Conchita Wurst & Jean-Paul Gaulthier

Sie ist der Phönix, der aus der Asche kam, sich durchs Feuer kämpfte und unsere Herzen berührt. Conchita Wurst ist Gentlewoman und Fantastic Man zugleich, Botschafterin freien Denkens und freien Lebens im 21. Jahrhundert. Sie sprach vor dem Parlament in Brüssel und trat mit Ban Ki Moon vor die Un. Das Gespräch für Inter/VIEW führte ihr größter Fan, Monsieur Jean Paul Gaultier.

Fotos: Maria Ziegelböck, Styling: Tom Reinberger

CONCHITA WURST: Jean Paul, wie läuft deine Ausstellung im Grand Palais in Paris?

JEAN PAUL GAULTIER: Fabelhaft, absolut fabelhaft.

WURST: Außerdem hast du gerade bei der Inspiration Gala von amfAR einen Lifetime Achievement Award gewonnen, darf ich da noch gratulieren?

GAULTIER: Danke! Habe ich dir schon erzählt, wen ich bei der Verleihung in São Paulo getroffen habe?

WURST: Nein!

GAULTIER: Cher!

(beide kreischen)

WURST: Oh nein! Oh Gott!

GAULTIER: Cher ist so fabelhaft. Sie hat den Award auch bekommen. Und stell dir vor, was passierte, als ich meinen Preis überreicht bekam? Wir haben uns geküsst. Cher und ich! Es war sehr lustig.

WURST: Wie ist Cher denn so?

GAULTIER: Ganz ehrlich: Sie sieht genauso aus wie auf den Fotos. Es ist unglaublich. Du denkst, die sind retuschiert. Aber: nicht die Spur. Fabelhaft. Cher ist eine Heldin. Sie ist sehr nett und sehr präsent. Allerdings hat sie es nicht so mit der Zeit. Wenn sie um 12 Uhr mittags kommen soll, wird daraus 5 Uhr nachmittags.

WURST: Egal, sie ist Cher!

GAULTIER: Du sagst es: Sie ist Cher.

WURST: Cher kann tun, was sie will.

GAULTIER: Ich erzähle dir mal eine Geschichte, wie das früher bei den großen Stars zuging. Die waren nämlich immer zu spät dran. Das gehörte einfach zu einem Superstar dazu.

WURST: Darüber haben wir uns beim letzten Mal unterhalten, erinnerst du dich?

GAULTIER: Natürlich. Weißt du, dass Elizabeth Taylor die großartigste Sache überhaupt gemacht hat? Da werde ich ganz emotional. Sie bat in ihrem Testament darum, dass sie, also besser gesagt ihr Sarg, am Tag ihrer Beerdigung zwei Stunden zu spät kommen soll (beide lachen laut). Ich finde das fabelhaft, nicht wahr? Wer wird auf mich warten, wenn ich tot bin? Ich finde das so schön.

WURST: Aber die Zeiten sind vorbei.

GAULTIER: Definitiv. Ich erzähle dir jetzt mal etwas Indiskretes über Madonna: Ich erinnere mich an die Zeit in den Achtzigern und Neunzigern, als ich sie kennengelernt habe. Da war sie immer superpünktlich. Manchmal war sie sogar vor dem ver- einbarten Zeitpunkt da. Oh, là, là. Das hat sich jedoch geändert: Seit ein paar Jahren ist sie überhaupt nicht mehr pünktlich.

WURST: Hast du Madonna in letzter Zeit gesehen?

GAULTIER: Nein. Obwohl ich auf der Met Gala in New York war und sie ja auch. Aber ich habe sie nicht gesehen.

WURST: Wie war es denn sonst auf der Gala?

GAULTIER: Ach, ein bisschen Gossip schadet ja nicht, das mö- gen ja alle gern: Wir sollten sogar am selben Tisch sitzen, Ma- donna und ich, mit Beyoncé, Jay Z und Rihanna. Aber ich habe Madonna überhaupt nicht am Tisch gesehen. Was komisch ist: Schließlich ist es ja unmöglich, dass ich Madonna nicht erkenne.

WURST: Du hast also nicht mit ihr gesprochen?

GAULTIER: Nein. Und das fand ich traurig.

WURST: Ich liebe den Mantel, den Rihanna bei der Gala getragen hat.

Fotos: Maria Ziegelböck, Styling: Tom Reinberger

GAULTIER: Oh ja. Dazu muss ich dir auch gleich noch etwas verraten: Ich war ja offiziell mit Alicia Keys da …

WURST: … Alicia sah fabelhaft aus.

GAULTIER: Absolut. Aber jetzt kurz noch die Geschichte: Also, Beyoncé und Jay Z waren nicht von Anfang an da. Sie waren überhaupt nicht beim Dinner dabei. Niemand wusste, warum. Als wir mit dem Essen fertig waren, wurde der Tisch zur Bühne und Rihanna sollte singen. Sie trug ein sehr hübsches Bustier mit einer Hose, das sah dann sogar ein wenig chinesisch aus. Plötz- lich, kurz bevor sie anfing, tauchen Jay Z und Beyoncé auf und setzen sich schnell und heimlich an den Tisch. Nach dem dritten Song stolziert Rihanna zum Ende des Tisches, wo Jay Z und Beyoncé sitzen – doch sie tut so, als würde sie die beiden nicht sehen. Dann bleibt sie auf einmal vor mir stehen und küsst mich.

WURST: Oh. Wow. Erst Cher, dann Rihanna!

GAULTIER: Es war einfach meine Nacht! Ich war so super drauf. Eigentlich kann ich nie wieder zur Met Gala gehen, weil es dieses Mal so fantastisch war.

WURST: (lacht sehr laut) Ich finde, „Ich wurde von Rihanna geküsst“ ist ein ziemlich großartiger Satz. Was hältst du eigentlich von Madonnas neuem Album?

GAULTIER: (kurze Pause) Jajajajajajaja. Bon, ich finde, die Songs klingen echt nach Madonna. Aber was soll ich sagen? Um ehrlich zu sein, ist es nicht ihr bestes Album.

WURST: Aber es ist und bleibt immer noch Madonna.

GAULTIER: Da hast du recht: Es ist Madonna! Und man erkennt Madonna in allem, was sie sagt und tut. Sie hat eben ihre eigene Art. Sogar wenn es darum geht, einen Vertrag zu unterzeichnen. Hast du gesehen, als alle Musiker zu Jay Z kamen, um bei dieser Streaminggeschichte (Tidal) zu unterschreiben? Madonna hat einfach mal ihr Bein auf den Tisch gelegt, während sie unterschreibt!

WURST: Das hört sich sehr nach Madonna an.

GAULTIER: Yeah! (lacht)

WURST: Jean Paul, es ist so gut, dich wiederzusehen. Ich bin so aufgeregt.

GAULTIER: Ich auch.

WURST: Und dass du immer zum Life Ball nach Wien kommst, das finde ich wirklich großartig. Du warst ja auch beim Shooting, als Ellen (von Unwerth) das Foto von mir gemacht hat, auf dem ich als Klimts Goldene Adele posiere.

GAULTIER: Ellen ist fabelhaft.

WURST: Ich mag sie sehr. Es ist auch toll, dass Dita (Von Teese) immer nach Wien kommt.

GAULTIER: Ich habe ja für Dita mit Mr. Pearl das für mich, Thierry Mugler und viele andere schönste Korsett der Welt entworfen. Es ist fabelhaft. Ich habe es wie einen Schmetterling gezeichnet, aber beim Anziehen ist das so … (macht eine Geste, die den Vorgang des Einschnürens imitiert, und zischt dabei)

WURST: Die Arme!

GAULTIER: (lacht schallend)

WURST: Da ist nichts mehr mit Atmen. Was ich dich schon immer fragen wollte: Du arbeitest mit professionellen Models, aber auch mit Celebrity-Models. Ich stelle es mir schwer vor, Celebritys anzuziehen, weil die meisten nicht in die Größen passen.

GAULTIER: Das kommt darauf an. Weißt du, wer einmal großartig in einen meiner Entwürfe gepasst hat? Die Frau des Ex-Bürgermeisters von Wien!

WURST: Oh ja, Dagmar (Koller). Wir lieben Dagmar. Ich wollte mich noch einmal bedanken, dass ich deine Show mit einem meiner Songs beenden darf. Das ist wirklich eine große Ehre.

GAULTIER: Dafür musst du dich doch nicht bedanken! Ich bin immer noch untröstlich, dass ich leider deinen Auftritt neulich in London bei Eurovision’s Greatest Hits verpasst habe. Da waren sicher viele alte, tolle Sachen dabei, oder?

Fotos: Maria Ziegelböck, Styling: Tom Reinberger

WURST: Nur die Gewinner. Johnny Logan war da, die Olsen Brothers, Lordi, Nicole aus Deutschland, Anne-Marie David.

GAULTIER: Manche sind bestimmt schon tot! (lacht schallend) War die spanische Gruppe da? Die Sängerin von Vivo cantando? (fängt an zu singen)

WURST: Nein, nein, sie nicht. Aber es war toll, weil ich mit Dana (International) Waterloo gesungen habe. Die Leute sind total durchgedreht, und ich dachte nur, schwuler kann es eigentlich nicht werden.

GAULTIER: (lacht) Fabelhaft.

WURST: Wie findest du Dana? Sie ist wirklich lustig.

GAULTIER: Sie ist unglaublich. Ihr Sinn für Humor ist einzigartig.

WURST: Sie ist allerdings viel bissiger als ich. Ich bin die Nette, und sie ist so (imitiert ein Fauchen) … Rrrrr. Sie wurde mal gefragt, wie man eine Diva wird. Und weißt du, was sie geantwortet hat? (imitiert einen strengen Tonfall) „Hör auf zu essen!“

GAULTIER: (lacht schallend)

WURST: (in Roboterstimme) „Hungere 24 Stunden am Tag!“

GAULTIER: Macht sie das? Bon.

GAULTIER: Das glaube ich nicht. Aber vielleicht redet sie sich das selbst ein. Egal, sie sieht großartig aus.

WURST: Ja. Sie ist fabelhaft. Und sie trug diese wunderbare Interpretation deines Kleides mit den Federn.

GAULTIER: Oh ja, ich habe es gesehen.

WURST: Ich war vor zwei Wochen in Australien. Natürlich haben mich alle nach dir gefragt: „Yeah, Jean Paul war auch hier wegen Australia’s Next Top Model.“ Sie lieben dich.

GAULTIER: (lacht) Dich aber auch. Sie machen jetzt zum ersten Mal Eurovision. Nur aus Liebe, weil sie ja nicht Teil der Europäischen Gemeinschaft sind.

WURST: Sie feiern eine Party von 4 Uhr nachts bis 9 Uhr morgens. Das ist wahre Liebe. Würdest du für ein Festival um 4 Uhr nachts aufstehen?

GAULTIER: Nein, niemals. Aber selbst in Australien kennt jeder Conchita Wurst, oder?

WURST: Es ist total verrückt. Ich reise ja nicht in Drag, ich bin also ohne Make-up unterwegs. Und dann passierte Folgendes: Als wir am Flughafen in Sydney ankamen, mussten wir wie alle in den Securitycheck. Eine Dame starrt mich an, und ich denke noch: „Was soll das jetzt?“ Sie kommt näher und sagt: „Sie sind die bärtige Dame, richtig?“ Ich bin am anderen Ende der Welt und ich trage kein Make-up und dann so was!

GAULTIER: Es gab bestimmt ein Känguru mit deinem Bart-Make-up (lacht). Ach, das ist so fabelhaft, ja, man kennt dich weltweit. Sie lieben dich. Nicht nur deine Stimme, sondern auch das, was du sagst und repräsentierst, was ja das Wichtigste überhaupt ist. Denn darum geht es: um das, was du repräsentierst. Das kann man gar nicht oft genug betonen!

WURST: Weißt du, viele Menschen denken, der Song Contest
ist zu kommerziell, Pop, over the top, Klischee. All das ist der Wettbewerb auch. Aber sie vergessen, wie schön das Konzept der Show ist: Du darfst kommen, wie du bist. Du kannst auf der Bühne tun, was du willst. Und niemand wird dir sagen, das oder das ist nicht erlaubt.

GAULTIER: Genau.

WURST: Sei authentisch und hab Spaß. Das ist am Ende so eine schöne Botschaft. Sie sollte fürs ganze Leben, für die ganze Welt gelten.

GAULTIER: Definitiv. Und es ist wirklich toll, dass es dieses Konzept seit 50 Jahren gibt. Die Message ist Toleranz, Offen- heit, Mut!

WURST: Total. Und es wird immer größer. Asien wird immer verrückter nach Eurovision.

GAULTIER: Yeah, yeah, yeah, yeah, yeah, genau. Keine Grenzen. Alles ist offen, und deshalb lieben die Menschen den Wettbewerb so. Er ist zu einem wichtigen Symbol geworden. Gerade in unserer Zeit.

WURST: Und wir lieben es, darüber zu sprechen.

GAULTIER: Viva Eurovision. Für immer.

Fotos: Maria Ziegelböck, Styling: Tom Reinberger

WURST: Und wenn sie ihn irgendwann einmal absetzen wollen, dann übernehmen wir beide ihn einfach.

GAULTIER: Ah oui. Die guten französischen Sängerinnen und Sänger sind ja oft für andere Länder ins Rennen gegangen. Und die Griechin Nana Mouskouri ist für Luxemburg angetreten.

WURST: Sie ist großartig.

GAULTIER: Und sehr lustig. Du hängst übrigens ganz in der Nähe von Nana in meiner Ausstellung in Paris.

WURST: Ich habe die Fotos gesehen. Was für eine Ehre, Teil dieses Line-ups zu sein.

GAULTIER: Catherine Deneuve ist auch dabei.

WURST: Ich weiß. Ich habe die Fotos schon gesehen, weil ich Suzy Menkes auf Instagram folge. Sie ist ja bekannt dafür, dass sie überall, wo sie ist, ständig Fotos macht. Und sie hat auch mich wirklich toll geco- vert. Ach, ich muss dich etwas fragen: Suzy machte Credits für die ganzen Leute in der Front Row und schrieb dann den Hashtag #WhereIsAnna. (Schweigen. Zum ersten Mal ist es länger als zwei Sekunden ruhig im Gespräch)

GAULTIER: (beginnt leise zu kichern) Um ehrlich zu sein: Das liegt vermutlich daran, dass Suzy Menkes und viele andere Editors immer Fotos machen und Anna Wintour das nie tut.

WURST: Ah, ich verstehe.

GAULTIER: Ich verstehe mich jetzt übrigens wieder mit Anna. Nach dem Met Ball fand so eine Art Versöhnung statt. Weißt du, es gibt Chefredakteure, denen geht es nur um die Kleidung, immer nur
Fashion, Fashion, Fashion. Andere sind mehr wie Journalisten. Anna Wintour ist mehr Journalistin. Suzy Menkes übrigens auch. Ich muss jedoch sagen: Anna Wintour ist wirklich nicht die Bestangezogene, nicht einmal bei der Met Gala. Hast du die Fotos von ihr gesehen?

WURST: Hach, ich liebe es, mit dir zusammenzusitzen und Gossip auszutauschen! Es war übrigens so entzückend, dass du das Vorwort zu meinem Buch geschrieben hast.

GAULTIER: Ich fühlte mich geschmeichelt, dass du mich gefragt hast. Wobei ich anfangs dachte, ich könne das nicht, da ich gar nicht so gut schreibe. Aber dann war meine Bewunderung für dich stärker. Es war für mich eine Ehre, aufzuschreiben, wie ich mich in dich verliebte.

WURST: Und ich bin so eine Angeberin. Ich sage zu allen Menschen (verführerischer Tonfall): „Weißt du, wer mein Vorwort geschrieben hat? Es war Jean Paul Gaultier!“

GAULTIER: (lacht sehr laut)

WURST: Dein Vorwort ist die Kirsche auf der Torte. Wenn ich ehrlich bin, war es mit meinem Buch keine Liebe auf den ersten Blick. Ich bin ja erst 26 Jahre alt und dachte, es sei viel zu früh, um meine Memoiren zu schreiben.

GAULTIER: Ich finde, es war eine gute Idee, weil du so viele Erfahrungen gemacht hast. Was war dir wichtig in deinem Buch?

WURST: Meine Geschichte zu erzählen, und zwar von dem Moment an, in dem meine Mama mich auf die Welt bringt. Aber ganz ehrlich: Für mich ist es nicht besonders interessant, das Buch zu lesen. Ich kenne die Geschichte ja und weiß, wie sie endet (lacht). Deshalb war ich auch überrascht, dass die Verlage es auf Französisch, Italienisch, Englisch, Portugiesisch und Schwedisch übersetzen wollten. Das war überwältigend für mich.

GAULTIER: In wie vielen Ländern erscheint es?

WURST: Bisher in sechs. Aber es sollen mehr werden – wobei ich wirklich gern eine russische Version davon hätte!

GAULTIER: Das wäre sehr symbolisch für den gesellschaftlichen Wandel dort. Aber du hast es ja gesehen, als du den Song Contest 2014 gewonnen hast: Du hast immerhin auch fünf Punkte aus Russland bekommen.

WURST: Das stimmt.

GAULTIER: Es ist ja nicht so, dass Russland überall gleich ist. Man muss differenzieren.

WURST: Absolut. Wobei ich Putin mein Buch wirklich gern persönlich überreichen würde.

GAULTIER: (beide lachen) Voilà, und ich schreibe ihm eine Widmung rein.

WURST: Das wäre nett. Frohe Weihnachten!



Fotos: Maria Ziegelböck, Styling: Tom Reinberger
Haare: Matthias Störer
Fotoassistenz: Markus Hollo
Stylingassistenz: Anna Schuller, Mario Krenn
Produktion: Julia Hofer

02.01.2018 | Kategorie Interview of the Day | Tags ,