Queen of Grunge

Wenn Grunge das neue heisse Ding ist, liegt es nahe, zu der Frau zu gehen, die den Style (und das Lebensgefühl) erfunden hat. Für Inter/VIEW sprach Naomi Campbell 2013 mit Courtney Love.

Foto: Francesco Carrozzini, Styling: Gro Curtis

NAOMI CAMPBELL: Du schreibst gerade deine Memoiren. Plauderst du darin viele Geheimnisse aus?

COURTNEY LOVE: Es gibt in meinem Leben viele Dinge, die ich für mich behalten habe, und ich habe vereinbart, dass das auch so bleiben kann. Vor allem, wenn es um Männer geht. Ich will meine Freunde ja nicht verlieren. Lass es mich so ausdrücken: Eine wirkliche Lady erzählt nicht alles.

CAMPBELL: Das würde ich jederzeit unterschreiben.

LOVE: Ich habe einen Koautor, ich schreibe nicht selbst. Ich habe etwas Ähnliches versucht wie Patti Smith mit Just Kids. Aber das schaffe ich nicht. Mein Ghostwriter ist natürlich an den schlüpfrigen Geschichten interessiert. Ich versuche, ihn davon abzubringen. Zum Beispiel: Ich war bekanntlich eine Stripperin. Aber er muss ja nicht immer wieder betonen, dass ich nie Prostituierte war. Natürlich war ich keine, und es reicht, das ein einziges Mal klarzustellen. Es gibt ja genügend anderes zu erzählen. Zum Beispiel, dass mein dritter Stiefvater ein Lord war und meine Mutter Erbin eines eindrucksvollen Vermögens. Und dass wir, glaub es oder nicht, in Sheffield gelebt haben. Ausgerechnet in Sheffield!

CAMPBELL: Mein Großvater war aus Sheffield. Ich weiß, wie es da ist.

LOVE: Die Mutter meines Stiefvaters war eine Hofdame Queen Elizabeths. Sie hat mir das Knicksen beigebracht. Aber dann bin ich doch auf dieses äußerst progressive Internat namens Summerhill geschickt worden. Aus dem ich schnell wieder hinausgeworfen wurde.

CAMPBELL: Wieso das denn?

LOVE: Dieses Internat ist in den 50er-Jahren gegründet worden, eine Menge Kommunisten haben ihre Kinder dorthin geschickt. Die Regel war: Man musste nicht in den Unterricht gehen, wenn man nicht wollte. Also ging ich nicht. Irgendwann wurde festgestellt, dass ich offensichtlich wenig Lust auf Schule hatte.

CAMPBELL: Hat es dich sehr geprägt, dass du die Tochter einer Psychologin bist? Hat sie dich in deiner Kindheit analysiert?

COURTNEY LOVE: “Es war hart, Kind unter nackten Erwachsenen
zu sein. Ich wollte ihre Schamhaare nicht sehen”
Tweet this

LOVE: Nein. Aber ich war von klein auf in Therapie. Das hatte etwas mit der Zeit zu tun, den frühen 70er-Jahren. Diese ganze Art, wie meine Mutter und ihre vier Ehemänner – sie hat mittlerweile einen fünften – mitein- ander umgingen: Psychospiele und viel Nacktheit, dieser ganze New-Age-Kram, der aus Kalifornien kam. Als die Öffentlichkeit zum ersten Mal Gelegenheit bekam, von mir Notiz zu nehmen, war ich vier – nackt auf dem Umschlag eines Buches, das Born to Win hieß. Aus dem Foto wurde ein Poster gemacht, und natürlich habe ich dafür nie Tantiemen bekommen. Es war hart, immer von nackten Erwachsenen umgeben zu sein, die schrien ja auch noch ständig, Urschreitherapie und so weiter. Ich war das kleine Mädchen zwischen all den nackten Erwachsenen, deren Schamhaare es nicht sehen wollte. Und das sehr früh in Therapie gesteckt wurde, weil das für meine Mutter eine Art Religion war.

CAMPBELL: Wenn du dein ganzes Leben ändern könntest, aber nur eines nicht – was wäre das?

LOVE: Definitiv meine Tochter, Frances. Ich bereue einiges in meinem Leben, aber im Augenblick ereignet sich in ihm gerade ein kleines, nein: ein großes Wunder. Im Alter von 49 fange ich nämlich wieder mit dem Schauspielen an. Ich mache bei einem ziemlich großen Film mit, die zweite Hauptrolle.

CAMPBELL: Wie kommt’s?

LOVE: Nachdem ich Sean (Penn) vor Jahren in dem Film gesehen hatte, in dem er Gavin Friday spielte (den Sänger der Virgin Prunes), war ich so elektrisiert, dass ich wusste: Ich will das jetzt auch wieder. Und es hat tatsächlich geklappt – großer Film, berühmter Regisseur. Das ist wirklich ein Wunder, ich bin ja schon 49.

CAMPBELL: Courtney, du kannst 49 sein.

LOVE: Jedenfalls bin ich seit zehn Jahren nicht mehr so aufgedreht gewesen. Obwohl ich genau weiß, wie es beim Film zugeht. Du sitzt sechs Stunden in der Maske, und dann schicken sie dich doch wieder nach Hause. Du bist auf so viele andere Menschen angewiesen, du musst 18 Monate warten, ehe du deine Arbeit zu sehen bekommst. Doch wenn der Film dann da ist, gibt es nichts Größeres.

CAMPBELL: Welche vier Menschen – tot oder lebendig – würdest du am liebsten zum Dinner einladen?

LOVE: Hm. Christopher Hitchens, weil ich mich mit ihm nie richtig unterhalten konnte. Und Václav Havel…

CAMPBELL: Wieso?

LOVE: Er war so cool, Dramatiker, saß mit MiloŠ Forman im Gefängnis, der erste wirklich coole Politiker für mich.

CAMPBELL: Wer ist der dritte?

LOVE: Ich frage mich, ob ich André Balazs einladen soll. Vielleicht so, dass er später dazustößt. Ja, das wäre ein schöner Abschluss. Kennst du das? Man hat mit jemandem für zehn Minuten ein Date, aber ist danach für immer und ewig befreundet.

CAMPBELL: Ich habe André mit 16 kennengelernt. Ich bin von der Ford Model Agency nach Amerika geholt worden, und die Regel lautete, dass man in Eileen Fords Haus wohnen musste. Aber dann habe ich mich mit Katie Ford angefreundet, und sie sagte zu ihrer Mutter, dass sie gerne mit mir zusammenwohnen würde. Also bin ich mit Katie, André und Christy Turlington zusammengezogen, in ein tolles Loft im selben Gebäude, in dem Arthur Elgort sein Studio hatte.

LOVE: Du kennst André länger als ich?

CAMPBELL: Seit 1986. Du hast übrigens noch einen Gast frei für dein Dinner.

Terry McGinnis/WireImage/Getty Images

CAMPBELL: Seit 1986. Du hast übrigens noch einen Gast frei für dein Dinner.

LOVE: Marilyn Monroe. Nein, Jacqueline Kennedy. CAMPBELL: Du kannst nicht beide haben.

LOVE: Also Jackie Kennedy. Ja, das wäre ein tolles Dinner.

CAMPBELL: Was ist das Beste und was das Schlimmste daran, Courtney Love zu sein?

LOVE: Ich glaube, das Schlimmste ist, dass an mir ein Ruf klebt – für Dinge, von denen ich zwar einige getan habe, die aber schon seit vielen Jahren aus meinem Leben verschwunden sind. Drogen vor allem. Ich habe seit 2005 nichts mehr genommen. Manchmal eine Schlaftablette im Flugzeug, aber das ist es auch schon. Aber das werde ich wohl nicht mehr los. Und es nervt mich, dass ich anders als du morgens nicht aus dem Bett fallen und mir irgendetwas zum Anziehen schnappen kann und immer gut aussehe. Schaff ich nicht. Aber ich gebe mir Mühe, ich gehe nie in Uggs und Jogginghosen aus dem Haus. Das Beste? Vielleicht, dass es einen Teil von mir gibt, dem es scheißegal ist, was man über mich denkt. Das hat mich immer und immer wieder gerettet. Weil es mir möglich gemacht hat, kreativ zu sein. Und mich für Ziele anzustrengen, die zu erreichen ich eigentlich nicht die leiseste Chance habe. Ich meine, eine 49-Jährige hat normalerweise keine Chance, eine Rolle in einem großen Film zu bekommen. Aber ich habe es geschafft.

COURTNEY LOVE: “Das Beste an mir? Der Teil von mir, dem es scheißegal ist, was man über mich denkt”
Tweet this

CAMPBELL: Man muss an sich selbst glauben und davon überzeugt sein, dass man ein Survivor ist.

LOVE: Richtig. Man muss authentisch sein. Weißt du, in der Zeit, in der ich noch heftig drauf war, hatte ich mal in Los Angeles das Vergnügen mit einer richtig sadistischen Stylistin. Der machte es riesigen Spaß, mir zu erzählen, wer alles mit mir nichts mehr zu tun haben wollte, sogar Donatella (Versace). Das hat mich so getroffen, dass ich heulend David LaChapelle angerufen habe.

CAMPBELL: Du darfst solche Psychospielchen einfach nicht zulassen.

LOVE: David sagte bloß: Seit wann ist dir denn bitte nicht völlig egal, was die Leute über dich denken?

CAMPBELL: Da hatte er recht. Du bist Courtney Love. Hast du denn die leiseste Ahnung, wie viele so aussehen wollten wie du, als du plötzlich mit Hole um die Ecke gekommen bist? Ich habe das selbst miterlebt, ich habe eure Gigs im Colosseum gesehen. Alle wollten aussehen wie du. Du musst wirklich mehr an dich glauben.

LOVE: Es hat mich so getroffen, als ich hörte, dass Donatella mich nicht mehr mag.

CAMPBELL: Aber das war eine Lüge. Du weißt doch, wie sehr Donatella dich mag. Und wie unser Business so ist. LOVE: Deswegen fühlt es sich ja so gut an, bei diesem Film mitmachen zu können und wieder einen guten Manager zu haben.

CAMPBELL: Courtney, es ist toll, dass du einen Manager hast und dass es diesen Film geben wird. Aber am Ende des Tages geht es nur darum, an sich selbst zu glauben. Du bist Courtney Love, eine Frau, die weiß, was einen Rockstar ausmacht. Würdest du uns deine Definition eines Rockstars verraten?

LOVE: Du musst einen Hairstyle und mindestens einen Trend ausgelöst haben, jedenfalls sind das die Fashion-Aspekte. Und ein richtiger Rockstar muss tough sein. Es darf dir nicht ums Geld gehen. Du musst unbedingt, unter allen Umständen, Rock ’n’ Roll spielen wollen. Das ist es, was die Männer von den Jungs unterscheidet.

CAMPBELL: Du bist ein Rockstar, Ende der Diskussion. Mir ist aufgefallen, dass du auf Fotos gern liegst. Warum eigentlich?

LOVE: Weil ich faul bin. Ich habe noch nie vor einer Kamera einen Jump gemacht.

CAMPBELL: Das solltest du aber mal ausprobieren. Man ist nie zu alt für einen Jump, Darling! Nächste Frage: Du hast bei Hedi Slimanes Saint Laurent Music Project mitgemacht. Wie war das für dich?

LOVE: Die Fotos waren toll. Aber ich kann nicht sagen, dass ich der größte Fan seiner letzten Kollektion bin, weil alle sagen, sie hätte etwas mit mir zu tun. Aber das bin ich nicht. Ich trage zum Beispiel nie Doc Martens. In so etwas sehe ich viel zu kerlig aus.

CAMPBELL: War es nicht schön, 48 Courtneys den Runway entlanglaufen zu sehen?

LOVE: Ich habe nie so ausgesehen. Das habe ich auch Hedi gesagt, wir hatten ein Dinner im Chateau.

CAMPBELL: Kannst du dich noch daran erinnern, wie das Wort Grunge aufkam?

Foto: Francesco Carrozzini, Styling: Gro Curtis

LOVE: Damals wurden nur die Jungs Grunge genannt. Das passiert mir erst jetzt, dass jemand sagt: Oh, du warst Grunge …

CAMPBELL: Wie ist aus Courtney Michelle Harrison Courtney Love geworden?

LOVE: Ich saß mit Pat Smear und mit Flea von den Chili Peppers zusammen, um über einen guten Namen für mich nachzudenken. Ich wollte Courtney Loveless heißen, aber das haben sie mir ausgeredet. Dann haben sie mir eine Statue geschenkt, die einem Typen namens Darby Crash gehört hatte, einer Punklegende, die sehr jung gestorben ist, Selbstmord durch Überdosis. Und auf dieser Statue stand „Love“. Als ich nach Hause ging, war ich Courtney Love. Fast wäre es Loveless geworden.

CAMPBELL: Ich ziehe Love vor. Twitterst du eigentlich?

LOVE: Ja, obwohl man höllisch aufpassen muss. Aber im Augenblick habe ich keine einzige Klage am Hals.

CAMPBELL: Kannst du dir dich eigentlich als Großmutter vorstellen?

LOVE: Und wie! Frances und ich sind uns eine Zeitlang fremd gewesen, aber jetzt haben wir eine gute Beziehung. Neulich sind wir miteinander ausgegangen, ins Boom Boom zur Purple Party. Normalerweise taucht sie bei solchen Veranstaltungen nicht auf. Sie will nicht von ihrem Namen profitieren. Es gibt ja die Kinder, die sich an den Namen ihrer Eltern hängen. Sie nicht. Sie würde ihren Namen am liebsten ändern lassen. Ich habe zu ihr gesagt: „Du musst ihn (Kurt Cobain) auch respektieren, es muss doch so etwas wie einen Mittelweg geben.“ Sie sagte: „Es hat nichts mit dir zu tun, aber ich habe doch gar keine Erinnerungen an ihn.“ Ich glaube, sie braucht noch Zeit, das alles zu sortieren.

CAMPBELL: Was war der letzte Film, der dich zum Weinen gebracht hat?

LOVE: Downton Abbey. Bei Matthews Tod.

CAMPBELL: Wann hast du das letzte Mal eine ganze Nacht durchgetanzt?

LOVE: Das ist nie passiert.



PHOTOGRAPHER Francesco Carrozzini / 2B Management HAIR Rolando Beauchamp / The Wall Group MAKE-UP Fulvia Farolfi / Bryan Bantry SET DESIGN Todd Wiggins / Mary Howard PRODUCTION Dana Brockman PHOTO ASSISTANTS David Barron, Ivory Serra DIGITAL TECHNICIAN Regina Kokoszka STYLING ASSISTANT Tess Herbert PRODUCTION ASSISTANT Kinsey West STUDIO MANAGEMENT Summer Sekula

30.12.2017 | Kategorie Interview of the Day | Tags ,

Interview of the Day / Weitere Artikel