Flashback:
Jodie Foster

Es ist Sonntag, der 28. November 1976, im Café des Hotels Pierre an der 
5th Avenue in New York. Andy Warhol und Catherine Guinness warten auf Jodie Foster, den Star aus „Taxi Driver“ und „Bugsy Malone“. Die 14-Jährige erscheint nach wenigen Minuten in Begleitung ihrer Mutter Brandy. Jodie trägt blaue Jeans, die in ihren kniehohen schwarzen Stiefeln stecken, sowie ein Tweed-Jackett über einer beigen Bluse. Ihre Stimme ist so tief wie die ihrer Mutter hoch

Cover Interview Januar 1977 | @ Richard Bernstein

Brandy Foster Hallo, wie geht’s? Ich bin Jodies Mutter. Ich bleibe nur für ein paar Minuten, dann lasse ich Sie allein.

Andy Warhol Hi, wie geht’s?

Jodie Foster Ich habe Schluckauf. Und Ausschlag, weil ich so nervös bin.

B. Foster Es war das erste Mal, dass sie in einer Liveshow war.

Warhol Wie war’s?

J. Foster Verrückt!

B. Foster Wir waren seit sechs Monaten nicht mehr zu Hause. Wir waren in London.

Warhol Wir waren auch unterwegs. Wir wollten Sie in Kalifornien erreichen, aber es hat niemand reagiert. Wir waren bei Marisa Berensons Hochzeit. Das war aufregend. (Jodie
Foster hat weiter Schluckauf) Kann ich das bitte auf Kassette haben?

J. Foster Wie war die Hochzeit?

Warhol Leider war Tatum (O’Neal) nicht da, aber ihr Vater Ryan.

B. Foster Tatum geht jetzt auf die Schule von Jodie.

Warhol Das heißt, dass sie jetzt nicht mehr lange auf­bleiben kann?

J. Foster Ja, wenn man am nächsten Morgen wieder zur Schule muss, ist das ziemlich anstrengend.

Warhol Was musstest du bei Saturday Night Live machen?

J. Foster Viele seltsame Sachen. Es ist eine ziemlich seltsame Show, aber ich mag sie. Es gab diesen Sketch mit Tinkerbee, die mich in ein Land bringt, wo man nicht erwachsen wird. Sehr seltsam, aber lustig. Ich stand noch nie live vor der Kamera.

B. Foster Sie hat eine Probe und einen kompletten Tag verpasst.

J. Foster Ja, weil Thanks­giving war. Das ist ein gesetzlicher Feiertag!

Warhol Aber du bist so gut, du brauchst doch gar keine Proben. Ohne Proben bist du wahrscheinlich noch besser.

J. Foster Die haben kleine Merkkärtchen, die helfen einem, falls man etwas vergisst. Also alles kein Problem.

B. Foster Ich habe dich trotzdem noch nie so nervös gesehen.

Warhol Wie können große Stars überhaupt nervös werden?

J. Foster Während der Show war ich aber gar nicht nervös, nur während der Kostümprobe. Weil alles so seltsam war. Keiner klatscht, und wenn man was falsch macht, wird gebuht. Die eigentliche Show war viel besser.

Warhol Bei Marisas Hochzeit gab es diesen Augenblick, an dem plötzlich alle gelacht haben. Ich habe keine Ahnung warum.

B. Foster Sie hat aber niemanden aus dem Business geheiratet, oder?

Warhol Nein, allerdings lebt sie in Beverly Hills, also …

B. Foster Also macht es wohl keinen Unterschied.

Foto: Norman Seeff

Warhol Wir sind Ingrid Bergmans Tochter begegnet, als wir angekommen sind.

B. Foster Ihre Tochter Pia Lindström hat Jodie interviewt, als wir das letzte Mal hier waren.

J. Foster Es ist komisch: Ich bin schon so lange im Business, aber jedes Mal, wenn ich jemanden treffe, der berühmt ist, bin ich ganz aufgeregt. Ich saß neulich neben Henry Winkler und bin ­total durchgedreht.

B. Foster Er war in Kalifornien, um Szenen für die Serie Happy Days zu drehen, und Jodie hatte gerade Probeaufnahmen für den Piloten von Paper Moon. Er kam zu uns rüber an den Tisch, und wir hatten keine Ahnung, wer er ist.

J. Foster Ich habe ­Laverne & Shirley getroffen, Juan Epstein …

Catherine Guinness Und hast du auch Starsky & Hutch schon kennengelernt?

J. Foster Noch nicht. Aber alle sind verrückt nach ihnen. Ich nicht. Alle mögen Starsky lieber als Hutch, aber ich mag Hutch lieber als Starsky.

Warhol Also wann wirst du heiraten?

J. Foster Niemals, hoffe ich. Es muss ziemlich langweilig sein, das Badezimmer mit jemandem zu teilen.

Warhol Wahnsinn, wir glauben an die gleichen Sachen! Ich bin mit meinem Hund verheiratet, das würde ich dir auch empfehlen.

J. Foster Sabbert der nicht wie verrückt?

Guinness Ich hasse das bei Hunden.

J. Foster Ja, aber nur bestimmte Rassen machen das.

Guinness Große Hunde mit viel Fell und Sabberlappen … uhh, wir sollten schnell bestellen, bevor uns der Appetit vergeht.

J. Foster Ich habe sowieso kaum Hunger.

Warhol Du willst nicht essen? Aber du musst! Das ist unser Interview! Ich weiß doch gar nicht, was ich fragen soll!

J. Foster Vielleicht nehme ich Erdbeerkuchen. Soll meine Bestellung etwas über meine Persönlichkeit aussagen?

Warhol Nein, es ist einfach nur so, dass ich mich überhaupt nicht vorbereitet habe.

Guinness Aber ich, lustigerweise. Ich habe Echos eines Sommers, Bugsy Malone und Taxi Driver gesehen.

J. Foster Alle an einem Tag?

Guinness Natürlich! Hast du geweint, als du Echos eines Sommers gesehen hast?

J. Foster Nein, aber während der Dreharbeiten, als ich mir nach Feierabend die Szenen angeschaut habe. Hat dir der Film gefallen?

Guinness Ich habe von Anfang bis Ende geheult. Ich kann nichts dagegen tun. Wenn es traurig wird, verwandle ich mich in eine Heulsuse.

Warhol Was machst du als Nächstes?

J. Foster Keine Ahnung. Ich lese. Es gefällt mir gerade, zur Schule zu gehen.

B. Foster Sie hat gerade fünf 
Monate an einem Film ge­­
arbeitet.

J. Foster Ein Disney-Film – Abenteuer auf Schloß Candleshoe mit David Niven.

B. Foster Davor hat sie Ein ganz verrückter Freitag mit Barbara Harris gedreht. Sie hatte dazwischen nur drei Wochen frei.

Warhol Wen hast du in Candleshoe gespielt?

J. Foster Ein sehr ungezogenes Mädchen. Ich werde von David Niven gekidnappt, um die Enkelin von Helen Hayes zu spielen, die seit Langem verschwunden ist. Außerdem geht es um einen Schatz. Das wird ein guter Film.

Guinness Ist David Niven lustig?

J. Foster Außerordentlich – die Geschichten, die er erzählt.

B. Foster Und dann war sie noch für zehn Tage in Paris. Sie hat einen Film eingesprochen, der dort in die Kinos kommt. Sie ist die erste amerikanische Schauspielerin, die …

J. Foster Ich bin jetzt schon ganz satt, obwohl ich noch gar nichts gegessen habe.

Jodie Foster: “Ich hoffe, dass ich niemals heirate. Es muss langweilig sein, das Badezimmer mit jemandem zu teilen”
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B. Foster Sie ist die erste amerikanische Schauspielerin, die ihre Filme selbst einspricht, von Jane Fonda einmal abgesehen.

Warhol Einsprechen?

B. Foster Auf Französisch einsprechen!

J. Foster Synchronisieren! Ich war da mit Jean-Francois Moran und Eléonore Hirt – toller Name, oder? Sie ist verheiratet mit Michel Piccoli.

Warhol Woher hast du dein großartiges Französisch?

J. Foster Mon dieu, keine Ahnung! Ich geh auf eine französische Schule. Es ist toll da! Alle Lehrer sind 21 oder 22 Jahre alt und haben lange Haare und Bärte und alles. Wenn man auf so eine Schule geht, geht es wie von selbst.

Guinness Hast du, wenn du drehst, einen Lehrer mit am Set?

J. Foster Ja, jemand von der Wohlfahrt ist immer mit dabei.

Warhol Von der Wohlfahrt? Wirklich?

J. Foster Ist gesetzlich vorgeschrieben.

Warhol Oh! Du solltest etwas trinken! Wie wäre es mit einer Bloody Mary?

J. Foster Ja, ganz bestimmt!

Warhol Bist du dafür nicht zu jung? Du wirkst so erwachsen! Wie alt bist du?

J. Foster 14.

B. Foster Letzte Woche waren wir im Pearl’s. Es ist ihr liebstes Restaurant auf der ganzen Welt. Ich glaube, ich gehe da jetzt hin. Soll ich zurückkommen?

J. Foster Ist mir egal.

B. Foster Sie ist ganz müde.

Warhol Wir werden ihr keinen Alkohol geben.

B. Foster Sie kann es gar nicht abwarten, wieder zur Schule zu gehen.

J. Foster Nein, nein, ich will gar nicht wieder zurück in die Schule. Ich will zurück nach Kalifornien und all die neuen Filme sehen.

B. Foster Sie ist verrückt nach Filmen. Bis man in London einen Film zu sehen bekommt, ist der fünf Jahre alt. (Sie geht)

Warhol Wie hast du deinen Stil gefunden? Ich meine, du hast ja einen Stil. Ist das einfach so passiert?

J. Foster Keine Ahnung. Ich fing an, als ich drei war. Man liest einfach seinen Text, und das ist es eigentlich auch schon.

Warhol Ich meinte die Farben und wie du dich anziehst und all das.

J. Foster Ich glaube nicht, dass ich Stil habe. Ich trage doch nur Jeans und T-Shirt.

Warhol Hast du mit drei schon in einem Film mitgespielt?

J. Foster Nein, das war nur Werbung. Meine erste Werbung war für die Sonnencreme Coppertone. Ich war das Kind, dem man die Hose runterzieht.

Warhol Wirklich? Dein Ernst? Dieser total bekannte Spot?

J. Foster Mhm.

Warhol Jetzt bin ich wirklich beeindruckt.

J. Foster Ich habe alle möglichen Fernseh­sachen gemacht. Meinen ersten Film hatte ich mit sieben – eine Disney-Sache namens ­Menace on the Mountain.

Warhol Habe ich den gesehen?

J. Foster Ganz bestimmt nicht. Den hat kaum einer gesehen. Der war auch nicht besonders gut. Aber dadurch kam der Kontakt mit Disney zustande. (Schaut in die Speisekarte) Ich glaube, ich werde keine Schnecken nehmen. Ich hatte gestern welche und hatte davon eine Knoblauchvergiftung. Das hier muss ein erstklassiges Restaurant sein, die Speisekarte ist komplett Französisch.

Warhol Dann kannst du mir ja vorlesen, was da steht. Deine Rolle in Alice lebt hier nicht mehr war sehr seltsam. Man wusste nicht, ob du ein Junge oder ein Mädchen bist.

J. Foster Ja, als ich für die Rolle vorgesprochen habe, hatte ich noch wunderschönes, langes Haar. Ich sagte: „Falls ich die Rolle bekommen sollte, werde ich sie mit kurzen Haaren spielen, weil ich sie für Paper Moon schneiden muss.“ Und Scorsese meinte: „Ach, egal, das macht keinen Unterschied.“ Also schnitt ich sie ab, und er bekam einen Herzinfarkt, als er das sah. Aber wir haben den Film dann einfach so gedreht, er hatte ja keine Wahl.

Warhol Es hat den Film sogar besser gemacht. Hast du nach Taxi Driver viele Briefe von Irren erhalten?

J. Foster Gar nicht. Aber ich wünschte, ich könnte den Film noch mal drehen, wegen all der Presse, die ich dafür bekam. Ich hasse es, dass alle denken, eine Kinderschauspielerin könne nur Sachen wie Shirley Temple oder die kleine Schwester spielen. Aber die Wirklichkeit sieht heute anders aus. Ich glaube auch nicht, dass die Mehrheit der Leute so was sehen will. Hoffe ich jedenfalls. Weil Stepptanz nämlich nicht zu meinen Stärken zählt.

Warhol Als wir in Kalifornien waren, haben wir Liza (Minnelli) getroffen, und Martin (Scorsese) war auch da.

J. Foster New York, New York wird ein ganz großartiger Film werden. Ich bin kurz am Set gewesen, und es war surreal. Liza Minnelli hatte nicht einmal ein Mikrofon. Sie ist großartig!

Warhol Anschließend waren wir im Zirkus, wo Liza auch war. Es war irgendwie fantastisch. Ihr BH ging kaputt, und dann musste Halston, dessen Kleid sie trug, zu ihr auf die Bühne und es reparieren. Alles live im Fernsehen. Nichts hat geklappt. Und dann wurde jemand von einem Löwen in den Hals gebissen, was sich allerdings als Fake herausstellte.

J. Foster Ich wurde mal gebissen, als ich einen Film mit einem Löwen drehte, und zwar hier.

Warhol Wirklich? Dann kannst du jetzt wohl keine Werbung für Sonnencreme mehr machen.

J. Foster Stimmt. Das war bei meinem zweiten Film. Es gab zwei Löwen. Einer war der Ersatzlöwe und hieß Zambo, und der andere war bereits 25, er hieß Major. Er hatte überhaupt keine Zähne mehr und war harmlos. Es war ein total heißer Tag, 4 Uhr am Nachmittag, obwohl man nach 3 Uhr eigentlich nicht mehr mit Löwen arbeiten sollte. Major war sowieso nicht mehr in Stimmung, weswegen Zambo ranmusste. Irgendwann war dann alles bereit. Ich ging einen Hügel hinauf, der Löwe war direkt hinter mir und wurde von einer Klaviersaite gezogen – ansonsten hätte er sich nämlich gar nicht bewegt. Das Dumme war, dass ich nicht schnell genug lief, also holte er mich ein und biss mich. Dann purzelte ich den Hügel herunter.

Warhol Wirklich? Hast du sie verklagt?

J. Foster Niemals!

Warhol Haben sie die Krankenhausrechnungen bezahlt?

J. Foster Ja, aber ich kriege immer noch welche. Ich leite sie dann an Walt Disney weiter.

Warhol Wer hat dich gerettet, als du gebissen wurdest?

J. Foster Der Löwentrainer. Als der Löwe mich im Maul hatte, sagte er: „Loslassen!“, und der Löwe ließ mich fallen.

Warhol Wie alt warst du?

J. Foster Neun. Ich dachte mir, wenn ich das überlebe, werde ich es als Schauspielerin schaffen.

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