Die schöne Imkerin

Negin Mirsalehi ist sehr bekannt auf Instagram: Über vier Millionen User haben ihren Kanal abonniert. Ihr Herz gehört allerdings den Bienen.

Für den Morgen war heftiger Regen angesagt, der dann aber ausblieb – wider Erwarten, denn in Holland regnet es viel. Bis zuletzt hatte ich es für einen Marketingtrick gehalten, dass Negin Mirsalehi aus einer Dynastie von Imkern stammt. Doch den Bienengarten gibt es wirklich. Den Imkervater gibt es auch. Und die Bienen natürlich! Mit dieser Selbstverständlichkeit, mit der sich Negin, die Oftfotografierte, hier zwischen Blumen und Bienen in Imkerskluft bewegt, sind meine letzten Zweifel beiseitegefegt: Diese Frau hat Honig im Blut.

Susane Krammer: Ist der Bienengarten Ihr Happy Place?

Negin Mirsalehi: Ja, und das war er auch schon immer. Schon als ich ein Kind war, sind wir immer an diesen Ort gefahren.

S K: Hatten Sie viele Bienenstiche als Kind?

N M: Nein, gar nicht. Wenn mein Vater mit uns bei den Bienen ist, passt er auf, dass wir nicht in die Nähe von einem Bienenstock gehen, in dem aggressivere Bienen sind. Es ist, als würde er das Summen der Bienen verstehen, ich nenne ihn den Bienenflüsterer.

S K: Interessant, es gibt tatsächlich aggressivere und weniger aggressive Bienenstöcke?

N M: Es ist nicht so, dass die Bienen wirkliche Persönlichkeiten haben, aber manchmal gibt es Bienenvölker, die von ihrer Bienenkönigin verlassen wurden oder die gerade einfach keine Königin haben, und die sind dann sehr nervös und gestresst. Außerdem spielt es eine Rolle, ob sie genug zu essen haben.

S K: Woran kann das denn liegen, dass sie zu wenig Nahrung haben?

N M: Bei uns in Holland regnet es viel, dann kommen die Bienen nicht aus ihrem Stock. Wenn es dann aufhört und sie losfliegen, sind sie ziemlich aggressiv.

SK: Scheint mir ein nervöses Völkchen, so ein Bienenschwarm. Aus welchem Grund lässt eine Bienenkönigin denn ihr Volk im Stich?

N M: Manchmal sind sie zu alt und verlassen ihr Volk zum Sterben oder sie gehen einfach weg und suchen sich einen neuen Bienenstock, manchmal aber, und das finde ich am spannendsten, wird die Königin von ihrem Volk verjagt. Da schaut mein Vater dann, dass sie möglichst schnell eine neue Königin bekommen.

S K: Wie bei uns Menschen. Und Ihr Vater kann das erkennen, rein aus der Anschauung?

N M: Er überwacht sämtliche Vorgänge in den Bienenstaaten mit liebevollem Blick. Außerdem greift er regulierend in viele Prozesse ein. Bei der Ausübung seiner Arbeit wird er bis zu 15 Mal am Tag von Bienen gestochen. Aber es braucht diese Nähe zu den Bienen, damit er seine Beobachtungen auch machen kann. Die vielen Stichwunden spürt er schon gar nicht mehr.

S K: Vielleicht ist es sogar noch gesund? Worin besteht die Faszination am Imkern? Können Sie uns das beschreiben?

N M: Bei mir ist es speziell, denn bestimmt wurde ich durch die Leidenschaft meines Vaters angesteckt. Die habe ich selbst als Kind schon ganz klar zu spüren bekommen. Wir haben als Familie so viel Zeit im Bienengarten verbracht, und es war immer eine herrliche Zeit. Natürlich war es am Anfang mehr die Faszination für den blühenden, summenden Ort an sich, aber je älter ich wurde, umso mehr wollte ich dann auch etwas über das Imkern lernen und verstehen, was meinen Vater daran so fasziniert. Natürlich spielt es eine Rolle, dass er dabei von Natur umgeben seinem Interesse nachgeht. Aber was die Bienen da machen, ist eine so komplexe Angelegenheit. Das kann man in Büchern nachlesen, um es zu verstehen, aber erlernen kann man das Imkern nur durch das eigene Tun. Es ist ein uraltes Handwerk, und durch die rätselhafte Natur der Bienen hat es zugleich etwas von einer uralten Wissenschaft. Das gibt es nicht allzu oft. Und dann gibt es noch etwas, das Sie nicht unterschätzen sollten: Imkern hat einen Wellnesseffekt. Nach einem Tag im Bienengarten ist man in einer Stimmung – besser als nach der besten Yoga- oder Meditationsstunde. Man vergisst alles um sich herum. Das genieße ich total, denn im Grunde bin ich ja ein digitaler Mensch wie alle anderen. Ich bin konstant am Glas, am Telefon oder am Laptop. Aber wenn ich dann in den Bienengarten gehe, dann denke ich da nicht einmal mehr an meine Geräte. Ich schaue auch nicht auf die Uhr. Dort kann ich mir eine Auszeit nehmen – im wahrsten Sinne des Wortes.

S K: Wie kamen Sie denn dann auf diese Idee, ausgerechnet aus dem Honig, der an diesem friedlichen Ort entsteht, eine Kosmetiklinie zu entwerfen und damit ein Business hochzuziehen?

N M: Vor fünf Jahren habe ich damit angefangen, auf Instagram meine Modebilder zu teilen. Im Zuge dessen wurde ich derart oft auf mein Haar angesprochen, weil jeder meiner Follower von mir auch wissen wollte, warum ich so schöne Haare habe. Also habe ich ihnen von dem Haaröl erzählt, das meine Mutter für uns Kinder immer angemischt hat, und irgendwann war der Punkt erreicht, an dem ich dann dachte, warum das Öl nicht auf den Markt bringen, wenn mich alle immer danach fragen?

S K: Flasche und Label wirken aber alles andere als hausbacken auf mich. Das ist alles wirklich schön und sehr fotogen gestaltet.

N M: Danke! Bevor wir angefangen haben, wusste ich bereits, dass es nicht beim Haaröl als unserem einzigen Produkt bleiben würde. Mittlerweile gibt es schon drei. Das Haaröl, ein Hitzeschutzspray und ein Texturspray. Die beiden Sprays sind auf Propolisbasis hergestellt. Das ist der Stoff, der die Waben in den Bienenstöcken stabil hält. Aber ich wusste eben von Anfang an, dass das Haaröl unser Vorzeigeprodukt werden würde. Deswegen war es mir so wichtig, dass es auch danach aussieht. Vor allem auch noch in 30 Jahren.

 

“Am Anfang war es die Faszination für den blühenden, summenden Ort an sich, aber je älter ich wurde, umso mehr wollte ich dann auch etwas über das Imkern lernen”
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S K: Ja, das wollen viele. Wer hat sich um das Design gekümmert?

N M: Mein Partner und ich sind das gewesen. Gemeinsam. Wir arbeiten auch für Instagram zusammen. Mittlerweile haben wir ein Team, aber am Anfang waren es nur wir beide.

S K: Was hat es mit dem Namen „Gisou“ auf sich – heißt so Ihre Mutter?

N M: Nein. Aber stimmt schon: Wir haben während des Findungsprozesses viel mit meinen Eltern gesprochen, und wir haben auch unterschiedliche Worte oder Vornamen in Erwägung gezogen. Gisou ist ein eher ungebräuchliches Wort. Eigentlich kommt es nur noch in Gedichten vor. Mein Vater hat ja nicht bloß Honig im Kopf. Er liest auch sehr viel, besonders gern liest er Gedichte. Zu Hause sprechen wir ja Arabisch, und als er das erste Mal „Gisou“ sagte, hab ich ihn gefragt, wie es sein kann, dass ich das Wort noch nie zuvor gehört habe, und da meinte er, dass es ein altmodisches Wort sei, aus längst vergangenen Tagen. Ich fand den Klang dieses vergessenen Wortes aber wunderschön. Auch weil es ein bisschen französisch klingt. Die Bedeutung des Wortes Gisou ist „goldene Haarlocke“. Für uns hat das eine doppelte Bedeutung. Einerseits steht es für schönes Haar, andererseits scheint im Gold auch der Honig auf. Von daher passt Gisou auf mehreren Ebenen gut zu uns.

S K: Haben Sie jemals Studien dazu gelesen, dass Honig tatsächlich eine Wohltat für die Haare ist?

N M: Soweit ich weiß, gibt es keine wissenschaftlichen Studien dazu. Was ich sagen kann, ist, dass Honig aber eine medizinische Wirksamkeit hat, das ist nachgewiesen, und er kommt in vielerlei Kosmetikprodukten vor. Ja, Honig ist aus der Beautywelt überhaupt nicht mehr wegzudenken. Ein positiver Effekt auf die Haut ist wissenschaftlich belegt. Ich kann da bloß mich als Studienobjekt anbieten: In meiner Familie sind wir alle mit dem Haaröl aufgewachsen, und wir haben alle kräftige Haare bis heute. Wenn meine Haare strapaziert sind, verwende ich das Öl, und ihr Zustand verbessert sich.

S K: Ist Fleiß für Menschen wie Sie so wie für Bienen etwas Lebensnotwendiges?

N M: Es wäre eine hübsche Geschichte, wenn ich jetzt behaupten würde: ja. In Wahrheit aber habe ich den Fleiß nicht von den Bienen abgeschaut, sondern mir nach dem Vorbild meiner Eltern angelernt. Als sie vor 35 Jahren aus dem Iran nach Holland kamen, mussten sie komplett von null beginnen. Ich hab das immer sehr respektiert. Sie mussten die Sprache lernen, mussten neue Ausbildungen machen, sich einen neuen Job suchen.

S K: Was haben Sie, abgesehen vom Imkern und Dichten, noch von Ihrem Vater gelernt?

N M: Mit einem einfachen und bodenständigen Leben glücklich zu sein. Das Beste aus mir und allem herauszuholen. Mein Vater ist ein philosophischer Mensch, sehr nachdenklich. Dadurch auch bescheiden. Er hat zum Beispiel nie ein Auto besessen. Er fährt jeden Tag mit dem Rad zum Bienengarten, und er liebt es sehr, in der Natur zu sein. Ich glaube, das erdet mich auf eine liebevolle Art bei dem, was ich tue.

S K: Aber wie sieht er dann die Welt Ihrer Arbeit auf Instagram?

N M : Er ist neugierig und will alles wissen. Er freut sich für mich und über meinen Erfolg. Instagram ist mit Sicherheit nicht seine Welt, aber er liebt es, wenn ich ihm von anderen Ländern berichte oder ihm Videos schicke von Orten, an denen ich das Glück habe, mich aufhalten zu dürfen. Dadurch kommen wir ja auch mit anderen Kulturen in Kontakt, und er glaubt daran, dass es wichtig ist, sich allen Menschen gegenüber aufgeschlossen zu zeigen. Also inspiriert ihn meine Reiserei auf eine Art auch.

S K: Ist er denn selbst viel gereist?

N M: Nein, er lässt den Garten nie lange allein. Manchmal sind wir früher in die Türkei gefahren, weil er Türkisch spricht und die Türkei liebt. Aber ansonsten ist er immer bei seinen Bienen geblieben. Als er weg aus Iran wollte, war er sich zuerst nicht sicher, ob er nach Los Angeles gehen sollte oder nach Holland. Nach L.A. sind damals sehr viele Menschen aus Iran geflüchtet. Aber von Holland hatte er gehört, dass es berühmt für seine Blumen sei. Also hat er sich für Holland entschieden, weil er für seine Bienen viele Blumen haben wollte. Was er dabei vergessen hatte: dass es in Holland oft schlechtes Wetter gibt und er nur sechs Monate imkern kann, wohingegen es in Kalifornien bekanntlich nie regnet. Dort hätte er neun Monate zur Verfügung gehabt.

S K: Haben Sie von Maja Lunde „Die Geschichte der Bienen“ gelesen?

N M: Leider nicht. Worum geht es?

N M: Und weil mir mein Vater so viel darüber erzählt hat, will ich meine Stimme auch dafür nutzen, genau dieses Thema immer und immer wieder anzusprechen. Viele Menschen sehen Bienen einfach nur als nervige Insekten, die ihr Picknick stören. Sie haben Angst, weil sie gestochen werden können, vergessen dabei aber, wie wichtig Bienen für uns und unser Überleben sind.

S K: Aber daraus hat sich ja auch leider ein für manche Bienen gefährlicher Trend entwickelt: das sogenannte Urban Beekeeping. Das nächste Ding nach dem Urban Gardening. Laienimker halten sich Bienenvölker auf ihren Balkonen. Die meisten dieser Völker verwahrlosen dann oder sterben. Gibt es das in Holland auch?

N M: In Holland nicht, ich kenne diesen Trend auch nur aus New York. Ich würde das aber auch nicht unterstützen oder den Menschen dazu raten. Was wir immer sagen: Wenn ihr den Bienen helfen wollt, dann pflanzt Blumen in euren Garten, die frei von Pestiziden sind. Es ist nicht so einfach zu imkern. Die Menschen unterschätzen das. Ich würde viel eher darum bitten, keine Furcht vor den Bienen in Kindern zu schüren. Es macht mich wirklich traurig, wenn ich einen Menschen sehe, wie er eine Biene erschlägt, nur weil er Angst vor ihr hat, oder auch dieses hektische Rumfuchteln, das die Bienen nur aggressiv machen kann. Ein respektvoller Umgang mit Bienen bedeutet aber auch, dass niemand meint, er sei jetzt Imker, nur weil er darüber ein Buch gelesen hat.

S K: Um die Welt nach dem Aussterben der Bienen. Die Menschen müssen die Blüten von Hand bestäuben.

N M: Mein Vater spricht viel darüber, warum die Bienen in Gefahr sind. Zum einen liegt das an den Pestiziden, von denen wir leider viel zu viele verwenden. Gift für die Bienen. Und dann gibt es noch einen Parasiten, der die Bienen befallen kann. Der dringt in die inneren Zellen des Bienenstocks vor und geht an die Larven der Bienen. Aber mein Vater sagt, ein guter Imker wird das rechtzeitig erkennen. Dann kann er das große Sterben verhindern.

S K: Je länger ich hier in Ihrem Garten bin, desto klarer wird mir, dass Bienen unterschätzt werden.

Interview: Susanne Krammer

Fotos: JEAN-VINCENT SIMONET

Styling: ALISA VORNEHM

Haare & Make-up: ELLEN ROMEIJN/HOUSE OF ORANGE

Produktion: LUISA BONSEN

Fahrer: JELLE MONTSMA

Dank an LOCDEP

23.10.2017 | Kategorie Interviews | Tags , ,

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