"Es war klaustrophobisch und hart"

Der Goldjunge schmückt bereits seit 2016 Alicia Vikanders Wohnung, Kollege Michael Fassbender macht ebenda seit Kurzem als Ehemann eine sicherlich blendende Figur und im kommenden Frühjahr beerbt die Schauspielerin auch noch Angelina Jolie als Lara Croft. Als all das noch in den Sternen stand, sprach Regisseur Joe Wright für Interview mit der Schwedin.

© Craig Mcdean

Sie spielt eine irritierend schöne Roboterfrau (Ex Machina) genauso souverän wie eine Agentin (Codename U.N.C.L.E.), hat aber trotzdem noch jedes Mal Schiss, wenn sie ans Set eines neuen Films kommt. 2015 war ihr Jahr. Moment. 2016 wird noch besser! Sie spielt in The Danish Girl, im neuen Bourne und in einer Romanze mit Michael Fassbender. Gehört Alicia Vikander die Zukunft? Na sicher!

Auf dem letzten SXSW-Festival in Austin trieb eine unfassbar schöne Frau mit dem Namen Ava die texanischen Tinder-User in den Wahnsinn. „Sie ist zu gut, um wahr zu sein“, müssen sie gedacht haben – und auf eine gewisse Art stimmte das auch. Ava war in Wirklichkeit eine menschenähnliche Maschine mit bezauberndem Gesicht, die verführerische künstliche Intelligenz aus Alex Garlands Scifi-Thriller Ex Machina. Gespielt wird Ava von Alicia Vikander, und der Tinder-Stunt war eine so brillante wie durchtriebene Guerilla-Marketing-Aktion des Filmstudios, um die Aufmerksamkeit der vielen Meinungsmacher auf dem Festival zu erregen. Es funktionierte. In den sozialen Medien wurde darüber diskutiert, was Menschsein eigentlich ausmacht. Das Thema des Films. Und jeder wusste nun, wer Alicia Vikander war. Die Aktion und Ex Machina ebneten endgültig ihren Weg zum Hollywood-Darling. Vikanders Aufstieg verlief steil. Nach einigen renommierten skandinavischen Produktionen (darunter Die Königin und der Leibarzt, 2012), spielte die Schwedin in Inside Wikileaks oder Guy Ritchies Codename U.N.C.L.E. mit. Gerade war sie Im Rausch der Sterne mit Bradley Cooper zu sehen. Es folgen nun The Danish Girl und später im Jahr die dunkle Romanze The Light Between Oceans an der Seite von Michael Fassbender und der neue Bourne-Film. Vikander ist also bereit, die Welt zu erobern, so wie einst Austin, Texas. Ihre erste englischsprachige Rolle in Joe Wrights Tolstoi-Adaption Anna Karenina 2012 scheint eine kleine Ewigkeit her zu sein. Viel ist passiert. Und wie die 27-jährige Vikander Wright im folgenden Interview erzählt, findet sie das alles noch ein wenig irreal – fast zu gut, um wahr zu sein, und dennoch wahr.

© Craig Mcdean

JOE WRIGHT: Hallo, Darling! Wie geht’s dir?

ALICIA VIKANDER: Gut. Ich habe immer noch Jetlag, aber davon abgesehen geht’s mir gerade hervorragend.

WRIGHT: 2015 sind, glaube ich, vier Filme mit dir ins Kino gekommen, oder?

VIKANDER: Ja, seit Anna Karenina habe ich konstant weitergedreht, und jetzt kommen die Filme alle zur gleichen Zeit ins Kino.

WRIGHT: Machst du dir manchmal Sorgen, dass du momentan ein wenig zu sehr präsent sein könntest?

VIKANDER: Ja, wahrscheinlich werden die Leute irgendwann müde, mich zu sehen.

WRIGHT: Das bezweifle ich. Und die Filme sind auch alle sehr unterschiedlich. Ich halte es jedenfalls für unwahrscheinlich, dass sich dieselben Leute sowohl Codename U.N.C.L.E. als auch Testament of Youth anschauen.

VIKANDER: Deswegen hat die Arbeit auch solchen Spaß gemacht. Weil die Filme alle so unterschiedlich sind, nicht nur in der Machart, sondern auch im Kontext. Ich hatte jedes Mal richtig Schiss, wenn es ans nächste Projekt ging, weil alles wieder total neu war.

WRIGHT: Das ist gut. Angst hält uns am Laufen.

VIKANDER: Das ist der Kick und macht es spannend. So wie dich das erste Mal zu treffen – Scheiße, war ich da ängstlich.

WRIGHT: Hat man dir gar nicht angemerkt.

VIKANDER: Du warst gerade mit dem Schnitt von Wer ist Hanna? (2011) beschäftigt, als ich ins Zimmer kam, und ich hatte die Hosen voll. Ich hatte sie unter anderem deswegen voll, weil du die Situation so gemütlich gestaltet hast. Du hast Kissen auf den Fußboden gelegt und die Castingdirektoren und anderen Verantwortlichen, die mit im Raum waren, angewiesen, uns aus sicherer Entfernung zu beobachten, während wir auf dem Boden saßen.

WRIGHT: Eine Sache, die Schauspieler oft nicht verstehen, ist, dass Regisseure beim Casting oft genauso nervös sind wie sie.

VIKANDER: Das hättest du mir sagen soll. Wenn ich das gewusst hätte (lacht).

WRIGHT: Wir wollen ja, dass ihr die richtige Person für den Job seid. Und deswegen achten wir auch darauf, zumindest mache ich das, wie wir rüberkommen. Eine der Sachen, die mich damals besonders beeindruckt hat, war, dass du eine ausgebildete Tänzerin bist.

VIKANDER: Ja, nachdem ich über Jahre sechs Mal die Woche jeden Tag mehrere Stunden lang mit Tanz beschäftigt war, hörte ich irgendwann auf und hatte nie wieder eine Tanzstunde – bis zu meinem ersten Drehtag für Anna Karenina. Das war ziemlich toll.

WRIGHT: Hast du hinterher weitergemacht?

VIKANDER: Nein. Ich will nicht wieder so wie früher Tanzstunden nehmen. Aber immerhin war ich in letzter Zeit öfter in der Oper. Ich mag das Ballett immer noch sehr. Und ich gehe gerne tanzen. Sobald ich die Gelegenheit habe und Musik höre…

Alicia Vikander: “Scheiße, war ich ängstlich, als wir uns das erste Mal getroffen haben”
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WRIGHT: Deine Mutter ist Theaterschauspielerin, nicht wahr?

VIKANDER: Ja.

WRIGHT: Denkst du manchmal darüber nach, ans Theater zu gehen?

VIKANDER: Ja. Anfang vergangenen Jahres gab es die Gelegenheit, ein Stück mit einem Schauspieler zu sehen, den ich sehr bewundere. Ich rief meine Mutter an, und sie war ganz gerührt. Sie sagte so etwas wie: „Ich könnte kaum stolzer sein als in diesem Augenblick.“

WRIGHT: Oh!

VIKANDER: Wegen Terminproblemen und anderen Dingen konnte ich es allerdings doch nicht machen. Aber als sich die Möglichkeit ergab, merkte ich, wie viel es mir bedeutet. Wir haben vorhin über beängstigende Dinge gesprochen, und mein Vorsprechen an der Schauspielschule gehört in jedem Fall dazu. Zweimal habe ich mich in Schweden an der Akademie für Darstellende Künste beworben und habe es zweimal bis zur letzten Runde geschafft. Aber reingekommen bin ich nie. Da vorzusprechen fühlt sich an, als sei man bei American Idol. Deswegen habe ich mich danach für ein Jurastudium beworben, ich dachte, das sei vielleicht ein guter Weg, um irgendwie voranzukommen. Gerade in einem so kleinen Land wie Schweden. Aber Theater war eigentlich von Anfang an mein Ziel.

WRIGHT: Hat es dein Spiel in irgendeiner Weise beeinflusst, dass dein Vater ein Psychiater ist?

VIKANDER: Meine Mutter wie mein Vater haben mit mir immer gute Gespräche geführt, über Menschen, über Figuren, darüber, wie Leute arbeiten. Meine Eltern lesen auch immer noch die Drehbücher, die ich interessant finde. Ich schicke ihnen eine Mail. Und nachdem sie die Bücher gelesen haben, rufen sie mich an. Das ist mittlerweile schon eine Tradition, weil wir uns ja so selten sehen. Für mich fühlt es sich dadurch an, als würden sie mich auf meiner Reise begleiten. Das bedeutet mir viel. Zumal sie sehr ehrlich sind, was ziemlich großartig ist.

WRIGHT: Findest du es seltsam, dass für dich Schweden inzwischen so weit weg ist? Vermisst du deine Heimat?

VIKANDER: Ich denke, dass ich, wie alle Leute, die in der Fremde arbeiten, einen Blick auf meine Kultur entwickle, der sie noch seltsamer aussehen lässt. Aber Schweden und meine Wurzeln bedeuten mir viel. Ich vermisse meine Familie und meine Freunde. Beim Reisen habe ich festgestellt, dass Leute viel wichtiger sind als Orte.

WRIGHT: Magst du Amerika?

VIKANDER: Ich mag es, in New York zu sein, aber ich bin selten länger als ein paar Wochen hier. Ich liebe die Stadt und würde hier gern für eine Weile leben. Andererseits ist New York auch extrem hektisch. Ich weiß nicht, ob ich damit klarkäme.

WRIGHT: Als ich das erste Mal mit einem Film in den Staaten war – das war Stolz & Vorurteil (2005) –, sagte jemand aus dem Publikum: „Eigentlich mag ich keine fremden Filme, aber dieser gefällt mir.“ Ich war sehr überrascht, wie man in einem englischsprachigen Land einen Film aus England als fremd bezeichnen kann, aber später ging mir auf, wie anders die amerikanische Kultur doch ist. Vorher dachte ich immer, unsere Kulturen seien zumindest ähnlich. Dabei sind sie grundverschieden (lacht).

VIKANDER: Und für mich als Schwedin erst recht.

© Craig Mcdean (Top: Louis Vuitton)

WRIGHT: Ist es für dich immer noch seltsam, in einer fremden Sprache zu spielen?

VIKANDER: Ja. Anna Karenina war ziemlich hart. Es gibt diesen Filter zwischen dem Gedanken und den Wörtern, die aus deinem Mund kommen. Aber zum Glück ist der Filter inzwischen dünner.

WRIGHT: Hast du Angst davor, nicht zu arbeiten? Ich arbeite nun schon seit 20 oder 22 Monaten an diesem Film. Ich werde nervös, wenn ich an das Ende denke, weil ich Angst vor der Zeit danach habe.

VIKANDER: Das kenne ich. Aber irgendwann braucht dein Körper eben Ruhe. Ich war so müde und überarbeitet und hatte dann sechs, sieben Tage frei – vor eineinhalb Wochen habe ich einen Film beendet. Ich habe mich so nach dieser Woche gesehnt, und als dann vier, fünf Tage vorbei waren, flippte ich wegen der Vorstellung, nicht zu arbeiten, aus (beide lachen). Es ist schon komisch, ich kann mich nur entspannen, wenn ich weiß, dass ich ausgelastet sein werde.

WRIGHT: Der Film, den du gerade abgedreht hast, ist The Danish Girl, oder?

VIKANDER: Ja. Ein weiteres emotional forderndes Projekt. Eddie Redmayne ist ein herausragender Schauspieler, und ein großer Teil des Films wurde in einem ziemlich engen Studio gedreht, in dem nur wir beide saßen. Wir stiegen sehr tief in viele Themen und komplizierte Zusammenhänge ein. Es war klaustrophobisch und kompliziert und hart, aber das ist genau das, was ich machen will.

WRIGHT: Codename U.N.C.L.E. war genau das Gegenteil, richtig?

VIKANDER: Das war lustig!

WRIGHT: Du bist lustig!

VIKANDER: Und Guy (Ritchie) ist ziemlich hart. Er hat einen eigenen, fließenden Arbeitsstil. Es gibt ein Script, aber jeden Morgen wird alles geändert. Er sagt: „Okay, wenn wir das nicht sagen, was sagen wir dann?“ Am ersten Drehtag drehte er sich dann zu mir. Und ich: „Hey, das ist nicht meine Muttersprache“, und er: „Nein, ich weiß, aber sag mal etwas Lustiges.“


WRIGHT: Autsch.

VIKANDER: Der Satz, den man am allerwe- nigsten hören will. Aber ich probierte es natürlich, er sagte: „Versuch etwas anderes.“ (beide lachen) Die Kameras liefen. Ich war verdammt wütend und panisch. Es waren eigentlich nur ich und ein Horde Männer da, ein ziemliches Jungs-Set. Aber sie kümmerten sich um mich, als wäre ich ihre kleine Schwester. Und letztlich machte es mir Spaß, verschiedene Dinge auszuprobieren und dass es okay war, auch mal krachend zu scheitern, was ich tat (lacht).

WRIGHT: Was ich an Guys Filmen wirklich bewundere, ist, dass sie alle im Gleichklang sind. Meine Filme sind das nicht, sie sind schizophrener. Seine sind über den ganzen Film hinweg sehr ausgearbeitet.

VIKANDER: Oder es ist gut, sich einfach hineinzuwerfen. Das habe ich bei dir gesehen. Ich finde das sehr mutig.

WRIGHT: Das Publikum kann damit manchmal nicht umgehen, weil die Leute nicht wissen, wann sie lachen dürfen.

VIKANDER: Aber Filme sind auch dazu da, das Publikum zu fordern. Bei so vielen Filmen weiß man schon, bevor man ins Kino geht, was man sehen wird. Ich mag Kino lieber, das versucht, Grenzen zu sprengen.

WRIGHT: Was ist das für ein Film mit Fassbender?


VIKANDER: The Light Between Oceans. Es geht um einen Mann, der aus dem Ersten Weltkrieg nach Australien zurückkehrt. Und weil er traumatisiert ist, nimmt er einen Job an, den keiner machen möchte. Er wird Leuchtturmwärter. Und kurz bevor er diesen dreijährigen Job beginnt, verliebt er sich. Also gehen das Mädchen und er zusammen auf die Insel. Am Anfang führen sie eine Art Adam-und-Eva-Existenz, aber dann hat sie eine Fehlgeburt. Eines Tages kommt ein Boot, eine Jolle, zur Insel. Darauf sind ein toter Mann und ein Baby. Und von da an nimmt die Geschichte ihren Lauf.

WRIGHT: Klingt toll. Du verliebst dich immer in deinen Filmen, oder?

VIKANDER: Ich bin sehr romantisch. Teil dieser Geschichten zu sein heißt auch, Teil des Lebens aller anderen zu sein. Es ist eben eine sehr menschliche Sache.

WRIGHT: Ich habe Ex Machina noch nicht gesehen. Hast du dich da auch verliebt?

VIKANDER: Das ist kompliziert. Es kommt darauf, wie man es betrachtet. Mehr sage ich nicht.

Alicia Vikander: “Es war klaustrophobisch und kompliziert und hart, aber das ist genau das, was ich machen will”
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WRIGHT: War es schön, wieder mit Domhnall (Gleeson) zu arbeiten?

VIKANDER: Es war großartig. Ich treffe ihn heute noch!

WRIGHT: Oh, grüße ihn schön von mir!

VIKANDER: Mach ich. Es war toll, wieder mit ihm zu arbeiten, es fühlte sich gut an. Man kann das ganze Sich-erst-kennenlernen-Ding einfach überspringen und gleich loslegen.

WRIGHT: Ich stelle mir gerade euch beide zusammen vor. Ich glaube, es dauert immer eine Weile, bis sich Schauspieler vertrauen und den Rhythmus des anderen verstehen. Ihr beide habt das bei Anna Karenina sehr schnell hinbekommen. Es ist bestimmt schön, ein Projekt zu starten, wenn man sich schon so gut kennt. Erinnerst du dich daran, als Domhnall sich bei den Proben zu Anna Karenina aufregte? Ich habe dich in deiner Rolle über deine Gefühle Graf Vronsky und Levin gegenüber ausgefragt. Du hast die beiden verglichen. Und Domhnall regte sich furchtbar auf! (beide lachen)

VIKANDER: Das habe ich total vergessen. Er nimmt seinen Job sehr ernst.

WRIGHT: Er ist ein sehr einfühlsamer Mann.

VIKANDER: Ja, genau wie du.

 

 

Credits

Styling: Karl Templer | Hair: James Pecis/D+V Management | Make-up: Peter Philips for Christian Dior | Manicure: Megumi Yamamoto for Dior Vernis/Susan Price NYC and 
Yuko Tsuchihashi for Dior Vernis | Set Design: Stefan Beckman/Exposure NY | Producer: Sara Zion for Prodn/Art+Commerce | Production Manager: Ashley Scott for Prodn/Art+Commerce | Retouching: Gloss Studio