Wenn einfach alles schief geht -
Casey Spooner über die härteste Zeit seines Lebens

FISCHERSPOONER waren ja mal einen Sommer lang so ziemlich das Heißeste, was es gab auf der Welt. Damals, als die Endmoräne des 20. Jahrhunderts alles Mögliche vor sich her und ineinandergeschoben hatte, als es noch keine Kameras in den Telefonen gab und auch kein Facebook oder Instagram, schöpfte die ravende Gesellschaft noch einmal eine süße letzte Hoffnung aus dem Killertrack „Emerge“.

FISCHERSPOONER waren ja mal einen Sommer lang so ziemlich das Heißeste, was es gab auf der Welt. Damals, als die Endmoräne des 20. Jahrhunderts alles Mögliche vor sich her und ineinandergeschoben hatte, als es noch keine Kameras in den Telefonen gab und auch kein Facebook oder Instagram, schöpfte die ravende Gesellschaft noch einmal eine süße letzte Hoffnung aus dem Killertrack „Emerge“.Mittlerweile ist das damit begründete Genre des sogenannten Electroclashs in Vergessenheit geraten. Auch Kunst hat durch den seither aufgeschäumten Kunstmarkt einen schnöden Beigeschmack bekommen. Das Aufsehenerregende an Fischerspooner war aber gerade das: Echte elektronische Musik von echten Künstlern dargeboten – ansonsten klingt das ja verlässlich schauderhaft, wenn Künstler plötzlich auch noch Musik machen wollen.

Die Ankündigung eines neuen Albums von Fischerspooner kam wie aus dem Nichts. Dazu angeblich noch produziert von Michael Stipe, dem Mann, der einst mit Patti Smith das schöne „E-Bow the Letter“ sang – vielleicht ist das ungerecht, aber das klang derart seltsam, irgendwie ausgedacht, also schon wieder nach Kunst. Und Kunst – wie gesagt.

Zum Glück handelt es sich bei Casey Spooner um einen nahbaren Künstler. Er beantwortet seine E-Mails. Und er teilt auch gern seine Rufnummer mit. Nicht wissend, dass in unserem Gespräch eine tragische Geschichte von unerhörtem Ausmaß zur Sprache kommen würde, wählte ich den amerikanischen Mobiltelefonanschluss an. Zu der Zeit war es in Berlin 15 Uhr am Nachmittag.

JOACHIM BESSING: Guten Morgen, Herr Spooner. Sind Sie in New York?

CASEY SPOONER: Ja, auf Fire Island.

J B : Sehr schön. Es erscheint ja nicht bloß ein neues Album Ihrer Band Fischerspooner, es wird auch diese Ausstellung mit Fotografien geben in Wien – warum eigentlich in Wien?

C S : Ich weiß es auch nicht. Das hat sich zufällig ergeben. Es gab da einen Creative Director, mit dem wir gearbeitet haben, und er war in Wien, um dort einen Freund zu besuchen. Dieser Freund hat dann wiederum einem Freund erzählt, dass er da jemanden kennt, der mit Fischerspooner zusammenarbeitet – eben an diesen Fotos, die dort jetzt ausgestellt werden.

J B : Waren Sie selbst schon einmal dort, also in Wien?

C S : Jaja, ich war da schon ein paar Mal. Wir sind dort auch aufgetreten.

J B : Wie finden Sie die Schnitzelkultur?

C S : Einfach herrlich ist das! Aber immer, wenn ich dort war, hatte ich viel zu wenig Zeit. Dabei gibt es wunderschöne Museen, überhaupt die Kulisse. Wien ist eine Stadt, in die ich gern fahre, weil ich das Gefühl habe, noch immer nicht alles gesehen zu haben.

JB:Ja,ineinpaarTagensiehtmanso gut wie gar nichts von Wien. Man bleibt idealerweise für ein paar Monate dort, um all die verborgenen Schätze der Stadt auch entdecken zu können.

C S : Ganz genau. Deshalb kehre ich auch immer wieder nach Wien zurück.

J B : Wo wir beim Entdecken verborgener Schätze sind: Es gibt in der Ausstellung dieses eine Bild, da sitzen zwei spärlich bekleidete Männer auf einem Sofa, und dahinter sieht man in ein Bücherregal. Da steht ein Bildband des Schweizer Fotografen Walter Pfeiffer. Wie kamen Sie auf den?

C S : Oha, das Buch liebe ich! Und es ist übrigens mein eigenes Bücherregal, das Sie da gesehen haben. Die Fotos sind bei mir daheim entstanden.

J B : Bücherregale könnte ich mir stundenlang anschauen.

C S : Ja, also den Band von Walter Pfeiffer hat mir Warren Fischer mal zum Geburtstag geschenkt. Und das Buch ist dann für uns sehr wichtig geworden, weil wir stilistisch davon sehr beeinflusst wurden. Kürzlich erst haben wir „New Truth“ veröffentlicht, ein Buch über die Entstehungsgeschichte von Fischerspooner, darin beziehen wir uns auf Pfeiffer und auf seinen Umgang mit Dokumenten aus dem Archiv.

J B : Haben Sie Herrn Pfeiffer denn auch persönlich kennenlernen können?

C S : Nein. Neinneinnein! Ich bin ihm noch nie begegnet. Aber sein Buch ist vielleicht das Erstaunlichste und Schönste, das mir je zu Gesicht gekommen ist.

J B : Angeblich hat Michael Stipe Ihr neues Album produziert, stimmt das?

CS: Ja, er hat mit an den Songs geschrieben und die Musik produziert.

J B : Lebt er noch in Berlin?

C S : Ja, aber aufgenommen haben wir in New York und in Georgia, wo er ja auch noch viel Zeit verbringt.

J B : Ich habe nur gute Erinnerungen an den ersten Auftritt von Fischerspooner in Berlin. Es war im Sommer. Möglicherweise im Rahmen der Loveparade.

C S : Das war im Sommer 2000.

J B : Einige der Bandmitglieder waren in Loden gekleidet oder in Lederhosen, und jemand hatte sich als Yeti angezogen.

C S : Ah ja, das waren die ersten beiden Auftritte außerhalb von New York City. Klaus Biesenbach hatte uns für den Samstagabend der Loveparade engagiert. Am nächsten Tag haben wir noch auf der Afterhour im WMF gespielt. Mit DJ Hell.

“Kaum hatten wir angefangen, an unserer Platte zu arbeiten, zerbrach mein komplettes Leben in Stücke. Ich verlor alles”
Tweet this

J B : Da war ich, glaube ich. Sehr schön war’s. Was ist denn in der Zwischenzeit passiert?

C S : Oh Mann. Wollen Sie wirklich, dass ich das alles erzähle? Was in den letzten 17 Jahren passiert ist?

J B : Unbedingt!

C S : Na ja, alles fing damit an, dass wir ein Performanceprojekt angefangen hatten. Mit Fischerspooner wollten wir etwas über die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie aussagen. Darin waren wir offenbar so gut, dass die Leute glaubten, bei Fischerspooner handelte es sich um eine wirkliche Popgruppe, ein Produkt dieser Unterhaltungsindustrie. Das Ganze passierte ja, bevor das Internet so richtig populär wurde. Wir wurden berühmt zu einer Zeit, in der die Welt noch nicht vernetzt war. Unsere Art, Videos zu machen, unser Fotodesign, auch der Sound waren damals noch ungewöhnlich. Als das Internet sich als Massenmedium durchgesetzt hatte, waren wir bereit. Wir hatten unsere Kunstform weit entwickelt, und so wurden wir in den global vernetzten Wahrnehmungsapparat hineingeschleudert. Das lief natürlich nicht glatt, denn die Musikindustrie hinkte dieser technologischen Revolution etwas hinterher. Und in dieser seltsamen Übergangsphase, in der sich die Musikindustrie noch nicht von der Vergangenheit lösen konnte, wir wiederum bereits in der Zukunft eingetroffen waren, hat es uns erwischt. Und das lag an den finanziellen Strukturen, die sich als prinzipiell unvereinbar herausgestellt hatten.

J B : Hahaha, was für eine wunderschöne Beschreibung einer Pleite!

C S : Tja, es war eben keine konzeptuelle Pleite, wie man sie als Künstler gewohnt ist. Es ging rein ums Geld.

J B : Es kam keine fruchtbare Verbindung zustande.

C S : Nein. Die Kunstwelt wollte, dass Fischerspooner ein Geheimtipp bleiben. Alles möglichst limitiert. Die Plattenfirma wollte freilich von alldem das Gegenteil: Sättigung und mehr. Na ja, ich hatte ja geglaubt, mit Fischerspooner könnte es uns gelingen, Andy Warhol in den Schatten zu stellen. Wir haben dann einsehen müssen, dass das nicht geht: Man durfte kein Entertainer werden und gleichzeitig noch Künstler bleiben. Oder umgekehrt. Das war damals nicht cool. Zur selben Zeit kam es sowohl in der Kunst als auch in der Plattenbranche zu epochalen Umwälzungsprozessen. Kleine Plattenfirmen wurden von Plattenkonzernen geschluckt, Galerien von größeren Galerien, die dann von noch größeren. Alles fusionierte, alles wurde größer und noch größer. Und dann brach all dies in sich zusammen.

J B : Wann war das?

C S : Wie bitte? Da draußen ist ein extrem lauter Vogel, der macht einen irrsinnigen Lärm.

J B : Wann es zur Implosion kam?

C S : Ich würde sagen: 2005. Nach „Odyssey“, unserer zweiten Platte. Das war dann für eine Weile auch das Ende unserer Band. Es lief ab wie nach dem schlechten Ende einer Beziehung. Erst lief ich fort. Dann lief Warren fort. Wir hatten uns beide von der Idee verabschiedet, dass aus Fischerspooner noch etwas werden könnte. Ich fing dann an, mit der Wooster Group zu arbeiten. Damit kehrte ich nach meinem kurzen Ausflug in den Kommerz zu meinen Wurzeln als experimenteller Performancekünstler zurück.

J B : Aber es erschien dann noch eine weitere Platte: „Entertainment“.

C S : Ja, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, wie die zustande kam. Ich weiß, dass wir so um 2007 daran gearbeitet haben. Und dass wir währenddessen von der Plattenfirma fallen gelassen wurden. Wie so viele um uns herum. Die Musikindustrie ging gerade durch eine politische Phase. Es gab viele Wechsel im Management, weil die Zukunft nun unwiderruflich die Musikbranche erreicht hatte. Bis dahin hatte das Geschäft aus dem Verkauf von Tonträgern bestanden. Damit war es jetzt endgültig vorbei. Etwas musste dringend getan werden. Oder geändert. Niemand wusste, was. Deshalb wurde Ballast abgeworfen wie wild. Wir haben unsere Platte dann ohne Vertrag und auch ohne Studio fertiggestellt. In einer Garage. Einen Produzenten hatten wir noch, und die Performance zur Veröffentlichung war wunderschön. Kurz darauf kam es zur Rezession.

J B : Ah, dann haben wir jetzt also schon 2008.

C S : Ein Horrorjahr. Wir hatten einen Vertrag abgeschlossen, aber der löste sich in Luft auf. Und wir hatten gigantische Schulden. Der künstlerische Erfolg war enorm. Kommerziell waren wir geliefert. Es ging noch eine Weile lang weiter, ich spielte in einem Film mit und so weiter, aber im Frühjahr 2013, warum, das weiß ich nicht, traf ich mich mit Warren für eine Probeaufnahme. Einfach weil wir wissen wollten, wie das wohl wäre, wenn wir wieder Musik zusammen machten. Ich glaube, ich hatte überhaupt keine Lust dazu. Mir graute davor, noch einmal jahrelang an einer Platte zu arbeiten. Noch einmal viele Tausende Dollar zu verlieren vor allem. Aber Warren versprach mir, es würde nicht länger als sechs Monate dauern. Und vom ersten Moment an wusste ich, was ich mit dieser Platte würde sagen wollen. Ich wollte eine Platte machen über meine homosexuelle Erzählstruktur. Dazu fiel mir eine Menge ein. Und nach den ersten Probeaufnahmen fragte ich mich halt schon, warum wir eine derart gute Band waren. Nach einer Woche unserer Zusammenarbeit hatten wir bereits einen großartigen Song aufgenommen. Und jetzt sind wir also wieder da. Ich denke, wir haben die beste Platte in unserer Geschichte aufgenommen.

J B : Wow!

C S : Das hat auch ganz viel mit Michael zu tun. Mit Warren arbeite ich gern, weil wir beide so ehrgeizig sind. Derartig, dass wir uns andauernd zu übertrumpfen versuchen in Sachen Ideenreichtum und Arbeitseifer. Es gibt ganz einfach niemanden, der uns da schlagen könnte. Es werden Kreativschlachten ausgetragen. Fischerspooner besteht aus zwei American Type A New York Workaholics. Dann kam Michael Stipe dazu. Wir hatten da schon zwei Jahre an der Platte gearbeitet. Insgeheim war ich davon ausgegangen, dass wir fertig waren. Es gab zwölf Songs. Es wäre ein stabiles Independentalbum geworden. Aber Warren hatte ein kompliziertes Instrumental geschrieben, das mir sehr gefiel, aber ich kam mit dem Gesang nicht zurecht. Noch nicht einmal eine Melodie fiel mir dazu ein. Also fragte ich Michael um Rat. Nach ein paar Stunden hatte er wunderbare, bezaubernde, auch erstaunliche Ideen, wie ich das singen könnte. Michael war ja mein erster Freund, mein erster Liebhaber auch, als ich 18 war. Wir kennen uns schon lange. Aber zusammengearbeitet hatten wir noch nie.

J B : Jetzt wird der Roman auch noch romantisch!

C S : Ich weiß. Und dass er mir beistehen wollte, um mir mit der Platte zu helfen, war ein sehr starkes Motiv. Als wir den Song „Get It On“ geschrieben haben, hatten wir die Nacht zuvor durchgeredet. Da ging es um die Nacht in unserer Heimatstadt Athens, damals, als wir uns kennengelernt hatten. Wir hatten uns ja auf der Tanzfläche kennengelernt.

J B : Schöner Titel für den Roman!

C S : Das Album ist der Roman. Das Motiv ist die Tanzfläche. „Get It On“ ist zu dem Stück geworden, mit dem alles begann. Es gab noch einen anderen Mann damals, mit dem ich eine Affäre hatte. Es gab noch einen, und dann gab es Michael. Und kein anderes Stück, an dem ich in den zwei Jahren zuvor gearbeitet hatte, ist übrigens auf dem Album geblieben. Und das kam so: Michael hatte mich einmal gefragt, ob er mir ein paar Anmerkungen machen dürfte zu diesem Album, von dem ich zu diesem Zeitpunkt geglaubt hatte, dass es bald fertig sein würde. Ich willigte ein, und weil ich zu jener Zeit glücklicherweise extrem viel meditiert hatte, war ich für meine Verhältnisse entspannt. Ich bekam einen Totalverriss. Ich hab das als meine Lehre beim Großmeister gesehen. Der Großmeister lehrte mich, wie ich meinen Ideen zum Ausdruck verhelfen kann. Es war ja zu ahnen, was ich versucht hatte zu sagen. Mit Michaels Hilfe kam es dann auch heraus. Dazu hatte er noch ein paar konkrete Vorstellungen, was an mir selbst geändert werden müsste: die Tonlage meiner Stimme, dass ich expressiver sänge; gefühlvoller auch. Weniger künstlich. Das Vorbild war, ganz klar eigentlich: Richard Harris mit „MacArthur Park“.

J B : Was ja unter Popkritikern als eines der kitschigsten Lieder aller Zeiten gilt.

C S : Ist das so? Jedenfalls hat mir Michael geholfen, die Freude an der Arbeit wiederzufinden. Weil er viel schneller als Warren oder ich eine Idee als gut oder schlecht verwirft. Dadurch fanden wir zur Spontaneität zurück, zur Lebendigkeit. Deshalb klingt das neue Album auch nicht zu Tode produziert. Michael hatte zu dieser Zeit nichts mehr zu tun mit R.E.M. Die Band hatte sich aufgelöst. Er beschäftigte sich mit Fotografie und Bildhauerei. Aber nun wurde er wieder hineingezogen ins Musikmachen. Was ihm daran gefiel, glaube ich, war, dass er als mein Ghostwriter komponieren konnte. Dass er die Songs nicht selbst singen musste. Hinzu kam, dass wir beide, als ehemalige Liebespartner, uns dort, in der Musik, noch einmal intensiv miteinander beschäftigen konnten. Auf seelischer Ebene. Mir waren ja bis dahin auch viele sehr schreckliche Dinge zugestoßen, die konnten wir uns nun gemeinsam ansehen. Anfänglich lebte ich noch in einer harmonischen Beziehung, wir hatten ein schönes Heim. Kaum hatten Warren und ich angefangen, an unserer Platte zu arbeiten, zerbrach mein komplettes Leben in Stücke. Ich verlor alles.

J B : Was?

C S : Ja. Ich wurde aus meiner Wohnung geschmissen, mein Mann trennte sich von mir. Mir wurden meine Haustiere weggenommen. Dann starb jemand aus meiner Familie. Ich zerstritt mich mit meiner Mutter. Es war ein heftiger Häutungsprozess. Und auf eine seltsame Art und Weise schien diese Pechsträhne auf Gedeih und Verderb zusammenzuhängen mit meiner künstlerischen Wiederauferstehung. Dieses Album ist ein Teil meines Heilungsprozesses. Und in dieser scheußlichen Zeit war Michael für mich da. Mir geht es ja noch immer nicht gut, aber es gab auch Zeiten, da weinte ich am Mikrofon.

Die Ausstellung „SIR“ mit der Fotokunst von FISCHERSPOONER wird noch bis zum 29. Oktober 2017 im Mumok in Wien gezeigt.

Interview: Joachim Bessing

13.10.2017 | Kategorien Interviews, Musik | Tags , ,