"Ich mag es, wenn Männer einfach Männer sind und selbst wissen, wo es langgeht"

Diese Frau will kein Stück vom Kuchen, sie will die ganze Bäckerei: Charlize Theron hat der Libido des Teufels getrotzt (The Devil’s Advocate), einen Oscar als Serienmörderin geschossen (Monster), sich geweigert, erwachsen zu werden (Young Adult), und dennoch ihr Gesicht Dior geliehen. Sie ist der beste Beweis, dass man als Frau keine Rollen in romantischen Komödien annehmen muss, um in Hollywood (und dem Herzen von Sean Penn) erfolgreich zu landen.

Kette DIOR

Von
Jörg Harlan Rohleder
Porträt
Karim Sadli

Charlize Theron: “Ich mag es, wenn Männer einfach Männer sind und selbst wissen, wo es langgeht.”
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Interview: Frau Theron, Sie werben seit 2004 für Dior. Wann kam das letzte Mal ein Kerl in einer Bar auf Sie zu und sagte: „J’adore.“?
Charlize Theron: Das ist mir noch nie passiert, dabei liegt es wirklich nahe. Ich würde vermutlich eine Sekunde länger zuhören … sonst komplimentieren mich die meisten nur, weil sie die alte Kampagne gesehen haben und gut finden, dass ich darin …
Interview: … strippe!
Theron: (lächelt)
Interview: Interessanterweise besetzt Sie das französische Modehaus aufgrund von Attributen, für die Sie im Kino nicht primär gebucht werden: blond, golden, sexy.
Theron: Ja, weil sich darüber ja auch keine Geschichten erzählen lassen. Nennen Sie mir eine Rolle, die nach diesen Attributen besetzt wird.
Interview: Eigentlich alle Filme von ­Cameron Diaz. Die Serienmörderin Aileen Wuornos, die Sie in Monster gespielt haben, allerdings nicht, auch wenn Sie dafür einen
Oscar erhielten.
Theron: Das ist frech.
Interview: Ein Ansage in der neuen Dior-Kampagne lautet: „The only way out is up!“ Das passt nicht nur in eine Werbung, es fasst auch ziemlich gut Ihre Biografie zusammen.
Theron: Ist das so besonders? Gilt das nicht für alle Menschen?
Interview: Die wenigsten wachsen auf einer Farm außerhalb von Johannesburg auf, landen durchs Tanzen bei den Modeschauen in Mailand und Paris und dann, nach einem kurzen Stopp bei einem Ballett-Ensemble in New York, mit einem One-Way-Ticket in L.A. …
Theron: Und doch haben alle eine ähnliche Geschichte. Denn darum geht’s im Leben; deshalb gibt es Hoffnung und Bestimmung, wir alle wollen uns vorwärtsbewegen – und nach Höherem streben.
Interview: Wann waren Sie zuletzt auf der Farm außerhalb von Johannesburg?
Theron: Das ist eine ziemliche Weile her. Leider!
Interview: Wie muss man sich Charlize Therons Kindheit vorstellen?
Theron: So normal, wie das eben möglich ist in einem Land, das von Rassentrennung und all seinen Folgen geprägt wurde. Meine Generation wusste immer, dass wir Teil einer Schicht waren, die Unrecht begangen und dem Land sehr viel Schmerzen zugefügt hatte. Und dennoch kann ich sagen, dass ich eine Kindheit hatte, die toll war, die mich bis heute prägt.

Charlize Theron: “Er sagte: Picasso hatte seine blaue Periode und Charlize Theron ihre Bitch-Periode! Das fand ich brillant.”
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Interview: Wie alt waren Sie, als Sie bemerkten, dass unterschiedliche Menschen unterschiedlich behandelt werden?
Theron: Als Kind erahnt man eine sehr abgeschwächte Form dessen, weil man die ganze Dimension nicht begreift. Das kommt dann mit 14 oder 15, wenn man plötzlich realisiert, was tatsächlich los ist …
Interview: Was für ein Mädchen waren Sie in der Schule?
Theron: Normal bis schüchtern. Ich hatte nicht allzu viele Freunde, aber das störte mich nicht. Allerdings gab es da dieses eine Mädchen, das ziemlich beliebt war – weswegen ich unbedingt ihre Freundin werden wollte (lacht).
Interview: Was würde die 15-jährige Charlize über die Frau sagen, die heute hier sitzt?
Theron: Sie wäre geschockt!
Interview: Geschockt, weil Sie eigentlich Tänzerin werden wollten?
Theron: Das war mir leider nicht vergönnt.
Interview: Weil Sie mit 18 merkten, dass das Knie nicht mehr mittanzen kann. Woher nahmen Sie die Kraft, einen Anlauf als Schauspielerin in Los Angeles zu versuchen, anstatt die nächste Maschine zurück nach Südafrika zu nehmen?
Theron: Das kam nie infrage, Scheitern war keine Option. Außerdem wusste ich: Dorthin kannst du immer. Meine Mutter hatte mir dafür eine Kreditkarte besorgt, sodass ich jederzeit den Rückflug hätte buchen können.
Interview: Und das Geld haben Sie nicht einfach so auf den Kopf gehauen? Sie waren jung, frei und California Dreamin’!
Theron: Nein.
Interview: Nein?
Theron: Nein (lacht). Wobei, Träume hatte ich sehr wohl.
Interview: Es heißt, Sie seien von einem Agenten entdeckt worden, als Sie schreiend auf einem Boulevard in Hollywood standen. Der Mann, den Sie mit Flüchen bombardierten, weigerte sich, einen Ihrer Schecks einzulösen.
Theron: Der Scheck war von einer ausländischen Bank ausgestellt worden, und ich besaß keinen amerikanischen Pass, diese Kombination gefiel dem Mann nicht. Und da ich pleite war, meine Miete ausstand und ich am Morgen nie wusste, was ich abends essen sollte, stand ich ziemlich unter Spannung. Und das hat dieser Kerl dann zu spüren bekommen – wobei ich wirklich nicht unhöflich war, sondern nur verzweifelt.
Interview: Und doch hatte der Agent ein gutes Auge: Die Energie, mit der Sie den Scheckverweigerer angeschrien haben, entsprach wahrscheinlich ziemlich genau jener Intensität, für die man Charlize Theron auf der Leinwand so schätzt.
Theron: Sie meinen, ich bin am besten, wenn ich am Rande der Verzweiflung stehe?
Interview: Durchaus möglich! In Ihrem Filmdebüt, Kinder des Zorns 3, schrien Sie nicht, Sie durften nicht einmal sprechen. Und doch spürte man diese Energie …
Theron: Ich komme ja vom Tanz, einer Welt, in der Geschichten auch nur durch körperlichen Ausdruck erzählt werden, mir ist das also nicht fremd. Auch heute verlasse ich mich bei manchen Rollen eher auf meine Körpersprache als auf das gesprochene Wort. Ich hatte des Öfteren schon Diskussionen mit Regisseuren, weil ich meine Zeilen gekürzt und durch eine Geste ersetzt habe, wenn ich fand, dass es mehr Sinn macht als ein Dialog, der sich gut liest, aber gesprochen nicht funktioniert.
Interview: Sie spielten eine Serien­mörderin in Monster, Meredith Vickers in Prometheus und die Königin Ravenna in Schneewittchen, allesamt bösartige Charaktere. Kann es sein, dass Sie am besten sind, wenn Sie fies werden?
Theron: Sie vergessen Young Adult (lacht).
Interview: Entschuldigung.
Theron: Aber ich fürchte, Sie haben recht: Ein Journalist schrieb einst über mich: „Picasso hatte seine blaue Periode, und Charlize Theron hat gerade ihre Bitch-Periode.“ Das fand ich ziemlich brillant.
Interview: Strengen Sie sich im echten Leben doppelt an, um nett rüberzukommen und das auszugleichen?
Theron: Nein, das würden die Leute auch durchschauen. Ich bleibe einfach, wer ich bin und was ich bin – und für gewöhnlich reicht das, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Es wäre mir aber durchaus unangenehm, wenn meine Mitmenschen denken würden, ich befände mich auch außerhalb der Rollen in meiner Bitch-Periode (lacht).
Interview: In Ihrem letzten Film A Million Ways To Die In The West spielten Sie eine abgeklärte Gangsterbraut, die keine mehr sein will. Sie reiten, Sie schießen, Sie machen eine ziemlich gute Figur in der Wildnis. Wie lange, glauben Sie, hätten Sie tatsächlich im Wilden Westen überlebt.
Theron: Zumindest reiten kann ich. Aber das eigentliche Problem des Wilden Westens war ja, dass man, selbst wenn man große
Eier hatte und Macho genug war, nur einmal auf eine verdammte Klapperschlange treten musste, und schon war alles vorbei.
Interview: Im Film bringen Sie einem jungen Mann das Schießen bei.
Theron: Ja. Und er wird besser.
Interview: Haben Sie auch sonst gute Erfahrungen damit gemacht, Männern zu zeigen, wie die Dinge so laufen?
Theron: Nein, so ein Mädchen bin ich nicht. Ich mag es, wenn Männer einfach Männer sind und selbst wissen, wo es langgeht. Ich mache mich ungern kleiner, nur um das Ego eines Mannes nicht zu gefährden.
Interview: Der einzige Junge, der wirklich auf Führung angewiesen ist, ist Ihr zweijähriger Sohn Jackson. Gibt es auch Dinge, die Sie von ihm lernen können?
Theron: Er öffnet mir die Augen für all das, was man irgendwann als selbstverständlich hinnimmt, wenn man älter wird. Durch ihn durfte ich beispielsweise wieder erfahren, was Unschuld bedeutet, was es wirklich heißt, im Augenblick zu leben und die Dinge zum ersten Mal wahrzunehmen. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie er seinen eigenen Schatten entdeckt hat. Einfach nur großartig.
Interview: Vor Kurzem berichtete eine Modezeitschrift, Sie hätten den Wunsch der Adoption schon als Achtjährige gegenüber Ihrer Mutter in einem Brief formuliert.
Theron: Das stimmt, obwohl ich zugeben muss, diesen Brief total vergessen gehabt zu haben. Erst kürzlich kramte meine Mutter ihn wieder hervor. Darin stand: „Dieses Jahr wünsche ich mir zu Weihnachten, dass wir in ein Waisenhaus fahren und eine Schwester oder einen Bruder für mich adoptieren.“ Ziemlich clever, oder?
Interview: Sehr clever!
Theron: Sie sehen: Für mich war Adoption nie eine letzte Möglichkeit, sondern immer eine naheliegende Option.
Interview: Zumal es in Südafrika auch besonders viele Waisenhäuser gab und gibt.
Theron: Absolut.
Interview: Freuen Sie sich darauf, dort im Spätsommer den nächsten selbst produzierten Film in Angriff zu nehmen? Sean Penn führt Regie, Sie spielen die Hauptrolle, gedreht wird in Südafrika – das klingt alles wie ein gut geplanter Familienausflug!
Theron: Die Dreharbeiten beginnen Mitte August und ja, ich freue mich sehr darauf.
Interview: Wahrscheinlich werden Ihnen Hunderte kleine Charlizes hinterherrennen.
Theron: Wie kommen Sie darauf?
Interview: Im Internet heißt es, jedes vierte Mädchen, das in Südafrika zur Welt kommt, werde Ihnen zu Ehren Charlize getauft.
Theron: Oh ja, davon habe ich auch schon gehört. Ich weiß jedoch nicht, ob es stimmt. Aber wenn es so sein sollte, gründe ich mein eigenes Land!

Foto KARIM SALDI FOR CHRISTIAN DIOR PARFUMS


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