Auf einen Burger mit Finn Wolfhard

Finn Wolfhard bestellt einen Burger. Den Morgen hat er in der Schule verbracht, auch wenn sein neuer Film „Es“ am Tag zuvor einen der erfolgreichsten Kinostarts des Jahres hingelegt hat. Wolfhard, Teenager aus Vancouver, Beatles-Fan und Star der Serie „Stranger Things“, ist der heute wohl berühmteste 14-Jährige im Filmgeschäft.

Fotos: Kira Bunse, Styling: Sean Knight

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Mit „Stranger Things“, einer Scifi-Hommage an 80er-Jahre-Filme wie „E.T.“ und „Stand by Me“ und Amerikas Suburbia, wurde Wolfhard über Nacht berühmt. Er spielt einen Jungen im ländlichen Indiana, der mit einer unheimlichen Doppelbelastung zu kämpfen hat: Sein bester Freund verschwindet in einem Paralleluniversum, dafür taucht ein Mädchen mit telepathischen Fähigkeiten im Garten auf. Sie wird von sinistren Wissenschaftlern verfolgt, weshalb es gilt, sie im Stockbett zu verstecken. Im Stephen-King-Remake „Es“ muss Wolfhard vor einem fiesen Clown fliehen. Der Film brach sofort Rekorde, da macht es nichts, dass Wolfhard selbst die uramerikanischen Achtziger, die seine Filme aufleben lassen, nicht erlebt hat. Womit verbringt dieser kanadische Teenager seine Zeit? Kevin Smith, Erfinder des Slacker-Films und Regisseur von „Dogma“ und „Jay & Silent Bob“, hat Wolfhard für uns angerufen und gefragt. Im Hintergrund ist eine Frauenstimme zu hören, Wolfhard kauft Fast Food.

KEVIN SMITH: Bist du gerade bei A&W?

FINN WOLFHARD: Ja, bin ich! Mein Vater bestellt gerade Burger.

K S: Ich bin ein großer Fan von A&W, letzte Woche habe ich 70 Mama-Burger gekauft, für die Crew. Wenn du A&W magst, macht dich das auch zum Anhänger von Tim-Hortons-Donuts?

F W: Tut es, deren Timbits sind viel besser als die Munchkins von Dunkin’ Donuts. Beim Thema Donuts gewinnt Dunkin’ aber mit leichtem Vorsprung, wegen der Glasierung. Die glasierten Donuts von Tim Hortons sind eklig, das sind fast Bagels.

K S: Haha! Du hast gerade Donuts politisiert, mein Freund! Das ist brisant!

F W: Wenn man bei den Schokoladen-Donuts bleibt, gibt es keine Probleme.

K S: Ich liebe Ti-Hos heiß und innig. Und ich stimme zu, dass die Timbits den Munchkins von Dunkin’ Donuts überlegen sind. Aber es war sehr demokratisch von dir, gleich beide Riesen-Franchise- Unternehmen auf einmal abblitzen zu lassen.

F W: Nur ein bisschen.

K S: Dein Film „Es“ hat dieses Wochenende mit über 120 Millionen Dollar eröffnet. Und seit letztem Jahr ist „Stranger Things“ das Epizentrum der Popkultur. Alle warten sehnlichst auf die zweite Staffel. Du stehst sozusagen an der Kreuzung der Popkultur. Sie kennen dein Gesicht überall, was für eine verrückte Angelegenheit! Wie fühlt es sich an, am Montagmorgen aufzuwachen und der König der Welt zu sein?

F W: Shit! Haha. Ich denke gar nicht so über mich nach oder über irgendwas, was ich tue. Ich bin heute einfach in die Schule gegangen. Ich gehe auf eine Privatschule, das ist also überhaupt nicht glamourös, eher: dunkle, katholische Korridore. Ich hatte nicht erwartet, dass „Es“ derart groß werden würde. Ich dachte schon, dass den Leuten der Film gefällt, dass er vielleicht sogar die 70 Millionen knackt. obwohl das schon ganz schön abgefahren wäre. Und dann das. Jesus!

K S: Stimmt es, dass du lange vor „Stranger Things“ für „Es“ vorgesprochen hast?

F W: Ja, stimmt.

K S: Warum hat es so lange gedauert?

F W: Also, das war Anfang 2015. Ich hatte gerade erst einen Agenten bekommen und sprach in Vancouver für Indie-Filme vor. Cary Fukunaga, der „True Detective“ und „Beasts of No Nation“ gedreht hat, war dabei, „Es“ zu adaptieren. Sie haben mich nach los Angeles eingeladen, das war ein echt großes Ding für mich. Ich war total nervös, weil ich noch nie etwas in der Größenordnung gemacht hatte. Ich kreuzte also beim Warner Bros. Studio auf, wo haufenweise kalifornische Kids herumhingen. Ich hatte eigentlich noch nie vorher kalifornische Kids getroffen, es gibt da ja schon einen Unterschied zwischen Jugendlichen, die in Vancouver aufgewachsen sind, und denen, die aus Los Angeles kommen.

K S: Kein Zweifel. In Vancouver trifft man immer vertraute Gesichter bei den Vorsprechen, in Los Angeles kennt man plötzlich niemanden.

F W: Genau. Ich hatte ein Vorsprechen, und dann fuhr ich wieder nach Hause, wo ich die Nachricht bekam, dass ich die Rolle bekommen hatte. Ich bin ausgerastet und habe mich total gefreut, dass wir in New York drehen würden. Doch dann kam plötzlich eine E-Mail von meinem Agenten, dass der Film abgesagt wurde. Cary war abgesprungen. Er rief mich dann an und erklärte mir, dass es mit dem Studio nicht funktioniert hatte und dass ihm nicht gefiel, was sie mit seinem Film machen wollten. Ich sagte: „okay“, aber innerlich war ich am Boden zerstört. Heute weiß ich, dass so etwas eigentlich die ganze Zeit passiert.

K S: Die ganze Zeit. Wenn man es mit Filmen mit solch großen Budgets zu tun hat – wovon ich natürlich nichts verstehe, weil ich so etwas nicht mache –, dauert es sehr lange, bis etwas anläuft. Du hattest also gerade erfahren, dass du in einem großen Film spielen würdest, und dann eröffnen sie dir, dass es keinen Film geben wird. Du bist am Boden zerstört – wie kam da „Stranger Things“ ins Spiel?

F W: Oh Mann, ich war so niedergeschlagen, dass ich dachte, vielleicht lasse ich das mit der Schauspielerei für eine Weile. Ich habe also eine Pause gemacht, eineinhalb Wochen oder so.

K S: Haha! lang genug.

F W: In der Zeit bekam ich das Drehbuch zu „Montauk“, so sollte „Stranger Things“ nämlich erst heißen. Ich war außerdem gerade krank und hatte echt keine Lust, es mir anzuschauen. Aber mein Vater hat mich überredet. Ich habe es gelesen und war auf der Stelle begeistert und habe ein Video aufgenommen. Darauf bin ich total bleich im Gesicht, weil ich ja krank war. Den Duffer-Brüdern gefiel es aber, und wir haben geskypt, wobei wir aber überhaupt nicht über die Serie gesprochen haben, sondern über meine Lieblingsfilme. Wir haben uns echt gut verstanden. Irgendwann meinten sie, ach, übrigens, du solltest wahrscheinlich nach L. A. kommen und Probeaufnahmen mit den anderen Kids machen. Und ich: „Oh. oh, okay.“

K S: Dein Leben war vorbei, und eine Woche später fing dein Leben wieder an.

F W: Genau.

K S: Ich fand „Stranger Things“ echt verblüffend. Es sieht nicht nur aus, als hätten die Duffers in der Videothek eine vergessene 80er-Jahre-Fernsehserie ausgegraben. Auch ihr Kids wirkt wie aus der Zeit gefallen. Als Zuschauer war ich sofort süchtig. Als Filmemacher dachte ich mir: „Das ist unmöglich, die haben zu dieser Zeit noch nicht mal gelebt!“ Wie habt ihr das hinbekommen? Haben die Duffers euch aufgegeben, bestimmte Filme zu schauen und bestimmte Musik zu hören? Wie bist du in das Gehirn und in das Herz eines 80er-Jahre-Jungen hereingekommen?

F W: Die beiden fragten mich gleich, ob ich „Stand by Me“ gesehen hatte, das ist einer meiner Lieblingsfilme. Dann haben sie einen Haufen anderer 80er- Jahre-Filme aufgezählt, die ich auch alle gesehen hatte. Also sagten sie: „Das sind die Filme, die du kennen musst, das reicht.“ Und ich: „Äh, echt?“ Sie haben aber Filmlisten an andere Schauspieler gegeben. Die Achtziger waren eine sehr coole Zeit.

K S: Inzwischen rennen dir die Filmleute bestimmt die Bude ein. Wo willst du wohnen, wenn du alt genug bist?

F W: Ich würde gern in L.A.und Vancouver leben. Wenn ich ein bisschen älter bin, könnte ich vielleicht auch einer dieser Kerle werden, die sich in New York verlieren oder so. Das wäre cool.

K S: Ich glaube nicht mal, dass du dafür älter sein musst. Nächste Woche, wenn die Schecks für „Es“ eintrudeln – ab nach New York, haha! In welche Klasse gehst du?

F W: Ich bin in der zehnten Klasse.

K S: Wie ist das heute so, ein Teenager zu sein?

F W: Stell dir die Jugendlichen in „Dazed & Confused“ vor, aber ohne Herz und gesunden Menschenverstand.

K S: So ist das da draußen?

F W : Es gibt natürlich kluge Kids, vom Typ Adam Goldberg. Aber denk nur mal an die Mädchen, die auf der Toilette rauchen. Das erinnert mich an eine moderne Version von dem, was „Dazed & Confused“ war.

K S: Als ich in der Highschool war, durften die Kids Zigaretten zum Mittagessen rauchen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das heute noch erlaubt ist.

F W: Sie machen es immer noch, man muss dafür nur vom Schulhof runter.

K S: Finn Wolfhard ist ja übrigens der metalhafteste Name, den man sich vorstellen kann. Er würde auch gut zu „Game of Thrones“ passen. War das in der Kindheit mal ein Problemname? Bist du damit aufgezogen worden?

F W: Oh ja. Ich wurde zum Beispiel Finn Wolf-fart (Wolfsfurz) genannt, haha.

K S: Das wird ein Hashtag auf Social Media! Schreibt man das mit Doppel-F? Aber was für ein toller Name, mit einem Namen wie Finn Wolfhard hätte ich vielleicht Krebs geheilt, dabei bin ich nicht mal entfernt medizinisch begabt. Dieser Name verlangt große Dinge von seinem Träger. Wann machst du deinen Führerschein?

F W: In Atlanta (wo „Stranger Things“ gedreht wird) kann man schon mit 15 den Führerschein machen, da bin ich also bald alt genug. In Amerika geht es einfach so: Man besteht eine Prüfung und bekommt seinen Führerschein ausgehändigt. Das war’s. In Kanada ist es viel schwieriger, man muss verschiedene Stationen durchlaufen. Wenn man bestanden hat, bekommt man eine Anfängerzulassung, sieben oder acht Monate später wird man Neufahrer und muss sich ein N aufs Auto kleben, was man nach einem Jahr wieder entfernen darf, und dann dauert es noch ein Jahr, bis man die volle Zulassung bekommt. Es dauert also etwa zweieinhalb Jahre. Dafür gibt es hier aber auch nicht so viele verrückte Teenager, die in Autos herumfahren.

Interview: Kevin Smith

Redaktion: Frauke Fentloh

Haare LAUREN PALMER- SMITH, Make-up BLONDIE/ EXCLUSIVE ARTISTS mit Produkten von CHANEL, Produktion CLAUDE GERBER, BIRD PRODUCTION, On-Set- Produktion RICHIE DAVIS, Retusche NITTYGRITTY. BERLIN, Foto-Assistenz JUSTINE VALLET, Dank an RICHIE DAVIS