Lipp-Night-Show

Die beiden Schriftsteller Frédéric Beigbeder und Simon Liberati treffen sich in der Brasserie Lipp und sinnieren über Frankreich, wilde Nächte und Gefängniszellen.

Foto: Raphaël Lugassy

Es ist noch früh am Abend, so gegen halb elf, die letzten Touristen verlassen den Schankraum, die ersten Pariser lassen sich nieder in der Brasserie Lipp, jenem Traditionslokal am Boulevard Saint-Germain. Auch diese Straße hat ihre Tradition, und gemeinsam – Boulevard und Brasserie – hat man so einiges schon über sich ergehen lassen, anderes überstanden auch; deutsche Besatzer zum Beispiel, die Schriftsteller Hemingway und Capote, Simone de Beauvoir und ihren noch berühmteren Lebenspartner, dann Pol Pot, der sich an der Sorbonne zum Politologen ausbilden ließ, um daraufhin einen beispiellosen Genozid am eigenen Volk zu befehlen, kurz zuvor gab es noch die Mai-Krawalle der Studenten auf den breiten Schultern des Boulevards, von denen es die schönsten Fotografien aus der Weitwinkelperspektive von William Klein gibt. Auch er saß gern in der Brasserie Lipp. Wer nicht?
Keiner. Wer das Lipp nicht zu schätzen weiß, hat keine Ahnung vom Leben, und wer keine Ahnung vom Leben hat, was soll der in Paris?
Voilà:
Auftritt der berühmten Literaten. Berüchtigte auch. Aber in der Grande Nation, wo man eine saftige Figuration des Intellektuellen goutiert, schadet es dem Renommee nicht, wenn ein Schriftsteller sich für die Prostitution starkmacht (wie Frédéric Beigbeder) oder skandalträchtig über die Vita sexualis der eigenen Ehefrau schreibt (wie Simon Liberati über Eva Ionesco), und schon gar nicht, wenn man, wie alle beide, auch noch gut aussieht und Sportwagen fährt, kurzum, auch den unvergeistigten Seiten des Lebens so einiges abzugewinnen versteht. Ein lapidarer Dialog.



INTERVIEW: Warum haben Sie Paris verlassen?

SIMON LIBERATI: Ich bin vor langer Zeit gegangen. Ich habe Paris vor 30 Jahren verlassen. Ungefähr. Zu jener Zeit war ich Maler, und für meine Gemälde brauchte ich mehr Platz. Meine Wohnung war sehr klein, und damals war ich auch noch mit meiner ersten Frau zusammen und sie mochte meine Wohnung sowieso nicht. Ich fand ein sehr schönes Haus in Moulins am Allier, dort schaut es wie bei Tim und Struppi aus. Moulins liegt im Süden von Paris. Ungefähr 100 Kilometer entfernt.

FRÈDÈRIC BEIGBEDER: Und wenn du hier warst, hast du im Hotel gelebt.

SL: Im L’Hôtel in der Rue Des Beaux-Arts; das ist ein ähnlich legendärer Ort wie das Lipp. Ich habe immer in einer Suite gewohnt. Du hast mich dort nie besucht, so gut kennen wir uns auch nicht. Es ist vielleicht das insgesamt zehnte Mal, dass wir uns sehen.

FB: Ja, aber dafür gibt es diesen berühmten Moment, an dem du und ich in Schwierigkeiten geraten sind. Es ist immer dieselbe Geschichte. Ich habe dich im Baron getroffen. Das Le Baron war ein nettes Lokal auf der Avenue Marceau. Jetzt hat es geschlossen. Nicht wegen uns, das kann auch sein, aber es ist nicht wirklich wegen uns geschlossen. Ich habe dich getroffen, und ich hatte ein Problem mit meinem Dealer, weil ich einen Dealer hatte, der sein Telefon abgeschaltet hatte. Ich hatte auch noch einen zweiten Dealer und einen dritten, aber irgendwann hatte ich nach ein paar Anrufen auf den jeweiligen Anrufbeantwortern alle durch. Ich war mit meinem Latein am Ende, sozusagen. Zu guter Letzt hatte ich dann aber drei Dealer, die alle ihre Anrufbeantworter abgehört hatten und die auch alle kamen. Vollzählig. Und plötzlich hatte ich also auch dreimal so viel Drogen, wie ich eigentlich bestellt haben wollte. Also bin ich zu diesem Ort gegangen – den Namen sage ich nicht, weil jede Menge Leute involviert sind, von denen ich hier nichts erzählen will. Das ist doch verständlich, oder?

SL: Meinst du das Le Baron auf der Avenue Marceau?

FB: Im Grunde ja. Aber da gab es halt Leute, die auf mich sauer waren und so. Das ist nicht gut. Also habe ich dich getroffen, und ich dachte, okay, ich kann das Zeug draußen im Auto probieren. In deinem Auto. Ich betone das: im.

SL: Naja, wir mussten uns in mein Auto verziehen wegen des Mädchens, denn das Mädchen wollte ja keinesfalls aussteigen.

FB: Ich kann ihren Namen nicht nennen. Sie ist sehr… Sie ist ein bisschen berühmt. Und sie wollte nicht mitkommen. Also haben wir die Drogen im Auto genommen.

SL: Am hinteren Ende des Autos, um genau zu sein.

INTERVIEW: Auf der Kofferraumklappe?

FB: Nein, auf der Kühlerhaube.

INTERVIEW: Ah, okay.

FB: Es war ein Chrysler. Das ist sehr wichtig.

SL: Ein Chrysler? Bist du da sicher?

Frédéric Beigbeder: “Ich hatte noch ein Gramm übrig, und in der Gefängniszelle haben wir es gemeinsam genommen”
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FB: Ja, total. Es war sowas in der Art. Vielleicht nicht unbedingt ein Chrysler. Und dann habe ich eine Kreditkarte genommen, und ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, ich hatte einen langen Mantel an, und ich glaube, es war im Januar. Ja, am 30. Januar 2008. Aber es ist wichtig für die Geschichte, alle unsere Freunde rauchen Zigaretten, und sie mussten nach draußen gehen, um zu rauchen. Da war also eine ziemliche Menschenmenge vor dem Le Baron, denn die Leute haben Zigaretten geraucht. Und ich verstehe nicht, wieso die Zigaretten auf der Straße rauchen dürfen, aber wir durften nicht unser Ding machen. Immerhin ist beides schlecht für die Gesundheit. Na ja, gut, also. Es waren jede Menge Leute da, die das Geschehen beobachtet haben. Und ich habe befürchtet, dass einige Leute das … Zu dieser Zeit gab es kein Facebook oder so, aber … Als ich genauer hingeschaut habe, habe ich die Polizei gesehen. Die Polizisten waren ganz plötzlich gekommen, wie es mir schien. Sie sind auf uns zugekommen, und wir versuchten noch zu entkommen.

SL: Ich bin gerannt. Meine Schuhe waren … Es waren dieselben Schuhe wie heute.

FB: Meine auch! Ich bin mit exakt diesen beiden Schuhen davongerannt. Ich wollte in einen Friseurladen verschwinden, und ein Polizist rannte hinter mir her. Dann versuchte ich, in der Métro-Station zu verschwinden, aber die Métro – es war 3 Uhr morgens, also war sie geschlossen. Ich habe gerufen: „Macht auf! Macht die Métro auf, bitte!“ Ich war vielleicht ein bisschen betrunken, ich weiß es nicht mehr genau. Danach mussten wir auf die Polizeiwache und dann vor Gericht.

SL: Ich glaube nicht, dass ich das jemals zuvor erzählt habe.

FB: Sie haben mir beinahe alle meine Drogen abgenommen und sind mit dem Schnüffelhund in mein Haus in Pigalle gekommen. Aber ich hatte noch immer ein Gramm übrig, und in der Gefängniszelle haben wir es gemeinsam genommen.

SL: Stimmt.

FB: Das habe ich aber nachher bereut, denn ich konnte 36 Stunden lang nicht mehr schlafen.

SL: Ja, das war ein bisschen stark.

FB: Ich habe darüber geschrieben. In „Un roman français“.

INTERVIEW: Wie oft wurden Sie beide denn verhaftet in Ihrem bisherigen Leben?

Simon Liberati: “Im Moment habe ich ein kleines Auto, sehr, sehr hässlich, aber ich liebe es. Es ist sehr hässlich, ein rosa Twingo”
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SL: Oft. Vielleicht dreimal. Als ich das letzte Mal versucht habe, mir in meinem Landhaus das Leben zu nehmen, habe ich jede Menge Koks und andere Sachen genommen, und irgendwer, ich weiß den Namen nicht mehr, hat den SAMU gerufen (französischer medizinischer Notfallhilfsdienst), und der SAMU ist gekommen, aber die Gendarmerie ist auch gekommen, und sie haben die Drogen gefunden. Und sie haben jede Menge Fotos meines Schlafzimmers gemacht.

FB: Ah, merde.

SL: Nach der Selbstmordgeschichte wurde es zu einer Kriminalgeschichte. Im darauffolgenden August haben sie mir gesagt, ich müsste vorbeikommen, um mich auf der Gendarmerie fotografieren zu lassen. Es wurde erst wirklich schlimm, als sie mir die Fotos gezeigt haben. Ein Jahr später hatte nämlich meine Frau – ich habe sie zu dieser Zeit gerade erst kennengelernt, also kurz nach dem Selbstmordversuch –, hatte also meine Frau einen anderen Unfall. Sie hatte sich liften lassen, und das Lifting war irgendwie explodiert. Oder geplatzt. Gut. Also habe ich den SAMU angerufen. Es waren dieselben Leute, die gekommen sind. Immer dasselbe Haus, aber unterschiedliche Probleme, die wir dort offensichtlich hatten. Und die wussten erst nicht, was ein Lifting sein sollte. Es war sehr schwierig, es zu erklären. Ich hatte echte Probleme. Aber ich sagte: „Ihr kennt ja den Weg, nicht?“ Es war echt übel. Eine schlimme Geschichte. Und das war das letzte Mal. Danach war es mit dem Unglück vorbei.

FB: Jetzt bist du auch dort auf dem Land sehr bekannt.

SL: Wir sind prominent, das ist wahr. Aber ich habe versucht, mich zusammenzureißen. Ich habe es wirklich und aufrichtig versucht …

FB: … dich aus dem Gefängnis herauszuhalten!

SL: Im Moment habe ich ein kleines Auto, sehr, sehr hässlich, aber ich liebe es. Es ist sehr hässlich, ein rosa twingo. Aber vorher hatte ich ein echt schönes Auto, aber ein Mädchen hat es zu Schrott gefahren. Mein Auto war so schön.

FB: Das darf ja wohl nicht wahr sein! Schon wieder. Es ist immer ein Mädchen involviert.

SL: Aber ich…Nein. Es war ein Mädchen, es war ein sehr schönes Auto – na und. Ich war ein bisschen traurig. Ich habe den Leuten von der Versicherung erklärt, dass es das Auto des Königs von Schweden war, das mich gerammt hatte.

FB: Hatte sie auch noch einen anderen Namen?

SL: Ja, sie hieß Lasagne. Das war ihr Spitzname. Sie fuhr einen Volvo, schwarz mit … Ach!

INTERVIEW:Warum sind die französischen Männer denn bloß so romantisch?

FB: Ich glaube, das ist ein Klischee.

SL: Dann kannst du ja ein Buch darüber schreiben.

FB: Habe ich doch. Aber die Idee war nicht von mir, ich habe sie von Fitzgerald gestohlen. Die Idee ist, dass Männer zur Hälfte Bastarde sind und zur anderen Hälfte Liebhaber und Poeten.

SL: Je größer der Bastard, desto besser der Liebhaber.

FB: Genau. Ein Egoist, ein egoistischer Bastard, der nur ficken will und zugleich auch ein Romantiker ist, ein Schriftsteller, der die Schönheit in einem Gesicht ergründen will. Ich glaube, Männer sind beides. Sie sind beides zu je 50 Prozent. Und einige sind leider kranke Arschlöcher, und die sind echt gefährlich, weil sie auch gut über die Liebe sprechen können. Und diese gefährlichen Menschen heißen Schriftsteller. Diese Leute sind die gefährlichsten, ja. Weil sie schöne Dinge sagen können und …

SL: Ja, bla, bla, bla.

FB: Ja, bla, bla, bla, und danach vögeln sie dich von hinten. Manchmal vögeln sie dich nicht, und dann ist es noch schlimmer. Manchmal vögeln sie dich nicht und rufen dich auch nicht zurück. Das sind die schlimmsten.

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