Anthony Kiedis
im Interview

Anthony Kiedis, Frontman und Sänger der Red Hot Chili Peppers, erzählte Citizens of Humanity im Interview von seinem Leben in Los Angeles, seinen langen Weg aus der Alkoholsucht und über die Sinnhaftigkeit des Stühlestapelns.

HUMANITY: Die Red Hot Chili Peppers, ihr Sound, ihr Style – das ist alles sehr L.A., die Stadt aus der Sie kommen. Was lieben Sie am meisten an Los Angeles?

ANTHONY KIEDIS: Eigentlich bin ich ja in Michigan geboren und habe mich erst mit elf Jahren dafür entschieden in Los Angeles zu wohnen. Das war nachdem ich meinen Vater in den späten sechziger Jahren hier draußen besucht hatte. Die Energie der Stadt hat mich damals als Kind verzaubert. Die Wüste, die Elektrizität, die Palmen und natürlich das Versprechen, dass hier nichts unmöglich ist – und da ist bis heute etwas dran. Die Reise hat mir damals einen regelrechten Denkzettel verpasst. 1973 habe auch ich mich dann auf Richtung Los Angeles gemacht. Verglichen mit heute war das aber wirklich noch ein riesiger Unterschied.

HUMANITY: Inwiefern? Vermissen Sie heute etwas?

KIEDIS: Als ich das erste Mal her kam, ging hier noch alles etwas langsamer zu. Die Stimmung war psychedelischer. Die ganze Atmosphäre, die Luft, die Straßen, aber auch die Mode und Musik – es lief eben etwas gemächlicher. Man konnte Dinge in Ruhe angehen und kreieren. Der Austausch mit sich selbst und mit seiner Umwelt war ein natürlicherer. Heute ist das Tempo ein anderes.

HUMANITY: Sie gehen sehr offen mit ihrer Alkoholsucht um. Macht es Ihnen manchmal Angst, darüber nachzudenken, dass ihr Sohn diese Veranlagung eventuell geerbt haben könnte?

KIEDIS: Manchmal hatte ich solche Gedanken, aber ich habe nicht permanent Angst davor. Hin und wieder sehe ich Jugendliche, die abhängig sind. Wenn ich weiß, dass deren Eltern auch ein Suchtproblem hatten, dann denke ich schon an meinen Sohn Everly und daran, wie er sich wohl entwickelt. Aber eine Abhängigkeit muss sich nicht immer unbedingt vererben. Everly wächst in einer Welt auf, in der ihn diese Thematik noch nicht tangiert. Ich hoffe er hat eine starke emotionale Basis mitbekommen, auf die er aufbauen kann. Er ist in eine solide Familienstruktur eingebunden und in ein starkes soziales Netz eingebettet, das ihn jederzeit auffängt. Wenn er einmal drogensüchtig werden sollte, dann wäre das schon absolut hart für uns. Aber es ist wie mit so vielen Brücken in meinem Leben: ich überquere sie, wenn ich davor stehe.

HUMANITY: Wie haben Sie es aus der Alkoholsucht geschafft?

KIEDIS: Das war ein schwieriger Weg für mich. Es ist sehr viel Arbeit und fordert unermüdlichen Einsatz. Nach fünf Jahren wurde ich rückfällig. Danach hatte ich noch mal fünf Jahre voller Ups und Downs, das war echt für’n Arsch. Irgendwann habe ich dann aber geschnallt, dass es viel schöner ist nüchtern zu sein. Ich habe diesen Zustand angenommen und realisiert, dass ich in der Zukunft ein paar Dinge anders machen muss als bisher. Ich habe mein Leben verändert und versucht mich mit gleichgesinnten Leuten abzugeben, die mir konsequent gesagt haben, dass ich das Hundertfache zurückbekomme, wenn ich nur durchhalte.

HUMANITY: Fühlen Sie sich manchmal eigentlich unter Druck gesetzt, weil sie auch mit zunehmenden Alter immer noch ein erfolgreicher Musiker sein möchten?

KIEDIS: Ich bin mir darüber bewusst, dass es wahnsinnig schwierig ist, eine ständige Relevanz beizubehalten. Wir haben allerdings nicht mehr den Druck das nächste „coole Ding“ werden zu müssen, weil wir es ganz einfach nicht mehr werden. Wir haben das ja schon hinter uns. Für uns ist es heute wahrscheinlich fast unmöglich Musik zu schreiben, die die Herzen der Leute noch einmal genauso berührt wie unsere früheren Stücke. Aber es gibt mir Hoffnung, wenn ich zum Beispiel Musik von Paul McCartney aus den letzten Jahren höre, die mir zeigt, was für ein Mensch er wirklich ist. Nicht, dass er irgendetwas zu beweisen hätte, aber er hat der Welt wirklich mehr großartige Lieder geschenkt, als jeder andere, den ich kenne. Ich freue mich darüber, dass er heute mit seinen Songs immer noch genauso berühren kann wie früher.

HUMANITY: Wenn man ihre Karriere Revue passieren lässt, stelle ich es mir sehr schwer vor immer bescheiden und geerdet zu bleiben. In ihrem Buch habe ich gelesen, dass die Sitzungen der Anonymen Alkoholiker und das anschließende Stühlestapeln sehr wichtig für sie sind. Mich hat es irgendwie überrascht…

KIEDIS: Ich habe gute Tage, an denen ich sehr bescheiden und demütig bin und es gibt schlechte Tage, an denen ich rumlaufe und erwarte, dass mir die Welt zu Füßen liegt. Und das macht wirklich keinen Spaß! Das Stühlestapeln ist für mich allerdings wichtiger als sie sich vorstellen können. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie wichtig diese Stühle für mich sind. Bei unseren Treffen bin ich dafür verantwortlich, dass sie am Ende richtig und ordentlich gestapelt werden. Ein Zeichen dafür, dass ich im Einsatz war und ein wichtiger Teil dieser Gruppe bin, eben einer aus dem Rudel.

HUMANITY: Haben Sie eigentlich so etwas wie ein Mantra, nach dem sie leben?

KIEDIS: Ich denke ich versuche wirklich ein liebenswürdiger Mensch zu sein. Das ist ein gutes Stück Arbeit für mich, weil ich mitunter sehr streitlustig sein kann. Aber ich habe das Gefühl, dass am Ende doch der Grad an Freundlichkeit mitbestimmt, wie sich unser Leben gestaltet.

HUMANITY: Was bedeutet Glück für Sie?

KIEDIS: Glück findet man in den einfachsten und kleinsten Dingen im Leben. Glück hat nichts mit Prunk zu tun. Heute Morgen habe ich meinen Sohn im Arm gehalten – es gibt ehrlich nichts Besseres als das. Das ist die größte Freude für mich. Den Sonnenaufgang beobachten, auf dem Surfbord zu stehen, die Meeresoberfläche zu berühren. Oder eine CD mit dem neuen Song einzulegen, an dem ich mit meiner Band gearbeitet habe, die Stimme meines Vaters am Telefon zu hören, meinem Sohn vorzulesen – das alles ist Glück für mich. Es findet sich eigentlich überall um einen herum. Wenn man allerdings ein Problem mit sich selbst hat, wird man nirgendwo Zufriedenheit finden.

Das komplette Interview mit Anthony Kiedis für Citizens of Humanity lesen Sie hier.

INTERVIEW BY HUMANITY ​| PHOTOGRAPHY BY SCOTT LIPPS STYLING BY EVET SANCHEZ | GROOMING BY JASON SCHNEIDMAN

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