BOY GEORGE im INTERVIEW

Boy George, Foto: Dean Stockings

 

Er hat alles überlebt: die Achtziger, den Welterfolg und die Drogen, die Fettsucht und den Knast. Zwar sorgten all die privaten Dramen dafür, dass seine Bekanntheit intakt blieb, nur geriet leider völlig in Vergessenheit, womit Boy George überhaupt diese Bekanntheit erlangt hatte. Nicht, dass der heute 52-Jährige über die Jahre untätig gewesen wäre. Er hat sich eine Karriere als DJ aufgebaut, nebenbei zwei Autobiografien (Take It Like A Man, Straight) veröffentlicht, ein Musical (Taboo) geschrieben, eine Modelinie (B-Rude) lanciert und auch fotografiert. Nur als Popmusiker trat er nicht mehr in Erscheinung. Das soll sich jetzt ändern. 19 Jahre nach "Cheapness & Beauty" veröffentlicht Boy George jetzt ein neues Album mit dem programmatischen Titel "This Is What I Do".

Interview: War es notwendig, die Öffentlichkeit daran zu erinnern, was Sie tun?

Boy George: Absolut. Immerhin habe ich in der Vergangenheit nichts unversucht gelassen, um von dem abzulenken, was ich eigentlich mache. Als ich in einem Interview gefragt wurde, wie das Album heißen würde, sagte ich, ohne darüber nachzudenken: "This Is What I Do." Vorher hatte ich nur alberne Titelideen …

Interview: Welche denn?

George: Ach, ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern. Ich weiß nur, dass meine Freunde mich komisch anschauten, wenn ich sie ihnen verriet: "Ernsthaft?" Haha! Aber in den vergangenen fünf Jahren habe ich mich zum ersten Mal gefragt, wie ich mich selbst sehen will. Die Frage hatte ich mir vorher nie gestellt. Ich war immer nur damit beschäftigt, was andere Leute von mir halten, wie ich aussehe, wie ich wirke.

Es ist erstaunlich, wie sehr man zu dem wird, was über einen geschrieben wird

Interview: Hätte man jetzt nicht gedacht.

George: Im Popgeschäft ist ja oft von Neuerfindung die Rede, aber ich halte Neuerfindung für einen Mythos. In der Regel heißt das nur, dass man eine neue Frisur hat, was Neues zum Anziehen, andere Schulterpolster und so. Aber so funktioniert das nicht. Es mag zwar so aussehen, dass man sich über Nacht verändert, aber in Wirklichkeit ist es ein jahrelanger Prozess.

Interview: Funktioniert Neuerfindung überhaupt?

George: Ja, unbedingt. Es hängt natürlich davon ab, was man neu erfinden will, aber in meinem Fall, wie soll ich sagen … Einerseits habe mich sehr verändert, andererseits bin ich vielleicht nur wieder zu der Person geworden, die ich war, bevor ich ins Unterhaltungsgeschäft geraten bin. Ich sehe natürlich nicht mehr so aus, aber ich fühle mich wieder wie mit 19. Natürlich ohne all die Ängste. Ich war ja so unsicher damals.

Interview: Waren Sie das? Ich habe ein altes TV-Interview mit Barbara Walters gesehen …

George: Aber da rede ich doch nur Quatsch, und zwar ununterbrochen. Antony von Antony & The Johnsons hat mir ein Interview gezeigt, dass ich kurz vor meinem Durchbruch dem Record Mirror gegeben habe. Die Überschrift war: "Ich liebe den Papst, er ist wie Gary Glitter!" Darin erzähle ich, dass Iron Maiden bald die größte Band der Welt sein würde, lauter so irres Zeug. Aber man hat mich immer reden lassen.

Interview: Und jetzt …

George: … rede ich immer noch, haha. Aber die Ereignisse der vergangenen fünf Jahre haben mich gezwungen, ein wenig erwachsener zu werden. Allerdings glaube ich nicht, dass die Weisheit mit dem Alter kommt, man entscheidet sich dafür. Mein Problem ist nämlich, dass ich Veränderung hasse. Obwohl ich ständig nach ihr suche und sie umarme, kann ich Veränderung auf der persönlichen Ebene nicht ertragen. Aber irgendwann, als es nicht mehr anders ging, musste ich mich von meinem Manager und all den anderen Leuten, die für mich gearbeitet hatten, trennen, weil mir klar wurde, dass sie in mir nur den Boy George sehen konnten, der ich all die Jahre gewesen war. Also musste ich Leute finden, die mich herausforderten und darüber hinwegsahen, was ich war. Um ehrlich zu sein, bin ich das, was ich war, im Grunde nie gewesen. Es ist erstaunlich, wie sehr der Ruhm das Image formt und wie man dann selbst dieses Bild bedient. Stars werden zu dem, was man über sie schreibt.

Interview: Man fängt also an, sich selbst zu spielen.

George: Ja, man wird zur Parodie, zu einem Klischee. Aber da ich nie besonders ehrgeizig war, habe ich nicht gegengesteuert.

Interview: Sie waren nicht ehrgeizig?

George: Nein, schon als junger Mann nicht. Ich musste ja auch nicht ehrgeizig sein, es ist mir alles zugeflogen.

Interview: Na ja, immerhin haben Sie damals eine Band gegründet. Etwas Mühe muss das doch gekostet haben.

George: Ach, wir waren doch alle in irgendwelchen Bands. Heute bin ich jedenfalls viel ehrgeiziger. Nicht, weil ich will, dass Fans bei meinem Anblick vor Begeisterung schreien, und auch nicht, weil ich wieder zu dem werden will, der ich war, bloß das nicht. Das ist vielleicht der größte Kampf, den ich Tag für Tag austragen muss: dass ich all das nicht noch einmal will.

Interview: Warum nicht?

George: Weil ich das alles schon kenne und weiß, dass es einen nicht glücklich macht.

Interview: Aber ist es nicht so, dass die Mechanismen des Showgeschäfts gewisse Dinge von einem verlangen?

George: Doch, klar. Das Showgeschäft ist nicht besonders originell. Gewisse Dinge lassen sich nur auf eine gewisse Weise erreichen. Deswegen empfiehlt es sich auch, einen Plan zu haben und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Als ich bei Virgin unter Vertrag war und Cheapness & Beauty veröffentlichte, meiner Meinung nach eine der besten Platten, die ich gemacht habe, hatten wir einen Plan, wie das Album unters Volk zu bringen sei – aber in der Sekunde, in der es nicht so lief wie erhofft, geriet die Plattenfirma in Panik und brachte Il Adore heraus, einen Song über den Tod. Ich dachte nur: "Echt jetzt?" Haha. Aber ich habe sie gelassen. Zu wenig Ehrgeiz. Mein Fehler.

Interview: Welche Lehre ziehen Sie daraus?

George: Selbst wenn ein Plan scheitert, halte an ihm fest.

Interview: Auf Gedeih und Verderb?

George: Man muss sich treu bleiben. Aber dazu muss man natürlich wissen, wer die Person, der man treu bleiben soll, überhaupt ist. Wer bist du? Was willst du? Was soll das alles überhaupt?

Interview: Und was ist die Antwort?

George: Ich will die Chance nutzen, das Bild von mir neu zu malen. Wissen Sie, als ich anfing, das neue Album aufzunehmen, hatte niemand auch nur die geringste Erwartung. Nie habe ich für eine meiner Platten je eine positive Besprechung erhalten, ich meine, in Deutschland vielleicht, aber in England: nie!

Boy Georges neues Album "This Is What I Do" ist bei Very Me Records erschienen. Weitere Informationen finden Sie hier.

Das vollständige Gespräch finden Sie in der aktuellen Februar-Ausgabe von INTERVIEW.

 

- Harald Peters

 

21.01.2014 | Kategorien Interviews, Musik | Tags , , , ,