“Was trägst du gerade?”

Er hat Gaga gaga gemacht, bei Mugler ein Skelett auf die Bühne geschickt, und jetzt tankt sich Nicola Formichetti als Artistic Director bei Diesel voll: Unseren Fashion Director Klaus Stockhausen kennt er seit den Neunzigern – also rief der mal an und fragte, wie’s denn so geht.

Foto: Michael Mayren, Styling: Klaus Stockhausen

INTERVIEW: Hallo, Nicola, wie geht’s dir?

NICOLA FORMICHETTI: Hey, Klaus, alles gut hier.

INTERVIEW: Was hast du gerade an?

FORMICHETTI: Ich bin gerade auf dem Weg in die Dusche …

INTERVIEW: aha …

FORMICHETTI: Ich trage eine Unterhose und …

INTERVIEW: … hast die Hand im Schritt?

FORMICHETTI: Hahaha! Nein, ich kraule gerade Bambi, die erschöpft zwischen meinen Beinen hängt. Ich habe heute schon meditiert, war beim Sport, mit Tank und Bambi Gassi (Nicolas Pomeraner-Zwillinge) und sitze jetzt beim Tee … oh Gott, ich höre mich an wie eine alte Hippie-Lesbe!

INTERVIEW: Hört sich eher an, als ob du erwachsener geworden bist.

FORMICHETTI: Ja, ich bin erwachsen geworden. Ich habe aufgehört zu rauchen, nehme keine Drogen, und beim Alkohol halte ich mich auch zurück. Auch mache ich viel Sport und meditiere täglich. Ich brauche diesen Ausgleich, um nicht komplett durchzudrehen. Schließlich bin ich jetzt ein alter mann (lacht). Zudem trage ich mittlerweile eine riesige Verantwortung …

INTERVIEW: Dazu kommen viel Arbeit und permanenter Jetlag.

FORMICHETTI: Ja, das ist schon irre, ich bin tatsächlich ständig unterwegs. Die monatliche Flugroute ist mindestens einmal New York – London – Mailand – Tokio. In beliebiger Reihenfolge.

INTERVIEW: Dann bist du sicher Mitglied im Mile High Club?

FORMICHETTI: Nein, was ist das?

INTERVIEW: In den Club kommt man nur, wenn man schon einmal Sex im Flugzeug hatte.

FORMICHETTI: Haha … Nein, da bin ich nicht Mitglied, ich hatte nie Sex im Flieger.

INTERVIEW: Solltest du aber.

FORMICHETTI: Wenn ich fliege, ruhe ich mich aus, Fliegen ist die einzige Zeit, in der niemand etwas von mir will und ich nicht erreichbar bin. Ich liebe das! Ich lese viel.

INTERVIEW: Was liest du denn gerade?

FORMICHETTI: momentan lese ich so New- Age-Zeugs, das ich in einem obskuren Laden in London gekauft habe. Und dann lese ich noch Angels In My Hair von Lorna Byrne.

INTERVIEW: Verstehe, also doch eine Hippie- Lesbe! liest du auf Kindle, iPad oder gar in einem richtigen Buch?

FORMICHETTI: Ich lese richtige Bücher, ob du’s glaubst oder nicht! meist schleppe ich ca. zehn Bücher mit mir herum.

INTERVIEW: Echt? mister World Wide Web schleppt echte Bücher mit sich rum?

Foto: Michael Mayren, Styling: Klaus Stockhausen

FORMICHETTI: Offen gestanden kenne ich mich mit dem Internet gar nicht so gut aus, ich führe ein ziemlich analoges Leben. Ich habe beispielsweise noch nie etwas online gekauft.
Ich bin schlichtweg nicht von der Amazon-Idee überzeugt. Ich denke zwar gern darüber nach, wie man eine Marke in digitalen Zeiten verbreiten kann, aber im Grunde meines Herzens bevorzuge ich ein analoges Leben.

INTERVIEW: Das erstaunt mich jetzt, ich hatte vermutet, dass gerade du ständig online bist.

FORMICHETTI: Nein, gar nicht, ich liebe es, Notizen mit einem Stift in meine Kladde zu schreiben. Kein Keyboard für Nicola! Dafür sind doch Assistenten da.

INTERVIEW: Wie viele Assistenten sind derzeit für dich unterwegs?

FORMICHETTI: Ich habe ein ziemlich großes Team, wobei es eigentlich drei Teams sind. Je eins in Tokio, New York und Italien. Das größte ist in New York, da arbeiten ungefähr 20 Leute. Hier erledigen wir die ganze Arbeit für Editorials, Diesel, Gaga und auch für Brooke Candy. Und die ganze Werbung und so weiter …

INTERVIEW: Ist Brooke deine neue Muse?

FORMICHETTI: Ja, ich liebe Brooke. In letzter Zeit hatte ich einfach so viel mit meinem eigenen Job zu tun, dass keine Zeit mehr blieb für Gaga. Brooke startet gerade durch und hat bisher noch nicht so viele Projekte, das klappt zeitlich. außerdem macht es Spaß, mit ihr zusammenzuarbeiten, sie ist cool und frisch …

INTERVIEW: Und ein Underdog! Die magst du, oder?

FORMICHETTI: Ich fühle mich selbst auch immer noch als einer …

INTERVIEW: Wirklich? Immer noch?

FORMICHETTI: Es hört sich vielleicht ko-misch an, denn ich bin ja ganz erfolgreich und meine Arbeit ist schon bekannter. Aber im Grunde geht es mir immer noch darum, der Welt zu zeigen, dass ich meine Sache gut mache.

INTERVIEW: Bedeutet das, du liest neuerdings sogar Kritiken?

FORMICHETTI: Ja, ich habe damit angefangen. am anfang war das schwierig. Bei Mugler waren die Kritiken echt ätzend. all die Leute, die mir ihre Meinung aufdrängen wollten und meinten, alles besser zu wissen. Das hat mich sehr verletzt. Ich habe vorher eher hinter den Kulissen gearbeitet, und auf einmal stand ich im Rampenlicht, und Leute kritisierten mich. Das war wirklich krass. Wenn ich jetzt Kritiken lese, denke ich: „Whatever, fuck you …“

INTERVIEW: Du weißt doch, wie die Social Media funktionieren und kennst deren Bedeutung. Da darfst du dich nicht wundern, wenn die Leute im Netz schreiben, was sie wollen. Egal ob sie Ahnung davon haben oder nicht.

FORMICHETTI: Eigentlich finde ich es auch super, dass man sich frei und öffentlich äußern kann. Erinnere dich nur daran, wie das zum Beispiel früher war, allein um mit jemandem Kontakt aufzunehmen, den man verehrt hat. Man schrieb einen Brief an Michael Jackson – in wo? Neverland Ranch? Kommt das an? Heute sendet man seinem Idol einen Tweet und ist sofort nah dran. Und jeder kann nachverfolgen, was geht. Heutzutage muss man dann eben sein Profil in den sozialen Netzwerken editieren.

INTERVIEW: Was genau meinst du damit?

Foto: Michael Mayren, Styling: Klaus Stockhausen

FORMICHETTI: Ich habe einiges von der neuen Generation gelernt, die mit den sozialen Netzwerken aufgewachsen ist. Kinder von Freunden von mir sind jetzt elf oder zwölf Jahre alt, die finden es viel cooler, wenige ausgewählte Freunde im Netz zu haben als eine endlos lange Freundesliste. Das Internet wird persönlicher. Auch fast alle Modelabels sind mittlerweile im Netz, aber ich habe den Eindruck, dass noch niemand das endgültige Rezept gefunden hat, soziale Netzwerke wirklich innovativ und erfolgreich zu nutzen.

INTERVIEW: Dein Arbeitgeber Diesel ist doch da ganz gut aufgestellt. Dennoch gab es keinen Livestream von der Show.

FORMICHETTI: Eben! Die Show in Venedig wurde extra nicht als Livestream gesendet. Die war nur für ein ausgewähltes Publikum. Ich wollte ganz bewusst etwas anderes machen. Normalerweise sind Livestreams auch todlangweilig. mir geht es um ein ausgeglichenes Verhältnis von digitaler und physischer Welt. Ehrlich gesagt hätte ich am liebsten noch alle darum gebeten, ihre Handys auszuschalten, um die Instagram-Feeds und livestreams zu unterbinden – aber die PR-Leute bekamen gleich Schnappatmung, als ich das vorschlug.

INTERVIEW: Aber der Handyempfang war dort ja eh schlecht.

FORMICHETTI: Ja, die Location war ja dieses Militärgelände, und der Empfang war gestört. Ich fand das perfekt.

INTERVIEW: Waren eigentlich professionelle Models bei der Show, oder waren alle im Netz oder auf der Straße gecastet worden?

FORMICHETTI: Ein Mix aus allem. Ich liebe Models, aber man verliert darüber oftmals den Blick für die wirklichen Menschen. Für mich ist es sehr wichtig, verschiedene Körpermaße und Körperformen zu bedienen.

INTERVIEW: Die Backdrop-Images waren von Nick Knight. Die Bilder von den Jungs in Jockstraps erinnerten mich stark an Nikos, die griechische Unterhosenmarke, die in den Achtzigern hip war. Hast du darauf angespielt?

FORMICHETTI: Oh mein Gott, du kennst Nikos, das ist ja unglaublich! Ertappt!!

INTERVIEW: Wann haben wir uns eigentlich kennengelernt? Das muss irgendwann in den Neunzigern gewesen sein. Zusammengearbeitet haben wir das erste mal 2007 mit Peter Lindbergh für die amerikanische Harper’s.

FORMICHETTI: Ich erinnere mich an unsere Story mit Peter, die war super! aber wann wir uns wirklich zum ersten Mal begegnet sind, weiß ich auch nicht mehr. Bei den Shows, oder? Du warst eigentlich immer bei uns in der britischen Ecke? In jedem Fall hatten wir viel Spaß …

INTERVIEW: Allerdings!

FORMICHETTI: Wenn wir Karten für comme des Garçons oder Balenciaga bekommen haben, war das wie Ostern und Weihnachten an einem Tag. Ich vermisse die alten Zeiten! Heute wird noch nicht einmal mehr geklatscht.

INTERVIEW: Was hörst du gerade? mal abgesehen von Opulence von Brooke Candy?

FORMICHETTI: Ich liebe Future Islands.

Das ist so eine Art Daddy-Rock, erinnert mich an Morrissey und Elvis, schau dir das mal auf YouTube an. Und dann habe ich Pharrell Williams gekauft, wie alle anderen auch. aber meine absolute Lieblingsband ist und bleibt Army of Lovers! Cruzified ist meine Hymne! Ich finde die fantastisch!

INTERVIEW: Das ist nicht dein Ernst! Horror! Hast du die mal getroffen?

FORMICHETTI: Gibt es die denn noch?

INTERVIEW: Die Sängerin sorgte vor ein paar Jahren für einen ziemlichen Skandal, als sie eine Affäre mit dem schwedischen König hatte.

FORMICHETTI: Du verarschst mich? Wirklich? Vielleicht sollte ich sie dann noch schnell zum neuen Gesicht von Diesel machen … (lacht)

INTERVIEW: Ich bin mir nicht sicher, ob das Gesicht das noch hergibt …

FORMICHETTI: Oh mann, der schwedische König ist ein Greis! Das glaube ich nicht!

INTERVIEW: Googelst du das gerade?

FORMICHETTI: Ja klar, ich muss! Wie absurd ist denn diese Story! Großartig! Können wir bitte Schluss machen? Ich muss das hier kurz weiterrecherchieren …

INTERVIEW: Und duschen! Bis bald, Nicola!

FORMICHETTI: Auf bald. Ciao!



Fotos: Michael Mayren, Styling: Klaus Stockhausen, Haare: Martin Cullen/Streeters, Make-up: Miranda, Joyce/Streeters, Models: Val Bird/D1 Model Management, Anastasia Ivanova/Seeds, Charlotte Carey/ Monster Management. Dank an Alban und Frank

06.01.2018 | Kategorie Interview of the Day | Tags ,