ECKHAUS LATTA
Die Mode-Anarchisten im Interview!

Bye-bye, Normcore! Für ihr Label Eckhaus Latta machen Mike Eckhaus und Zoe Latta dort weiter, wo die Mode in den Neunzigern aufgehört hat – mit Unisex, Anarchie und Performances. Ihre kunstvollen Entwürfe für sie & ihn haben längst die Queer-Communitys in Los Angeles und New York erobert. Jetzt sind die Department-Stores an der Upper East Side dran.

Artful Dodgers: die US-amerikanischen Designer Zoe Latta und Mike Eckhaus

INTERVIEW: Frau Latta, Herr Eckhaus, der halbe New Yorker Kunstbetrieb flippt bei Ihrer Mode gerade total aus.

ZOE LATTA: Das hat sich einfach so ergeben. Wir haben die Nähe zu dieser Szene jetzt nicht gesucht oder so. Aber irgendwie gehören wir zu einer Gruppe von jungen Leuten, die sich mit Kunst oder Design beschäftigen.

MIKE ECKHAUS: Es hat sich insofern ergeben, als dass wir an der Rhode Island School of Design studiert haben und wie eigentlich alle danach nach New York gegangen sind. Dort trifft man dann auf Gleichgesinnte von allen möglichen Schulen. Viele Leute, mit denen wir heute arbeiten, sind Bekannte, dir wir auf einer Party, einer Ausstellungseröffnung oder bei einem Dinner kennengelernt haben.

INTERVIEW: Welche Jobs übernehmen Ihre Freunde?

LATTA: Einige modeln, andere machen die Musik für unsere Shows und Videos. Musiker wie Dev Hynes, Mikes Bruder John, der Künstler Sammy Davis oder DJ Richard, der Teil von dem Label White Material ist.

ECKHAUS: Wir haben inzwischen unsere eigene kleine Model-Armee, an der unsere Sachen unglaublich gut funktionieren. An Hari Nef etwa, India Menuez, Susan Cianciolo und Michael Bailey-Gates. Das sind alle sehr starke Persönlichkeiten. Ich weiß manchmal gar nicht, ob noch jemand übrig ist, mit dem wir in der kommenden Saison arbeiten können. Im Prinzip haben wir schon alle Kreativen gehabt.

INTERVIEW: Sind diese Leute auch Musen für Ihre Kollektionen?

LATTA: Unterbewusst bestimmt. Aber wir fragen uns jetzt nie: Würde Hari dieses oder jenes wohl tragen? Selbst wenn ein Teil von einer bestimmten Person inspiriert ist, sind wir da sehr diskret und kommunizieren das nicht. Inzwischen machen aber auch wir Marketing und hören auf das Feedback, das wir von unseren Kunden bekommen. Aber das spielt wirklich nur eine untergeordnete Rolle.

Alle Looks aus der Herbst/Winter-Kollektion 2015 von Eckhaus Latta

INTERVIEW: Sie, Frau Latta, arbeiten in L. A., Herr Eckhaus in New York. Klappt die Zusammenarbeit über die Distanz problemlos?

LATTA: Das ist erst die dritte Saison, in der wir das so machen, und wir grooven uns gerade ein, lernen, jeder für sich zu arbeiten und das dann wieder zusammenzubringen. Wir haben aber angefangen, mehr und mehr in L. A. zu produzieren. Dort haben wir besseren Zugang zu Ressourcen, die uns interessieren. Außerdem bin ich in Nordkalifornien aufgewachsen. Zehn Jahre East Coast waren genug.

ECKHAUS: Wir haben mit dem Label genau vor vier Jahren angefangen. Wir haben uns an der Designschule in Rhode Island kennengelernt. Keiner von uns hat Mode studiert. Ich habe Bildhauerei gelernt, Zoe Bekleidungstechnik.

INTERVIEW: Wie man hört, soll Rhode Island das Zentrum der Modeschmuckindustrie sein. Stimmt das?

LATTA: Oh ja. Aber es ist ein ziemlich erfolgloser Industriezweig. Das Gute daran: Man findet Tonnen an großartigem Abfall.

ECKHAUS: Da gibt es total abgefahrene Lager, bis oben voll mit alten Stücken.

LATTA: Man kann sie nur im Dutzend kaufen. Jeder Gang hat einen eigenen Lichtschalter. Ich wette, wenn man dort stirbt, wird man sehr lange nicht gefunden.

INTERVIEW: Beeinflusst so etwas Ihre Mode?

LATTA: Schon, ja. Vielleicht jetzt nicht direkt der Modeschmuck. Aber es ist eine sehr ruhige Gegend, und das erlaubt es, besonders kreativ zu sein. Wenn ich Studenten begegne, die in New York leben, stelle ich fest, dass sie an einer ständigen Reizüberflutung leiden. Es gibt so viel Kultur, so viele Dinge, an denen sie teilhaben können. Nicht, dass das eine schlechte Sache sei. Es gibt nur eine andere Richtung vor. Mike und ich waren jedenfalls sehr offen, als wir uns kennenlernten.

INTERVIEW: Eigentlich haben Sie Kunst studiert. Haben Sie daraus Arbeitsweisen übernommen?

LATTA: Einiges an dem, wie wir arbeiten, ist unorthodox. Moodboards zum Beispiel funktionieren bei uns nicht. Uns gefällt es nicht, eine Kollektion zu definieren, bevor überhaupt an ihr gearbeitet wird. Da wir Autodidakten sind, entstehen viele Entwürfe dadurch, dass wir Fehler beheben müssen. Es bereitet uns große Freude, im Designprozess Lösungen für Probleme zu finden. Wir sind so etwas wie Berater für den jeweils anderen. Niemand von uns hat Copyright auf ein bestimmtes Kleidungsstück. Es ist nicht so, dass ein Teil von Zoe ist und das andere von Mike.

ECKHAUS: Unsere Kollektionen entstehen im Pingpong. Besonders jetzt, da wir uns an zwei unterschiedlichen Enden des Landes befinden. Unsere Kollektionen entstammen einem Bauchgefühl, und wenn ich zurückblicke, sind sie wie ein Tagebuch für mich. Es ist ein schönes Gefühl, nicht zu wissen, was man macht – das ist jetzt nicht mit naiv zu verwechseln, sondern etwas in einem Moment zu entscheiden, das sich richtig anfühlt. Und dann schaut man irgendwann zurück und denkt, ja, das hat Sinn gemacht. Es wäre merkwürdig, wenn alles von Anfang an Sinn ergeben würde und man den Weg, den man geht, schon kannte.

INTERVIEW: Neben Ihren Kollektionen machen Sie immer noch Kunstprojekte. Ist Ihnen Mode zu oberflächlich?

LATTA: Nein, nein. Wir haben uns einfach wohler dabei gefühlt, Kunst zu machen, sie auszustellen. Mittlerweile sind die Bereiche aber miteinander verwoben. Wir sind viel versierter darin, Kleidung herzustellen, und haben unsere Ausbildung, Kunst zu machen, auf Kunst für den Körper übertragen.

ECKHAUS: Viele der Kollaborationen haben sich durch Freundschaften und Beziehungen ergeben, ganz fließend. So wie mit dem Künstler Bjarne Melgaard.

LATTA: Für eine Einzelausstellung bei Gavin Brown haben wir acht Charaktere für ihn entworfen. Sie waren auf seine Porträtbilder abgestimmt und wurden dort als Collagen integriert.

ECKHAUS: Der Job war unglaublich befriedigend. Wenn man eine Kollektion entwirft, muss man viele Dinge berücksichtigen: Eignet sich dieses Teil für die Massenproduktion? Haben wir genügend Stoffe? Diesen Druck hat man nicht, wenn man Unikate wie diese Kunstwerke macht.

INTERVIEW: Kunst am Körper klingt abenteuerlich. Wie viel Kunst verträgt die Mode?

ECKHAUS: Nun ja, es ist eine Herausforderung. Es war am Anfang wirklich frustrierend und verwirrend, aber es schlug in etwas um, das uns sehr stark stimuliert. Mode hat so viel mehr Freiräume, als man gemeinhin denkt. Dabei interessiert es uns nicht, Kleidung zu entwerfen, die jetzt extra anspruchsvoll zu tragen ist, noch weniger aber, Kleidung zu machen, die einfach zu verdauen ist. Es geht uns darum, ein Spektrum zu haben. Am Ende des Tages wollen wir natürlich, dass die Leute unsere Sachen tragen.

LATTA: Am Anfang waren wir noch total anarchisch. Inzwischen haben wir gelernt, dass es im Modebusiness einfach kommerzielle Zwänge gibt – ob wir es wollen oder nicht, egal wie expressiv etwas ist. Trotzdem wollen wir keine 80 000 Teile von irgendwas im Monat produzieren. In gewisser Weise spielen wir jetzt damit und stellen diese Kommerzialität infrage. Wir wollen nicht, dass es unsere Mode überall zu kaufen gibt. Wir wollen wählerisch und besonders bleiben.

Von Dan Thawley

Fotos Alex Antitch

Styling KATE SEBBAH/STREETERS

Make-up CHRIS COLBECK/ART DEPARTMENT
Haare
Tetsuya Yamakata/MAM-NYC mit ­Produkten von Oribe
Model Paige Honeycutt/DNA MODELS
Produktion LUISA BONSEN