Der Zartbesaitete

Sein erstes Buch hieß „Der Tastenficker“, gerade ist ein neues erschienen, es hat den schönen Titel „Heute hat die Welt Geburtstag“. Flake empfängt am Sitz der Rammstein GbR, irgendwo im Off des Nordostens von Berlin.

Foto: Olaf Heine

Es grüßt ein schlanker, sanftmütiger Mann, dessen einzige Extravaganz in einem golden überkronten Schneidezahn besteht. Dann aber lässt er die Gedanken funkeln. Dazu wird Cola light serviert.

J O A C H I M  B E S S I N G : Ich habe neulich einen Artikel gelesen, da ging es um Beziehungen. Ein Politikredakteur schrieb über das Verhältnis zu seinem Sushikoch in Frankfurt, zu dem er schon seit 20 Jahren geht, und da fiel dieser Satz: „Ich bin mit meiner Frau schon seit vielen Jahren zusammen. Ich weiß gar nicht, ob ich sie eigentlich mag.“ Als ich jetzt Ihr Buch gelesen habe, hatte ich dieses Gefühl einer kritischen Distanz des Protagonisten zu der Band.

F L A K E : Ich glaube, ich habe mir jetzt mal die Zeit genommen, um einfach ein bisschen nachzudenken über die Sache. Obwohl ich gar nicht weiß, ob das gut und richtig ist nachzudenken. Es hat sich aber so ergeben. Nachdem ich mehr als 20 Jahre lang die Sache geschehen ließ und als selbstverständlich hingenommen habe. Nie hinterfragt. Weil das für mich zum Leben gehört hat. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dieses Leben zu hinterfragen. Jetzt habe ich mir das aus der Distanz angeschaut. Ohne Distanz kann man nichts sehen.

J B : Als mir das Buch angeboten wurde, stand in der Ankündigung der Hinweis: Dies ist kein Buch über Rammstein.

F : Die Band ist nicht der Inhalt des Buches. Die Band ist der Hintergrund des Buches. Ich hatte mir überlegt, ob ich es in einer anderen, fiktiven Band ansiedele. Ob ich andere Namen benutze – dann heißt der Sänger halt Bernd, und die Band heißt die Flying Pickwitts. Aber das hätte unglaubwürdig gewirkt. Ich wollte den Hintergrund so wählen, dass alles stimmt und dass der Leser sich einfühlen kann, weil er merkt, dass ich weiß, wovon ich spreche. Es gibt beispielsweise den englischen Schriftsteller Dick Francis, der war eigentlich Jockey, wurde verletzt und schrieb dann nur noch. In jedem seiner Bücher geht es im Kern um Pferde. Um Doping von Pferden, um Betrug bei der Züchtung, und die Pferdesituationen waren immer so gut beschrieben, dass mich die Bücher vollkommen mitgerissen haben. Das hat mich inspiriert. Ich wollte auch ein Buch schreiben, mit dem man reinkommt in eine fremde Welt und richtig drin ist. Das konnte ich nur, indem ich aus einer echten Welt erzähle. Von der habe ich Ahnung, weil das meine Welt ist. Und bevor ich dann die Namen ändere, lasse ich sie lieber. Die Leute würden es sowieso auf Rammstein zurückführen, weil ich dummerweise bei Rammstein bin. Ich könnte zehn Bücher schreiben und wäre noch immer der von Rammstein. Meine Bücher werden nie von der Band getrennt betrachtet werden. Das habe ich nicht richtig bedacht. Eigentlich beiße ich mir da selbst in den Schwanz. Ich will immer erklären: Das ist keine Rammstein- Biografie, und es soll auch keine sein, sondern die Band ist der Hintergrund für Gedanken und Überlegungen, die ich hatte. Das Buch werden sich – ich könnte jetzt dummerweise sagen – viele Rammstein-Fans holen. Das ist nicht Sinn der Sache. Sie erfahren eigentlich nichts über Rammstein. Außer den Sachen, die schon bekannt sind. Oder die für jemanden interessant sind, der keine Ahnung von Musik hat.

J B : Für mich fällt der schönste Satz ziemlich am Ende. Da sind Sie, glaube ich, in Spanien, und der Protagonist sitzt mit seinen Kollegen auf einer Mauer und sagt, eigentlich ist das Schönste an seinem Leben, dass er an diesen herrlichen Orten sein kann und dabei immer etwas zu tun hat.

F : Ja. Das ist wirklich ein Riesenvorteil, wenn man Musiker ist. Das liebe ich sehr. Dass ich an fremden Orten bin und das Gefühl habe, ein Teil der Gesellschaft dort zu sein. Ich werde gebraucht, mache etwas Sinnvolles, ich darf da sein. Ich würde sonst nie in andere Länder fahren. Ich fahre nicht gern weg, und ich habe hier schon genug zu tun, alles zu verarbeiten. Ich finde die Landschaft hier wunderbar und die Sprache. Ich bin froh, wenn ich mich verständigen kann. Mir fällt es im Ausland schwer, mir etwas zu essen zu kaufen, wenn ich die Sprache nicht beherrsche. Dann sterbe ich innerlich tausend Tode.

J B : Ihr Buch steht in einer literarischen Tradition. Sie beschreiben einen kurzen Moment in der Zeit – man hört das Tropfen aus dem Wasserhahn, so genau wird beschrieben, wie das ist, wenn jemand wartet auf den Auftritt.

F : Rein vom Zeitaufwand gesehen besteht das Touren aus Warten und Transportiertwerden. Selbst für mich waren Musiker und Rockstars bis vor wenigen Jahren eine Art von Göttern. Elvis Presley musste nicht aufs Klo. Mick Jagger hat keine Zahnschmerzen. Ich hatte die nie in Verbindung gebracht mit einem menschlichen Wesen. Und ich glaube, dass es vielen Menschen noch immer genauso geht: Obwohl ein Rockmusiker nichts wesentlich Interessanteres macht als ein Zahnarzt, ist er ein außerirdisches Wesen. Deshalb habe ich dem Warten in der Erzählung einen großen Platz eingeräumt. Dass die Leser sich da hineinversetzen können und merken: Aha, da wird gewartet.

Cover: S. Fischer Verlag

J B : Es wird gewartet, und es ist vor allem viel unglamouröser, als ich mir das Warten des Rockstars vorgestellt habe. Es werden keine Drogen genommen, es gibt keine fachfremden Besucherinnen im Wartezimmer. Die Kostüme stinken, das Wartezimmer hat kein Fenster. Wenn er eine Zigarette rauchen will, muss er durch ein Labyrinth aus Gängen durch das Stadion ins Freie, weil im Wartezimmer das Rauchen verboten ist. Muss man als weltberühmter Superstar denn tatsächlich auf diese Weise warten?

F : Müssen muss man gar nichts. Es ist ja alles freiwillig, was ich mache. Ich spiele freiwillig in der Band mit, und ich finde es gut, dass die Band berühmt geworden ist. Ich spiele gern in Riesenhallen. In meinem Buch versuche ich auszudrücken, dass all dies auf eine Art langweilig ist, öde und hässlich – aber mir macht das absolut Spaß. Was das Leben ausmacht, ist nicht die Goldene Schallplatte oder ein Konzert im Madison Square Garden. Ob die Lebenszeit schön verbracht wird, hängt nicht an den Umständen, sondern an einem selbst.

J B : Ich hatte den Eindruck, das ist jetzt der erste Angestelltenroman aus dem Rockgeschäft.

F : Exzentrik erschöpft sich. Wir machen eine Riesenshow mit Verbrennung und dramaturgischen Bögen und Verkleidung – das Besondere ist unser Alltag. Das funktioniert als Arbeit, aber ich kann mich nicht jeden Tag besaufen. Das geht ja gar nicht! Dann ist das ja nichts Besonderes mehr. Party ist aber etwas Besonderes – harte Arbeit, frohe Feste! Aber wenn man drei Tage hintereinander Party macht, ist es keine Party mehr. Deshalb machen wir das nicht. Wir gestalten die Rahmenbedingungen für unsere Arbeit so, dass wir es auch durchstehen können.

J B : Zumal in dem Buch offen geschildert wird, dass Sie zu Anfang Ihrer Karriere dachten, Sie dürften den ersten Vorschuss, der Ihnen riesig erschienen war, als Geschenk behalten. Ich glaube, das wissen die wenigsten Fans: Die kommen zu Ihren Konzerten und glauben, die Wahnsinnsshow wird von Ihrer Plattenfirma oder vom Veranstalter bezahlt.

F : Das Buch ist interessant für Leute, die wenig über das Musikgeschäft wissen. Ich wusste das früher ja auch nicht! Ich habe auch gedacht, die Boxen stehen da einfach schon auf der Bühne bereit. Das klingt jetzt so was von unromantisch, aber: Wir arbeiten als wirtschaftliches Unternehmen. Wir stecken unheimlich viel Geld in die Produktion. Was wir machen, widerspricht dem Bild des Rockstars in der Öffentlichkeit zu 100 Prozent. Aber es wäre ja auch verlogen, so zu tun, als gebe es für uns keine Realität. Wir sind mittelständische Unternehmer.

J B : Eine GbR!

F : Mussten wir sein. Und das ist absolut unsexy, schlimmer kann man das gar nicht ausdrücken.

J B : Wie konnte es so weit kommen?

F : Das ging automatisch. Ab einer gewissen Größenordnung hat man eine Verantwortung zu übernehmen.

J B : Wird man da nicht geizig und versucht, am Aufwand zu sparen, um den Gewinn zu maximieren? Auf einer der letzten Touren haben Sie zwei Drittel der chinesischen Jahresproduktion an Bärlappsporen verfeuert. Acht Tonnen!

F : Wir haben festgestellt, je mehr wir investieren, desto mehr bekommen wir heraus. Man kann Geld nicht festhalten.

J B : Karl Lagerfeld hat mal gesagt: „Was ich bei Chanel zum Fenster hinauswerfe, kommt zur Tür wieder herein.“

F : Kluger Mann. Ein bisschen sehen wir das auch so. Etwas Geiles kann man nur machen, wenn man auch Mut hat zu investieren. Aus Geiz entwickelt sich nie etwas Gutes. Auch nichts Schönes. Wie soll denn das funktionieren? Wie soll aus Geiz Kunst entstehen? Wir geben die Unsummen sehenden Auges aus. Und wenn wir dabei nichts verdienen, zeigen wir trotzdem eine Hammershow. Das macht uns stolz. Wenn man spart, kriegt man nichts Cooles hin.

J B : Ein Freund aus Erfurt kennt Sie noch aus Ostzeiten von Ihrer damaligen Band Feeling B. Außer dieser Band waren damals für ihn nur noch die beiden Bands Herbst in Peking und Tausend Tonnen Obst wichtig. Dieser Schritt von da aus zum Inferno bei Rammstein – wie kam es dazu?

F : Automatisch. Fließend.

J B : Es musste schon etwas immer brennen?

F : Das Brennen war ein Zufall. Es fing mit einer übrig gebliebenen Silvesterfontäne an. Till ist sehr schüchtern. Vor Rammstein saß er am Schlagzeug, da hatte er was zu tun, und auf einmal sollte er ganz vorn am Mikrofon stehen. Der ist gestorben, weil er nicht wusste, was er da machen sollte. Der musste irgendwas in die Hand nehmen. Viel ist auch passiert mit Alkohol. Da lag eine Neonröhre herum, die wir ihm dann aus purer Lebensfreude auf dem Rücken zerschlagen haben. Daraus ist ein SM-Lied entstanden.

J B : Und dann wachsen sich diese Show-Elemente aus mit dem Geld, das man dafür zur Verfügung hat.

F : Wir stecken das Geld erst in die Show und überlegen dann, ob wir es übrig haben. Wenn man Kunst machen will, muss man machen, was man machen will. Überlegen kommt später. Sonst bremst man sich.

J B : Sie selbst haben ja nicht so viel von der Show. Schauen Sie sich dann Konzertmitschnitte an?

F : Ich kann mir das nicht ansehen. Ich kann mir selbst nicht zuschauen, ich kann mir auch nicht zuhören, da kriege ich Krämpfe. Die Belohnung ist, dass die Leute zum Konzert kommen. Das ist die unbestechliche Währung.

J B : Können Sie das Publikum sehen?

F : Nein. Mir reicht es zu wissen, dass wir im ausverkauften Saal spielen.

J B : Hört man das Schreien der Massen? Kommen die an gegen den Sound?

F : Nein. Ich trage Ohrstöpsel, ich höre einen eigenen Mix. Mir ist das alles auch völlig egal. Mir geht es um das Hintergrundwissen, dass unsere Tour ausverkauft ist. Dann weiß ich, es ist alles geil. Das ist das höchste Lob, das eine Band bekommen kann. Es heißt, die Leute kommen, weil sie die Show sehen wollen. Die Leute sind ja eigentlich faul, träge, sie sitzen gern vor dem Computer. Bis einer Karten bestellt, sich ins Auto setzt, 500 Kilometer irgendwohin fährt – das muss man schon wirklich wollen. Das ist ein Kompliment an uns. Dann hat sich jeder Cent gelohnt.

J B : Ein Buch ist ein ganz anderes Medium. Vergleichsweise unattraktiv. Der Lesende ist allein. Wie kamen Sie darauf, Bücher zu schreiben?

F : Seit meiner Kindheit waren die glücklichen Momente die, in denen ich mich irgendwo mit einem Buch hinsetzen konnte. Wenn ich Sachen gelernt habe, von denen ich vorher noch nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Oft waren das Romane. Mit Georges Simenon in sein Paris eintauchen, mit Kurt Vonnegut ins Utopische in seinem „Frühstück für starke Männer“, das fand ich unwahrscheinlich gut. Ich habe in jeder Situation gelesen. Ich lese auch auf Tour. Das Höchste war für mich immer, ein gutes Buch zu schreiben. Ich wollte wissen, ob ich das kann.

J B : Ist Ihnen das leichtgefallen?

F : Ja.

J B : Schreiben Sie Tagebuch?

F : Nein. Ich habe mich hingesetzt und den Text von vorn bis hinten durchgeschrieben. Wie beim ersten Buch habe ich ihn nicht in Kapitel unterteilt. Keine Gliederung, kein Plan, einfach angefangen. In den unbequemsten Situationen auf Tour ins iPad.

J B : Da werden Sie in Ruhe gelassen?

F : Im Flugzeug oder im Hotelzimmer: Ich habe immer Freiräume. Ich kann auch im Gespräch schreiben. Ich brauche dazu keine Ruhe.

J B : Macht Sie das glücklich?

F : Es macht sehr großen Spaß. Weil man dazu nichts braucht. Es ist wie lesen. Manchmal läuft es nicht so gut, dann schreibe ich bloß 500 Wörter. Eigentlich wollte ich 1000 am Tag machen, das habe ich aber letzten Endes nie geschafft.

J B : So diszipliniert sind Sie?

F : Ich bin sehr diszipliniert. Immer schon. Sonst würde ich nicht einmal ein Zehntel schaffen von dem, was ich schaffe. Die Frage ist, warum ich Bücher schreibe. Die habe ich noch nicht ganz für mich beantwortet.

J B : Ernst Jünger hat mal gesagt, bei ihm sei das ein Trieb so wie beim Bauern, der hinaus aufs Feld will.

F : Ich weiß nicht, ob der Bauer einen Drang hat, aufs Feld zu gehen. Er muss aus wirtschaftlichen Gründen. Ich habe keinen Drang. Was ich wirklich habe, ist das blöde Gefühl, dass ich mich nicht traue, nichts zu machen.

J B : Also glauben Sie an Gott?

F : Nein!

J B : Aber wer beobachtet Sie dann und führt das Buch?

F : Wahrscheinlich bilde ich mir nur ein, dass irgendjemand sich für mich interessiert.

J B : Also glauben Sie doch an Gott!

F : Oder an irgendeinen anderen Menschen. Vielleicht ist mir die Meinung anderer Menschen so wichtig. Wahrscheinlich. Sonst würde ich nicht die ganze Zeit versuchen, mich zu rechtfertigen. Und wenn ich ein Buch geschrieben habe, will ich geliebt werden. Wenn ich mir das abgewöhnen könnte, würde mein Leben noch einfacher.

J B : Warum haben Sie das Buch unter Ihrem Künstlernamen veröffentlicht?

F : Ich betrachte meinen Künstlernamen als meinen Namen. Der steht in meinem Pass, da steht nichts außer Flake. Das hat den Hintergrund, dass wenn ich jemanden kennenlerne, dann kennt der meinen richtigen Namen gar nicht mehr. Man kennt mich als Flake. Auch bei der Bank. Beim Arzt. In meiner maßlos arroganten Art finde ich es auch total geil, dass ich bloß einen Namen habe und man trotzdem weiß, wer damit gemeint ist. Prince hatte auch bloß einen Namen.

J B : Werden Sie für das Buch auch Lesungen machen?

F : Ich werde es machen, aber nicht gern. Für mich ist das eine Herausforderung, für die ich mich überwinden muss. Wie morgens eiskalt duschen: Man will es nicht, aber danach fühlt man sich besser.

Illustration: Gill Button für INTERVIEW Germany

J B : Gehen Sie denn selbst auf Lesungen?

F : Erst seit ich selbst etwas geschrieben hatte. Weil ich schauen wollte, wie andere das machen.

J B : Die erste Frage ist ja immer: „Können Sie vom Schreiben leben?“ – die wird bei Ihnen unterbleiben.

F : Ich verbiete Fragen. Judith Hermann fand ich gut. Christoph Ransmayr – der hat eine Viertelstunde lang vorgelesen, wie ein Schiff ankommt. Dann war ich bei Benjamin von Stuckrad-Barre.

J B : Das war dann schon eher wieder Rockshow.

F : Kann man alles machen. Ich fand aber das Buch an sich gut. Weil er sehr gut beobachtet.

J B : Erlebt ja am ehesten noch das Leben des Rockstars: im Chateau Marmont, Drogenentzug.

F : Kann man alles machen. Bei uns war das Problem ja, dass wir schon sehr alt waren, als wir erfolgreich wurden. Wir hatten alle schon Kinder.

J B : In dem Alter sind die anderen schon tot.

F : Ich weiß noch, an meinem 30. Geburtstag sind wir nach Malta gefahren, um die zweite Platte aufzunehmen. Da kannte uns keine Sau.

J B : Warum denn auf Malta? Da ist es doch grauenvoll.

F : Weil Phillip Boa dort sein Studio hat. Wir wussten nicht, was Malta bedeutet. Ich kannte das bloß von den Briefmarken. Wir waren dann auch schockiert, also ich fand es sehr hässlich. Aber ich habe auch dort Wanderwege gefunden. Wie gesagt: Ich war schon 30. Deshalb kann man sich besser abfangen, wenn man erfolgreich wird.

J B : Wenn man wie Sie aus der DDR kommt, wo man nie reisen durfte, wie ist es denn dann, wenn man zum ersten Mal nach New York kommt, nach Amerika?

F : Für einen Ostler war Amerika das am weitesten entfernte Land auf der Welt. Alles Großartige, alle Erwartungen – Indianer und Cowboys, Elvis Presley, Dead Kennedys, Apple-Computer, Cadillac – kommen aus Amerika. Je länger man im Osten eingesperrt war, umso größer wurden die Erwartungen an Amerika. Und New York ist irre beeindruckend. Aber der Rest der USA ist schlimmer als Mecklenburg! Ein richtiges Kaff! Selbst für einen Ostler unvorstellbar trist. In den Neunzigern gab es in einer Riesenstadt nicht ein einziges Café. Das ist jetzt besser geworden. Jetzt bekommt man bei Starbucks auch mal einen Latte. Damals, als wir 1993 zum ersten Mal dort waren, war das ein Entwicklungsland. Unfassbar schlimm. Die Menschen waren alle richtig dick. Alles war so hässlich, wie es nicht einmal die sozialistische Architektur hingekriegt hatte. Alles war aus Pappe. Das Essen war unfassbar schlecht! Einmal waren wir im All You Can Eat für fünf Dollar, da hat es aus den Puddingtöpfen nach Chemie gestunken, auf den Chicken Wings war dick die Panade frittiert, das war keine Nahrung in dem Sinne. Das war richtiger Dreck. Indianer gab es auch keine. Einmal habe ich einen gesehen, der saß besoffen an der Tankstelle und bettelte um Geld. Wahrscheinlich war es nicht einmal ein Indianer, sondern ein Mexikaner oder Peruaner. Damals sind viele unserer Erwartungen schlagartig zu Boden gegangen. Sogar die geilen amerikanischen Straßenkreuzer gab es nicht mehr. Heute fahren dort mehr japanische Autos als in Japan. Da haben wir uns sehr gewundert. Aus verschiedenen Gründen wollten wir Amerika für uns erobern, weil wir dachten, Amerika ist der Schlüssel zur Welt in der Musikindustrie. Besonders für uns, weil wir eine deutsche Band waren, bei der auf Deutsch gesungen wird. Die Scorpions singen englisch, das kann man gar nicht vergleichen. Bis wir dann schließlich im ausverkauften Madison Square Garden gespielt haben, sind noch viele Jahre vergangen. Mittlerweile war Obama Präsident. Und wir sind eigentlich über Südamerika und Kanada nach New York gekommen.

J B : Und der andere Planet – der dem Ostler näherstehende, Russland?

F : Das war ganz einfach. Da gab es keinen kulturellen Gegensatz. Die haben uns dort einfach begeistert aufgenommen wie einen lange verlorenen Sohn. Weil die dort dankbar sind für jede Art der neuen, harten Musik. Die Härte ist im Ostblock als Ventil gebräuchlicher als im Westen. Der Westen ist übersättigt, alles ist ausgewogen, der Ostblock ist archaisch. Da muss es knallen.

J B : Da ist es halt auch langweiliger.

F : Langweilig ist ein herabminderndes Wort. Das würde ich so nicht benutzen.

J B : Perspektivloser?

F : Schwerer hat man es dort auf jeden Fall. Gerade als Jugendlicher. Die nehmen uns mit offenen Armen auf, genau wie in Mexiko. Dort ist es so, als hätten sie wirklich auf uns gewartet. In Westeuropa war es schwierig. Als wir zum ersten Mal in England waren, spielten wir vor 16 Mann in einem Club außerhalb der Stadt. Wir waren dort bei MTV eingeladen, aber die Übertragung ist gleich mitten im ersten Lied abgebrochen worden. Wir wurden zurückgeschickt und waren damit für eine Minute nach London gefahren.

J B : Ich hatte erwartet, dass jemand, der solche Kunst produziert, auch krassere Ansichten hat. Aber in Ihrem Buch finde ich ausschließlich den humanistischen Blick. Ich konnte das zuerst nicht zusammenbringen: die Wirkung der Kunst und das Fühlen des Künstlers.

F : Das Brachiale ist eine Form, die wir wichtig finden. Gerade weil wir sanft sind, sind wir auch in der Lage, solche Gewalt zu entfesseln. Umgekehrt denke ich über Schlagersänger, dass das fiese Menschen sein müssen.

Interview: Joachim Bessing

08.11.2017 | Kategorien Interviews, Künstler, Literatur | Tags ,

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