiere feierte (in Deutschland läuft er im Spätherbst an), waren die Kritiker vor allem von der Dar-bietung Kristen Stewarts begeistert, dass La Binoche großartig spielt, galt schließlich als gesetzt.

JULIETTE BINOCHE: Wow, du hast tatsächlich deine Haare abgeschnitten!

KRISTEN STEWART: Kurz, à la Binoche!

BINOCHE: Steht dir super! Dachte ich gestern schon, aber da musste ja alles so schnell gehen …

STEWART: … weil ich meinen Flug verpasst habe, tut mir leid.

BINOCHE: Bei mir musst du dich nicht entschuldigen. Du bist ja diejenige, die deswegen 24 Stunden Stress in Paris hat.

STEWART: Und jetzt interviewen wir uns gegenseitig?

BINOCHE: Ich weiß wirklich nicht, wer das lesen will.

STEWART: Wir tun einfach so, als wären wir wieder in Sils Maria.

BINOCHE: Auf grünen Wiesen, die Sonne scheint, die Wolken umschmeicheln die Gipfel, wir lesen Nietzsche …

STEWART:  … und verlaufen uns.

BINOCHE: Wir haben uns nicht verlaufen!

STEWART: Nein, und wir waren auch nie spazieren.

BINOCHE: Nein, wir haben nur so getan. Weil wir so unfassbar talentierte Schauspielerinnen sind (beide lachen).

Foto: DRIU CRILLY + TIAGO MARTEL, Styling: OMAIMA SALEM

STEWART: … und trotzdem haben wir uns verlaufen. Du bist vorneweg gehüpft wie eine Bergziege – und ich stapfte hinterher und quengelte missmutig. Aber ich muss zugeben, dass es mir Spaß gemacht hat. Zumindest rückblickend.

BINOCHE: Ich fand’s auch toll. Bis auf das ganze Trinken und Rauchen …

STEWART: Oh ja. Du hast wirklich die ganze Zeit geraucht und gesoffen!

BINOCHE: Jetzt sag bitte, dass das nicht meine Idee war. Der Regisseur war schuld daran. Er meinte, ich müsste mir ständig eine anstecken oder heimlich ein Glas kippen. Weil er eben dachte, so sind ältere Schauspielerinnen.

STEWART: Manche scheinen so zu sein.

BINOCHE: Aber ich doch nicht! Du weißt genau, dass dies kein akkurates Bild von mir abgibt.

STEWART: Und doch hast du es die ganze Zeit getan.

BINOCHE: Das ist gemein. Es war eben Teil der Rolle. Und der Rolle hat es auch gutgetan. Oh nein, was sage ich hier nur (lacht).

STEWART: Das frage ich mich auch!

BINOCHE: Nein, ich wunderte mich anfangs, da ich dachte, das ganze Rauchen und Trinken sei so ein altes Klischee, so Bogart, Künstler, die ihre Süchte brauchten und diese kultivierten …

STEWART: … ihre Laster (englisch: vice), die sie benötigen, um weiterzumachen.

BINOCHE: Vice sagtest du gerade? Ich kenne dieses Wort nicht einmal (lacht).

STEWART: Das kann man jetzt in zwei Richtungen deuten! Im Ernst: Ich finde gerade das spannend an unseren Rollen in Sils Maria. Beide lassen eine gewisse Kargheit in ihrem Leben zu, beide verzichten auf viel und finden gerade das faszinierend, obwohl sie wissen, dass sie dafür einen Preis zahlen werden. Deshalb auch das Trinken – das sicher nicht nur die Leere im Leben der von dir dargestellten Schau-spielerin füllt, sondern tatsächlich bei vielen realen Kollegen eine willkommene Ablenkung ist, die die Leere nach den Rollen füllt.

BINOCHE: Aha.

STEWART: Ich trinke nicht, versprochen.

BINOCHE: Ich wollte dich nur ärgern (lacht). Und natürlich hast du recht: Meine Figur geht durch die Hölle, ihr geht es sehr schlecht. Und der Alkohol hilft ihr …

STEWART:  … sich zu betäuben.

BINOCHE: Weil sie Dinge, die um sie herum und in ihrem Inneren passieren, nicht wahrhaben will.

STEWART: Es ist ja auch eine vertrackte Situation: Deine Figur, Maria, wurde durch die Rolle der Sigrid berühmt – und soll 20 Jahre später den Gegenpart übernehmen, die Rolle der alternden Schauspielerin.

BINOCHE: Da drängt sich die Frage auf: Würdest du, liebe Kristen, in 20 Jahren meine Rolle spielen?

STEWART: Oh, ich weiß nicht so genau.

Foto: DRIU CRILLY + TIAGO MARTEL, Styling: OMAIMA SALEM

BINOCHE: Wie bitte? Du würdest meine Rolle nicht wollen?

STEWART: Wenn du mich mit diesem Blick ansiehst, kann ich dir eh nichts abschlagen. Aber es würde sich sehr merkwürdig anfühlen. Vielleicht könnten wir auch einfach jetzt Körper tauschen und es gleich erledigen.

BINOCHE: Also, das wäre in der Tat nur noch merkwürdig.

STEWART: Habe ich wieder etwas total Bescheuertes gesagt? Ich wollte dir nicht zu nahe treten!

BINOCHE: Bist du nicht!

STEWART: Wie komme ich darauf, dass ich mir einbilde, jemand wie du, eine derart vollkommene Schauspielerin …

BINOCHE: Du bist mir nicht zu nahe getreten, alles ist gut!

STEWART: Der Film spielt ja genau damit: was man selbst für ein Bild von sich und seinen Rollen hat, und damit, was die anderen über einen denken und in einen reinprojizieren.

BINOCHE: Unser täglich Brot.

STEWART: Kannst du dich an unser erstes Treffen erinnern?

BINOCHE: Natürlich! Du warst mit dem Produzenten und ein paar Bekannten auf der Terrasse des Soho House in Berlin …

STEWART: … und plötzlich hieß es: „Juliette Binoche ist auf dem Weg hierher.“

BINOCHE: Ich war sehr gespannt darauf, dich kennenzulernen.

STEWART: Ich war vor allem nervös. In dem Moment, als du die Terrasse betreten hast, sprangen alle auf, und ich saß alleine da. Deshalb fühlte sich das erste Treffen fast ein wenig formell an. Ich glaube, wir haben sogar sofort angefangen, über unsere Rollen zu sprechen.

BINOCHE: Ich kann mich vor allem daran erinnern, dass du ein wenig drüber warst, du hast die ganze Zeit über mit deinem Bein gewackelt – genau wie jetzt auch!

STEWART: Das ist ein Tick von mir (lacht). Außerdem war ich gerade erst in Berlin gelandet.

BINOCHE: Stimmt, ich hatte bereits ein paar Tage Zeit, mich zu akklimatisieren und mich in den Film reinzudenken.

STEWART: Und ich wäre beinahe gestorben vor Aufregung. Hast du mich eigentlich vorher gegoogelt?

BINOCHE: Ja, habe ich.

STEWART: Wirklich? Oh nein!

BINOCHE: Doch, ich muss doch wissen, auf wen ich mich einlasse.

STEWART: Und?

BINOCHE: Ich habe mir ein paar deiner Interviews angeschaut – und sofort entschieden, dass ich dich mag. Zudem schaute ich mir On The Road an, Twilight habe ich mir erspart.

STEWART: Pfff.

JULIETTE BINOCHE: “ICH MUSSTE MIR STÄNDIG EINE ANSTECKEN ODER EIN GLAS KIPPEN. DER REGISSEUR DACHTE, SO SIND ÄLTERE SCHAUSPIELERINNEN”
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BINOCHE: Da fällt mir gerade ein, dass ich gerade totalen Quatsch erzählt habe!

STEWART: Du hast Twilight doch gesehen, alle Teile, und fandest es toll?

BINOCHE: Nein, aber ich habe dich tatsächlich dank –Twilight zum ersten Mal gesehen. Und zwar an der Wand des Kinderzimmers meiner Tochter. Ich muss zugeben, dass ich ein wenig entsetzt war und fragte: Was soll das denn -bitte sein?

STEWART: (lacht)

BINOCHE: Ich erinnere mich auch noch daran, dass du dich bei einem unserer frühen Treffen hinter einer Tür versteckt und mich zu Tode erschreckt hast. Danach war das Eis gebrochen.

STEWART: Wir haben ziemlich viel geredet. Nach dem Treffen ging ich auf mein Zimmer und dachte: Krass, was habe ich dieser Frau gerade alles erzählt?

BINOCHE: Wir haben beide viel erzählt.

STEWART: Irgendwas an dir fordert dein Gegenüber geradezu heraus, Dinge zu verraten. Man möchte sich dir einfach anvertrauen. Und später, wenn du nicht mehr da bist, wundert man sich: Wie macht sie das? Wo dockt sie an? Du hast wirklich eine sehr spezielle Gabe. Normalerweise öffne ich mich nämlich nicht so einfach. Wenn wir nicht beide so beschäftigt wären, würde ich dich wahrscheinlich des Nachts aus dem Bett klingeln, wenn ich mal wieder einen Rat bräuchte – vielleicht bin ich deshalb so aufgeregt, dass wir bald wieder an einem gemeinsamen Projekt arbeiten werden.

BINOCHE: Darauf freue ich mich auch sehr! Auf uns, den Film – und auf Südafrika!

STEWART: Ist dir eigentlich mal aufgefallen, wie unterschiedlich unsere Biografien sind?

BINOCHE: Natürlich! Du, ein Kinderstar, wurdest zu Hause unterrichtet, das erste Filmprojekt mit neun, Hollywood-Eltern, Blockbuster …

STEWART: … und du die Französin, katholische Internatsschülerin, die mit 15 beschließt, die Schule des Theaters wegen nach Paris zu verlegen, um kurze Zeit später in einem Godard-Film mitzuspielen.

BINOCHE: Am Ende teilen wir vor allem eins: diese ganz besondere Leidenschaft. Für Rollen, für Menschen, für Filme, aber vor allem für das Spiel an sich. Dieses Feuer war es, das mich von dir überzeugt hat. Wir sind alle auf der Suche nach uns selbst und die Leidenschaft ist es, die uns alles überwinden lässt, die uns immer und immer wieder antreibt. Das gilt für dich wie für mich. Ich säße heute nicht hier, wenn ich nicht heute, nach mehr als 30 Jahren, noch immer diese Leidenschaft in mir spürte. Und sie zieht sich durch unser ganzes Leben: Sie motiviert all unser Tun, sie zwingt uns, uns für Rollen zu öffnen, andere Charaktere anzunehmen, uns von dem ganzen Bullshit frei zu machen, der mit unserem Beruf einhergeht. Deshalb war unser erstes Treffen so wichtig: weil ich spüren durfte, dass du ebenfalls eine Seele hast, die auf der Suche ist.

STEWART: Zwei Flammen, die vereint größer werden. Hilfe, klingt das kitschig!

BINOCHE: Ist es aber nicht. Es ist schließlich nicht einfach, sich jedes Mal darauf einzulassen.

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STEWART: Das stimmt. Und letztendlich sind wir tatsächlich Getriebene dieser Leidenschaft, die einen nie in Ruhe lässt, weil sie lebensnotwendig ist.

BINOCHE: Ich finde es immer amüsant, wenn Leute -denken, man könne das nur in Arthouse-Filmen ausleben. Das werde ich nämlich oft gefragt. Ich kann von Arthouse-Filmen sehr gut leben, und wenn sie dann auch noch erfolgreich waren, geschah dies als eine Art unvorhersehbarer Zufall. Aber in der Welt, in der du aufgewachsen bist, wäre das so gar nicht möglich. Du musstest lernen zu jonglieren.

STEWART: Es mag für Außenstehende so wirken, als würde ich alles orchestrieren, aber das ist nicht der Fall. Ebenso wenig stimmt der Satz: ein Film für dich, einer für die Zuschauer. Das ist Bullshit.

BINOCHE: Absolut!

STEWART: Weil nämlich beide für mich sind! Blockbuster, Arthouse, total egal: Alles, was ich mache, tue ich genau für eine Person – und zwar für mich! Mir gehören beide Filme.

BINOCHE: (lacht)

STEWART: Auch wenn ich zugeben muss, dass von außen betrachtet der Eindruck entstehen könnte, ich könnte mir jetzt, nachdem ich mit dieser unfassbar erfolgreichen Blockbuster-Reihe in so viel Glück hineingestolpert bin, tatsächlich alles erlauben. Und weißt du was? Genau so ist es! Das ist ja das Tolle: I can do whatever the fuck I want! Deshalb bin ich ja in dieser unverschämt privilegierten Position.

BINOCHE: Oh ja, das bist du.

STEWART: Ich bettle nie um eine Rolle, kann jedes Projekt mit einem Schnipsen realisieren und muss mich nicht durchkämpfen, was für Schauspieler eigentlich üblich ist. Vor meinem inneren Auge sehe ich diese riesige Karte voller Straßen und Wege ausgebreitet daliegen, und ich muss nur entscheiden, wo ich langmöchte. Für mich steht gerade wirklich jede Tür offen. Aber wenigstens weiß ich, wie unverschämt viel Glück ich hatte. Und, nur um das abzuschließen: Ich spiele gerne in Blockbustern. Ich stehe darauf, wenn alle sehen, was ich mache, wenn es Leute berührt, sich einfach konsumieren lässt und vor allem großen Spaß macht. Dein Sohn fand es sicher auch super, dass du in Godzilla mitgespielt hast.

BINOCHE: Auf jeden Fall! Und ich auch. Obwohl ich mir nie erklären konnte, was all die Leute auf dem Set machen. Ich verspüre angesichts solcher Riesenproduktionen oftmals sogar mehr Druck, einfach weil die Budgets so immens sind. Dabei geht es am Ende immer nur um das Gleiche: die Kamera, den Regisseur, ein paar Worte oder Sätze, die man sagt, und die Situation, in der man sie sagt. Aber du hast recht: Ich genieße genau wie du diese freudige Aufregung, die nur ein Blockbuster erzeugen kann. Sowohl bei den Schauspielern als auch beim Publikum. Die Erwartungen sind ganz andere.

STEWART: Erwartungen sind eh ein Thema für sich. Die Leute erwarten sicher auch, dass du mir Ratschläge gibst.

BINOCHE: Was sollen das denn für Ratschläge sein?

STEWART: So lebenskluges Zeugs. Hast du nicht irgendwas parat? Möglichst absurd!

BINOCHE: Lass deine Kinder nie mit dem Oscar spielen, das Gold geht ab.

STEWART: (kreischt)

BINOCHE: Sonst kann ich dir leider nicht weiterhelfen. Du brauchst aber auch keine Ratschläge.

STEWART: Zumal du nonverbal die besten Ratschläge gibst. Ich merke ständig, wie ich mir Dinge bei dir abschaue. Und das sage ich jetzt nicht, um dir zu schmeicheln.

BINOCHE: Bei Kindern macht es auch keinen Sinn, Ratschläge zu erteilen. Man lebt etwas vor – und sie nehmen das mit, von dem sie denken, dass es für sie Sinn macht.

KRISTEN STEWART: “ICH SPIELE GERNE IN BLOCKBUSTERN. ICH STEHE DARAUF, WENN ALLE SEHEN, WAS ICH MACHE”
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STEWART: Beim Spielen habe ich das oft bemerkt.

BINOCHE: Was?

STEWART: Dass du mich antreibst, mehr zu geben, besser zu sein. An manchen Tagen habe ich es nicht gespürt. Aber ganz oft stand ich da und dachte: Wow, ich will ihretwegen besser sein. Du hast mich zur Hochleistung manipuliert.

BINOCHE: (lacht)

STEWART: Und ich fand das großartig. Dafür liebe ich dich!

BINOCHE: Zusammen spielen ist eben wie zusammen ein Bild malen.

STEWART: Das hast du aber schön gesagt.

BINOCHE: Ich wollte mal in Bildern sprechen (lacht).

STEWART: Man achte auf den Symbolismus.

BINOCHE: Das Metaphorische.

STEWART: Kurz zusammengefasst …

BINOCHE: … man spielt jede Szene zusammen. Es ist wie in einer Achterbahn. Man weiß, bevor man zusammen in der Szene steht, nie, wie es sein wird. Mal verliert man den Halt, mal muss man springen, mal hält der eine, mal fängt der andere auf. Daran erkennt man einen guten Regisseur: Er lässt seine Schauspieler spielen, er lässt sie sich finden. Deswegen reizte mich die Rolle der Maria: Sie ist ein alternder Star, der fällt. Die Dynamik, die sich daraus ergibt, war das, was mich an der Rolle angesprochen hat. Du bist der Star – und ich verglühe.

STEWART: Juliette!

BINOCHE: Ich mach doch nur Witze. Ich darf das (lacht)!

STEWART: Ich bin so froh, dass wir uns gefunden haben. Und uns mögen. Ansonsten wäre es grauenhaft geworden.

BINOCHE: Ich habe auch schon mit Menschen gespielt, die ich nicht mochte.

STEWART: Und?

BINOCHE: Das geht auch. Man baut sich seine Schutzschilde auf. Am schlimmsten ist es eigentlich, wenn dich Leute enttäuschen. Oder dich so wahnsinnig machen, dass du in der Garderobe nur noch losheulen kannst. Danach wird es besonders grauenhaft, sich vor den Zuschauern, vor der Kamera richtig zu öffnen und alles loszulassen. Aber auch das geht.

STEWART: Es gibt Kollegen, die einem in jeder Rolle das Gefühl vermitteln wollen, sie hätten etwas vollkommen Eigenständiges außerhalb ihrer selbst konstruiert. Daran glaube ich nicht. Wenn wir beide uns nicht gemocht hätten, wäre dies ein anderer Film. Es fällt mir schwer zu behaupten, dass man in jeder Rolle nur eine andere Version seiner selbst spielt, aber auf eine Art glaube ich daran. Man mag eine wilde Fantasie haben, sämtliche Umstände variieren, in Extreme gehen – und doch ist ein Teil dessen, was man spielt, immer man selbst. Alles andere wäre auch Bullshit.

BINOCHE: Das stimmt.

STEWART: Man würde einfach nur das Publikum belügen. Wenn zwei Menschen vor der Kamera etwas verbindet, sie eine Emotion spüren, dann spielen sie das Gefühl nicht, sondern es ist real. Darauf reagieren die Zuschauer selbstverständlich anders, als auf zwei Schauspieler, die nur ihren Text runtersprechen. Und das sieht man unserer Darbietung in Sils Maria an. Findest du es auch merkwürdig, den Film jetzt zu sehen? Es gibt Stellen, an denen ist das Dargestellte auf der Leinwand 100 Prozent deckungsgleich mit meiner tatsächlichen Erinnerung an die Zeit. Bei Kinderbildern von einem selbst überlagern ja oft die Bilder die eigentliche Erinnerung – aber nicht in diesem Fall. Hier sind sie identisch. Das könnte später mal sehr praktisch werden (lacht). Deswegen fällt es mir nicht schwer, den Film selbst zu sehen.

BINOCHE: Weil die Figuren ein Teil von uns sind.

STEWART: Mir ist nach all den Artikeln, all den Meinungen zu mir und über mich irgendwann aufgefallen, dass auf eine Art alle Fremdmeinungen darüber, wie ich sei, zumindest
irgendwo im Kern stimmen. Natürlich verletzt vieles und trifft überhaupt nicht zu – und doch besitzt jedes Bildnis, das von außen über einen gestülpt wird, irgendeine Schattierung, die stimmt. Man weiß ja in seiner Totalität selbst nie, wer
man ist. Wie sollten es also andere von einem wissen? Ich werde oft gefragt, was ich von der öffentlichen Meinung, die über mich vorherrscht, halte …

BINOCHE: … und was antwortest du?

STEWART: Ich frage: Welche Meinung, welche der tausend Meinungen, die es über mich gibt? Aber zurück zu unserem Film: Fällt es dir leicht oder schwer, uns auf der Leinwand zu sehen?

Foto: DRIU CRILLY + TIAGO MARTEL, Styling: OMAIMA SALEM

BINOCHE: Leicht. Obwohl es mir fast so schwerfällt, wie morgens in den Spiegel zu schauen (lacht). Nein, wir haben einen schönen Film gedreht! Schön und stark!

STEWART: Glaubst du, es ist ein Frauenfilm?

BINOCHE: Zumindest spielen Frauen die Hauptrollen.

STEWART: Ich mag das Prädikat „Frauenfilm“ nicht, es schwächt den Film ab. Und „Starke-Frauen-Film“ ist noch schlimmer!

BINOCHE: Dann einigen wir uns darauf, dass es ein besonderer Film ist. Für mich ist er das.

STEWART: Das finde ich gut.

Es ist 11.45 Uhr, die Pressefrau mahnt zum Aufbruch. Stewarts Flug geht um 13.15 Uhr. 

STEWART: Oh, ich muss packen.

BINOCHE: Wenn du den Flug verpasst, sehen wir uns heute- Abend (lacht).

STEWART: Das wäre wirklich schön. Allerdings fände ich es auch ganz angenehm, mal einen Flieger nicht zu verpassen (beide lachen). Ich fürchte, ich muss wirklich los! Aber wir sehen uns ja bald in Südafrika …



Haare für Kristen Stewart: KEN O’ROURKE
Make-up für Kristen Stewart: EMMA KOTCH MIT PRODUKTEN VON CHANEL
Haare für Juliette Binoche: ALEXANDRY COSTA
Make-up für Juliette Binoche: CÉLINE PLANCHENAULT MIT PRODUKTEN VON GIORGIO ARMANI BEAUTY
Maniküre: MARCEA GOMES
Produktion: H&K PARIS
Digital Operator: EMMANUEL LAFAY
Fotoassistenz: SANDRO VOLPE, ALEX SALLÉ DE CHOU, NICOLAS RIVALS
VIelen dank an STUDIO LE PETIT OISEAU VA SORTIR, PARIS