82 000 Follower lieben Decor Hardcore

Ksenia Shestakovskaia und Michael Garrett betreiben den Instagram-Account „Decor Hardcore“, auf dem sie Bilder fluffiger Wohnlandschaften, in Glas gegossener Rosen und haarsträubender Einrichtungsgegenstände posten.

ANNA WAAK: Wie erklären Sie einem Blinden, was „Decor Hardcore“ ist?

MICHAEL GARRETT: Es ist eine Art Fantasiewelt, die unbewusste Gefühle und verschüttete Erinnerungen weckt. Es wird zu viel Dekor-Shaming betrieben – „Dieser Stuhl ist hässlich, diese Rose ist kitschig!“ –, sodass die Leute Angst haben, sich in ihrem Zuhause vollends auszudrücken. „Decor Hardcore“ ist ein Ort, an dem sie es können.

KSENIA SHESTAKOVSKAIA: Das Wort, das in den Kommentaren am häufigsten auftaucht, ist „Traum“. Träume beinhalten ja immer auch versteckte Ängste. Es geht darum, den Leuten alternative, lustigere Lebensweisen zu zeigen. Davon haben Mode und Design definitiv zu wenig. Das ist auch meine Erklärung dafür, warum das Ganze so schnell zu einem Erfolg wurde.

A W: Sie arbeiten als Produkt- und Textildesigner. Wie kam es zu „Decor Hardcore“?

K S: Ich hatte die Mode und wie sie Stile diktiert so satt! Auf Ebay fand ich dann all diese versteckten Juwelen. Die Leute kreieren die ungeheuerlichsten Sachen! Daraus erwuchs eine regelrechte Obsession. Ich horte alle Dinge, die mich faszinieren: Bilder, Slogans, Materialien. Ich habe Festplatten voller Fotos.

A W: Ist Ihre Wohnung eine Reflexion dieser Obsession?

K S: Mein Platz ist zum Glück begrenzt, aber meine Wohnung in einem Hochhaus am Berliner Alexanderplatz ist voller Erwachsenenspielzeuge, nicht alle davon sexueller Natur. Ein Glastisch in Form einer Hand, eine Vagina-Lampe. Ich besitze eine umfangreiche Sammlung an Seidenvorhängen.

A W: Können Sie etwas mit dem Begriff „Camp“ anfangen?

M G: Wir mögen ihn nicht besonders.

K S: Er trifft es einfach nicht. Mir geht es darum, eine ganze Reihe an Stilen zu zeigen. Dazu gehört sicher Kitsch, aber auch Minimal, Japanisches, Russisches, Teppiche, Kunst – wir haben alles!

A W: Wie viel Zeit…?

K S: Immer. Sogar während wir hier sitzen, achte ich auf die Polster, die Untersetzer, die Vorhänge. Ich schaue immer nach dem Dekor.

A W: Wie viel hat all das damit zutun, dass Sie, Ksenia, aus der Sowjetunion stammen?

K S: Ich habe Russland 1993 mit 15 Jahren Richtung Israel verlassen, als noch ungeformte Person. Ich glaube, der größte Vorteil, den ich habe, ist, dass ich das Internet in drei Sprachen nach Material durchsuchen kann: Russisch, Hebräisch und Englisch. Aber davon abgesehen?

M G: Für mich hat es schon viel mit deinem Aufwachsen im Sozialismus zu tun. Du hast erzählt, dass es in deiner Kindheit in jedem Haus gleich aussah. „Decor Hardcore“ ist das genaue Gegenteil davon.

A W: Aus dem Instagram-Account ist eine veritable Agentur geworden. Sie entwerfen Sweatshirts, Kalender, Kampagnen. Wie kam es dazu?

K S: Ein Jude fragt immer: Wie kann ich damit Geld verdienen?

M G: Irgendwann bekamen wir Anfragen. Für Location-Scouting. Gucci wollte eine Instagram-Kampagne für seine Uhren. Ein Verlag bot uns an, ein Buch herauszubringen.

K S: Leute fragen mich, ob ich ihr Haus einrichten kann!

A W: Was ist mit Versace? Das scheint das perfekte Label für Ihre Art von Ästhetik zu sein.

K S: Versace! Wir wünschten, die würden mal anfragen.

M G: Wir warten auf die perfekte Partnerschaft mit jemandem, um tatsächlich selbst eine Kollektion von Objekten zu entwerfen.

A W: Es besteht eine enge Wesensverwandtschaft zwischen Ihnen und dem Designer Harald Glööckler.

K S: Ich wäre gern seine beste Freundin! Dann könnte ich Zeit auf seinem Schloss bei Mannheim verbringen.

M G: Wir lieben seinen Style und seinen Geschmack. Auf die Idee des Modeblogs „Dandy Diary“ hin designten wir eine Sweatshirt-Edition namens „Pompöös Dreams“. Ich kannte Glööckler gar nicht, aber sobald ich ihn sah, ergab alles Sinn.

A W: Ich frage mich, ob es ihm andersherum genauso gegangen wäre. Verraten Sie uns Ihre liebsten Google- Suchwörter?

K S: „tacky love hotels“, „indoor mural pool“, „synthetic flowers“. Ich liebe Tierporträts, besonders wenn sie sehr schlecht gezeichnet sind. Und ich bekomme nicht genug von Plexiglas.

Interview: Anne Waak

30.10.2017 | Kategorien Design, Interviews, Stil | Tags ,