ALMA

Sie ist die neue Pop-Sensation aus Finnland. Dabei entspricht ALMA nicht einmal dem gängigen Pop-Star-Ideal: kratzige Stimme, punkiges Outfit und neon-grünes Haar. Mit Chasing Highs und Dye My Hair gelang ihr im letzten Jahr der internationale Durchbruch. Es folgten Kollaborationen mit Felix Jaehn, French Montana und Charli XCX. Ihre zehn beliebtesten Songs wurden auf Spotify schon etwa 250 Millionen mal gestreamt. Dabei steht sie noch ganz am Anfang ihrer Karriere.

Foto: © Andre Pozusis

TAHIR CHAUDHRY: Wie läufts?

ALMA: Alles easy breezy.

TC: Berlin muss sich fast wie eine zweite Heimat anfühlen. Deine Musikkarriere startete in Deutschland. Deine EP wurde hier in Berlin aufgenommen.

ALMA: Ja, so fühlt es sich an. Ich war schon mehrmals hier und ich habe in Berlin viele Freunde. Deshalb bleibe ich hier diesmal auch für drei Tage. Ein Tag ist für die Show verplant, der andere ist für Promo und der letzte für Freizeit.

TC: Hast du Pläne für den letzten Tag?

ALMA: Wir werden bestimmt in einen Club gehen. In welchen genau, weiß ich nicht. Und ich mag es einfach herumzuspazieren und mir die kleinen Straßen und Shops anzuschauen.

TC: Wenn du hier bist, was vermisst du von Finnland?

ALMA: Ich vermisse die Ruhe, den Frieden und Natur. Hier alles boaah…Autos, Fahrräder, Menschen und Musik!

TC: Die meiste Zeit lebst und arbeitest du im Ausland. Findest du überhaupt noch die Zeit, deine Familie in Finnland zu besuchen?

ALMA: Ich versuche es, so viel es geht, aber es ist gerade sehr hart. Ich mache derzeit so viel. Ich arbeite an meinem neuen Album und bin auf Tour. Deshalb habe ich meine Familie seit einer Weile nicht mehr gesehen. Aber immer wenn ich denn Freizeit habe, bin ich zu Hause.

TC: Du wohnst immer noch im Haus deiner Eltern.

ALMA: Ja, aber ich bin gerade dabei, mir ein eigenes Haus zu kaufen. Mein Leben ist im Moment sehr hektisch. Eigentlich bräuchte ich eine Woche frei, um mir dort Häuser anzuschauen. Vor etwa einem Jahr hatte ich mir schon vorgenommen, umzuziehen. Aber mein Zeitplan war so dicht, dass ich noch nicht den Schritt machen konnte.

TC: Was halten deine Eltern von all dem?

ALMA: Sie sind aufgeregt, aber manchmal natürlich auch traurig, dass sie mich seltener zu Gesicht bekommen. Aber sie vertrauen mir und sie sind sehr sehr stolz auf mich.

TC: Wenn ich sie fragen würde, wie Alma als Tochter ist. Was würden sie sagen?

ALMA: Sie würden sagen, sie ist laut und lustig. Und manchmal ist es schwer mit ihr, wenn sie sauer ist. Aber sie ist liebenswert!

ALMA: “Ich habe zwei Seiten. Privat bin ich sehr reserviert und ich weine viel. Aber als Künstlerin bin ich sehr selbstbewusst und auf der Bühne habe ich dieses... Ding! Ich bin so stark wie ein Monster.”
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TC: Dein Erscheinungsbild ist für eine Pop-Sängerin ungewöhnlich. Es erinnert mich an ein Mitglied einer Mädchengang.

ALMA: Ja (haha)! Ich wäre gern in einer Mädchengang. Ich weiß nicht… das ist eben wer ich bin.

TC: Die kratzige Stimme, der punkige Kleidungsstil und das neon-grün-gelbe Haar. Warst du früher in einer Mädchengang?

ALMA: Ja, das war ich. Ich hatte meine Homies. Wir waren eine gute Gang… aber echt böse. Wir waren sehr wild. Wir haben alles gemacht, was von uns nicht erwartet wurde. Das war lustig. Es gibt so viele verrückte Geschichten. Wir haben alles gemacht, was illegal war.

TC: Zum Beispiel?

ALMA: Wir alle waren sehr jung, hatten gefälschte Ausweise und liebten es, feiern zu gehen (haha).

TC: Hatte das finnische Klima Einfluss auf euer Verhalten?

AM: Ja, natürlich. Finnland ist im Winter sehr dunkel und kalt. Die Sonne geht nicht auf. Das macht die Menschen sauer. Aber die Kultur würde ich als sehr schüchtern bezeichnen.

TC: Ich habe gelesen, dass in Skandinavien große Spiegel als Reflektoren für die Sonne verwendet werden, auch Licht-Therapie und positive Psychologie, um die saisonbedingte Depression zu überwinden.

ALMA: Ja, das alles habe ich lange Zeit nicht verstanden, bis ich anfing die Welt zu bereisen. Und ich habe gesehen… Wow! Da ist ja immer Licht und die Menschen sind glücklich. Dann habe ich verstanden, dass unsere Kultur sehr düster ist. Wir sind glückliche Menschen, aber zeigen es nicht offen. Wir gehen nicht unter Menschen wie in Berlin. Die sind ja von Montag bis Sonntag draußen. Sie trinken, essen und haben eine schöne Zeit. Das tun Finnen nicht. Sie bleiben lieber zu Hause bei ihren Familien.

TC: Wie haben die Erfahrungen im Ausland deine Musik geformt?

ALMA: Ich glaube, dass meine Songs jetzt positiver sind. In all meinen Geschichten gibt es sozusagen ein Happy End. Du kannst gewinnen, erfolgreich und glücklich sein. Auf Reisen habe ich gemerkt, dass ich gerne eine Mischung aus verschiedenen Kulturen erschaffen möchte. Ich will nicht nur den einen möglichen Lebensweg zeigen.

TC: In deiner Hit-Single Dye My Hair singst du: “I’m not that kinda girl, to keep my voice unheard, to carefully pick words, I’m not that kinda girl, To easily get hurt”. Ist es ein Fluch oder ein Segen, so zu sein?

ALMA: Es ist definitiv ein Segen. Ich war nicht immer so. Doch jetzt, wo ich erfolgreich und glücklich über mich selbst bin, bin ich in dieser Position. Es ist nicht mehr leicht, mich zu verletzen. Und wenn ich spreche, hören mir die Menschen zu. Ich mag es, Dinge zu sagen, bei denen Menschen normalerweise Angst haben, sie zu sagen. Es braucht viel Selbstbewusstsein, um dort hinzukommen.

TC: Ich sagte “Fluch”, weil so zu sein auch bedeuten kann, dass man weniger sensibel ist und deshalb für “Chasing Highs” nicht mehr in der Lage ist.

ALMA: Ich bin sehr sensibel. Ich glaube, dass jeder Künstler abgefuckt ist (haha). Ich habe zwei Seiten. Privat bin ich sehr reserviert und ich weine viel. Aber als Künstlerin bin ich sehr selbstbewusst und auf der Bühne habe ich dieses… Ding! Ich bin so stark wie ein Monster.

TC: Dein neues Album steht in den Startlöchern. Worum geht es darin?

ALMA: Ich habe bisher nicht so viel über mein Album gesprochen, aber ich glaube, jetzt ist es endlich an der Zeit, das zu tun. Ich habe das ganze Album für mich selbst gemacht. Es geht darum, Regeln zu brechen… als Künstlerin, als Pop-Musikerin und als Mensch. Besonders, wenn man als Frau auf diesem Planeten geboren wird, gibt es viele Regeln. Man darf nicht das tun, was die meisten Menschen dürfen. Diese Regeln waren in jeder fucking Sache, die ich von meiner Kindheit bis heute getan habe, präsent. Irgendwann habe ich realisiert, dass ich nicht mehr in eine Schublade gezwungen werden möchte und die sein möchte, die ich sein will. Die einzige Regel, die für mich gilt, ist es, niemanden zu verletzen. Und in meinem Album geht es darum, wie ich all das verstehen lerne.

TC: Also noch mehr teenage-rebel-feeling…

ALMA: Total. Das ist Empowerment. Diesmal sind die Songtexte viel tiefer und persönlicher. Es geht um Dinge, die in meinem Kopf sind, die ich aber noch nicht einmal mit meinen Freunden geteilt habe.

TC: Hast du auf der neuen Platte einen Liebenlingstext?

ALMA: Ja, habe ich. Aber ich kann dir nichts darüber sagen. Das ist die neue Single, die bald herauskommen wird. Es ist der beste Song, den ich jemals geschrieben habe. Ich denke, ich werde niemals einen besseren Song schreiben.

TC: Du sagst, dass deine Alben wie Tagebücher sind, in denen du alle positiven Erinnerungen festhältst. Geht es in deinem neuen Album nur um gute Zeiten?

ALMA: Nein. Ich denke, dass ich damit alle schockieren werde. Es ist ganz und gar nicht so dancy und spaßig wie meine letzten Singles. Als ich meine Karriere gestartet habe, war ich verängstigt, weil ich nicht wusste, wie die Menschen auf mich als Künstlerin reagieren würden. Deshalb habe ich damals so leichte Themen wie “Chasing Highs” gewählt. Aber jetzt, wo ich weiß, dass ich Fans habe, die mich dafür lieben wie ich bin, bin ich bereit über all die verrückte Scheiße zu sprechen, die ich durchmache. Es wird also etwas düsterer. Ich bin aufgeregt, aber habe auch Angst.

TC: Wenn du vor zwei Jahren nicht den Durchbruch gehabt hättest, wo würdest du heute sein?

ALMA: Ich wäre Daheim und würde vielleicht als Barkeeperin arbeiten. Oder ich würde in der Schule mit Kindern arbeiten. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die Schule das Richtige für mich gewesen wären. Ich selbst war sehr langsam im Lernen und ich habe es gehasst, herumzusitzen, weil ich die ganze Zeit etwas mit meinen Händen machen wollte. Ich wollte schon immer gerne ein gutes Vorbild für Kinder sein, weil ich nicht perfekt bin. Und ich glaube, dass Vorbilder nicht perfekt sein sollten.

TC: Durch deinen musikalischen Erfolg lebst du heute deinen Traum. Was sind deine nächsten Lebensziele?

ALMA: Dass meine neue Single herauskommt. Im Moment ist das für mich die wichtigste Sache. Darüber denke ich jeden Tag nach. Und darüber, bald mein neues Album zu veröffentlichen. Es gab nie ein wichtigeres Projekt in meinem Leben. Ich würde gerne durch die ganze Welt touren, mit anderen Künstlern zusammenarbeiten und mehr Menschen mit meinen Songs erreichen. Das einzige echte Lebensziel ist eigentlich, glücklich zu sein. Auch wenn sich das wie ein Klischee anhört. Aber das ist, wo ich sein möchte.

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