Im Interview:
Mr. Colin Firth

© 2014 Twentieth Century Fox Film Corporation

Mit Schirm, Charme und Calzone – auch wenn der Oscar-Preisträger Colin Firth eine Italienerin liebt, so bleibt er doch der britischste aller britischen Schauspieler. In seinem neuen Film Kingsman: The Secret Service rettet er nicht weniger als die Welt.

Von: Jörg Harlan Rohleder

Interview: Mr. Firth, Sie wissen schon, dass Sie nicht der erste gut gekleidete Spion sind?

Colin Firth: Die Mythologie des Gentlemans und des Geheimagenten passen eben sehr gut zusammen. Briten kokettieren gern mit ihrer Herkunft, mit all den Klischees zwischen Empire und Cool Britannia, das ist unsere Währung. Wobei es gar nicht so einfach ist, einen Briten, der so aussieht (tippt an sein Kinn), in der Londoner Vorstadt zu finden …

Interview: … aber die Lads, die Sie im Pub verprügeln, die finden sich umso leichter.

Firth: Und das Tollste: Man braucht nicht einmal mehr eine Dame für die Garderobe!

Interview: War es Ihre Idee, Ihrem Agenten-Alter-Ego einen Schirm als ultimative Waffe mit auf die Reise zu geben?

Firth: Leider weiß niemand mehr, wessen Idee der Schirm tatsächlich war – wobei ich mir natürlich einbilde, es sei meine gewesen. Denn Schirm steht mir gut!

Interview: Very british!

Firth: In der Tat. Er passt auch so gut zu meinem Anzug. Dabei trage ich privat nie einen Schirm.

Interview: Und Nadelstreifen?

Firth: Eher nicht, nein.

Interview: Wussten Sie, dass man die Klamotten der Kingsmen exklusiv bei Mr Porter online bestellen kann?

Firth: Was ich sehr begrüße.

Interview: Kaufen Sie denn im Internet?

Firth: Ich habe meistens das Privileg, bis auf die Socken eingekleidet zu werden.

Interview: Am Set oder zu Hause?

Firth: Sowohl als auch (lacht). Meine Frau legt mir tatsächlich morgens raus, was ich anziehen soll. Und ich empfinde das als sehr hilfreich. Stellen Sie sich das mal vor: Man hat gerade drei Monate als King George die Tage verbracht und soll sich mental auf die nächste Rolle, irgendetwas in den Siebzigern, vorbereiten: Da würden Sie doch auch in Schlafanzughose und T-Shirt durchs Haus laufen …

(Firth wendet sich ein wenig vom Interviewer ab. Auf einmal sieht dieser leichte Rauchschwaden aus dem Ärmel des Briten aufsteigen)

Interview: Haben Sie gerade versucht, heimlich in Ihren Ärmel zu rauchen?

Firth: Haben Sie das etwa gesehen?

Interview: Und ob!

Firth: Eines meiner Laster, fürchte ich. Aber ich dachte, ich wäre mittlerweile so geschickt, dass es niemand mitbekommt.

Interview: Sie mögen einen Spion spielen, noch sind Sie jedoch Schauspieler.

Firth: Dabei konnte ich mich als Kind nie entscheiden, was ich werden wollte: Spion oder Schauspieler, Schauspieler oder Spion. Am Ende gibt es eine ziemlich große Schnittmenge beider Gewerbe.

Interview: Und was gab den Ausschlag?

Firth: Als ich zehn war, tendierte ich mehr zu Spion. Doch dann fiel mir auf, dass ich ja nie jemandem von meinem unfassbaren Geschick erzählen könnte. Also entschied ich, Schauspieler zu werden. Da schauen einem die Leute wenigstens bei der Arbeit zu.

Interview: Haben Sie sich damals diesen schicken Akzent antrainiert?

Firth: Da ich auf keine wichtige Privatschule geschickt wurde, musste ich meinem Glück ein wenig auf die Sprünge helfen.

Interview: Es gibt Menschen, die behaupten, Ihre gesamte Karriere sei Ihrem guten Benehmen geschuldet.

Firth: Es schadet sicher nicht, nein. Und ich gebe gern zu, dass dieses Klischee tatsächlich meine Nische heute ausmacht. Aber gutes Benehmen bringt einen bis zum Casting, vor der Kamera sollte man es jedoch ablegen können.

Interview: Das stimmt. Vor allem zu -Nicole Kidman waren Sie nicht immer nett.

Firth: Ha!

Interview: Mr. Firth, aufgewachsen sind Sie zwischen …

Firth: … Nigeria, Saint Louis, Essex. Meine Eltern waren Professoren, die Großeltern Missionare.

Interview: Was intellektuell durchaus als Upperclass durchgehen kann.

Firth: Aber ich bestehe darauf: Die Schule, die ich in England besuchte, war das Gegenteil davon. Wenn man Eton ganz oben auf der akademischen Leiter ansiedelt, dann befand sich meine Ausbildungsstätte auf der untersten Stufe des akademischen Spektrums.

Interview: Ein paar Jahre besuchten Sie ja auch in Saint Louis, Missouri, eine Schule.

Firth: Eigentlich sind wir ständig umgezogen. Kaum waren die Sachen ausgepackt, da hieß es: umziehen. Deswegen hatte ich immer Probleme, irgendwo reinzupassen. Und als Kind will man nichts lieber als dazugehören.

 

Colin Firth: “Im Falle einer Hinrichtung durch Erhängen wird um meinen Hals Seide anstelle von Hanf gelegt – ich hoffe, davon jedoch keinen Gebrauch machen zu müssen”
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Interview: Haben sich die Mitschüler über Ihren britischen Akzent lustig gemacht?

Firth: Klar. Also versuchte ich, den Akzent loszuwerden – mit dem Ergebnis, dass sich ein paar Jahre später die Mitschüler in England dann furchtbar über meinen amerikanischen Akzent mokierten. Mir war das alles ziemlich peinlich: Es gibt ja Kinder, die wollen auffallen, bei mir war das nie der Fall. Wahrscheinlich fiel ich genau deshalb ständig auf.

Interview: Verbringt ein anständiger Gentleman nicht ohnehin einen Großteil seiner Zeit damit, sich zu schämen?

Firth: Oh ja, sich zu schämen gehört zum Charakter eines Briten. Interessanterweise kennen das andere Nationen gar nicht: Die italienischen Freunde, die ich durch meine Frau kennenlernen durfte, sind alle feine Leute. Und doch ist ihnen nie etwas wirklich peinlich. Wenn wir etwas awkward finden, empfinden die das als traurig. Ich glaube, das Wort awkward existiert im Italienischen gar nicht – und ich wäre völlig aufgeschmissen ohne dieses Wort. Denn es beschreibt in der Tat einen Großteil meiner Schulzeit bestens …

Interview: Mit 18 zogen Sie nach London, ohne einen Platz an der Schauspielschule zu haben, einfach, um näher am Theater zu sein.

Firth: Mein erster Job war der des Telefonisten am National Youth Theatre. Ich fürchte, abgesehen von den Türstehern war niemand weiter weg von der Bühne als ich.

Interview: Das änderte sich schnell: Nachdem Sie Darcy in Pride and Prejudice spielten, galten Sie als veritables Mitglied des Brit Pack!

Firth: Ich wohnte aber in einer WG in Hackney, was damals noch Working Class war.

Interview: Es heißt, Sie seien ein waschechter Kommunist gewesen, glühender Verehrer der Workers Revolutionary Party.

Firth: Rupert Everett behauptet das immer von mir, ja.

Interview: Miuccia Prada kokettiert gern damit, dass sie als Studentin Flugblätter der Kommunisten verteilt habe.

Firth: Eine anständige Prise Sozialismus hat noch niemandem in der Jugend geschadet.

Interview: Was würde der 16-jährige Colin über den Mann sagen, der heute hier sitzt?

Firth: Er wäre wahrscheinlich ein wenig traurig. Und wahrscheinlich beschämt.

Interview: Wieso?

Firth: Mit 16 trug ich noch Hoffnung in mir, es als Rockstar schaffen zu können.

Interview: Obwohl Sie damals nicht Punk, sondern Prog-Rock hörten?

Firth: Ich war eben nicht so cool. Dafür trug ich mein Haar bis weit über die Schultern. Und ich hörte nicht nur Pink Floyd, sondern auch Dr. Feelgood und Velvet Underground.

Interview: Singen durften Sie später in Ihrer Karriere auch. Das Internet behauptet, Mamma Mia sei der erfolgreichste britische Film aller Zeiten gewesen.

Firth: Es gibt zwei Arten von Menschen, die mich auf Mamma Mia ansprechen: Sie sehen so aus, als würden Sie sich gleich darüber lustig machen – oder gehören Sie doch zu Gruppe zwei, die mich bittet, für sie zu singen?

Interview: Bestehen Sie darauf?

Firth: Nicht wirklich, wobei ich gern singe. Als ich kürzlich für meine Frau ein Ständchen singen wollte, bat sie mich sanft, aber bestimmt, dies doch bitte nicht vor Gästen zu tun.

Interview: Darf ich noch Dinge abfragen, die mir an Ihrer Biografie aufgefallen sind?

Firth: Nur zu!

Interview: Sie tragen etliche Orden und Ehren, unter anderem ernannte man Sie zu einem Freeman of the City of London. Im Internet steht zu lesen, ein Freeman dürfe seine Schafe in die Square Mile auf den Markt treiben …

Firth: … ein Recht, das ich ständig in Anspruch nehme. Angeblich steht einem Freeman, insofern er im betrunkenen Zustand von der Polizei aufgegriffen wird, ein sicheres Geleit nach Hause zu. Andere Trunkenbolde wandern direkt ins Kittchen.

Interview: Exzellent!

Firth: Ganz meine Rede. Im Falle einer Hinrichtung durch Erhängen wird um meinen Hals übrigens Seide anstelle von Hanf gelegt.

Interview: Das wird ja immer besser.

Firth: Ich hoffe, davon jedoch keinen Gebrauch machen zu müssen. Was haben Sie denn noch gelesen, was Sie interessiert?

Interview: Es heißt, Sie seien vor wenigen Jahren Co-Autor einer wissenschaftlichen Studie gewesen, die die Strukturierung der Hirnregionen in Zusammenhang mit der politischen Haltung des Gehirnträgers stellt.

Firth: Das hätten Sie mir nicht zugetraut.

Interview: Oh doch! Neurowissenschaften sollten an Schauspielschulen unterrichtet werden.

Firth: Die Studie ist in der Tat eine ernsthafte wissenschaftliche Arbeit. Ich fürchte jedoch, sie wird dieses Gespräch sprengen.

Interview: Kann man das Ergebnis kurz zusammenfassen: Left wing, left brain – right wing, no brain?

Firth: Ganz so einfach ist es leider nicht. Auch wenn ich Ihnen zustimmen möchte (lacht).

29.12.2015 | Kategorien Film, Interviews | Tags , ,

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