Flashback:
Marc Jacobs & Glenn O'Brien

Im April verstarb Glenn O’Brien. 1971 war er der erste Interview- Redakteur und 2008 Editorial Director des Magazins. Damals traf er den sehr gesprächigen Marc Jacobs.

Glenn O'Brien

GLENN O’BRIEN : Sie werden unser Andy Warhol sein.

MARC JACOBS : Ich fühle mich zwar etwas seltsam dabei, aber ich schätze, so wird es wohl kommen.

G OB : WissenSie, wie wir darauf gekommen sind? Weil Sie wie Warhol Dinge neu definiert haben.

M J : Haha, das war nicht meine Absicht.

G OB : Aber es ist nicht Ihre Schuld.

M J : Nein, es ist nicht meine Schuld. Es ist nur so, dass ich außerhalb dieser oberflächlichen Modewelt auch noch andere Interessen habe, hehehe.

G OB : Was für jemanden aus Ihrem Metier durchaus ungewöhnlich ist. Also, Mode und Kunst zu vermischen ist ja etwas vollkommen Neues.

M J : Eigentlich ist es sogar ziemlich alt. Soll ich gleich damit anfangen, die Sachen zu erklären?

G OB : Bitte.

M J : Ich meine, ich bin nicht schüchtern, wenn es ums Reden geht, also anders als bei Andy werden Sie wenig „Hm, meinen Sie? Echt jetzt?“ von mir hören. Also wenig Ein-Wort-Antworten.

G OB : „Meine Güte!“

M J : „Meine Güte!“

G OB : „Echt jetzt?“

Marc Jacobs: “Ich möchte vorausschicken, dass ich viel und gern rede, aber die Gedanken in ihrer Reihenfolge mitunter keinen Sinn ergeben”
Tweet this

M J : Als ich wegen Louis Vuitton nach Paris kam, war es nämlich so, dass ich mich als eine Art New Yorker in Paris sah. Mir wurde ganz romantisch bei der Vorstellung, und ich dachte zurück an die Zeiten von Schiaparelli, Chanel und Cocteau, als all diese kreativen Leute scheinbar zusammengearbeitet haben. Sie waren beeinflusst von Picasso und Dalí, von Mode, Kunst und Tanz. Allerdings gibt es bei dieser Geschichte zwei Seiten … Ich möchte vorausschicken, dass ich viel und gern rede, aber die Gedanken in ihrer Reihenfolge mitunter keinen Sinn ergeben.

G OB : Kein Problem, das ist mir sogar lieber.

M J : Okay, dann springe ich vor und zurück. Als ich in Paris ankam, suchte ich zunächst nach einer Wohnung. Charlotte Gainsbourg hatte damals gerade ein Baby bekommen und saß stillend in ihrem Schlafzimmer, während ich mir ihr Appartement anschaute. In einer Zimmerecke stand ein Koffer, ein Koffer von Louis Vuitton, den man schwarz angemalt hatte, obwohl von der Farbe bereits viel abgeblättert war. Ihr Vater, also Serge, hatte den Koffer schwarz angemalt. Und aus irgendeinem Grund kam mir durch den Anblick des Koffers mein Lieblingskunstwerk in den Sinn, nämlich „L.H.O.O.Q.“ von Marcel Duchamp, und dann dachte ich, dass das Louis- Vuitton-Monogramm die „Mona Lisa“ der Firma sei.

G OB : Yeah!

M J : So wie Duchamp der „Mona Lisa“ für „L.H.O.O.Q.“ einen Schnäuzer gemalt hat, wollte ich mit dem Monogramm etwas anstellen, das hipper, ein bisschen anarchischer und einfach cooler ist. Und so entstand die Idee, Stephen Sprouse zu bitten, Farbe über das Logo zu sprühen.

G OB : Yeah!

M J : Mit dieser Zusammenarbeit war ich ganz besonders zufrieden, weil ich ja auch ein großer Fan von Stephen bin. Ich habe ihn schon immer als Künstler und als Modedesigner bewundert. Weil ich nicht Louis Vuitton heiße, machte das übersprühte Logo einfach Sinn. Diese Firma hat einen legendären Status und ist einer der Gründe dafür, warum ich als Kid, das Mode studiert hat, das Leben in Paris so romantisiert habe.

G OB : Der Erfolg der Taschen war enorm.

M J : In der Tat. Und damals waren die Bedingungen bei Louis Vuitton noch komplett andere. Ich habe damit gegen sämtliche Regeln verstoßen. Mir wurde klipp und klar vermittelt, dass ich an dem Monogramm-Muster nichts verändern darf. Aber irgendwann hat es mir gereicht, mich so zu verhalten, wie es der Louis-Vuitton-Kommunikationsabteilung gefiel. Ich dachte mir, dass dich Dinge nur ändern, wenn man gleichermaßen respektvoll wie respektlos handelt. So wie ich es mit meiner „Grunge“-Kollektion bei Perry Ellis gemacht habe, für die ich gefeuert worden bin. Aber als wir hier die Taschen herausbrachten, gab es bei Louis Vuitton noch einen anderen Präsidenten und einen anderen Kommunikationschef, denen das natürlich überhaupt nicht gefiel. Doch weil die Presse so begeistert reagierte und die Nachfrage so gewaltig war, konnte ich die Firma praktisch zwingen, ihre Regeln zu überdenken. Im Grunde war es die Öffentlichkeit, die sagte: „Das ist es, was wir wollen. Das ist es, was eine alte Sache, die unseren Müttern, Großmüttern, Großvätern und Urgroßvätern gefiel, in etwas verwandelt, das wir jetzt haben wollen.“ Das war mir eine Lehre. Nicht dass ich die Lehre tatsächlich nötig hatte, weil mir instinktiv sowieso klar war, was ich wollte.

Marc Jacobs: “Ich dachte mir, dass sich Dinge nur ändern, wenn man gleichermaßen respektvoll wie respektlos handelt”
Tweet this

G OB : Die Sache war allerdings viel mutiger als das, was Sie bei Perry Ellis gemacht haben. Mit dem Logo herumzuspielen war ungefähr so, als hätten Sie bei Notre-Dame einen neuen Flügel angebaut.

M J : Alles, was ich damit sagen wollte, war, dass die Kollektion, auf die ich bei Perry Ellis stolz war, jene Kollektion war, die „Grunge“ hieß.

G OB : Genau.

M J : Bei der ersten Kollektion für das Haus sagte man mir, dass sie nicht genug Perry Ellis sei. Bei der zweiten hieß es, dass sie zu damenhaft wäre. Was ich daraus lernte, war, dass ich auf das, was andere Leute mir erzählen, nicht weiter achtgeben sollte, wenn ich auf meine Arbeit stolz sein will. Ich muss einfach nur meinem Herzen folgen. Ich habe diese Art von Musik gehört, mir Arbeiten von bestimmten Fotografen angesehen und lief mit Models herum, die in Sachen Schönheit nicht eben konventionell waren. Und so fühlte „Grunge“ sich einfach richtig an, auch wenn es nicht gerade das war, was ich zur Imagepflege bei Perry Ellis hätte beitragen sollen. Aber dafür sorgte es immerhin in der Modewelt für Resonanz.

G OB : Wie kamen Sie auf die Idee, mit Takashi Murakami zu arbeiten?

M J : Auch das geschah aus einer Laune heraus. Ich fliege ja ziemlich oft und habe dann immer Stapel von Magazinen dabei, aus denen ich Seiten herausreiße und falte, die dann am Ende irgendwie am Boden meines Rucksacks kleben bleiben oder so. Ich hatte jedenfalls diesen Artikel über Takashi Murakami gesehen. Ich kann mich nur an die Zeichnung erinnern, es war Mr. DOB mit den lustigen Micky- Maus-Ohren, den Artikel habe ich gar nicht gelesen. Ein paar Monate später gab es wieder einen Artikel in einem anderen Magazin mit einer anderen Zeichnung – wieder riss ich ihn heraus, obwohl ich keine Ahnung hatte, dass es sich um denselben Künstler handelte. Dann bekam ich den Christie’s-Katalog, bei dem auf der Rückseite die Skulptur „Hiropon“ abgedruckt war – das ist die weibliche Figur, die in einem Bogen Milch aus ihrer Brust herausspritzt. Ich bin dann online gegangen und habe einen Artikel über Takashis Warhol- Referenzen gelesen. Weil ich nicht weit von der Fondation Cartier wohne, habe ich mir am Wochenende darauf eine große Ausstellung von ihm angesehen, die dort gezeigt wurde. Als ich wieder bei der Arbeit war, fragte ich mich, ob er wohl an einer Zusammenarbeit mit Louis Vuitton interessiert wäre. Ich schrieb ihm eine E-Mail, und schon ein paar Tage später war er mit seinem Team japanischer Assistenten und anderer Künstler in Paris. Sie kamen ins Büro – und mein Hund war auch da und auch die anderen Designer und überall hingen Sachen an den Wänden. Keiner von uns hatte eine Idee, worin die Zusammenarbeit bestehen sollte, aber wir waren entschlossen, sie zu realisieren. Wieder machte allein der Gedanke daran die Rechtsabteilung verrückt. „Was genau hast du bei ihm bestellt? Woher wissen wir, was wir ihm zahlen müssen, wenn wir nicht wissen, was wir von ihm wollen?“ Wir haben dann Taschen auf Basis der Kunst gemacht, die er uns schickte. Takashi war mit dem Ergebnis so zufrieden, dass er hinterher eine Ausstellung mit Gemälden in der Galerie Marianne Boesky zeigte, die von unserer Zusammenarbeit inspiriert war.

G OB : Ich glaube, die Kunstkritiker haben beim Anblick der Taschen die Stirn gerunzelt. Aber als sie das Monogramm-Muster gesehen haben, sind sie durchgedreht.

M J : Kunstkritiker sind wie andere Kritiker. Nun, ich will niemanden kritisieren – obwohl, vielleicht will ich es doch.

Erschienen im Juni/Juli 2008 | Foto: Mikael Jansson | Porträt: Bobby Grossman

Interviews / Weitere Artikel

08.07.2015

BERLIN FASHION WEEK SPECIAL:
Im Atelier von Bobby Kolade

Seine vergangene Kollektion wurde in den höchsten Tönen gelobt. Kein Wunder, dass ganz Berlin nun darauf wartet, was Bobby Kolade morgen auf dem Laufsteg präsentieren wird.

22.10.2014

"Ich weiß nicht, ob Google Stalking ist"

Mit den Short Storys von JUDITH HERMANN ist eine ganze Generation erwachsen geworden. Nun endlich erschien ALLER LIEBE ANFANG, ihr erster Roman.

04.05.2015

#2days1bag:
CHIMA im Interview

Soulsänger Chima begab sich in diesem Frühling mit Timberland auf einen Road Trip der besonderen Art. Wir sprachen mit ihm über Outdoor Erlebnisse, Sankt Peter-Ording und natürlich Musik. …

03.01.2016

David Kross
im Interview!

Seit er Kate Winslet aus Huckleberry Finn vorgelesen hat, zählt der 25-jährige Schauspieler zu den wichtigsten Exportgütern des deutschen Kinos. Demnächst wird man ihn als …

06.07.2016

"Meine Arbeit ist stark von Fashiontrends inspiriert"
Tattoo-Artist Maxime Büchi im Interview

Er hat sich auf Kanye West verewigt und FKA Twigs für die MET-Gala „verziert“: Tattoo-Künstler Maxime Büchi. Nun hat der Schweizer eine Limited Edition für die avantgardistische …

15.02.2017

Solange by
Beyoncé

Musikerin Solange Knowles spricht mit ihrer großen Schwester Beyoncé über ihr neues Album, geschwisterliche Nähe und Liebe.