Très Cher

Sie hat die Schwerkraft bessiegt, die Hippies erfunden, die Drag Queens befreit und sogar mit Tom Cruise geschlafen: Cher ist mehr ist Cher. Und dass im Wohnzimmer der Mutter aller Diven selbst ein Oscar steht, bereitet Madonna noch immer schlaflose Nächte.

If we could turn back time: Cher, Dezember 1974, in ihrem Haus in Beverly Hills/Los Angeles / FOTO: Douglas Kirkland/Corbis Image

CHER: Entschuldigen Sie bitte die Verspätung, ich war bis halb vier heute Morgen im Studio. Und dann ist auch noch mein Reißverschluss kaputtgegangen. Bitte sagen Sie sofort Bescheid, wenn sich da unten was tut.

INTERVIEW: Ich werde darauf achten.

CHER: Sehr gut. Danke! Wo kommen Sie eigentlich her?

INTERVIEW: Aus Berlin.

CHER: Na gut. Zurück zum Album.

INTERVIEW: Sie haben sich zwölf Jahre für das neue Album Zeit gelassen und sitzen jetzt nachts im Studio?

CHER: Es waren elf Jahre, junger Mann. Es gab da diese zwei Songs, die einfach noch nicht perfekt waren.
Ich wusste, dass da mehr drinsteckt. Deshalb musste ich zurück ins Studio. Aber ich glaube, jetzt ist es gut. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bin wirklich kein Cher-Fan und höre wirklich nie meine eigene Musik, aber ich glaube, dies könnte mein bestes Album sein. Dabei hatte ich erst einmal gar nicht geplant, überhaupt noch ein Album aufzunehmen. Nach der Farewell-Tour ließ ich die Musik Musik sein. Doch irgendwann fing mein Manager an zu nerven. Er rief an und meinte: „Cher, bist du verrückt! Geh gefälligst ins Studio!“ Ursprünglich sollten es ein paar Songs werden, jetzt ist es ein Album. Ich wusste, dass meine Stimme gerade gut klingt.

INTERVIEW: … weil Sie unter der Dusche singen?

CHER: Niemals, das würde mich erschrecken. Aber es stimmt wirklich: Ich habe noch nie so gut gesungen wie auf diesem Album. Und das sage ich nicht, weil ich hier sitze und dafür Werbung machen muss. Der Auslöser war You Haven’t Seen The Last Of Me.

INTERVIEW: Was man programmatisch verstehen kann.

CHER: Durchaus, ja.

INTERVIEW: Spüren Sie eigentlich angesichts der Veröffentlichung noch viel Druck? Oder spielt das gar keine so große Rolle mehr, wenn man in sechs Jahrzehnten Nummer-eins-Hits hatte und mehr als 250 Millionen Alben verkauft und über 25 Alben aufgenommen hat?

CHER: Den meisten Druck bereite ich mir selbst. Ob ein Hit darauf ist, entscheiden andere. Ich habe schon so oft gedacht: „Dieser Song wird mein größter Hit“ – und dann hat sich niemand dafür interessiert.

INTERVIEW: Wie bei Ringo, I Love You, Ihrer ersten Single?

CHER: Das ist sehr, sehr lange her (lacht). Man erkennt nicht einmal meine Stimme darauf. Aber hey: Die Beatles verstauben im Mausoleum – und ich bin immer noch da. Wer hätte das für möglich gehalten?

INTERVIEW: Das Album heißt Closer To The Truth – steckt darin auch ein programmatischer Hinweis? Welche Wahrheit der Cherilyn Sarkisian wollen Sie uns mitteilen?

CHER: Da muss ich Sie enttäuschen. Die Plattenfirma verlangte nach einem Arbeitstitel, und das ist eine Zeile aus dem Lied Walk Alone, das übrigens Pink für mich geschrieben hat.

INTERVIEW: Eine andere Formulierung, die Sie während Ihrer Auftritte gerne in Anbetracht der jüngeren Konkurrenz angebracht haben, wäre auch kein schlechter Titel: „Top that, you bitches.“

CHER: Das wäre in der Tat sehr lustig, aber selbst für mich ein wenig extrem. Und es reicht, wenn ich die jungen Dinger mit meiner Liveshow auf ihre Plätze verweise.

INTERVIEW: Führen Sie heimlich Buch?

CHER: Worüber?

INTERVIEW: Über all die hoffnungsvollen Talente des Showgeschäfts, die Sie überdauert und überlebt haben: All die Britneys und Christinas, Whitneys und Kylies?

CHER: Selbst wenn ich das tun würde, würde ich es Ihnen nie verraten.

INTERVIEW: Die neue Single heißt It’s A Woma’s World. Ist es so weit?

CHER: Ich hoffe doch! Zumindest hat sich für uns Frauen eine Menge getan. Wir dürfen heute stark sein – und sind es. Und das gilt auch für die Popwelt: Seit meinen Anfangstagen – und die liegen ja bekanntlich schon ein paar Jahre zurück – hat sich so ziemlich alles für eine singende Frau verbessert. Frauen müssen sich heute nicht mehr von den Männern bevormunden lassen. Ein gewaltiger Fortschritt.

INTERVIEW: Es stimmt also, dass Phil Spector Ihnen nur 25 Dollar bezahlt hat?

CHER: Für ein ganzes Jahr! Damals machten die Männer wirklich mit den Frauen, was sie wollten.

INTERVIEW: Eigentlich haben wir seit eineinhalb Jahren darum gebeten, Sie für Interview fotografieren zu dürfen. Das lehnten Sie ab. Warum eigentlich? You look amazing!

CHER: Your amazing is not my amazing (lacht).

Familie Sarkisian, 1955 I FOTO: PLANET SYNDICATION LTD

CHER: Was für ein schönes Bild unserer kleinen Familie! Sie müssen wissen: Damals waren wir sehr arm. Wir wohnten in einer unfassbar schäbigen Wohnung im Valley, aber ein Freund meiner Mutter, Nudie Cohen, hatte uns die Cowboyjacken und Cowboystiefel geschenkt. Nudie war der Kostümdesigner von Elvis Presley, er hat den berühmten goldenen Anzug für Elvis geschneidert.

INTERVIEW: Trug Elvis den Anzug, als er Sie bat, ihn auf sein Hotelzimmer zu begleiten?

CHER: Nein! Und mitgegangen bin ich auch nicht. Er bat mich jedoch nicht in sein Hotelzimmer, sondern lud mich ein, ihn in Vegas zu besuchen. Dort wäre es dann jedoch ziemlich wahrscheinlich ins Hotelzimmer gegangen.

INTERVIEW: Warren Beatty hat sich wohl geschickter angestellt?

CHER: Hören Sie mal! Da war ich 16. Und er der erste Hollywoodstar, den ich leibhaftig treffen durfte.

INTERVIEW: Das wäre in El Centro schwierig geworden, nehme ich an.

CHER: Ein furchtbares Kaff. Gott sei Dank kam ich dort nur zur Welt. Ich kam früher als angekündigt – meine Mutter war gerade auf der Durchreise.

INTERVIEW: Wie muss man sich die Kindheit von Cher vorstellen?

CHER: Vor allem arm (lacht). Manchmal war aber auch für eineinhalb Minuten Geld im Überfluss da, je nachdem, wer gerade der Freund meiner Mutter war. Erst als ich ein Teenager war, fand meine Mutter den Richtigen: Sie heiratete den Vizepräsidenten einer Bank, von da an war Geld kein Problem mehr. Zumindest bis ich auszog, um nach L. A. zu gehen.

INTERVIEW: In Ihrer Biografie steht, die Familie sei zeitweise so arm gewesen, dass Ihre Mutter Georgia Sie in ein Kinderheim geben musste.

CHER: In ein katholisches Kinderheim, ja. Und die Nonnen wollten mich nicht mehr rausrücken, als meine Mum ein paar Monate später genug Geld zusammenhatte, um für mich sorgen zu können. Sie war gerade mal 20 und völlig allein. Also arbeitete sie die Nächte durch in irgendeinem schrecklichen Diner – und musste trotzdem danach um die eigene Tochter kämpfen. Eine furchtbare Situation! Mein Glück war, dass ich damals so klein war. Ich war ein Baby und kann mich daran nicht mehr erinnern.

Cherilyn, 1966 I Foto: Bayerisches Pressebild/KEYSTONE

CHER: Ich schätze, ich war 14 oder 15, als dieses Bild entstand. Wir waren gerade aus New York zurückgekommen, weil meine Mum New York furchtbar fand. Ich wäre am liebsten geblieben, aber das ging nicht. Schon damals hatte ich das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Deshalb übte ich schon mit elf wie verrückt meine Unterschrift: Cher! Cher! Cher! Ich wollte bereit sein, falls jemand nach meinem Autogramm fragt. So gesehen war ich schon Cher, bevor ich überhaupt Cher wurde.

INTERVIEW: Was sicher nicht immer einfach ist.

CHER: Eine muss den Job ja machen (lacht).

INTERVIEW: Wofür wollten Sie als Kind berühmt werden?

CHER: Das war mir egal, Hauptsache berühmt.

INTERVIEW: Was für eine Schülerin waren Sie?

CHER: Eine schlechte, entsetzlich schlecht. Ich bin Legasthenikerin. Und interessiert hat es mich auch nie.

INTERVIEW: Ihre Mutter heiratete achtmal, dreimal Ihren Vater. Anscheinend wusste Ihre Mutter bereits, dass es love after love gibt.

CHER: Sie heiratete sechsmal! Aber ich mag Ihre Frage trotzdem (lacht). Komischerweise kann ich mich an keinen Mann bei uns zu Hause erinnern. Vor allem nicht an meinen Vater. Man darf nicht vergessen, dass man damals immer gleich heiraten musste. Paare konnten nicht einfach so zusammenleben. Das wäre gesellschaftlicher Selbstmord gewesen.

INTERVIEW: Was würde die 14-jährige Cher über die Frau sagen, die heute hier sitzt?

CHER: Wie konntest du nur so alt werden?

INTERVIEW: Es gibt diesen Witz über Sie …

CHER: … dass nur ich und die Kakerlaken einen Atomkrieg überleben? Den mag ich ganz gerne (lacht).

INTERVIEW: Als ich vor Jahren Keith Richards interviewte, reklamierte er den Witz für sich.

CHER: Bei allem Respekt …

INTERVIEW: … würden Sie lieber mit den Schaben als mit Keith über die verstrahlte Erde spazieren?

CHER: Keith wäre sicher amüsanter.

INTERVIEW: Wieso haben Sie sich eigentlich einen Platz auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise reservieren lassen, wenn Sie einen Atomkrieg überleben können?

CHER: Ich fand die Idee gut. Aber eigentlich kann mir das ja egal sein, da ich dann ohnehin schon tot bin.

INTERVIEW: Welches Stück soll bei der Beerdigung laufen: If I Could Turn Back Time oder doch Take Me Home?

CHER: Sind Sie verrückt? Auf gar keinen Fall etwas von Cher (lacht).

Sonny & Cher, 1968 I Foto: interTOPICS – Hollywood Feat.

CHER: Das sind Sonny und ich in unserem ersten Haus, also ziemlich zu Anfang unserer Karriere. Die Outfits waren aus Rotfuchsleder, es waren unsere ersten teuren Bühnenklamotten. Alles davor hatten meine Freundinnen und ich selbst genäht oder zumindest umgenäht, all die Schlaghosen, Westen, Blumenkleider, all das Zeugs.

INTERVIEW: Und die Pistolen?

CHER: Die hatte ich Sonny zum Geburtstag geschenkt. Er mochte Pistolen – und diese Duellierpistolen haben schon damals ein Vermögen gekostet.

INTERVIEW: Sie waren 16, als Sie Ihrer Mutter verkündeten, ihr Glück in L. A. suchen zu wollen. Hat
sie nicht versucht, Ihnen das auszureden?

CHER: Nein, ich bin einfach gegangen. Meine Mutter sagte immer: „Cher, du bist nicht die Hübscheste, nicht die Talentierteste, und du wirst nicht immer die Jüngste sein. Aber du bist etwas Besonderes. Mach dir das zunutze.“

INTERVIEW: Hatten Sie keine Angst allein in L. A.?

CHER: Wieso? Ich besorgte mir eine Wohnung – die erste teilte ich mir übrigens mit einem deutschen Mädchen, das Roswitha hieß – und fragte rum, ob irgendwer einen Job für mich habe. Dann traf ich Sonny.

INTERVIEW: Später sagten Sie, die Ehe mit Sonny sei die einsamste Zeit Ihres Leben gewesen.

CHER: Es war die beste und die schlimmste Zeit meines Lebens. Sonny hat mich eher wie die goldene Gans als wie seine geliebte Ehefrau behandelt. Er war ein furchtbarer Ehemann. Aber ich habe ihm verziehen, schon vor seinem Tod. Er war ein großartiger Mentor. Dabei müssen Sie wissen: Als ich ihn verlassen habe, war ich die unselbstständigste Person der Welt. Ich hatte zwar über 20 Alben aufgenommen, aber noch nie allein Geld bei einer Bank abgehoben oder allein ein Flugzeug bestiegen.

INTERVIEW: Sonny soll gesagt haben: „Cher ist so dämlich, sie denkt, der Mond sei die Rückseite der Sonne.“

CHER: Nun ja, ich war auch gemein zu ihm. Und ich war nicht immer so schlau wie heute …

INTERVIEW: Es stimmt also, dass Sie das Präsidentendenkmal Mount Rushmore …

CHER: …für von der Natur geschaffen hielten? Ja, dämlich, ich weiß. Meine Schwester meinte schon vor sehr langer Zeit, ich solle dies in Interviews abstreiten.

INTERVIEW: Hat Sonny tatsächlich behauptet, er sei ein Nachfahre Napoleons, Bono sei eine Kurzform von Bonaparte?

CHER: Klar. Und ich fand ihn deswegen umso toller (lacht). Er hatte wirklich einen fantastischen Sinn für Humor.

„Interview“, 1985 I Peter Strongwater für INTERVIEW Magazine, Mai 1982, Covergestaltung Richard Bernstein

CHER: Eines meiner absoluten Lieblingscover. Und wie Sie wissen, hatte ich eine Menge Titelbilder in meinem Leben. Sehen Sie die Kette, die ich trage? Ich nannte sie die Kartoffelchips-Kette – ich habe sie geliebt! Leider wurde sie gestohlen.

INTERVIEW: Im Interview erzählen Sie Andy Warhol, wie sehr Sie L. A. hassen (Cher sagt, L. A. sei wie Heroin!), wie toll die Partys in New York sind, dass Sie nie wieder zurück nach Los Angeles gehen. Und doch sitzen wir heute in diesem schönen Haus in Malibu.

CHER: Na ja, ich war eben jung und wild damals. New York ist ein magischer Ort, ein Ort, an dem jeder das sein kann, was er will. Das ist Los Angeles nicht. L. A. sediert die Menschen. Dennoch führt kein Weg für mich dran vorbei: Meine Mutter lebt hier, meine Schwester ebenfalls, ich muss hier sein.

INTERVIEW: Ich habe gelesen, dass Sie Ihr Loft in New York sehr gewinnbringend an den HipHop-Manager Russell Simmons verkauft haben – während Sie Ihr Haus in L. A. für ziemlich viel Geld …

CHER: … an Eddie Murphy verkaufen konnten. Das stimmt. Ich habe ein glückliches Händchen, was Immobilien angeht.

INTERVIEW: Dabei behaupteten Sie, dieses ägyptisch anmutende Haus sei der Mühlstein um Ihren Hals.

CHER: Richtig schön war das Haus nicht, nein. Aber Eddie wollte es eben unbedingt haben. Egal was man in Interviews erzählt: Irgendein Journalist kommt immer zurück, um einen in den Hintern zu beißen.

INTERVIEW: Der in Ihrem Fall mit einem Schmetterlingstattoo verziert ist.

CHER: Oh, ich wünschte, das wäre nicht so.

„The Sonny and Cher Show“, 1972 I Foto: mauritius images/Alamy; ©1972 CBS Broadcasting Inc. All Rights Reserved

CHER: Die Leute lieben dieses Foto. Ich finde es okay. Aber ich weiß noch genau, was Bob Mackie zu mir sagte: „Wenn du noch dünner wirst, höre ich sofort auf, Kleider für dich zu entwerfen.“

INTERVIEW: Sie müssen Lagerhallen voller Kostüme
und Klamotten haben!

CHER: Ein normaler Kleiderschrank reicht bei mir nicht mehr aus, das stimmt. Aber ich habe bei Weitem nicht so viel, wie es sein könnte. Bob Mackie bewahrt seine Ent- würfe für mich in einem gekühlten Lager auf. Aber ich glaube, da hängen auch noch ein paar andere Kleider.

Sonny & Cher, Ende der Sechziger I Foto: CBS Photo Archive/Getty Images

CHER: Dieses Bild ist hysterisch. Wow, schauen Sie mal, wie wir aussahen. Ich bin froh, dass ich heute nicht mehr so rumlaufen muss.

INTERVIEW: Sie haben mit Ihren Schlaghosen, Haarbändern und Blümchenkleidern ganze Generationen geprägt.

CHER: Ich weiß.

INTERVIEW: Dabei waren Sie beide streng genommen keine Hippies: Sie waren verheiratet, monogam und gegen Marihuana.

CHER: Wir waren so spießig, dass es einen krank macht … Dennoch liefen wir schon rum wie Hippies, als die Beatles noch Rollkragenpullis trugen. Ich muss das jetzt wirklich klarstellen: Wir haben das Hippie-Ding erfunden. Es gab keine Hippies vor Sonny und Cher.

INTERVIEW: Immerhin ließ man Sie damals aus einem Hotel in London werfen. Wissen Sie noch, warum?

CHER: Weil wir aussahen, wie wir aussahen. Und weil es ein Hilton war, also ein amerikanisches Hotel. Dafür liebte uns die Londoner Jugend – und die Presse: Auf einmal waren wir das groovyste Paar der Welt, eine Sensation über Nacht.

INTERVIEW: Irgendwann fiel jedoch den echten Hippies auf, dass das Pärchen, das I Got You Babe singt, gar nicht so groovy ist. Beispielsweise nahmen Sonny und Sie einen Kurzfilm gegen Drogen auf, der bei den Kids in San Francisco nicht wirklich gut ankam.

CHER: Das war Sonnys Idee, er war viel spießiger als ich. Ich wollte niemandem vorschreiben, was er machen oder nicht machen darf. Auch wenn ich nach wie vor finde, junge Menschen sollten die Finger von Marihuana, von Drogen insgesamt lassen.

INTERVIEW: Haben Sie nicht mit 14 schon Benzedrine genommen?

CHER: Das stimmt. Und es war schrecklich, die schlimmste Erfahrung meines Lebens. Ich kaute das ganze Wochenende auf ein und demselbem Kaugummi rum, und als ich runterkam, fühlte es sich an, als hätte ich meinen Kiefer gebrochen. Ich fühlte mich hundeelend. Nach zwei Tagen, also Sonntagabend, traute ich mich schließlich, zu meiner Mutter zu gehen und zu beichten. Ich war mir sicher, sie würde mir den Kopf abreißen. Aber Mum meinte nur: „Ich hoffe, du hast etwas dabei gelernt.“ Danach habe ich nie wieder Drogen genommen.

INTERVIEW: Was man kaum glauben mag.

CHER: Es war einfach nie mein Ding. Mein Vater hatte ein Heroinproblem, der Vater meiner Schwester war Alkoholiker – dennoch konnten wir beide das über- springen. Drogen liegen einfach nicht in unserer Natur, Benzedrine hin oder her: Ich habe später noch einmal eine Quaalude probiert, und es hat mir nicht gefallen – und auf die zehn Mal, die ich versucht habe zu kiffen, hätte ich auch verzichten können. Wenn Drogen mir Spaß machen würden, hätte ich welche genommen. Mit Moral hat das nichts zu tun.

Cher & Chastity, 1981 I Foto: Barry King/Getty Images

CHER: Schauen Sie nur, wie süß Chas damals war! Wir waren
in Vegas bei einem Baseballspiel, es hatte irgendwas mit Wohltätigkeit zu tun. Ich war sehr glücklich, das sieht man auf diesem Bild.

INTERVIEW: Wie geht es Ihnen heute damit, dass Chastity glücklich als Mann lebt, der auf den Namen Chaz hört?

CHER: Ich bin so stolz auf ihn. Ich war die Erste, der Chaz sich offenbarte, und anfangs hatte ich damit kein Problem. Doch dann wurde alles ziemlich kompliziert, und als es wirklich so weit war, brauchte ich meine Zeit, mich daran zu gewöhnen. Es ist für eine Mutter nicht gerade einfach, damit klarzukommen, dass aus dem Kind, das eine Tochter war, ein Sohn wird. Mein Herz wollte, aber der Kopf tat sich schwer. Ich kam ständig mit den Pronomen durcheinander: „er“, „sie“, „sein“, „ihr“, es war kein leichter Weg. Aber heute sind wir uns näher als jemals zuvor. Und Chaz ist so glücklich – und das macht mich glücklich.

INTERVIEW: Könnten Sie sich vorstellen, im Körper eines Mannes aufzuwachen?

CHER: Nein!

INTERVIEW: Wie haben Sie das alles eigentlich geschafft? Erst erfinden Sie die Hippies, dann mit der Sonny and Cher Show eine der erfolgreichsten Fernsehsendungen Amerikas, um nach einem Gastspiel am Broadway einen Oscar abzuholen, den Sie wiederum in den Schrank stellen, weil Sie doch mit Welthits wie Take Me HomeIf I Could Turn Back Time und Believe zurück in die Stadien wollen.

CHER: Ich gebe eben nie auf. Das ist die eine große Konstante in meinem Leben. Ich bin ein menschgewordenes Box-Auto: Wann immer ich gegen eine Wand knalle, drehe ich um und fahre weiter. Aber wenigstens bin ich der Bentley unter den Box-Autos.

INTERVIEW: Den Sie auch im echten Leben fahren, nehme ich an.

CHER: So ist es.

„If I Could Turn Back Time“, 1989

CHER: Superkostüm! Eigentlich trug ich es zur Party des Bürgermeisters, doch dann kam dieser Videodreh,
und ich wusste einfach nicht, was ich anziehen soll. Also holte ich das Kostüm aus dem Schrank. Die Matrosen fanden mich klasse. Bob hat immer gefleht: „Erzähl bloß niemandem, dass ich diesen Fummel geschneidert habe!“

INTERVIEW: Haben Sie sich jemals geweigert, eine seiner Kreationen zu tragen?

CHER: Nein.

„Silkwood“, 1983 I Foto: Cinetext Bildarchiv

CHER: Ich war so ein Teenie in dem Film. Und alle zweifelten, ob ich das Zeug habe, die Rolle zu spielen.

INTERVIEW: Angeblich haben ein paar missgünstige Zuschauer bei den Testvorführungen gelacht, als der Name Cher auf der Leinwand auftauchte.

CHER: Das war schlimm. Und es hat gewiss nicht geholfen, dass vor meinem Namen Meryl Streep stand.

INTERVIEW: Die damals erzählte, Sie seien ein „Shopaholic“.

CHER: Früher war ich das. Mittlerweile bin ich entspannt: Schauen Sie doch, wie ich Ihnen gegenübersitze – mein Reißverschluss ist kaputt, ich sehe aus wie eine Pennerin.

INTERVIEW: Auch Sonny beschwerte sich darüber …

CHER: Wobei Shopping zu Sonnys Zeiten therapeutisch war. Wir hatten nichts. Und als plötzlich Geld da war, fing ich an, Dinge zu horten. Ich weiß noch: Einmal wollte ich eine elektrische Bratpfanne kaufen – als ich heimkam, hatte ich zwei. Sonny fragte, warum ich zwei dieser hässlichen Dinger haben müsse. Darauf meinte ich nur: „Falls uns irgendwann das Geld ausgeht und wir uns keine mehr leisten können, haben wir eine als Reserve.“

Academy Awards, 1988 I Foto: Lennox McLendon/dpa Picture-Alliance

CHER: Wie großartig ist dieses Outfit? Niemand sah so gut aus wie ich an dem Abend. Niemand!

INTERVIEW: Was ist dran an der Anekdote, dass Sie auf dem Parkplatz vor dem Auditorium in einem Anhänger vor dem Fernseher saßen und warteten, bis all die anderen Schauspielerinnen über den roten Teppich gelaufen waren, bevor Sie entschieden, was Sie zur Gala anziehen?

CHER: Ein schönes Gerücht. Aber ich war einfach spät dran, wie immer. Wir rannten, um überhaupt rechtzeitig einzulaufen. Außerdem hätte eh keine andere gewagt, so ein Kleid zu tragen. Bis heute nicht!

Las Vegas, 2008–2011 I Foto: Denise Truscello

CHER: Das bin ich, Cher, weit über 60, die auf einer Bühne in Vegas rumhüpft. Dieselbe Frau, dasselbe Kostüm, die alten Hits. Es ist, was es ist.

INTERVIEW: In Chers Welt gilt also love after love – und, wie es aussieht, auch farewell after farewell?

CHER: Ich fürchte schon. Als ich mit meinem Manager darüber sprach, waren wir uns einig: Entweder jetzt oder nie wieder.

INTERVIEW: Mit Ihrer letzten Tour verdienten Sie gerüchteweise 145 Millionen Dollar. Sie gaben mehr als 200 Konzerte und sangen für über 2,2 Millionen Zuschauer. Damit brachen Sie alle Rekorde. Wäre Aufhören denn gar keine Option?

CHER: Manchmal denke ich darüber nach. Aber irgendwie ahnte ich schon bei der letzten Tour, dass es nicht die letzte sein wird. Obwohl ich wirklich dachte, 200 Abschiedsshows seien genug.

INTERVIEW: Solange der Body von Bob Mackie noch passt. CHER: Das tut er, so viel ist schon mal sicher!

INTERVIEW: Sind Sie heute glücklicher als mit 50?

CHER: Sind Sie total verrückt? Wie kommen Sie darauf? Schon die Farewell-Tour hätte jede durchschnittlich begabte Sängerin, die gerade mal 25 ist, umgebracht.

INTERVIEW: Aber Sie touren seit 50 Jahren – und haben die Schwerkraft besiegt!

CHER: Ich habe sie länger aufgehalten als alle anderen, das stimmt. Aber auch ich habe ein Verfallsdatum.

INTERVIEW: Sie kämpfen immer noch gegen Ihr Alter?

CHER: Sagen wir es mal so: Es steht mir einfach im Weg, ich mag es nicht. Und es macht meinen Job schwieriger – abgesehen davon, dass es mich eine Menge Geld kostet.

INTERVIEW: Darf ich fragen, was es kostet, Cher zu sein?

CHER: Das würden Sie gerne wissen, aber das bleibt mein Geheimnis. Nehmen wir nur mal die Outfits – heute brauche ich für jede Show und jedes Land ein eigenes Kostüm. Einfach weil die Bilder so schnell um die Welt gehen. Ich lege nach wie vor Wert darauf, einen draufzulegen.

INTERVIEW: Es kommt also auch wieder ein neuer Film mit Cher?

CHER: Ich bekomme kaum noch Angebote, leider. Ich sehe zwar nicht aus wie 67, aber auch nicht mehr jung. Meine Ausdrucksweise ist mittlerweile ziemlich begrenzt.

INTERVIEW: Sie könnten Cher spielen.

CHER: Das stimmt. Aber bitte nicht schreiben: „Sie kann keine Rollen mehr spielen außer sich selbst.“

INTERVIEW: Mit Dressed To Kill haben Sie auf dem neuen Album die perfekte Drag-Queen-Hymne abgeliefert.

CHER: Auf die ich sehr stolz bin, da ich den Text umgeschrieben habe. Jetzt heißt es: „I am dressed to kill“ und: „He’ll wear the scars and lipstick stains.“ Es ist der perfekte Song, um Make-up aufzutragen und loszuziehen.

INTERVIEW: Wann haben die Drag Queens eigentlich angefangen, Ihnen nachzueifern?

CHER: Ungefähr zu der Zeit, als wir die Sonny and Cher Show machten. Die Schwulen haben mich schon immer geliebt. Aber manchmal nimmt das groteske Züge an.

INTERVIEW: Inwiefern?

CHER: Vor Kurzem war ich zur Hochzeit eines schwulen Paars eingeladen, auf der auch ein paar Drag Queens unterwegs waren. Jedenfalls merkte ich irgendwann, dass mir diese eine Frau ständig hinterherläuft. Sie folgte mir bis auf die Toilette. Dort wartete ich, um sie zur Rede zu stellen. Sie sagte: „Entschuldigung, haben Sie eine Karte?“ Ich fragte: „Eine Karte? Was für eine Karte denn?“ Daraufhin sie: „Eine Visitenkarte. Falls ich Sie kontaktieren möchte.“ Ich hatte keine Ahnung, was die Frau von mir wollte. Dann sagte sie: „Ich habe noch nie jemand gesehen, der ihr so ähnlich sieht.“ Dann fiel der Groschen! Sie dachte, ich sei eine Transe. Also sagte ich: „Ich bin Cher.“ Sie können sich nicht vorstellen, wie peinlich das der Frau war (lacht).

INTERVIEW: Ich nehme an, Sie werden aus Protest gegen Putins Antischwulengesetze Russland künftig meiden.

CHER: Ehrlich gesagt kann ich mir nicht erklären, was in Russland passiert ist. Auf einmal ist es explodiert. Und das geht nicht von der Bevölkerung aus, das trägt allein die Handschrift dieser, nun ja, Regierung. Meinen Besuch bei der Olympiade habe ich sofort aus Protest abgesagt.

INTERVIEW: Vielleicht hat Präsident Putin eine bisher verborgene Leidenschaft entdeckt, nachdem er sich so oft mit nacktem Oberkörper hat fotografieren lassen.

CHER: Glauben Sie? Möglich ist alles. Wobei ich finde, dass er das mit dem nackten Oberkörper wirklich lassen sollte. Jedenfalls ist es sehr merkwürdig, dass dieses Gesetz gerade jetzt in Kraft tritt. Es ist ja nicht so, dass er gerade erst an die Macht gekommen ist. Aber auch in diesem Land läuft einiges falsch: Denken Sie nur an die NSA-Affäre! Für so etwas wird mein Geld verbraten. Ich würde sogar noch mehr Steuern zahlen. Aber nur, wenn die Regierung nicht ständig alles abfucken würde. Und Edward Snowden soll jetzt der Verräter sein? Skandalös!

INTERVIEW: Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann noch in die Politik zu gehen wie Sonny, der Bürgermeister von Palm Springs wurde und später nach Washington strebte?

CHER: Auf keinen Fall. Dafür bin ich zu ehrlich.

Madonnas Hochzeit, 1985 I Foto: Barry King/Getty Images

CHER: Das bin doch ich mit meinem süßen Joshua!

INTERVIEW: Wissen Sie, wo das Bild aufgenommen wurde?

CHER: Helfen Sie mir.

INTERVIEW: Bei Madonnas Hochzeit.

CHER: Richtig, jetzt sehe ich es auch.

INTERVIEW: Haben Sie Madonna heute schon angerufen?

CHER: Warum sollte ich?

INTERVIEW: Weil Madge Geburtstag hat.

CHER: Oh, dann werde ich nachher anrufen. Danke, dass Sie mich daran erinnert haben.

INTERVIEW: Bitte ärgern Sie Madonna nicht wieder damit, dass sie keinen Oscar im Regal stehen hat.

CHER: Das würde ich mich nie trauen (lacht).

... and Tom Cruise, 1985 I Foto: ddp images

CHER: Noch mal Joshua? Ach nein, das ist ja Tom, toll! Wir hingen ab. Was wollen Sie darüber wissen?

INTERVIEW: Sie haben kürzlich verraten, Tom Cruise sei einer der besten Liebhaber gewesen.

CHER: Das habe ich gesagt. Und es stimmt.

INTERVIEW: Es ergibt ja durchaus Sinn: Tom Cruise gibt sich ja immer viel Mühe: als Schauspieler, als Scientologe, warum nicht als Liebhaber?

CHER: Mir ist egal, wer Tom Cruise heute ist. Früher war Tom nicht so. Er war einfach dieser nette Junge, der noch nicht allzu viel Erfahrung hatte. Wir haben uns einfach blendend verstanden. Ich hatte weder Angstvor seinem gerade erspielten Ruhm (Top Gun) noch vor seiner Jugend. Und: Mühe geben allein reicht im Bett ja wohl nicht aus.

INTERVIEW: Hat sich Tom bei Ihnen gemeldet, nachdem Sie Ihr kleines Geheimnis ausgeplaudert haben?

CHER: Nein, hat er nicht.

INTERVIEW: Darf ich fragen, ob Sie derzeit liiert sind?

CHER: Ich habe mich gerade getrennt.

INTERVIEW: Stimmt es, dass Sie einst Jünglinge mit dem Satz einsammeln ließen: „Wascht ihn und bringt ihn in mein Zelt“?

CHER: Nein, nicht ein Mal! Aber ich mag den Satz gern.

INTERVIEW: Er passt gut zu der Frau, die ein Album Half-Breed genannt hat.

CHER: Das könnte man heute wahrscheinlich nicht mehr machen. Es ist politisch nicht korrekt. Und kitschig. Schauen Sie nur, wie ich aussehe. Und das Pferd! Aber die Leute mochten es. Genau wie ich auch.

INTERVIEW: Mein Lieblingscover ist das von Take Me Home. Auf das ist Lady Gaga bestimmt sehr neidisch.

CHER: Das war die Idee von Gene Simmons. Wir waren kurz ein Paar. Aber das ist eine andere Geschichte.

„Time“, 1972

CHER: Ein Wahnsinnskleid! Und ein Wahnsinnsbild von Avedon. Time hat es nachgedruckt, angeblich haben manche Südstaatler das Titelbild mit hochrotem Gesicht abgerissen. Eigentlich produziert wurde es für die Vogue. Damit begann meine Karriere bei der Vogue – was ich nie 167 für möglich gehalten hätte.

INTERVIEW: Cher in Fashion?

CHER: Yep, Cher als das Fashion-Icon! (Die Pressedame mahnt, das Interview nun zu beenden.)

CHER: Wir können aber noch ein Foto zusammen machen.

INTERVIEW: Allein wollen Sie nicht, aber zu zweit geht?

CHER: Das ist etwas anderes. Das Bild ist ja ein Andenken für Sie und nicht für Ihr Magazin. Was macht eigentlich der Reißverschluss?

INTERVIEW: Alles okay.

CHER: Dabei habe ich extra gute Unterwäsche angezogen. Schauen Sie mal …

INTERVIEW: Sie ist pink …

CHER: Sie sind der Erste, der sie sehen darf …

INTERVIEW: Zumindest heute.

 

CHER: Das ist sehr frech!

(Der Fotograf kommt.)

CHER: Sie können mich ruhig anfassen.

INTERVIEW: Okay.

CHER: Bevor Sie fragen: Nein, ich habe mir keine Rippen entfernen lassen.

INTERVIEW: Ich hätte mich nie getraut zu fragen.

CHER: Das hätte ich Ihnen auch nicht geraten (lacht).

27.12.2017 | Kategorie Interview of the Day | Tags