Armory Show 2016 African Perspectives

Diese Woche startet in New York die Armory Show, eine der wichtigsten Kunstmessen Amerikas. Wir trafen Julia Grosse, die Kuratorin der Rubrik „Focus“ zum Interview.

Namsa Leuba, Umfana, The Kingdom of Mountains, 2014 © Courtesy of the Artist and Echo Art

Vom 03.März. – 06.März findet in New York am Pier 92-94 die Kunstmesse Armory Show statt, die in diesem Jahr bereits in die 22. Runde geht. Während die gesamte Messe einem internationalen Feld von Galerien und Kunstrichtungen offen steht, ermöglicht die Rubrik Focus, die seit sieben Jahre Teil der Veranstaltung ist, einen stark konzentrierten Blickwinkel auf eine bestimmte Region der Welt. In diesem Jahr richtet sich mit African Perspectives das Augenmerk auf Kunst mit afrikanischem Hintergrund. Der Titel ist klug gewählt, sucht er doch eine stereotype Verallgemeinerung des Kontinents zu vermeiden. Ein Anliegen, das den Kuratorinnen Julia Grosse und Yvette Mutumba am Herzen liegt. Beide sind Gründerinnen von Contemporary And (C&), einer der größten digitalen Plattformen für Kunstperspektiven aus Afrika, die sich seit Jahren für eine Neudefinition des „afrikanischen“ Kunstbegriffs stark macht und die Loslösung von festgesetzten Kategorien anstrebt.

INTERVIEW: Frau Grosse, was machte Sie zur Kuratorin von African Perspectives, dem Focus der diesjährigen Armory Show?

JULIA GROSSE: Wir wurden von Noah Horowitz, dem ehemaligen Direktor angesprochen. Es folgte ein Treffen auf der Biennale in Venedig und eines in New York, im Sommer schickten wir ein Konzept und erhielten kurze Zeit später die Zusage.

INTERVIEW: So ein Angebot schlägt man natürlich nicht aus.

GROSSE: Im Gegenteil. Das war sehr schmeichelhaft, auch, weil wir die ersten Frauen sind, die den Focus kuratieren. Denn obwohl so viele Frauen in der Kunstwelt arbeiten, gibt es doch immer wieder Positionen, die nur männlich besetzt sind.

INTERVIEW: Wie kamen Sie zu der Auswahl der Künstler, die Sie nun auf der Messe zeigen?

GROSSE: Unser kuratorisches Konzept legt den Schwerpunkt auf junge Stimmen, da diese sehr gut repräsentieren, was wir auch mit unserem Magazin Contemporary And (C&) verfolgen: Kunst- jenseits kategorisierender Labels.

INTERVIEW: Auf welche Labels spielen Sie an?

GROSSE: Na ja, den „afrikanischen Künstler“ an sich, den gibt es schließlich nicht, genauso wie es auch den „europäischen Künstler“ nicht gibt. Was hat eine Performancekünstlerin in Johannesburg mit einer Malerin in Lagos und einem Bildhauer in Kairo gemein? Erst mal gar nichts. Da sind weder auf ästhetischer, inhaltlicher noch auf biografischer Ebene zwangsläufig Schnittpunkte und dennoch drückt man allen Dreien gern dieses Label des afrikanischen Künstlers auf.

INTERVIEW: Stimmt, das ist sehr eindimensional.

GROSSE: Es macht auch den Kontinent so klein und wird dem, was all die Länder zu bieten haben, überhaupt nicht gerecht. Auch wenn es darum geht, Kunst aus Afrika auszustellen, haben die Leute vielfach gleich sehr plakative Ideen. Da wird zum Teil noch an Safari, Tiere und traditionelle Masken gedacht oder es wird gleich vorgeschlagen, etwas zum Thema AIDS oder Korruption zu machen. Das liegt natürlich jenseits der Realität. Es gibt Künstler, die haben ganz andere Hintergründe, sind in London aufgewachsen, haben Eltern aus Ghana, eine Künstlerresidenz in Amsterdam und eine Galerie in Lagos. Genauso gibt es auch Künstler, die ihr ganzes Leben lang in Johannesburg oder dergleichen verbracht haben und ihre Arbeit bei Ausstellungen in Kairo oder New York zeigen. Daher sprechen wir auf der Amory Show auch von African Perspectives, um zu verdeutlichen, dass nicht die eine Richtung gibt, sondern eben unzählige Positionen und Perspektiven aus Afrika und der Diaspora.

INTERVIEW: Eigentlich gibt sich die Kunstwelt ja gerne eher offen und tolerant.

GROSSE: Ja, viele wissen es aber auch einfach nicht besser und haben vielleicht noch keinen Einblick in die diversen Kunstszenen von Johannesburg, Accra oder Addis Abeba. So soll der Fokus bei der Armory Show junge Positionen vorstellen, die diese neue Bewegung repräsentieren. Natürlich wird es auch einige etablierte Künstler geben. Es ist wichtig, zu verdeutlichen, dass es zeitgenössische Kunst aus Afrika nicht erst seit Blockbuster Ausstellung wie Africa Remix von 2004 gibt. Eben gerade weil die zeitgenössische Kunst des afrikanischen Kontinents viel längere Traditionen hat, war es uns ein Anliegen, auch ältere Kunstgrößen wie Ibrahim El-Salahi oder El Anatsui zu integrieren. Denn diese Künstler haben natürlich wiederum die jüngeren Generationen beeinflusst. Insgesamt zeigen wir nun 14 Einzelpositionen, unter anderem repräsentiert von Galerien aus Lagos, London, Paris und Nairobi.

INTERVIEW: Im vergangenen Jahr legte auch die Venedig Biennale einen Schwerpunkt auf afrikanische Perspektiven. Haben Sie das Gefühl, dass sich die allgemeine Rezeption danach verändert hat?

GROSSE: Wir haben schon das Gefühl, dass sich da langsam was tut. Vor allem auch, weil immer mehr Künstler Erfolg haben und sich das dann nicht mehr einfach so runterbrechen lässt, quasi nach dem Motto „Ja, der kommt halt aus Ghana“. Stattdessen tritt die Realität der Biografien dahinter immer mehr ins Bewusstsein. Es ist gut, dass die Leute es sich nicht mehr so einfach machen können, es aber auch gar nicht wollen.

INTERVIEW: Wie ist es denn mit den Künstlern aus dem afrikanischen Raum. Werden diese stark durch das westliche Kunstverständnis geprägt?

GROSSE: Ich denke schon, dass es auf dem Kontinent eine gewisse Sensibilität für das Thema gibt, aber ich denke nicht, dass sich die Künstler um ein bestimmtes Bild sorgen, welches von Ihnen in der Welt existiert. Auffällig ist eher, dass die Sehnsucht nach Europa oder Amerika hinten angestellt wird. Da geht es dem Künstler gar nicht mehr darum, unbedingt im MoMA in New York oder im Palais de Tokyo in Paris auszustellen. Viele gehen zum Beispiel lieber nach Accra oder Johannesburg zurück, um dort auszustellen, an einem Kunstraum mitzuarbeiten, oder ein Residency-Programm ins Leben zu rufen. Insofern ist ein größeres Interesse dafür da, die einzelnen Szenen mitaufzubauen.

INTERVIEW: Woher kommt prozentual gesehen eigentlich die stärkste Käuferschicht afrikanischer Kunst?

GROSSE: Natürlich war es lange so, dass westliche Sammler vorherrschend waren. Aber schon seit vielen Jahren gibt es auch eine starke Sammlerschicht aus Süd- und Westafrika. Interessant dabei ist, wie sich wirtschaftliche Beziehungen und Interessen auf das Sammelverhalten von Kunst auswirken. Die Präsenz Chinas in vielen Regionen auf dem Kontinent führt beispielsweise dazu, dass seit einigen Jahren viele Chinesen, aber auch Koreaner verstärkt Interesse am afrikanischen Kunstmarkt gezeigt haben.

INTERVIEW: Was war für Sie die größte Herausforderung als Kuratorin?

GROSSE: Ziel ist es, dass die Leute über die Messe gehen und Vielseitigkeit präsentiert bekommen, nicht aber denken, dass sie Klischees und übliche Muster sehen. Es soll aber auch nicht belehrend rüberkommen, sondern die Besucher einfach mitnehmen und deutlich machen, dass es um Kunst geht, die nicht mehr in die alten Kategorien passt. Wenn das eingelöst wird, sind wir zufrieden.

INTERVIEW: Haben Sie das Gefühl, dass der diesjährige Focus von Messe und New York gut angenommen wird?

GROSSE: Auf jeden Fall. Das Feedback ist enorm. In den USA ist das Thema aufgrund der Geschichte natürlich unheimlich wichtig und die afro-amerikanische Kunstszene ist mit Künstlern wie Theaster Gates doch sehr präsent. Nach China, Middle East, Skandinavien und auch Berlin war es der Armory Show wichtig, nun die Kunst aus Afrikanischen Perspektiven zu thematisieren. African Perspectives ist hier der einzige Begriff, mit dem wir die Diversität beschreiben können, um zu zeigen, dass es eben nicht das eine Afrika gibt.

Verstärken in diesem Jahr das Team der Armory Show in New York: Yvette Mutumba und Julia Grosse © Benjamin Renter

Alle teilnehmenden Galerien und Künstler von African Perspectives:

Addis Fine Art, Addis Ababa: Emanuel Tegene

blank, Cape Town: Turiya Magadlela

Circle Art Gallery, Nairobi: Ato Malinda

Echo Art, Lagos: Namsa Leuba

Galerie Cécile Fakhoury, Abidjan: François-Xavier Gbré

Mariane Ibrahim Gallery, Seattle: ruby onyinyechi amanze

October Gallery, London: Aubrey Williams, Eddy Kamuanga Ilunga

Omenka Gallery, Lagos: Nengi Omuku

Galerie Jérôme Poggi, Paris: Kapwani Kiwanga

SMAC Gallery, Cape Town: Cyrus Kabiru

Tiwani Contemporary, London: Francisco Vidal

Vigo Gallery, London: Ibrahim El-Salahi

Galerie Tanja Wagner, Berlin: Kapwani Kiwanga

WHATIFTHEWORLD, Cape Town: Dan Halter

 

Von: Anneli Botz