Future Sex

Tinder, Pornos, Polyamorie: Emily Witt sucht in San Francisco die Zukunft von Liebe und Sex

Emily Witt | © Christopher Lane

FRAUKE FENTLOH: Sie wollten herausfinden, was das Postinternet-Zeitalter mit Liebe und Sex anstellt. Was haben Sie gefunden?

EMILY WITT: Dass wir alle Freiheiten haben und jetzt gern wüssten, was wir damit anfangen sollen.

F F : Haben Sie deswegen orgasmische Meditation geübt und Pornodrehs besucht?

E W : Das war verwirrend. Der Porno gehörte zur Reihe Public Disgrace, im Prinzip eine Fantasie von Frauenfeindlichkeit: Eine Frau geht in eine Bar und wird von den Gästen gefesselt und erniedrigt. Interessant, dass ausgerechnet Frauen eine Situation nachspielen, die zu fürchten man ihnen stets eingebläut hat. Was bedeutet es, von einer Fantasie angetörnt zu werden, die politisch inkorrekt ist? Es ist jedenfalls weder gut noch schlecht. Im echten Leben gibt es zum Glück Regeln, die besagen: Man kann eine Frau, die die Straße herunterläuft, nicht einfach mit einem Seil verschnüren.

Buchcover via Suhrkamp Verlag

F F : Hat das Ihre Einstellung zu Pornografie verändert?

E W : Sehr sogar. Meine frühere Ablehnung basierte auf dem Anti-Porno- Feminismus der 80er-Jahre. Dessen Problem ist, dass er kein Modell dafür hatte, wie eine feministische Sexualität aussehen soll. Am Ende geht es doch einfach darum herauszufinden, was einem gefällt. Das wurde mir durch Pornografie klar und nicht, indem ich die „Cosmopolitan“ las. Ich fand es befreiend, Pornos zu schauen, ohne mich zu sorgen, was das für den Feminismus bedeutet.

F F : Warum gingen Sie für Ihre Nachforschungen nach San Francisco?

E W : Weil mich dort niemand kannte. Außerdem ist es die Stadt der sexuellen Avantgarde. Selbst die großen Tech-Firmen haben die Elemente der Gegenkultur der 1960er aufgenommen. In den Siebzigern entstand die Human-Potential-Bewegung. Die gibt es dort immer noch. Man sitzt in einem Raum und jemand schreit dich an, um die Erfahrung der Geburt zu durchleben.

F F : Man scheint auch überall Polyamoristen zu treffen.

E W : Ja, das ist in San Francisco fast Mainstream. Die Polyamoristen, die ich traf, waren in ihren frühen Zwanzigern, sehr ernsthaft und entschlossen, ein Leben zu leben, das viel komplizierter ist als eine monogame Beziehung.

F F : Sehen Sie eine neue sexuelle Revolution?

E W : Nein, das ist alles überhaupt nicht idealistisch. Es passiert ohne den Optimismus der Sechziger. Da dachte man, man könne sich aus dem Krieg herausvögeln und müsste bloß seiner Frau beim Sex mit einem anderen Mann zuschauen, um frei zu sein. Dieser Idealismus fehlt völlig.

„FUTURE SEX“ ist bei Suhrkamp erschienen.

19.06.2017 | Kategorien Interviews, Literatur | Tags , , , ,

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