Aus dem Archiv:
JOHN LENNON

Yoko Ono, John Lennon und Andy Warhol | 05. Juni 1971 | Foto © David Bourdon

Nach langer Zeit wieder auf Vinyl erhältlich: John Lennons Soloalben in einer Box! Passend dazu: Das Gespräch von Onkel Andy mit John und Yoko aus unserer Juni-Ausgabe 1971!

Die Besonderheit an Lennons Solowerk ist wahrscheinlich, dass man meint, es irgendwie zu kennen, um festzustellen, dass man es doch nicht kennt. Zum Beispiel „John Lennon/Plastic Ono Band“ von 1970: Lennon und Ono haben gerade einen Workshop bei dem beliebten Urschrei-Therapeuten Dr. Arthur Janov hinter sich. Kindheitstraumata sollten gelöst werden, was dazu führte, dass Lennon ausgiebig schrie aber akustisch ansprechend. Oder „Some Time in New York City“ von 1972: Ein Doppelalbum in Dialogform, bei dem sich Songs von Lennon und Ono abwechseln. Lennon entdeckt dabei den  Protestsänger in sich, Ono hat allerdings die besseren Songs. Ähnliches gilt für „Double Fantasy“ von 1980 und „Milk and Honey“ von 1984, das vier Jahre nach Lennons Tod erscheint. Der Protestanteil tendiert gen Null, aber die Dialogform bleibt. Außerdem noch mit in der Box sind „Imagine“ (1971), „Mind Games“ (1973), „Walls and Bridges“ (1974) und „Rock and Roll“ (1975).

Das folgende Interview wurde im Juni 1971 in New York geführt. Die Teilnehmer sind Andy Warhol, Paul Morrissey, Glenn O’Brien, John Lennon und Yoko Ono.

Andy Warhol: Wir dachten, vielleicht könntet ihr euch einfach gegenseitig Fragen stellen.

Yoko Ono: Oh ja, das ist eine gute Idee. Aber vielleicht wäre es doch besser, wenn du uns die Fragen stellst?

Warhol: Oder vielleicht solltest du einfach mit dir selbst reden.

Ono: Hast du davon gehört, dass wir diesen Ärger haben?

Warhol: Welchen?

Ono: … diesen Ärger mit der Einreisebehörde …

Warhol: Ach ja.

Ono: Es ist was Ernstes, etwas, für das wir kämpfen müssen.

Warhol: Aber du bist Amerikanerin.

Ono: Nein, bin ich nicht. Ich bin Japanerin.

Warhol: Nein, bist du nicht. Du bist mit einem Amerikaner verheiratet. Jedenfalls warst du es.

Ono: War ich, aber nun bin ich geschieden.

Warhol: Aber das macht dich dennoch zu einer Amerikanerin.

Ono: Aber ich war keine Amerikanerin, ich hatte hier nur meinen Wohnsitz. Aber meine Nationalität hab ich behalten.

Warhol: Oh. Wie lange galt deine Aufenthaltsgenehmigung?

Ono: So fünf Jahre. Aber egal, mein Ehemann hat einen Eintrag, und alles, was sie sagen, ist: „Yoko, du hast keinen, aber …“

Warhol: Was für einen Eintrag?

John Lennon: Sie haben mich in England mit Pot erwischt.

Ono: Besitz von Pot. Genauso wie Mick Jagger, George Harrison, Keith Richards. Der Polizist wurde suspendiert, er hat, glaube ich, fast alle festgenommen.

Lennon: Wir sollten aufpassen, was wir sagen.

Paul Morrissey: Vielleicht wird Marihuana ja jetzt in Amerika legalisiert. Irgendwie scheinen sie gerade dabei zu sein.

Lennon: Na ja, die Einstellung zu Marihuana wird zumindest ein wenig realistischer.

Morrissee: Was haben sie zu euch gesagt?

Lennon: Sie haben gesagt: „Du wurdest in England erwischt.“

Ono: Alles, was wir gemacht haben, war plötzlich in der Öffentlichkeit.

Lennon: Und die Engländer helfen auch noch, indem sie sagen, dass sie noch schlimmere Infos über uns hätten. Aber es gibt da nichts mehr, was sie noch wissen könnten. Das Einzige, was sie wissen können, ist, dass ich in England verhaftet wurde und dass wir einmal nackt posiert haben. Das war vielleicht ein Skandal in England. Und dann sammeln sie auch noch sämtliche Zeitungsausschnitte aus Underground Magazinen. Sie lesen alles. Interview haben sie bestimmt auch schon im

Blick.

Morrissey: Es wird unglaublich viel Geld für das Sammeln von Presseinformationen ausgegeben.

Glenn O’Brien: Na ja, die U.S. Information Agency hat Interview abonniert.

Warhol: Wirklich?

Ono: Wahrscheinlich gefällt es ihnen. Jedenfalls habe ich eine Tochter, die ich nicht finden kann, und mein begrenztes Sorgerecht, das ich in Texas bekommen habe, beinhaltet, dass ich das Sorgerecht nur in den USA habe. Wenn wir jetzt aber rausgeschmissen werden sollten, dann verliere ich dieses Sorgerecht.

Lennon: Sie sagen: „Mr Lennon ist nicht geeignet, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, und er ist auch kein US-Bürger, und weil wir keine Familie trennen möchten“, denn Yoko ist geeignet, „können wir Sie nicht einreisen lassen, denn dann würden wir Sie von Ihrem Ehemann trennen, der nicht geeignet ist einzureisen.“ Woraufhin wir sagen: „Wenn ihr also keine Familie trennen wollt … unsere Tochter ist hier, und wir können nur bei ihr sein, wenn wir hier sind. Und wir wissen noch nicht einmal, wo sie ist, wir wissen nur, dass sie hier ist.“ So funktioniert das Spiel. Ihnen ist es egal, ob sie die Eltern und das Kind trennen, solange sie nicht die Eltern trennen.

Warhol: Warum macht ihr nicht noch einen Film?

Lennon: Wir haben Imagine abgeschlossen.

Warhol: Nein, ich meinte: in einem Film spielen.

Lennon: Jodorowsky hat mir angeboten, in seinem neusten Film mitzuspielen. Aber ich wollte nicht, denn das würde bedeuten, dass ich ohne Yoko wäre und drei Monate in Mexiko arbeiten müsste.

Morrissey: Ihr solltet zusammen Filme machen, in denen ihr euch unterhaltet.

Ono: Du solltest eine TV-Serie machen.

Warhol: Jemand hat uns letztens die Idee gesteckt, dass ihr einen Wrestling-Film machen solltet. Das wäre großartig. Ihr könntet reden …

Lennon: Während wir wrestlen.

Warhol: Aber keiner würde gewinnen. Ihr könntet es im Madison Square Garden machen.

Ono: Fernsehen ist eigentlich das Ding. Wenn man eine Serie hätte, das wäre ziemlich stark.

Lennon: Wenn wir gute Mädchen und Jungs wären, dann könnten wir vielleicht so eine Talkshow bekommen. Ab und zu kriegen wir Angebote, da werden wir als zweite Gastgeber eingeladen. Das könnte den Weg pflastern, da ganz reinzurutschen. Wenn wir nur zeigen könnten, dass es nicht so schlimm ist mit uns, sogar wenn man Leute wie die Black Panther im Programmhätte. Es ist nicht so erschreckend.

Morrissey: Man braucht einen Agenten, um zu solchen Shows zu kommen. Vielleicht könntest du dir ja so einen besorgen. Wir brauchen auch einen.

Lennon: Wir wollen uns hier einfach nur einleben, ab und zu auftauchen, damit alle sehen, dass wir anständig sind. Sie sollen unsere ganzen Facetten kennenlernen.

Warhol: Könnt ihr nicht einfach für einen Tag ausreisen und am nächsten wiederkommen?

Ono: Nein. Wir werden dann nicht mehr reingelassen. Deswegen sind wir ja jetzt auch hier.

Lennon: Wir haben sogar eine Einladung von der Regierung Chiles bekommen, und sie hätten sogar alle Kosten übernommen. Wir wären auch liebend gern dorthin gereist. Und ich wäre gern auch in Irland und Cannes und China. Ich will überall hin, aber nicht, wenn es bedeutet, dass ich nicht zurückkommen kann.

05.06.2015 | Kategorien Film, Interviews, Musik | Tags , , , ,