"Ich fühle mich manchmal wie ein Wirbelsturm"

Wer es von einem verschlafenen Dorf im Loiretal an die Spitze der Pariser Hochmode schafft, muss seinen Blick stets nach vorn richten – vom Praktikanten bei Jean Paul Gaultier führte sein Weg zum Kreativchef von Balenciaga. Nicolas Ghesquière ist also der ideale Mann, um nun auch das Maison Louis Vuitton ins Übermorgen zu führen.

MICHELLE WILLIAMS: Als ich meine Tochter heute Morgen zur Schule brachte, erzählte ich ihr ein wenig von dir. Ich fragte sie: „Was würdest du ihn fragen?“ Und sie wollte wissen, ob du schon immer wusstest, was du später machen wirst.

NICOLAS GHESQUIÈRE: Eine gute Frage! Diese Frage kommt ziemlich oft auf, bitte richte deiner Tochter meine Grüße aus. Heute haben Kinder ja eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was Mode ist. Als ich jedoch jung war, war Mode beliebt, aber noch nicht so beliebt wie heute. Wie alle Kinder war ich fasziniert vom Zeichnen. Aber als einige wieder damit aufhörten, machte ich weiter. Ich glaube, meine Eltern wunderten sich, warum ich immer weiter zeichnete – zumal es mehr und mehr dann auch Frauenkleider waren, die ich zu Papier brachte. Damals war ich acht oder neun Jahre alt.

WILLIAMS: Sie wollte auch etwas über deine Familie wissen und ob deine Eltern dich bei deinem Wunsch unterstützt haben.

GHESQUIÈRE: Ich bin in einer sehr, sehr kleinen Stadt in der Mitte Frankreichs aufgewachsen. Warst du schon mal im Loiretal, Michelle?

WILLIAMS: Ich weiß, wo es liegt, aber ich war noch nie da.

GHESQUIÈRE: Es liegt westlich von Paris; die Stadt ist wunderschön. In dieser Region findet man total viele Schlösser, die an Flüssen liegen. Wenn man dort ist, überkommt einen das Gefühl, als sei die Zeit stehen geblieben. Meine Eltern waren fortschrittlich und neugierig, aber es gab in meinem Umfeld nichts, was mich zur Mode gebracht hätte. Als sie realisierten, dass ich Mode mag, gaben sie mir gute Ratschläge. Mein Vater meinte zu mir, ich solle ein Praktikum absolvieren. Meine Eltern sagten nie Dinge wie: „Wir kennen diese Welt nicht; vielleicht ist sie unseriös oder gar merkwürdig.“ Sie sagten immer: „Versuche es. Wir werden dir helfen. Wir können Leuten deine Zeichnungen schicken, wenn du das willst. Wir schreiben Briefe für dich.“ Und dafür bin ich ihnen unglaublich dankbar. Sie haben mir nie das Gefühl gegeben, etwas sei unmöglich. Sie haben mich immer unterstützt. Und das tun sie heute noch.

WILLIAMS: Oh, wie toll; das werde ich Matilda gern so erzählen. Das ist auch ein guter Ratschlag für Eltern.

GHESQUIÈRE: Wie alt ist Matilda denn jetzt?

WILLIAMS: Neun.

GHESQUIÈRE: Das Alter der Neugierde.

WILLIAMS: Oh ja. In diesem Alter zeigen sich die natürlichen Interessen und Talente. Ich habe das Gefühl, es zeichnet sich schon jetzt ab, wie sie als Erwachsene sein wird. Sie liebt es, wenn ich ein Fitting bei uns zu Hause habe. Dann kann sie die Kleider ansehen, sie anfassen, und manchmal darf sie die sogar anziehen. Sie ist jetzt total auf dieser Schiene. Sie ist noch immer ein Kind und sehr unschuldig, aber sie beginnt, ihre eigene Persönlichkeit und ihren Stil zu entdecken. Und jetzt ist sie gerade dabei, sich dafür zu interessieren, wie der persönliche Stil eine Ausdrucksweise der Persönlichkeit sein kann.

GHESQUIÈRE: Ich glaube, beim Aufwachsen gibt es diesen Punkt, an dem man sich sein eigenes Moodboard schafft. Du machst eine Collage – du sammelst die Dinge, die Bilder, die dich in deinen späteren Entscheidungen beeinflussen werden. Nicht nur auf ästhetische Weise, sondern auch künstlerisch. Ich kann mich noch genau an mein Zimmer erinnern, in dem ich als Kind Bilder und Poster an die Wände gehängt habe. Ich hatte dieses Filmposter oder dieses Porträt eines Mädchens, das ich aus irgendeinem Magazin gerissen hatte – und diese Inspiration taucht immer wieder auf.

WILLIAMS: Das ist ja interessant! Du glaubst also, es gibt eine Zeit in der Kindheit und Jugend, die zum Nährboden für den Rest des Lebens wird – und der verschwindet nie. Können dich Dinge noch immer gleichermaßen inspirieren und verzaubern wie damals?

GHESQUIÈRE: Ja, aber gleichzeitig habe ich auch das Gefühl, dass sich die Themen nicht wirklich ändern – nur meine Perspektive. Ich bewege mich in eine bestimmte Richtung und sehe die Dinge aus einem völlig neuen Blickwinkel. Am Ende, glaube ich, bin ich immer wieder von denselben Dingen fasziniert wie damals. Ich drücke es einfach anders aus; mit verschiedenen Worten, Farben, in verschiedenen Formen. Aber merkwürdigerweise scheinen mich immer dieselben Themen einzuholen.

WILLIAMS: Kannst du sie benennen?

GHESQUIÈRE: Das ist schwierig zu beschreiben, aber eines ist zum Beispiel die Bewegung des Körpers. Ich mag das Bild von Frauen und Männern in Bewegung. Meine Mode orientiert sich nicht an Stillstand. Manchmal ist sie sogar sportlich. Ich mag die Evolution von Sportkleidern. Ich finde die Schnitte und Materialien interessant. Weil ich als Kind so viel Sport gemacht habe, hat mich diese Kleidung schon immer sehr fasziniert. Und das tut sie noch immer. Science-Fiction ist ein anderes Thema – ich liebe es, Science-Fiction zu lesen. Besonders mag ich Philip K. Dick oder den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq. Sein Stil ist ziemlich realistisch, gleichzeitig ist der Kontext jedoch fast schon Science-Fiction. Ich finde seine Arbeit genial. Eigentlich sind meine Inspirationen jene Themen, die die meisten jungen Buben interessieren: Sport, Science-Fiction – wobei mein Blick darauf wohl spezifischer ist.

Nicolas Ghesquière: “Die große Kunst liegt darin, radikal zu sein, eine Wahl zu treffen, die spezifisch erscheint und 
erst einmal weniger Leute erreicht”
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WILLIAMS: Hast du manchmal das Gefühl, dass du immer am Arbeiten bist?


GHESQUIÈRE: Oh ja (lacht). Geht es dir auch so? Inspirieren dich Marotten, die du an Leuten entdeckst, während du dich auf eine neue Rolle vorbereitest?


WILLIAMS: Wenn ich an etwas arbeite, habe ich immer das Gefühl, dass die gesamte Welt greifbar wird – sowohl die sichtbaren als auch die unsichtbaren Dinge. Alles wird wichtig. Kleine Gesten, winzige Vorfälle, alles erfährt plötzlich eine Bedeutung – weil man sich die Welt anschaut und überlegt, was man hinzufügen könnte oder was man sich davon nehmen will. Wenn ich arbeite, kann ich das auch gar nicht abstellen. Oft kommen die besten Sachen hoch, wenn ich nicht bewusst arbeite, in den stillen Momenten. Deshalb führe ich auch einen ewigen Kampf mit neuer Technologie: Wenn ich ständig auf das Handy starre, bin ich nicht mehr so offen für diese passive Inspiration. Die Momente, in denen du wartest oder einfach nur still bist, sind rar geworden.

GHESQUIÈRE: Absolut.

WILLIAMS: Bedarf es deiner Meinung nach heute mehr Disziplin als früher, um in einem kreativen Zustand zu bleiben?

GHESQUIÈRE: Unbedingt. Es geht um die konstante Aufmerksamkeit. Schließlich kann ich nicht einfach nur sagen: „Okay, jetzt arbeite ich.“ Normalerweise geschieht Kreativität dann, wie du eben gesagt hast, wenn du nicht damit rechnest. Also nicht auf Knopfdruck. Ich fühle mich manchmal wie ein Wirbelsturm; ich sauge alles auf – Informationen, Emotionen und Empfindungen. Dann kanalisiere ich das; mit Attitüde und der Beschreibung der Frau, der ich mit meiner Mode Ausdruck verleihen möchte, im Hinterkopf. Um das zu erreichen, musst du diszipliniert sein. Es gibt den Moment, um die Dinge zu fassen; und es gibt den Moment, in dem du sie ausdrücken musst. Der Moment des Ausdrucks muss pragmatisch sein, weil ich ja Kleidung erschaffen will; ich muss sehr, sehr genau wissen, wie ich andere Leute zeigen möchte: Es gibt das Material, die Farbe des Materials, die Arten, Stoffe zu nähen, das Arrangement der Kleider … Die Menschen vergessen oft, dass Modedesigner gar keine Künstler sind. Der Beruf hat eine künstlerische Seite, die meiner Meinung nach sehr stark ist. Aber gleichzeitig musst du extrem organisiert und ernst sein. Das sind zwei ziemlich konträre Aspekte, wie ich immer wieder feststelle.

WILLIAMS: Es ist, als hätte man zwei verschiedene Gehirne. Eines versucht, ein Gefühl oder eine Empfindung auszudrücken, und das andere ist fähig, diese Idee umzusetzen, zu übersetzen, genau zu sein. Ich stelle es mir sehr schwer vor, ein Gleichgewicht herzustellen. Wie schaffst du das, jetzt, da du für Louis Vuitton entwirfst? Fällt es dir schwer oder leicht, deine Vision auf eine Marke einzustellen?


GHESQUIÈRE: Na ja, ich denke, als man damals auf mich zukam, wollte man meine Vision. Eine Welt wie die von Louis Vuitton ist so reich an Geschichte, Handwerk und Vorstellungskraft, weil die Geschichte des Reisens und des Entdeckens schier unerschöpflich ist. Deshalb, zumindest glaube ich das, wollen sie eine sehr persönliche Sicht auf die Welt. Ich versuche immer, spontan zu sein. Ich beginne wie ein Redakteur – wenn ich in die Archive von Louis Vuitton gehe, dann weiß ich genau, was ich suche. Ich sage dann beispielsweise: „Ich will diese Tasche herstellen.“ Ich weiß, dass es da diese afrikanischen Masken gibt, die ziemlich faszinierend sind in der Geschichte von Louis Vuitton (Gaston Vuitton, Louis’ Enkel, sammelte afrikanische Masken). Und ich nutze die Masken dann beispielsweise als Vorlage für den Verschluss einer Reihe von Handtaschen. So bringe ich die Geschichte der Maske zurück, die an die Geschichte von Louis Vuitton angelehnt ist, ohne mich direkt aus den Archiven der Marke zu bedienen – denn ich integriere sie in ein Design, das mir zeitgenössisch erscheint. Ich bin wirklich sehr spontan: Was hat mich heute angesprochen? Was ist mir heute aufgefallen?

WILLIAMS: Das klingt nach einer richtigen Gabe. Kann man sich so etwas antrainieren?

GHESQUIÈRE: Ich bin in vielerlei Hinsicht sehr neugierig. Meine Neugierde führt mich zu Sachen. – „Oh, da ist dieses Buch, da ist dieses Ding.“ Ich schaue mir ständig neue Dinge an. Und plötzlich ist da etwas, das zu mir spricht, und ich denke dann: „Okay, das ist es. Dieser Sache möchte ich nachgehen, da gibt es eine gute Geschichte.“ Ich arbeite sehr instinktiv.

WILLIAMS: Das klingt, als hättest du diesen Drang, den man als Kind in sich trägt, nie wirklich verloren – diese Neugierde und Offenheit. Und obwohl du sehr erfolgreich bist in dem, was du tust, bist du weder abgestumpft noch müde geworden. Was ist dein Geheimnis?

GHESQUIÈRE: Ich liebe wirklich, was ich tue. Ich darf aufgrund meines Lebens in der Mode fantastische Menschen treffen. Beispielsweise durfte ich mit Cindy Sherman arbeiten, was wundervoll war. Ich treffe fantastische Schriftsteller, Architekten, unglaubliche Talente. Ich finde diese Welt einfach unglaublich spannend und inspirierend. Ich mag zum Beispiel radikale Menschen. Einige darunter beeinflussen mich sehr, Rei Kawakubo ist so jemand – sie designt für Comme des Garçons. Gleichzeitig bin ich fasziniert von Menschen, die einen großen Erfolg verbuchen können und sich dennoch treu bleiben wie beispielsweise Miuccia Prada. Wahrscheinlich gilt für Mode dasselbe wie für Filme: Die große Kunst liegt darin, radikal zu sein, eine Wahl zu treffen, die spezifisch erscheint und erst einmal weniger Leute erreicht, die aber an sich so stark und wegweisend ist, dass sie später dann das Interesse einer großen Gruppe weckt. So wird aus dem, was zuerst radikal scheint, etwas massentauglich Erfolgreiches. Die Leute versuchen zwar ständig, einen in die eine oder andere Richtung zu schubsen – aber ich möchte beide Richtungen zusammenführen. Das habe ich ziemlich spät erst für mich erkannt: Ich werde wirklich ver- suchen, beide Wege zugleich zu gehen. Denn das bin ich.

Fotos: Paolo Roversi | Styling: Karl Templer | Alle Looks: Louis Vuitton

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