"Wir brauchen weniger als wir denken.
Eigentlich gibt es genug für jeden."

Amber Valletta engagiert sich nach fast drei Jahrzehnten in der Fashionbranche für Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Mit uns sprach sie über ihre Rolle als Influencer und wie ein Umdenken gelingen kann.



Auf der me convention in Frankfurt am Main, die parallel zur diesjährigen IAA stattfand diskutierte Model und Unternehmerin Amber Valletta mit Liz Bacelar, Céline Semaan und Ryan Gellert über Circular Fashion, Ethik in der Fashionindustrie, Konzepte zur Nachhaltigkeit und das geänderte Konsumentenverhalten der Gegenwart. Wir sprachen mit Amber Valletta über Kindheitserfahrungen, was ihr unternehmerisches Handeln bestimmt und warum sie gerne einen Film in Europa drehen würde.

INTERVIEW: Sie stammen aus dem mittleren Westen der USA, wo sich Ihre Mutter in der Naturschutzbewegung engagierte. Stimmt es, dass sie einst während einer Demonstration gegen den Bau eines Atomkraftwerkes verhaftet worden ist?

 

AMBER VALLETTA: Meine Mutter wuchs in Oklahoma auf und ist ihrer Heimat sehr verbunden. Sie ist ein Kind der Sechziger Jahre und glaubt daran, für die eigenen Überzeugungen zu kämpfen. Damals wurde versucht, ganz in der Nähe von unserer Stadt ein Kernkraftwerk auf indigenem Land zu errichten. Es war meiner Mutter nicht nur ein Anliegen, deren Land zu schützen, sondern sich auch für die Gesundheit aller Bewohner der Gegend einzusetzen. Sie tat sich mit Familienmitgliedern und anderen Menschen zusammen und schloss sich den Protesten an. Wir als Kinder durften auch mit dabei sein und nach Herzenslust schreien haha. Bei einem dieser Protestmärsche sagten die Polizisten : „Bis hierhin und nicht weiter, das ist Privatgelände“. Kurz darauf wurde sie festgenommen. Es war aber immer friedlicher Protest, es war eher als ziviler Ungehorsam zu verstehen. Erst wesentlich später habe ich wirklich begriffen, was man bewegen kann, wenn man sich zusammentut um etwas zu verändern.

 

INTERVIEW: Sie haben viel Zeit auf der Farm ihrer Großeltern verbracht. Inwiefern hat Sie das Leben dort geprägt?

Amber Valletta: “Erst später habe ich wirklich begriffen, was man bewegen kann, wenn man sich zusammentut um etwas zu verändern.”
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A V : Ich bin in Tulsa, einer Großstadt aufgewachsen. Meine Großeltern lebten außerhalb auf dem Land. Ich war dort fast jedes Wochenende und verbrachte meist den kompletten Sommer dort. Soviel Natur wie dort bekommt man in einer Großstadt natürlich nicht zu sehen. Zusammen mit meinen Großeltern draußen in der Natur zu sein, war einfach komplette Freiheit für mich. Wir spielten am Fluss, haben gefischt, sind ins Wasser gesprungen und haben nur innegehalten, wenn aus dem hohen Gras plötzlich eine Schlange aufgetaucht ist haha. Eigentlich sollte jedes Kind diese Möglichkeit haben – es trägt einfach zur Gesundheit bei – sei es physisch oder mental. Ich habe gelernt die Natur wertzuschätzen, ich fühle mich sicher in ihr. Tiere machen mir keine Angst, auch wenn ich natürlich nicht gerne von Mosquitos gebissen werde haha.

 

INTERVIEW: Sie sind über lange Jahre Teil der Fashionwelt gewesen. Heute gibt es Apps wie Instagram, mit der Menschen sich selbst vermarkten. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?

Amber Valletta und Sohn Auden McCaw

A V : Instagram ist im wahrsten Sinne des Wortes bemerkenswert. Heutzutage starten ganze Karrieren auf diesem Wege. Manch einer hätte wohlmöglich gar keine Karriere gemacht ohne diese App. Es ist ein Werkzeug, aber eines, das man sinnvoll nutzen sollte. Man sollte einfach nicht nur sein Äußeres zeigen oder wie cool man ist, sondern auch zeigen, für was man einsteht, an was man glaubt. Wenn man nicht nur ein Selfie einstellt, sondern auch seine Werte, ist es – glaube ich – eine gute Sache. Man sollte es klug nutzen.

 

INTERVIEW: Im Rahmen Ihres Panels haben Sie gesagt, dass Sie in der Fashion-Welt irgendwann den Punkt erreicht haben, an dem Sie sich nicht mehr in Übereinstimmung mit Ihren eigenen Werten gefühlt haben.

 

A V : Es gab nicht den einen, herausgelösten Moment, in dem ich realisiert habe, das etwas nicht mehr in Ordnung ist. Ich habe meine Augen und Ohren schon immer offen gehalten. Zum Beispiel wenn ich bei einem Photoshoot war, fiel mir auf „Oh, wir erzeugen hier wirklich eine ganze Menge Plastikmüll“. Auch das Aufkommen der sogenannten „Fast-Fashion“ war etwas , dass mir innerlich widerstrebte, das nicht richtig sein kann. Ich glaube, ich habe einfach angefangen, über bestimmte Dinge in einer globalen Perspektive zu denken, insbesondere als ich etwas mehr Abstand zur Modewelt hatte. Als ich begonnen habe, als Unternehmerin tätig zu werden, dachte ich mir: So geht es nicht weiter. Alles was ich ab jetzt tun werde, muss auf Werten basieren.

 

INTERVIEW: Heutzutage sind Menschen, die mit Tüten voller Fast-Fashion in der Stadt unterwegs sind, ein allgegenwärtiger Teil des Stadtbildes. Was sollten diese Menschen wissen, wenn sie bei diesen Firmen einkaufen?

Amber Valletta: “Als ich begonnen habe, als Unternehmerin tätig zu werden, dachte ich mir: So geht es nicht weiter. Alles was ich ab jetzt tun werde, muss auf Werten basieren.”
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A V : Es gibt eine ganze Reihe von Kehrseiten dieser Art der Produktion: Die Kleidung ist in vielen Fällen nicht biologisch abbaubar. Oft landen die Klamotten irgendwann in weit entfernten Ländern, wo die lokale Textil-Produktion dadurch zum Erliegen kommt. Manche nennen es „fast fashion“, man könnte auch „cheap fashion „ dazu sagen. Egal wie man es nennt, diese Art der Produktion hat Auswirkungen auf die Umwelt und die Wirtschaft dieser Länder, die eigentlich vermeidbar wären. Viele Menschen wissen das leider nicht, da liegt das Problem. Also müssen wir das weiterhin zum Thema machen, um Verbraucher für solche Themen zu sensibilisieren.

 

INTERVIEW: In Ihrem Panel über Circular Fashion kam auch zur Sprache, dass große und einflussreiche Marken die Möglichkeit haben das Nachhaltige als den neuen Luxus zu promoten.

Ambr Valletta: “Wir brauchen weniger als wir denken. Eigentlich gibt es genug für jeden.”
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A V : Ja, es macht keinen Sinn die Menschen über das schlechte Gewissen anzusprechen. Ein aufgeklärter, informierter Verbraucher macht mehr Sinn. Was natürlich auch sein muss: Gutes Design. Wenn es cool aussieht. Es kann witzig und sexy sein und gleichzeitig ein Produkt mit Mehrwert. Und es sollte erschwinglich sein. Heutzutage hat man die Wahl: Im Handel gibt es jetzt fast überall Bio-Lebensmittel. Früher war das nicht so, da war das ein Nischenprodukt. Das ist schon mal eine große Veränderung. Auf diesem Weg ist auch der Fashion-Bereich, da sollte eher im großen Ganzen gedacht werden. Nachhaltigkeit ist die unternehmerische Zukunft. Es geht weniger darum, darüber zu sprechen, ist etwas nun „öko“ oder „green“, lasst uns Taten sprechen lassen. Es ist wie beim daten: Man will keine Pro/Contra-Liste daten, sondern die Person im Ganzen erleben haha. Wir müssen es also selbst angehen, selber herstellen oder als Verbraucher von den großen Produzenten verlangen.

INTERVIEW: Ein großes Problem ist, dass die sogenannte „Fast-Fashion-Industrie“ ungeheure Mengen an Textilien produziert.

A V : Wir als Verbraucher müssen uns umstellen. Wir brauchen weniger als wir denken. Ich glaube unser Planet könnte neu erblühen wenn wir wegkommen von dem Denken: „Ich will immer mehr “. Es sollte so sein: „Ich bekomme mehr, aber alle um mich herum auch“. Eigentlich gibt es genug für jeden. Es ist einfach eine seltsame menschliche Eigenschaft hinzunehmen, dass es jemand anderem schlechter geht, damit ich selbst mehr habe. Leider ist es tief in den Köpfen verankert, aber es ist falsch.

 

INTERVIEW: Kommen wir vielleicht noch kurz zur Schauspielerei. Wie muss man sich umstellen, wenn man über Jahre hinweg gemodelt hat und dann vor einer Filmkamera steht?

Beim Modeln ist man sich der Kamera stets bewusst, man sucht aktiv die Verbindung zur Kamera. Beim Schauspielern muss man die Kamera komplett ausblenden, selbst wenn man eigentlich direkt in sie hineinspricht. Selbst wenn man beim Filmen die „vierte Wand“ bricht, spricht man ja direkt zum Publikum, nie hat man eine direkte Verbindung zur Kamera wie beim Modeln. Deshalb ist es nicht ganz einfach vom Modeln zum Film zu wechseln.

 

INTERVIEW: Haben Sie bisher schon in Europa gedreht?

 

A V : Bisher leider noch nicht, aber ich würde sehr gerne. Vielleicht in der Zukunft. Im europäischen Film lieben sie einfach Frauen in meinem Alter haha.



Hier finden Sie die Aufzeichnung des me Convention Talks zum Thema Circular Fashion mit Amber Valletta, Ryan Gellert, Céline Semaan und Liz Bacelar:

Fotos: Mercedes-Benz Fashion

Interview: Alexander Ghani

21.09.2017 | Kategorien Fashion, Interviews, Video | Tags , ,