Being Spike Jonze - das große INTERVIEW 

 

Er habe nur einen Liebesfilm drehen wollen, der zu unserer Gegenwart passt, sagt Spike Jonze, wenn er erklären soll, was ihm jetzt schon wieder eingefallen ist. So ist es immer bei ihm. Die Regisseurin Nicole Holofcener ("Enough said) sprach für INTERVIEW mit dem 44-Jährigen, der gerade seinen ersten Oscar für "Her" bekam

Foto: Lance Acord
Interview: Nicole Holofcener

 

Wenn er einen Kinderfilm dreht, gibt es statt Disney-Ware ein anarchistisches Spektakel (Wo die wilden Kerle wohnen), eine New Yorker Büro-Liebelei endet im Gehirn eines Schauspielers (Being John Malkovich) – und ein Liebesmelodrama wird zu einer beklemmenden Meditation über Einsamkeit in der ­Epoche der Totalvernetzung. In Her, Jonze’ neuem Film, für den er mit dem Oscar für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde, spielt Joaquin Phoenix einen Melancholiker, der sich unsterblich in ein Betriebssystem verliebt, das mit ihm bloß spricht – allerdings mit der Stimme Scarlett Johanssons. Es ist eine vollkommene Liebe, bis das Betriebssystem wieder geht, weil ihm Menschen nicht mehr genügen. Was soll das? Was sagt uns das über uns? Über diese und noch heiklere Themen unterhielt sich Spike Jonze mit Nicole Holofcener, ihrerseits eine bemerkenswerte Regisseurin bemerkenswert hellsichtiger Gegenwartsfilme (Please Give, Genug gesagt). 

Nicole Holofcener: Ich habe mir für dich ein paar Fragen notiert, und du hast die Wahl, ob du sie beantworten willst. Erste Frage: Bist du ein Hintern-Mann? 

Spike Jonze: Einer, dem Hintern lieber als Brüste sind? 

Holofcener: Genau. 

Jonze: Ich weiß nicht … 

Holofcener: Wie viel verdienst du? Und rasierst du dir die Schamhaare? 

Jonze: Wow, Nicole. Das sind ja tolle Fragen. 

Holofcener: Das dachte ich auch. Viertens: Nimmst du Anti­depressiva? 

Jonze: Diese Fragen zielen ja direkt ins Herz meines Filmes. Besonders die mit den Schamhaaren. 

Holofcener: Nicht wahr? Zwei Fragen noch. Fünftens: Was war die erniedrigendste sexuelle Erfahrung deines Lebens? Sechstens: Verwendest du Make-up? 

Jonze: Das hängt alles mit der Frage nach meinen Schamhaaren zusammen. Wenn ich die beantworte, beantworte ich in gewisser Hinsicht alle Fragen. 

Holofcener: Alles wird sich restlos aufklären. Aber du musst nicht gleich antworten, wenn du nicht willst. 

Jonze: Ist es in Ordnung, wenn ich dir die Antworten twittere? 

Holofcener: Klar. Erzählst du mir etwas über die Rolle der Technologie in Her und über dein Interesse daran?

Jonze: Danach werde ich aus nahe liegenden Gründen in jedem Interview gefragt, und es stimmt natürlich, dass man in Her ein paar Gedanken über Technologie und über die Art und Weise findet, wie wir mit ihr leben. Aber eigentlich wollte ich einen Film darüber machen, wie sehr wir uns danach sehnen, mit anderen Menschen zusammenzukommen – einen Liebes- und Beziehungsfilm unter den Bedingungen der Gegenwart.

Holofcener: Wie ist dein eigenes Verhältnis zur Technologie? 

Jonze: Nett. 

Holofcener: Du magst dieses Zeug wirklich? 

Jonze: Ich bin daran gewöhnt. Na ja, es ist kompliziert … 

Holofcener: Bist du abhängig von deinem Telefon? 

Jonze: Auf jeden Fall gucke ich ständig nach, ob mir jemand eine SMS geschickt hat. So nach dem Motto: „Hat mir jemand gesimst? Denkt jemand an mich? Liebt mich jemand?“ Und ich habe diese Handgelenksbewegung drauf, du weißt schon, wenn dein Telefon mit der Vorderseite nach unten auf einem Tisch liegt, und dann dreht man es aus dem Handgelenk um, um nachzusehen, ob eine SMS gekommen ist. Es gibt da diesen speziellen Handgelenksmuskel, von dem ich glaube, dass er den Menschen erst in den letzten fünf oder acht Jahren gewachsen ist. 

Holofcener: Wenn man sich als Arzt darauf spezialisieren würde, die damit verbundenen Leiden zu lindern, könnte man wahrscheinlich ein Vermögen machen. 

Jonze: Ich habe also diese Angewohnheit, ständig mein Handy auf SMS zu checken. Wenn ich es mal für ein paar Stunden im Auto lasse, bin ich stolz auf mich. 

Holofcener: Meine Güte … Das ist so traurig (Jonze lacht). Glaubst du, dass die Welt durch diese Erfindungen zu einem besseren Ort geworden ist? Nachdem ich deinen Film gesehen habe, habe ich darüber meine eigenen sehr starken Auffassungen. Du sicher auch. 

Jonze: Meine Gefühle diesbezüglich sind sehr widersprüchlich. Aber ich könnte mir vorstellen, dass das, was du gerade über mich denkst, mit deiner Reaktion auf meinen Film zu tun hat. 

Holofcener: Stimmt. Ich kam mit dem Glauben aus dem Kino: „Jetzt weiß ich, was Spike fühlt.“ 

Jonze: Das ist für mich das Aufregende an Her. Es gibt so viele widersprüchliche Reaktionen.

Holofcener: Und das magst du?  

Jonze: Na klar. Du musst doch auch hoffen, dass jeder, der einen Film von dir sieht, sein persönliches Verhältnis zu ihm entwickelt. 

Holofcener: Solange er ihn mag. 

Jonze: Wenn er ihn hasst, findest du ein persönliches Verhältnis nicht mehr so gut? 

Holofcener: Dann zählt es nicht (beide lachen). Wie war das Arbeiten mit Joaquin (Phoenix)? Hast du viel mit ihm geprobt? 

Jonze: Ja, aber das waren eher Leseproben, bei denen wir das Drehbuch durchgegangen sind und nach jeder Szene besprochen haben, was funktioniert und was nicht. Er hat ein untrügliches Gespür dafür, ob sich etwas richtig anfühlt.

Holofcener: Als Scarlett (Johansson) ins Spiel kam, war der Film ja schon gedreht. Wie war das mit ihr? 

Jonze: Wir haben in Los Angeles viele Tage im Tonstudio verbracht. Ich bin ja eher nicht der Typ, der leichtfertig sagt: „Okay, passt, haben wir im Kasten, nächste Szene.“ Bei mir ist es eher so: „Vielleicht sollten wir es noch einmal versuchen oder doch noch einmal umschreiben.“ Ren (Klyce), der bei meinen Filmen für den Ton und die Musik­bearbeitung verantwortlich ist, nennt das immer meinen „Prozess“. Ich bin mir nicht sicher, ob er das positiv meint. 

Holofcener: Du warst ja ein Skateboarder, ehe du Filmregisseur geworden bist. Liegt zwischen diesen beiden Phasen in deinem Leben ein klarer Schnitt? 

Jonze: Wenn man auf das eigene Leben zurückblickt, hat man immer das Gefühl, dass eins zum anderen geführt hat, aber bei mir war das kompletter Zufall. Ich habe Fotos und Videos vom Skaten gemacht, und irgendwann hat Kim Gordon eines meiner Skatervideos in die Hände bekommen. Mark Gonzales, ein Skater-Freund von mir, hat es ihr nach einem Sonic-Youth-Konzert gegeben, auf dem Parkplatz. 

Holofcener: Warum Sonic Youth? 

Jonze: Er mochte die Band, war beim Konzert, und wahrscheinlich hatte er das Video zufällig im Auto.

Holofcener: Nach dem Motto: Hey, da ist jemand Prominentes, lass mich ihm dieses Skateboard-Video geben? 

Jonze: So ist Mark eben. Jedenfalls haben sie sich dieses Video wirklich angesehen, und dann rief Kim an und sprach auf meinen Anrufbeantworter. Ich wohnte damals mit meiner Freundin Megan Baltimore in Torrance und war erst 22 oder so, und natürlich war es eine große Sache, dass da plötzlich eine Nachricht von Kim Gordon auf dem AB war. Sie sagte: „Hey, wir hätten gerne, dass du bei dem Musikvideo mitmachst, das wir gerade drehen.“ Also rief ich zurück, und sie stellte mich Tamra Davis vor, die damals gerade damit begann, Filme zu drehen, aber schon eine wichtige Musikvideo-Regisseurin war, sie hatte für Tone-Loc und Young MC gearbeitet und drehte das 100%-Video für Sonic Youth, für das sie von mir ein paar Skateboarding-Sequenzen wollte. 

Holofcener: Das erste Mal, dass du Regie geführt hast. 

Jonze: Das allererste Mal, dass ich eine Filmkamera in der Hand hatte, bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich ja nur Videos gemacht. In den drei Wochen, in denen Tamra ihr Video vorbereitete, erhielt ich von ihr einen Crashkurs – was Location Scouting ist, wie ein Casting funktioniert und so weiter. ­Michael Spiller, der Kameramann, mit dem sie arbeitete, drückte mir seine 16mm-Kamera in die Hand und zeigte mir, wie man sie bediente, und dann legte ich los. Schließlich durfte ich bei ihr zu Hause selbst schneiden. Ich kam jeden Morgen, saß den ganzen Tag am Schneidetisch, während sie ihren Film Guncrazy vorbereitete, und besprach abends mit ihr, was ich gemacht hatte. Im Grunde habe ich bei ihr so etwas wie einen Meisterkurs für Musikvideos absolviert.

Holofcener: Wenn also Mark nicht gewesen wäre, würdest du heute bei Nordstrom oder so arbeiten? 

Jonze: Wahrscheinlich. 

Holofcener: Du hast deine Karriere also ihm zu verdanken? 

Jonze: Ihm und Kim und Tamra. 

Holofcener: Wie ist dein Verhältnis zum Regieführen jetzt, da du so ein trauriger alter Mann geworden bist.

Jonze: Ich weiß. Alt … und so müde. Wahrscheinlich bin ich … 

Holofcener: … besser geworden. 

Jonze: Vermutlich. Aber vor allem tue ich mich jetzt leichter damit, wo ich die Kamera aufstellen soll.

Holofcener: Das ist dir anfangs noch schwergefallen? 

Jonze: Ich habe Fotos und Videos vom Skaten gemacht, also wusste ich, wie man eine Kamera bewegt und Bilder komponiert. Aber eine Szene auf Kameraeinstellungen herunterzubrechen war eine ziemlich abstrakte Angelegenheit für mich. 

Holofcener: Ich finde das immer noch schwer. Besprichst du dich mit dem Kameramann, ehe die Schauspieler loslegen? 

Jonze: Wir haben schon einigermaßen genaue Vorstellungen, wenn wir den Dreh vorbereiten. In der Preproduction-Phase sitzen Hoyte (Van Hoytema, der Kameramann) und ich in den Sets herum und machen viele Fotos für unser Storyboard. Oder wir lassen jemanden wie Thomas (Patrick Smith), unseren Art Director, für Joaquin einspringen und machen mit ihm Fotos, um die Einstellungen für die Szene zu finden. 

Holofcener: Ich habe irre viele Videos, in denen der Art Director und der Kameramann Szenen meiner Filme spielen. Alle machen dabei mit. 

Jonze: Du machst das also auch? 

Holofcener: Ja, ja!

„Her“ mit Joaquin Phoenix, Amy Adams und der  Stimme von Scarlett Johansson läuft seit dem 27. März in Deutschland