Claire Danes im Gespräch
mit Dustin Hoffman

Die Frau, die in „Homeland“ die bipolarste CIA-Agentin aller Zeiten spielt, unterhält sich mit Dustin Hoffman, dem Mann, der in Rain Man den anrührendsten Autisten der Filmgeschichte spielte.

Dustin Hoffman: Ich weiß, dass du als junges Mädchen durch das Fernsehen berühmt wurdest, aber wie ist es für dich, jetzt bei Homeland mitzuarbeiten?

Claire Danes: Mich hat das Fernsehen wieder zu interessieren begonnen, als ich The Wire gesehen habe. Das war eine Serie, die mich so sehr weggeblasen hat, dass ich selbst als Schauspielerin bei so etwas mitmachen wollte. Homeland ist eine großartige Erfahrung. Ich mag die intime Beziehung, die man mit den Autoren hat. Man arbeitet sozusagen als Tandem.

Hoffman: Du bist fast so was wie eine Co-Autorin …

Danes: Die Autoren schreiben einem die Handlung geradezu auf den Leib. Weil man so eng und lange zusammenarbeitet, entsteht ein blindes Verständnis.

Hoffman: Als Schauspieler wird einem manchmal von Regisseuren oder Drehbuchautoren gesagt: „Du wirst an einen bestimmten Punkt kommen, an dem du mehr über die Geschichte weißt als wir anderen.“ Wenn ich Homeland sehe, habe ich das Gefühl, als seist du mit deiner Rolle regelrecht verschmolzen.

Danes: Es kommt mir immer noch ungewöhnlich vor, dass man als Schauspielerin so große Autorität haben kann. Wir haben zwar einen Stamm von Regisseuren, aber jede Folge wird von jemand anderem gedreht. Deswegen sind bei Homeland wir Schauspieler die alten Hasen, die am ehesten wissen, wo es langgeht. Es ist oft die völlige Umkehrung der Beziehung, die Regisseure und Schauspieler sonst haben.

Hoffman: Ist es dir schwergefallen, dich auf Carrie Mathison einzulassen?

Danes: Ja, weil sie mir total fremd vorkam. Sie ist es in mancher Hinsicht immer noch, aber mittlerweile habe ich viel Zeit mit ihr verbracht. Carrie kann manisch sein. In der letzten Staffel hat sie halbwegs regelmäßig ihre Medikamente genommen und deswegen selten ihre Selbstkontrolle verloren, aber natürlich sind es gerade diese Szenen, die beim Spielen Spaß machen. In der ersten Staffel hat Carrie mich angesteckt, wenn sie ihre manischen Euphorieschübe hatte, es war total anstrengend, aber auch aufputschend. Zu Beginn der neuen Staffel war sie auf andere Weise manisch, eher durchgeschüttelt, und als wir diese Szenen gedreht haben, war mein Sohn gerade sechs Monate alt und mein Zustand das exakte Gegenteil von dem Carries. Ich war gerade aus meinem Mama-Kokon hervorgekrochen und hatte meinen Liebesplaneten verlassen. Es war nicht sehr lustig, in diesem Zustand die Manikerin geben zu müssen.

Hoffman: Dass Carrie bipolar ist, war von Anfang an so vorgesehen, nehme ich an.

Danes: Es hat sich mit dem Fortgang von Homeland immer mehr ergeben. Alex Gansa, der Executive Producer, hat meines Wissens einmal gesagt, dass Carrie als jemand mit einer bipolaren Störung angelegt war, die Diagnose für ihren Zustand aber erst später gefunden wurde.

Hoffman: Interessant.

Danes: Zuerst hatte ich Sorge, dass das nur ein Gimmick ist. Manchmal habe ich die Angst immer noch. Ich vermute, ich bin besorgt um sie.

Hoffman: Habt ihr bei Homeland eine Routine?

Danes: Das ist alles ziemlich reglementiert. Es gibt für jede Folge eine Leseprobe, die für mich sehr wichtig ist, weil sie mir hilft, die Handlung in allen ihren Verästelungen zu verstehen, ehe sie zum Drehen in ihre Einzelheiten zerlegt wird und sich jeder Schauspieler auf seinen eigenen Part zurückzieht. Für jede Folge brauchen wir acht Tage, und vielleicht die Hälfte davon ist 12 bis 15 Stunden lang.

Hoffman: Das ist nicht viel Zeit für eine Serie mit diesem Aufwand.

Danes: Nein, ich muss ständig Text lernen.

Hoffman: Du hast also einen 12- oder 15-Stunden-Tag, dann kommst du nach Hause und hast dein Baby, aber du kannst nicht ins Bett, weil du noch Text lernen musst.

Claire Danes: “Ich hatte gerade meinen Liebesplaneten verlassen und sollte plötzlich wieder die Verrückte geben”
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Danes: Das ist der Grund dafür, warum ich so organisiert sein muss. Ich lerne an meinen freien Tagen, ich lerne während des Haaretrocknens. Mein Mann (der Schauspieler Hugh Dancy) spielt gerade auch in einer Serie mit, also fragen wir einander ständig ab, beim Telefonieren, im Taxi.

Hoffman: Du machst das jetzt schon drei Staffeln lang. Kannst du dir vorstellen, an einen Punkt zu kommen, an dem du dir sagst, dass du das nicht noch ein Jahr machen kannst?

Danes: Weiß ich nicht. Ich bin definitiv noch nicht so weit, aber es ist ein Marathon. Ich habe, seit ich bei Homeland bin, nichts anderes gespielt, weil ich mein Baby bekommen habe.

Hoffman: Ohne Baby würdest du sechs Monate im Jahr für die Serie arbeiten und in den zweiten sechs Monaten einen Film machen?

Danes: Ja, das war die Idee. Wenn man fürs Fernsehen arbeitet, bekommt man als sehr luxuriöses Geschenk auch Zeit, die man in andere Projekte investieren kann. Mein Projekt in den letzten Jahren war, eine Familie zu gründen. Aber jetzt würde ich gern wieder einmal eine andere Frau als Carrie spielen, um für eine Sekunde von ihr wegzukommen. Ich beginne ja schon zu denken, dass Schauspielen darin besteht, Carrie zu sein. Ich glaube, ich würde sie noch mehr mögen, wenn ich ein wenig Urlaub von ihr hätte und eine Zeit lang jemand anderen als sie bewohnen könnte.

Hoffman: Nach dem Beginn deiner Karriere hast du einige Jahre Pause gemacht, um in Yale Politik, Kunst und Psychologie zu studieren. Hast du je in Erwägunggezogen, in deinem Leben etwas anderes zu machen, als Schauspielerin zu sein?

Danes: Ich habe mir die Freiheit gegönnt, ernsthaft darüber nachzudenken. Bevor ich nach Yale ging, hatte ich ja schon ein paar Jahre gespielt. Ich war rastlos, ein wenig gelangweilt und erpicht darauf, andere Seiten an mir kennenzulernen. Also habe ich drei Jahre lang nicht gespielt, und als ich wieder damit begonnen habe, kam es mir sehr seltsam vor.

Hoffman: Wie alt warst du damals?

Danes: Ich habe mit 18 aufgehört und bin mit 21 wieder eingestiegen. Das war allerdings nicht der Plan. Der Plan war, jeden Sommer einen Film zu drehen. Aber irgendwie hatte ich vergessen, wie viel Arbeit es macht, Arbeit zu bekommen, und außerdem hat Yale mir viel abverlangt. Ich hatte nicht die Zeit, Drehbücher zu lesen oder mich zu Meetings zu verabreden. Außerdem weißt du ja selbst, wie unberechenbar es in unserer Branche zugeht, da verschieben sich schon mal ganz plötzlich Drehtermine. Das Ende vom Lied war, dass ich überhaupt nicht spielte. Als ich schließlich wieder damit anfing, fiel es mir einigermaßen schwer. Plötzlich näherte ich mich meiner Rolle auf so eine studentische Weise, eher analytisch. Ich dachte über sie nach, als müsste ich einen Essay oder so etwas schreiben, was natürlich ein grundfalscher Zugang war. Ich musste erst herausfinden, wie ich den Teil meines Gehirns, auf den es in Yale angekommen war, wieder abschalten konnte. Natürlich gehört zum Schauspielen auch die Analyse, aber im Grunde ist es eine intuitive, instinktive Tätigkeit.

Claire Danes: “Ein Baby zu haben ähnelt dem Verliebtsein, aber es ist noch körperlicher. Es ist, als wäre jede Zelle in einem verliebt”
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Hoffman: Du machst das jetzt schon ziemlich lange. Deswegen nehme ich an, dass es dir manchmal so geht wie mir und du beim Zappen im Fernsehen ganz zufällig über eine Szene stolperst, in der du mitgespielt hast. Wenn mir das passiert, denke ich jedes Mal: „Mist, das würde ich gern noch einmal machen, und zwar ganz anders …“ Geht es dir genauso?

Danes: Oh Gott, ständig. Aber ich freue mich, wenn ich irgendwo My So-Called Life zu sehen bekomme. Ich habe zwar schon damals gewusst, dass diese Serie etwas Besonderes ist, aber weil es meine erste große Rolle war, hatte ich kein wirkliches Gefühl für den Kontext. Die Zeit damals war für mich wahnsinnig wichtig, sowohl beruflich als auch persönlich, und mit vielen Leuten von damals habe ich immer noch Kontakt. Das Wilde an dieser Serie war, dass ich genauso alt war wie die Figur, die ich spielte, und es zwischen uns beiden unglaubliche Symmetrien gab, ganz anders als bei Carrie, die mir in keinerlei Hinsicht ähnelt. Ich wäre die schlechteste Geheimdienstlerin der Welt, total unfähig. Angela Chase dagegen war bloß eine andere Schülerin.

Hoffman: Wie haben sich deine Teenagerjahre von jenen in My So-Called Life unterschieden?

Danes: Na ja, ich habe irgendwann die Schule geschmissen. Für Angela Chase gab es diesen Notausgang nicht, den ich hatte: die Schauspielerei. Außerdem war sie ein Vorstadt-Teenager, während ich diese Künstlereltern hatte. Aber jeder Teenager fühlt sich unverstanden. Ein Teenager zu sein bedeutet, sich unverstanden zu fühlen.

Hoffman: Warst du denn eine gute Schülerin, solange du in der Schule warst?

Danes: Ja, ich war ein Nerd. Ich mochte es zu lernen. Ich konnte nur mit dieser Gruppendynamik nichts anfangen. Ich fand das immer anstrengend und auch ein wenig beängstigend.

Hoffman: Warst du Außenseiterin? Oder hast du zu den Klassenköniginnen gehört?

Danes: Beides. Ich war manchmal im „In“-Club und dann wieder überhaupt nicht, und beides fand ich anstrengend. In einer Clique zu sein gab einem keine Sicherheit, man musste superwachsam sein, um seinen Status zu erhalten und beliebt zu bleiben. Für so etwas hatte ich einfach nicht die Geduld. Ich war eher dieses unerträgliche Kind, das ständig aufzeigte und mit den richtigen Antworten herausplatzen wollte.

Hoffman: Was ist für dich bisher das Überraschendste am Muttersein?

Danes: Wie körperlich es ist. Wie sehr ich meinen Sohn vermissen kann, wenn er nicht in meiner Nähe ist. Das ist eine Art von Schmachten, die ich noch nicht gekannt habe. Ich muss ganz ernsthaft mit ihm sein.

Hoffman: Ich weiß, wovon du sprichst, meine Frau hat dasselbe. Man fühlt richtige Entzugsschmerzen.

Danes: Es ähnelt dem Verliebtsein, aber es ist nicht ganz dasselbe. Es ist noch körperlicher. Als wäre jede Zelle in einem verliebt. Ich kann nicht nicht gucken, wenn er in meiner Nähe ist, nichts kommt an ihn heran. Ich kann mir nichts im Fernsehen ansehen, ich kann nichts lesen, ich kann nichts anderes tun, als ihm ständig dabei zuzusehen, wie er gar nichts tut. Und es ist so unglaublich, wie rasend schnell er sich verändert. Ich meine, er hat in vier Tagen drei Zähne bekommen. Und plötzlich versteht er, was „Nein“ bedeutet. Das hat er vor zwei Tagen noch nicht gekonnt.

Hoffman: Er versteht „Nein“?

Danes: Ja. Und er kann es nicht leiden.

Hoffman: Wenn Gott dir sagen würde, dass du keine Schauspielerin mehr sein darfst, was würdest du tun?

Danes: Es müsste ja immer noch etwas Kreatives sein. Vielleicht Malerin. Meine Eltern sind beide Künstler, mein Dad Fotograf, meine Mutter alles Mögliche, aber vor allem Malerin und Bildhauerin. Andererseits habe ich immer gedacht, dass ich auch eine Therapeutin sein könnte. Vielleicht also Therapeutin. Oder Malerin.

Hoffman: Du scheinst mit deinem Leben, wie es gerade ist, sehr versöhnt zu sein.

Danes: Bin ich. Aber ich weiß immer noch, wie es sich anfühlt, kreativ frustriert zu sein.

Hoffman: Wir beide haben das Glück, gut im Geschäft zu sein. Ein Maler kann einfach malen, ein Schreiber schreiben, aber ein Schauspieler kann seine Arbeit nur dann tun, wenn man ihm einen Job gibt.

Danes: Wir sind abhängig von so vielen Faktoren und Menschen, und wenn wir nicht arbeiten, geraten wir wahnsinnig schnell außer Form. Das ist einer der Gründe, warum ich das Fernsehen so mag. Ich mag die Sicherheit und die Regelmäßigkeit dieses Jobs – es ist wie ein Studio, in das ich jeden Tag gehen kann. Ich hatte ja mal diesen Musikerfreund. Und ich habe ihn immer ein wenig beneidet, wenn er um 2 Uhr morgens einen Einfall hatte und ihn irgendwo notierte, um am nächsten Morgen nach dem Aufwachen daran zu arbeiten, bis er am Ende daraus etwas gemacht hatte, das ganz aus ihm gekommen war. Aber so bin ich einfach nicht.

Von: Dustin Hoffman

Fotos: Fabien Baron

Styling: Karl Templer

26.12.2016 | Kategorie Interviews | Tags , , ,