Christian Slater im Gespräch mit Glenn Close

Er war der Rebell des Kinos. Christian Slater spielte größenwahnsinnige Helden und gut gekleidete Outsider, trank zu viel, fuhr zu schnell und trug eine Waffe im Reisegepäck. Doch das war einmal. Heute ist Slater 48, sein Bad-Boy-Image hat er abgelegt. Was nicht bedeutet, dass er es nur gemütlich mag.

Fotos: Sacha Maric, Styling: Jessica Bobince

Christian Slater war 15, als er neben Sean Connery in „Der Name der Rose“ spielte, und 17, als er Winona Ryder im hinreißenden Highschool- Film „Heathers“ umgarnte. Er gab einen lederjackentragenden Herzensbrecher mit niedriger Frustrationstoleranz und Hang zum Blutrausch. Slater wurde zum Idol der frühen Neunziger, es folgten Filme wie „True Romance“ und „Interview mit einem Vampir“. Doch irgendwann riss die Erfolgssträhne, was auch daran lag, dass Slater mit seinem Privatleben genug zu tun hatte. Nun ist er zurück im Geschäft. Seine Rollen mag Slater noch immer rau. Er verlor den Verstand in Lars von Triers „Nymphomaniac“ und betrieb einen schwulen Pornoring in „King Cobra“. Den großen Triumph aber schaffte er mit der Serie „Mr. Robot“, die ihm einen Golden Globe bescherte. Slater spielt den Kopf einer klandestinen Hackertruppe, die vom Amüsierpark Coney Island aus gegen Großkapital und böse Konzerne kämpft. Es ist ein Heimspiel für Slater, der in Hell’s Kitchen aufwuchs und auch heute noch in New York lebt. Mit Glenn Close hat er gerade in Schottland den Film „The Wife“ gedreht. Sie haben sich gleich gut verstanden, beide sind vernarrt in ihre Hunde.

GLENN CLOSE: Christian, wo hast du deine Hunde eigentlich her?

CHRISTIAN SLATER: Ach, Fish und Hoot, sie kommen beide aus dem Tierheim. Ich würde sagen: Fish ist etwa sechs Jahre alt. Er hat sich junger Winthrop für die Amerika-Tour von „The Music Man“ mit Dick Van Dyke.

G C: Wow. Ist deine Mutter Schauspielerin?

C S: Sie ist Casting Director und hat damals Seifenopern wie „One Life to Live“ besetzt. Deswegen war ich in meiner Kindheit immer umgeben von Schauspielern. Ich bin in den Backstage-Bereichen herumgerannt und war auch oft bei Castings dabei. Da saß ich still in einer Ecke und spielte mit meinen Action-Figuren, aber heimlich habe ich gelauscht, was gesagt wurde, sobald die Schauspieler den Raum verlassen hatten.

G C: Eine gute Frühbildung. Meine Tochter Annie, die du ja kennst, ist auch praktisch auf Filmsets aufgewachsen. Was denkst du, wie dich das beeinflusst hat? Als Schauspieler und auch als Mensch?

C S: Ich hab’s geliebt. Ich war nämlich überhaupt kein toller Schüler, die Schule hat mich wirklich nicht interessiert. Darum war die Schauspielerei ein willkommener Fluchtweg. Mir gefiel alles, was dazugehörte. Ich musste keine Schularbeiten machen und durfte verreisen. Als ich jünger war, gab sie mir ein Gefühl von Familie. Dann hatte ich natürlich irgendwann immer das Problem, dass ich drei oder vier Monate mit all diesen Menschen arbeitete, denen man sehr nahekam, und dann war es vorbei. Das war sehr schockierend. Ich dachte ja, wir würden für immer zusammen sein.

G C: Wie alt warst du, als du von zu Hause weggingst, um in „Music Man“ zu spielen?

C S: Neun. Ich war neun Jahre alt, und wir sind fünf Monate lang durch die USA gereist.

G C: Meine Güte.

Fotos: Sacha Maric, Styling: Jessica Bobince
“Mädchen waren wirklich das Einzige, was mich sonst noch interessierte. Die hatte ich ständig im Kopf.”
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C S: Wir sind in vielen verschiedenen Staaten aufgeschlagen.

G C: Hattest du einen Privatlehrer?

C S: Ich hatte einen Lehrer und einen Betreuer, der sich um mich kümmerte, weil meine Mutter ja arbeiten musste. Meine Großeltern sind auch eingesprungen, manchmal traf ich unterwegs einen Onkel oder andere Menschen, die meine Mutter geschickt hatte, während ich herumreiste. Irgendwann kamen wir dann in New York an, und alle waren ganz aufgeregt über unsere große Premiere am Broadway. Nach zwei Wochen wurden wir abgesetzt. Es war recht niederschmetternd, haha.

G C: Warum? Weil keine Zuschauer kamen?

C S: Ja, es hatte einfach nicht funktioniert. Überall anderswo in den USA schon, aber irgendwie sprachen die Kritiker nicht darauf an. Heute kann ich darüber lachen, denn ganz offensichtlich geht das Leben weiter. Aber als Neunjähriger war ich wirklich am Boden zerstört.

G C: Fiel es dir damals schwer, wieder ins normale Leben zurückzukehren? Hattest du noch Freunde, als du zurückkamst?

C S: Ich hatte schon Freunde. Eigentlich war der Plan meiner Mutter dann, mich auf die Dalton School in New York zu schicken, damit ich Arzt oder Anwalt werde. Sie hatte die Befürchtung, dass die Schauspielerei ein riskantes Geschäft sein könnte und emotional sehr auslaugend. Aber nach diesem ersten Engagement als Neunjähriger war der Zug abgefahren, ich bekam einen Manager und ging zu Castings. Und auf die Professional Fame Children’s School, eine Schule für Kinder, die im Showgeschäft arbeiten. Es lief einfach in die Richtung, und um ehrlich zu sein, war ich entzückt. Es hatte etwas sehr Verlockendes, auf der Bühne und vor einem Publikum zu stehen. Es war wie ein Rausch.

G C: Mir ging es ähnlich, als ich klein war. Ich fühlte einen sehr, sehr starken Drang, das zu tun.

C S: Wirklich?

G C: Ich ging als Kind nicht gerade oft ins Theater, aber ich sah die großen Disney-Klassiker. Das hatte wahrscheinlich einen größeren Einfluss auf mich als alles andere. Und ich habe klassische Märchen geliebt, die haben wirklich meine Fantasie auf Touren gebracht. Ich tat so, als wäre ich das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern. Aschenputtel und Schneewittchen waren Futter für meine Fantasie. Ich habe überhaupt nie überlegt, etwas anderes zu tun – was irgendwie seltsam ist, weil niemand in meiner Familie etwas mit Film zu tun hat. Dein Vater hat nicht mit euch gelebt, oder?

C S: Schon, aber er zog nach Los Angeles, als ich ungefähr acht war. Meine Mutter und ich blieben in New York, wahrscheinlich noch für acht oder zehn Jahre.

G C: Ist dein Vater Schauspieler?

C S: Ja. Er hat auch in Seifenopern gespielt, und am Broadway war er die Zweitbesetzung für Watson in „Sherlock Holmes“. Ich stand in den Theaterkulissen und beobachtete ihn von dort. Solche Situationen gab es oft. Ich erinnere mich auch, dass ich aus den Kulissen Frank Langella in „Dracula“ sah oder Yul Brynner in „The King and I“.

G C: Oh,wow!

C S: Das brannte sich in mein Gehirn ein. Es sah nach so viel Spaß aus! Vor allem „The King and I“ war eine aufwendige und verrückte Aufführung, die wir uns oft anschauten.

G C: Hast du Yul Brynner damals getroffen?

C S: Ja, habe ich.

G C: Ich habe gehört, dass seine Garderobe komplett braun war.

C S: Das wusste ich allerdings nicht.

G C: Vielleicht stimmt es auch nicht.

C S: Klingt jedenfalls sehr mysteriös.

G C: Welche anderen Dinge haben dich damals interessiert?

C S: Nun, wenn ich ehrlich bin – Mädchen? Haha! Mädchen waren wirklich das Einzige, was mich sonst noch interessierte. Die hatte ich schon sehr jung ständig im Kopf. Das war übrigens eine andere Sache, die mir am Theater gefiel: dass ich mich in den Garderoben der Mädchen verstecken konnte.

G C: Haha!

Fotos: Sacha Maric, Styling: Jessica Bobince

C S: Das ging vor allem gut, als ich noch ganz klein war, da fanden das alle total süß. „Huch, der niedliche kleine Junge!“ Diese Karte habe ich solange gespielt, wie es ging.

G C: Meine Güte. Auch eine gute Schule. Wie lange bist du damit durchgekommen?

C S: Ach, solange ich konnte. Schlussendlich musste ich aber erkennen, dass Qualität zweifellos Quantität aufwiegt. Ich musste meinen Lebenswandel ein wenig glätten. Heute ziehe ich es vor, in einer Beziehung zu sein, und das so gut wie möglich zu tun. Statt immer das Gefühl zu haben, auf einer anderen Party herumtanzen zu müssen.

G C: Genau.

C S: Ich bin sehr begeistert von meiner eigenen Party.

G C: Gratulation. Unser Geschäft ist ja ziemlich hart, wenn es darum geht, eine dauerhafte Beziehung zu führen. Man muss von zu Hause weg, um zu arbeiten, und trifft laufend neue Menschen. Für beide Seiten ist es schwer. Bei Brittany und dir hatte ich den Eindruck, dass ihr euch auf wundersame Weise genau an dem Zeitpunkt im Leben gefunden habt, als ihr bereit dafür wart.

C S: Ich würde sagen, dass ich da eher Forrest-Gump-mäßig hineingestolpert bin. Ich hatte recht wenig damit zu tun und habe mich einfach mitreißen lassen. Es ist ganz wunderbar, ich habe außerordentliches Glück gehabt.

G C: Erzähl mir von „Mr. Robot“, in welcher Staffel seid ihr?

C S: Wir haben gerade die dritte Staffel beendet, damit war ich die letzten vier Monate beschäftigt. Diesmal bringen wir die obersten ein Prozent der obersten ein Prozent zu Fall. Die Eliten, die Menschen, die glauben, dass sie über dem Gesetz stehen und ihnen niemand etwas anhaben kann. Die Themen der Serie könnten gar nicht relevanter sein. Als wir anfingen, ist Sony gerade gehackt worden. Seitdem folgt ein Vorfall dem nächsten. Zuletzt der Equifax-Hack, bei dem womöglich die Daten von 142 Millionen Menschen gestohlen wurden. Das ist erschreckend. Dann Russland, der DMC. Es wird gruseliger und gruseliger und gruseliger.

G C: Wie hat das dein Verhältnis zu Social Media verändert?

C S: Ich ändere ständig meine Passwörter und mache Identitätschecks. Wenn auch nur ein Dollar mit meiner Kreditkarte bezahlt wird, bekomme ich eine Benachrichtigung. Das muss man schon machen, wenn man alle seine Informationen in irgendeine Cloud verfrachtet, die man überhaupt nicht versteht.

G C: „Cloud“ ist ja ein interessanter Begriff dafür. Es ist alles ein wenig bewölkt und trübe, man sieht kaum noch was.

C S: Ich erinnere mich, als Twitter vor ein paar Jahren auftauchte. Die Leute sprachen übers Tweeten, also Zwitschern, und ich dachte: Was für eine Scheißidee, wer würde zwitschern wollen? Das klingt doch albern.

G C: Und jetzt haben wir einen Präsidenten, der es tut.

C S: Es verschlägt einem die Sprache. Wir leben in verrückten Zeiten.

G C: Hast du getrennte Social-Media-Konten? Solche, die offiziell sind, und solche für Freunde?

C S: Bei Instagram und Snapchat, ja. Meine Kinder sind 16 und 18, da ist man irgendwie gezwungen, eine Mitgliedschaft bei Snapchat zu haben. Das ist die Art, auf die sie mit dir sprechen wollen. Meine Frau sagt übrigens gerade, dass ich wie ein Idiot klinge, wenn ich sage: „Eine Mitgliedschaft bei Snapchat haben.“

G C: Ich persönlich finde es ja problematisch, wenn man von mir erwartet, etwas über meine Arbeit zu posten, wenn ich drehe. Ich finde das sehr privat.

C S: Mir gefällt auch die Illusion besser. Ich mag es nicht, wenn zu viel offengelegt wird. Man sollte ein wenig Geheimnis bewahren, da heutzutage ja ohnehin alles schon so öffentlich ist. Das ist die wahre Herausforderung: so weit wie möglich unter dem Radar zu leben.





Fotos: Sacha Maric, Styling: Jessica Bobince, Redaktion: Frauke Fentloh, Grooming: Kumi Craig/ Starworks Group, Foto-Assistenz: José Alvarado, Produktionskoordination: Luisa Bonsen, Produktion: Ames Petrossi/Defacto Inc.

01.11.2017 | Kategorien Film, Interviews, Serie | Tags , ,