David Kross
im Interview!

Seit er Kate Winslet aus Huckleberry Finn vorgelesen hat, zählt der 25-jährige Schauspieler zu den wichtigsten Exportgütern des deutschen Kinos. Demnächst wird man ihn als olympischen Weitspringer, als Torwart von Manchester City und als Boy 7 sehen.  Aber warum wird er eigentlich nie auf der Straße erkannt? Und wieso darf er immer nur nette Leute spielen?

 

Fotos Philippe Vogelenzang

Styling Andreas Peter Krings

Von Stephen Daldry

 

Stephen DALDRY: David, du hast bereits für viele bedeutende Fotografen vor der Kamera gestanden. Es scheint da ein wiederkehrendes Thema zu geben?

David KROSS: Findest du?

DALDRY: Ja, ich denke an die Fotos, die Bruce Weber von dir gemacht hat, und schaue mir jetzt diese Fotos für Interview an. Hast du dir das Thema ausgesucht?

KROSS: Nein. Aber lustigerweise hatte ich vor dem Shooting einen Artikel über Conchita Wurst gelesen. Kennst du Conchita Wurst?

DALDRY: Wurst hört sich für mich wie sausage an.

KROSS: (lacht) Stimmt, Wurst heißt sausage. Conchita Wurst ist die Frau mit dem Bart, die 2013 für Österreich den Eurovision Song -Contest gewonnen hat

DALDRY: Ach so, ja, na klar kenn ich die.

KROSS: Der Artikel handelte davon, wie sie diese Figur für sich kreiert hat und mithilfe von Make-up und Kleidern in sie verwandelt. Und dann kam ich beim Shooting an, und der Fotograf zeigt mir alle möglichen Bilder, die die Richtung vorgeben sollen. Das war viel extremer als bei den Shootings, die ich vorher hatte. Als würde ich in eine Rolle schlüpfen. Aber mir gefiel das.

DALDRY: Und was für eine Rolle war es deiner Meinung nach?

KROSS: Sie wollten meine feminine Seite zeigen und damit spielen. Im Ergebnis ist es dann ziemlich androgyn.

DALDRY: Bruce Weber hat dich in einem Nachthemd über eine Düne rennen lassen.

KROSS: (lacht) Ja, aber ich glaube nicht, dass es ihm um meine feminine Seite ging. Ihm ging es um das Jungenhafte. Für ein anderes Bild hat er mir ein Pflaster aufs Knie geklebt.

DALDRY: Ich hatte damals hinterher mit Bruce Weber gesprochen …

KROSS: Hast du?

DALDRY: Ja, er ist so was wie ein Freund. Er meinte, das Shooting habe ihm sehr viel Spaß gemacht.

KROSS: Ach, wie nett!

 

DALDRY: Da die Fotos zu dieser Geschichte offensichtlich sehr feminin sind, müssen wir jetzt sicherstellen, dass das zugehörige Interview wahnsinnig männlich wird. Aber bevor wir zu deinen neuen, ziemlich männlichen Filmen kommen, sollten wir noch kurz über den Film reden, den wir einst zusammen gemacht haben, Der Vorleser. Hast du gute Erinnerungen daran?

KROSS: Unbedingt. Das war eine ganz wichtige Zeit für mich.

DALDRY: Wie du weißt, gab es bei dem Dreh eine Reihe besonderer Herausforderungen. In einer frühen Phase sind wir sogar nach Sidney geflogen, um mit Nicole Kidman zu proben, die damals die weibliche Hauptrolle spielen sollte. Aber dann wurde Nicole schwanger und fiel aus. Wir hatten bereits sechs Wochen gedreht …

KROSS: Hatten wir nicht schon fast die Hälfte des Films im Kasten?

DALDRY: Ja, eine Menge jedenfalls. Wir hatten bereits ohne sie angefangen, weil sie noch mit Baz Luhrmann an Australia arbeitete. Also warteten wir auf das Ende des Drehs, und dann war sie schwanger. Also hat Kate Winslet die Rolle übernommen, aber als Kate da war, mussten wir wieder pausieren, weil du dir deinen Arm gebrochen hattest.

KROSS: Stimmt, aber wir haben gar nicht pausiert.

DALDRY: Nein, wirklich pausiert haben wir nicht, weil du so männlich warst und einfach weitergemacht hast.

KROSS: (lacht) Ich habe den Schmerz einfach runtergeschluckt. An dem Abend, an dem es passierte, hatte ich einen kleinen Nervenzusammenbruch, aber schon am nächsten Morgen war ich wieder am Set – was ziemlich seltsam war.

DALDRY: Der Arzt wollte dich für drei Monate krankschreiben, aber du hast so getan, als ob nichts wäre … Merkst du, wie sehr ich dabei bin, deine männliche Seite in den Vordergrund zu rücken.

KROSS: Mach bitte weiter damit!

DALDRY: Das war jedenfalls sehr heldenhaft von dir. Aber dann gab es wieder ein Problem. Die Weinstein Company, die den Vorleser produzierte, fand nämlich heraus, dass sie den Film in den USA nicht würde zeigen können, weil du an den Tagen, an denen die Sexszenen gedreht werden sollten, noch keine 18 warst. Wir mussten bis zu deinem Geburtstag warten, was wieder Monate dauerte. Kannst du dich noch daran erinnern, wie du deinen 18. Geburtstag verbracht hast?

KROSS: Ich weiß noch, dass das gesamte Team dem Tag entgegenfieberte, weil wir bis auf die Nacktszenen im Grunde alles gedreht hatten. Und die waren dann an meinem Geburtstag an der Reihe.

DALDRY: Man könnte also sagen, dass du deinen gesamten 18. Geburtstag damit verbracht hast, Kate Winslet zu vögeln.

KROSS: (lacht) In einer Tour.

DALDRY: Dann hast du kurz geschlafen und schon ging es weiter. Sex mit Kate Winslet, mehrere Tage nonstop.

KROSS: Ein großer Spaß.

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DALDRY: Schauspieler reden ja gern über ihre ersten Sexszenen. Wie war es für dich?

KROSS: Total furchterregend. Die Rolle war ja ziemlich komplex, aber das Einzige, woran ich nach dem Lesen des Drehbuchs denken konnte, waren die Sexszenen. Total schrecklich. Andererseits hatte es auch den Vorteil, dass mir andere schwierige Szenen dadurch leichter fielen, weil ich sie aus lauter Angst vor den Sexszenen nicht zergrübeln konnte. Die Angst hat mich sozusagen auf positive Weise abgelenkt.

DALDRY: Ach so.

KROSS: Ja, manchmal hilft mir das. Zum Beispiel habe ich kürzlich für eine Rolle vorgesprochen, bei der es um einen Musiker ging. Also fragte man mich vorher, ob ich ein Instrument spielen könne. Tatsächlich habe ich als kleiner Junge nur kurz Klavier gespielt, konnte es also nicht wirklich. Aber für das Vorsprechen habe ich mir ein einigermaßen komplexes Stück am Klavier beigebracht, und nach einer Woche hatte ich es drauf. Beim Vorsprechen war es dann so, dass ich in Gedanken so sehr mit dem Stück am Klavier beschäftigt war, dass mir das Spielen von zwei anderen Szenen, die sehr emotional und anspruchsvoll waren, leicht fiel. Ich musste und konnte nicht darüber nachdenken, weil ich mich ja noch ans Klavier setzen musste.

DALDRY: Hast du die Rolle bekommen?

KROSS: Leider nicht.

DALDRY: (klatscht vor Begeisterung in die Hände) Das sollte dir eine Lehre sein. Aber zurück zum Vorleser: Die erste Nacktszene hattest du allerdings nicht mit Kate Winslet, es war eine Szene am See.

KROSS: Das stimmt. Und du bist vor mir nackt in den See gesprungen.

DALDRY: Ja, um dir zu zeigen, dass es okay ist.

KROSS: Die Wahrheit ist, dass du dich am Set gern ausziehst.

DALDRY: Ist das so? Die gesamte Crew hat sich jedenfalls prächtig amüsiert. Das war überhaupt ein ganz wundervoller Dreh, wahrscheinlich die beste Erfahrung, die ich beruflich machen durfte.

KROSS: Geht mir auch so.

DALDRY: Aber lass uns über neue Projekte reden. Du hast gerade einen Film über die Olympischen Spiele von 1936 gedreht.

KROSS: Ja, Race, das ist ein Biopic über Jesse Owens, den afroamerikanischen Leichtathleten, der damals vier Goldmedaillen gewann. Und ich spiele Carl Luz Long, einen Weitspringer, der damals Jesse Owens unterlag und Silber bekam. Aber die beiden wurden Freunde, was wiederum in Nazideutschland nicht gut ankam. Doch die Freundschaft blieb bestehen, auch während des Krieges. Sie schrieben sich Briefe. Long starb dann im Krieg. Später traf Owens sich sogar mit seinem Sohn.

DALDRY: Wie bewegend.

KROSS: Ja, oder? Aber in dem Film habe ich nur eine kleinere Rolle.

DALDRY: Du hast erwähnt, dass du dich nur für ein Vorsprechen eine Woche lang obsessiv mit dem Klavierspielen beschäftigt hast. Bist du für die Rolle in Race viel gesprungen.

KROSS: Ja, und wie!

DALDRY: Das hatte ich mir gedacht.

KROSS: Ich habe es sogar ein wenig übertrieben. Ich hatte einen Trainer, der mir das Rennen beibrachte. Rennen mag einem simpel vorkommen, aber man kann da viel falsch machen. Rennen ist mehr als Rennen, es kommt auf die richtige Körperhaltung an, und viel gesprungen bin ich natürlich auch. Aber als wir den Film in Montreal gedreht haben, musste ich auf einem ganz anderen Boden laufen, und die Schuhe waren zudem auf dem Entwicklungsstand von 1936. Da habe ich mir leider meinen Knöchel ziemlich verletzt.

DALDRY: Hast du den Film schon gesehen?

KROSS: Nein, nur ein paar von meinen Szenen.

DALDRY: Gibt es eine Szene, in der du in Zeitlupe springst?

KROSS: Ja, aber ich glaube, die haben ein Double genommen (lacht).

DALDRY: Du hattest ein Double?

KROSS: Ja. 

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DALDRY: Lass uns weiter über Männlichkeit reden. Nach Ficken und Rennen kommt Fußball. Was ist das für ein Film?

KROSS: Das ist ein Film über Bert Trautmann, wie die Engländer ihn nennen. Eigentlich heißt er Bernhard, aber Bert war sein Spitzname, und er war Torwart von Manchester City. Seine ziemlich unglaubliche Geschichte geht so, dass er nach dem Krieg in England in Gefangenschaft war, wo er beim Fußballspielen mit anderen Gefangenen von einem Scout entdeckt wurde. Der besticht daraufhin die Wärter, damit er in einem kleinen englischen Verein spielen kann. Wie sich herausstellt, ist er aber ein richtig guter Torwart und wird beim Spielen von einem anderen Scout entdeckt und landet bei Manchester City.

DALDRY: Und wird ein großer Star?

KROSS: Ja, aber nicht gleich. Es ist ja kurz nach dem Krieg und Trautmann ist Deutscher. Die Spieler seines Vereins machen es ihm nicht leicht, die Fans hassen ihn, bis ein Rabbi in einer Zeitung schreibt, dass man einem Einzelnen nicht die gesamte Schuld für alle deutschen Kriegsverbrechen aufbürden dürfe. Das entspannt die Lage ein wenig, und Trautmann wird fast so etwas wie ein Nationalheld.

DALDRY: Du hast also einen deutschen Schuljungen gespielt, der mit einer KZ-Wächterin vögelt.

KROSS: Richtig.

DALDRY: Du hast einen Weitspringer gespielt, der sich mit Jesse Owens während der Nazi-Olympiade 1936 anfreundet. Und dann spielst du einen Deutschen, der nach dem Krieg in England zum Fußballstar wird und den Hass auf Nazideutschland aushalten muss. Wird es dir nicht langweilig, wenn du nur solche Figuren spielst? Die deutsche Schuld scheint deine Karriere fest im Griff zu haben.

KROSS: Ich weiß, du hast ja recht. Ich würde nicht sagen, dass es mich langweilt, nur ist es so, dass ich mich emotional und intellektuell inzwischen ziemlich gut mit dem Thema auskenne.

DALDRY: Erschöpft es dich? Ich finde es übrigens interessant, dass du nie als Nazi besetzt wirst. Du bist immer der gute Deutsche. Auch in Spielbergs Gefährten, da warst du der Deserteur, der erschossen wird.

KROSS: Stimmt. Aber ist es nicht so, dass das vielleicht gerade ein Trend ist. Den bösen Deutschen gab es jahrzehntelang im Kino, und jetzt hat man es eher mit den guten Deutschen, die versuchen, unter finsteren Umständen zu bestehen, wie in Unsere Mütter, unsere Väter.

DALDRY: Die britische Filmindustrie war über Jahre dominiert von Geschichten über tapfere Engländer, die die Deutschen besiegen, ohne die 60 Millionen anderen Menschen, die in dieser besonderen menschlichen Tragödie gestorben sind, auch nur zu erwähnen. Aber wenden wir uns wieder deiner Männlichkeit zu – dem Ficker, dem Springer, dem Fußballer …

KROSS: (lacht)

DALDRY: … also was in dem Zusammenhang interessant zu sein scheint, ist, dass du gerade in Vorbereitung zu einem Film bist, in dem du einen Mann mit einer geistigen Behinderung spielst. Wie bereitest du dich da vor?

KROSS: Bevor ich darauf antworte, muss ich kurz noch mal auf den Vorleser zurückkommen. Es war ja so, dass ich keine Schauspielausbildung habe und alles, was ich kann, learning by doing gewesen ist. Und Der Vorleser war ja einer meiner ersten Filme.

DALDRY: Das ist doch gar nicht wahr.

KROSS: Doch, davor gab es nur zwei andere. Jedenfalls war ich damals noch ziemlich ahnungslos. Und beim Vorleser habe ich mir eine gewisse Besessenheit angeeignet, woran du nicht ganz unschuldig warst, weil du so einen großen Wert auf Vorbereitung legst.

DALDRY: In der Tat.

KROSS: Erinnerst du dich, wie wir im Buchladen des Jüdischen Museums waren?

DALDRY: Ja, ich habe dir ein paar Bücher zusammengestellt.

KROSS: Es waren etwa zehn Bücher über den Holocaust, die ich lesen sollte. Und das war gut, denn vorher dachte ich immer, dass man als Schauspieler nur seinen Text lernt und dann einfach drauflosspielt. Aber da wurde mir klar: Spielen ist in dem Job offenbar nicht alles!

DALDRY: Aber wenn du jetzt einen Fußballer oder einen geistig Behinderten spielst, fällt es dir dann schwer, dich zu einer gründlichen Vorbereitung zu motivieren?

KROSS: Ja, es ist seltsam, denn eigentlich fällt mir so etwas gar nicht schwer. Schon als Junge konnte ich mich ganz auf bestimmte Dinge fokussieren, wenn ich sie lernen wollte – Fußball spielen, Skateboard fahren, solche Sachen. Ich kann mich ziemlich gut in Dingen verlieren oder auf sie konzentrieren, das ist für mich eigentlich ganz normal. Aber je älter ich werde und je mehr dieses Versinken in Themen zu meinem Job wurde, denn das ist es ja, was man von einem Schauspieler erwartet, dass er sich für eine kurze Zeit mit einer bestimmten Thematik intensiv auseinandersetzt …

DALDRY: … dass er zum seriellen Experten wird.

KROSS: Ja, genau.

DALDRY: Das ist überhaupt einer der großen Vorteile unseres Jobs. Ich liebe das.

KROSS: Total. Aber was ich sagen wollte: Seit ich mich professionell mit einem Thema befassen muss, kommt die Motivation nicht mehr so automatisch. Also manchmal muss ich mich schon zwingen.

DALDRY: Und das bedeutet was? Umgibst du dich mit Experten? Ich meine, sich das Wissen ganz ohne Unterstützung raufzuschaffen, scheint mir ungeheuer schwierig.

KROSS: Absolut. Und das habe ich von dir gelernt: Du hast ein Team von Leuten, mit denen du sprichst, weil unsere Arbeit ein kreativer Prozess ist, eine Entwicklung, die oft erst im Gespräch entsteht.

DALDRY: Unbedingt.

KROSS: Also habe ich abhängig von dem Projekt, an dem ich gerade arbeite, Leute, die mich unterstützen – ob jetzt in intellektueller, psychologischer oder körperlicher Hinsicht.

 

David Kross: “Ich glaube, Schauspieler ist der beste Job für Leute, die sich schnell langweilen”
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DALDRY: Verstanden. Kommen wir zurück zu dem Film, in dem du einen Mann spielst, der in geistiger Hinsicht ein wenig simpel ist.

KROSS: Ich habe darüber nachgedacht, eine Weile in einem Heim für, wie soll ich sagen, simplere Menschen zu leben.

DALDRY: Wie passend, dass wir uns heute bei mir treffen.

KROSS: (lacht) Ja, das ist schon mal ein Anfang. Für eine deutsche Komödie habe ich kürzlich einen Autisten gespielt und dafür einen Verein besucht, der sich um die Belange von Autisten kümmert – -allerdings nur für einen Tag. Aber das war unglaublich interessant. Ganz unabhängig davon, was es mir beim Spielen bringt, aber so eine Erfahrung öffnet einem die Augen. Und für den neuen Film muss ich mir etwas Ähnliches suchen, was aber mehr zu der Rolle passt.

DALDRY: Um exakt zu sein?

KROSS: Exakt.

DALDRY: Guckst du dir eigentlich deine Filme an, also im Nach-hinein, um etwas daraus zu lernen?

KROSS: Nein.

DALDRY: Ich auch nicht. Ich kann es nicht ertragen, meine Filme zu sehen. Weil ich nur auf die Fehler achte, und das macht mich fertig.

KROSS: Ich komme nicht einmal auf die Idee, das zu tun. Da ist nichts in mir, was das wollen würde.

DALDRY: Bei all den Sachen, die du drehst und gedreht hast – bald kommt auch noch ein Film namens Boy 7 ins Kino …

KROSS: Ja.

DALDRY: Wirst du in Berlin eigentlich auf der Straße erkannt?

KROSS: Nicht wirklich. Keine Ahnung, warum. Vielleicht weil den Berlinern Promis irgendwie egal sind. Wenn man nicht gerade so superberühmt ist wie Brad Pitt, dann ist Ruhm in Berlin keine wichtige Währung. Aber ich weiß nicht einmal, ob es nur daran liegt. Ich vermute eher, dass man mich nicht erkennt. Und wenn man mich zu erkennen meint, dann hält man mich für einen alten Bekannten, einen Freund aus Kindheitstagen. Die Leute sagen, ich hätte ein vertrautes Gesicht. Das Lustigste ist mir beim Dreh von Boy 7 passiert. Das war in Hamburg. Jemand kam auf mich zu und fragte mich, ob mir schon mal jemand gesagt hätte, dass ich genauso aussehe wie David Kross.

DALDRY: Hahaha! Und was hast du geantwortet?

KROSS: Das hätte ich noch nie gehört.

DALDRY: Wie wir ja bereits ausführlich erörtert haben, bist du in Der Vorleser ständig nackt und hast die ganze Zeit Sex. Hat das irgendwelche Auswirkungen? Wirst du oft von Frauen angemacht, die dich ins Bett bekommen wollen?

KROSS: Keine Ahnung. Also wirklich nicht!

DALDRY: Ich habe noch ein paar mehr alberne Fragen: Wenn du nicht deutsch wärst, welche Nationalität hättest du?

KROSS: Oh je, keinen Schimmer … Vielleicht wäre ich jemand aus Skandinavien.

DALDRY: Wenn du nicht Schauspieler wärst, welchen Beruf hättest du?

KROSS: Ich wäre Fußballstar.

DALDRY: Gute Antwort.

KROSS: In Deutschland haben Kinder kleine Bücher, die man -Poesiealben nennt. Wenn man in der zweiten oder dritten Klasse ist, reicht man sie bei Mitschülern herum, und die kleben dann ein Bild von sich rein und schreiben ihre Hobbys auf und was sie später einmal werden wollen. Und ich habe tatsächlich immer Schauspieler oder Fußballer reingeschrieben.

DALDRY: Wenn du nicht dieser wahnsinnig männliche, weitspringende, Fußball spielende, Nazi fickende Schauspieler sein könntest, wenn du also ein Mädchen wärst, was für ein Mädchen würdest du gern sein? Wärst du ein Tomboy, ein Model?

KROSS: Wir können das Interview auf keinen Fall mit dieser Frage enden lassen, oder?

DALDRY: Würdest du Drogen nehmen, wärst du eine Punkerin, wärst du eine Popsängerin?

KROSS: Ich wäre gern Kate Moss.

DALDRY: Sehr gut! Kate Moss, wenn sie im Easyjet-Flieger sitzt: so lange trinken, bis man blau ist, und dann von Bord gewiesen werden. Sehr gute Antwort!

KROSS: Hahaha!

DALDRY: Was ist das Beste daran, ein Schauspieler zu sein?

KROSS: Dass man sich ständig mit neuen Dingen und Themen beschäftigen kann. Man darf sich immer wieder aufs Neue ausprobieren. Ich langweile mich nämlich sehr schnell. Ich glaube, Schauspieler ist der beste Job für Leute, die sich schnell langweilen.

DALDRY: Du meinst, du kannst immer neue Seiten deiner Persönlichkeit hervorholen.

KROSS: Ja, genau.

DALDRY: Welche Seiten warten denn noch darauf, hervorgeholt zu werden?

KROSS: Ach, da gibt es noch eine Menge.

DALDRY: Ist es der Axt schwingende Wikinger? Der Nazi im Panzer?

KROSS: Keine Nazis. Mit Nazis bin ich durch.

DALDRY: Aber du spielst immer die Netten. Vielleicht wärst du ein guter Axtmörder?

KROSS: Beim Dreh von Boy 7 sagte ein Kollege zu mir, dass ich ein guter Bösewicht wäre. Nicht, weil ich gemein zu ihm war, einfach nur so. Das würde mich auf jeden Fall interessieren.

DALDRY: Castingagenten, schreibt bitte mit: Für das Dracula–Remake und den Serienkiller-Thriller aus Düsseldorf stünde Herr Kross zur Verfügung! Aber ich glaube tatsächlich, dass es eine gute Idee ist. Schon deshalb, weil man sich, wenn man dich auf der Leinwand sieht, so leicht mit dir identifiziert. Das wäre ein schöner Bruch.

 

Haare ANNA NEUGEBAUER/BIGOUDI
Grooming UTE HILDENBEUTEL
Digital Operator ANTONIO CASSIO/UNTITLED PROJECT

Fotoassistenz WILLEM VAN DER EERDEN/JED ROOT

Stylingassistenz SARAH RITZKI

03.01.2016 | Kategorien Film, Interviews | Tags , , , , ,