GASPAR NOÉ
Der Menschenfreund

Seit Irreversibel steckt dieser Mann in der Skandalschublade. Seine Filme sind fast unerträglich intensiv, denn auf der Leinwand zeigt er alles: Gewalt, Ekel, Drogen, Sex. Mit Monica Bellucci drehte er die wohl brutalste Vergewaltigung der Filmgeschichte – und brachte damit in Cannes einen halben Saal dazu, die Vorführung zu verlassen. Sein aktueller Film LOVE zeigt realen Sex in 3-D. Was will Gaspar Noé?

Foto: Fabien Baron

INTERVIEW: Herr Noé, wann hat Sie ein Film das letzte Mal schockiert?

GASPAR NOÉ: Das passiert mir eigentlich nur bei Dokumentationen – die zeigen schließlich die Realität. Am verstörendsten fand ich wahrscheinlich Body Without Soul, eine Dokumentation, die die Tschechische Republik nach dem Kollaps der Sowjetunion zeigt. Es geht um einen Familienvater, der Pornofilme für reiche Deutsche dreht und diese kleinen Jungs überredet, in Schwulenpornos mitzuspielen. Der Typ ist so böse. Und die Jungs sagen sich, okay, es gibt Geld, ich verkaufe meinen Hintern, nicht meine Seele. Wie diese Jugendlichen vom Geld zu Sklaven gemacht werden, hat mich wirklich schockiert. Es ist eine der besten und grausamsten Dokumentationen über Prostitution, die ich je gesehen habe.

INTERVIEW: Es heißt, Sie hätten als Jugendlicher Pasolinis Die 120 Tage von Sodom mit Ihrer Mutter gesehen.

NOÉ: Stimmt, an meinem 18. Geburtstag. Meine Mutter war ein großer Fan von Bergman, Fassbinder, Pasolini. Und meine Eltern sind aus Argentinien geflohen – wo es Foltercamps für diejenigen gab, die politisch zu engagiert waren. Als ich 18 wurde, sagte sie: „Jetzt bist du alt genug zu sehen, was menschliche Grausamkeit ist.“ Also habe ich an meinem Geburtstag Die 120 Tage von Sodom gesehen.

INTERVIEW: Nicht der Film, den man sich üblicherweise mit seiner Mutter anschaut.

NOÉ: Ich habe ihn danach auch ein Jahrzehnt nicht mehr gesehen. Es reicht wohl, wenn man ihn sich alle zehn Jahre anschaut, es ist ein gewaltiger Film. Aber meine Mutter hat mich auch schon mit elf in Fassbinder-Filme mitgenommen. Und Fassbinder ist ja auch sehr grausam. Außerdem ist man mit 18 ja kein Kind mehr, das Gehirn ist schon fertig ausgebildet. Ich war auf jeden Fall keine Jungfrau mehr, ich hatte schon Drogen genommen (lacht). Altersbeschränkungen für Filme kann ich ohnehin nicht verstehen.

INTERVIEW: Das müssen Sie erklären.

NOÉ: Mein aktueller Film LOVE ist sehr sanft und sentimental. Trotzdem ist der Film in vielen Ländern für Jugendliche nicht zugelassen. In Frankreich darf man mit 15 Sex haben, aber erst mit 18 meinen Film sehen. Und das auch noch in Zeiten des Internets! Jugendliche können sich den Film doch sowieso zwei Tage später irgendwo runterladen. Und haben mit zwölf schon sämtliche absurden sexuellen Bilder gesehen.

Gaspar Noé: “Ich bin wie der Zauberer, der die Leute glauben lassen will, dass er die Frau in Stücke sägt. Vielleicht gebe etwas Blut dazu, um es realer zu machen.”
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INTERVIEW: Nervt es Sie, dass Ihr Film pornografisch genannt worden ist?

NOÉ: Na ja, das war mir klar. Er ist aber doch total anders als das, was man auf irgendwelchen Websites findet. Was diese Bilder als Sex zeigen, ist total entkoppelt von meiner Erfahrung davon, was Sex ist. Diese Videos sind sehr kalt. Ich wollte in LOVE etwas viel Emotionaleres machen. Wenn man mit jemandem schläft, in den man sehr verliebt ist, setzt man ja eine Menge Endorphine, Serotonin, Dopamin frei, das wirkt wie eine Droge. Man wird zum Liebesjunkie. Und an diesem Liebesrausch ist doch nichts Schlimmes. Fast alle Menschen auf diesem Planeten sind so gezeugt worden. Das sollte man im Kino ohne Probleme zeigen dürfen.

INTERVIEW: Wenn Sie Hardcore-Sex zeigen, geht es Ihnen um Realismus?

NOÉ: Genau. Film ist schließlich eine Imitation des Lebens. Als LOVE in Cannes gezeigt wurde, war ich sehr überrascht, wie konservativ die westliche Welt geworden ist, wenn es um Sex geht. In jedem zweiten Film haben wir Waffen, das scheint normal zu sein. Wir zeigen Teenagern Bilder von Kannibalen und wer weiß was. Aber nicht die eine Sache, die am normalsten von allen ist: sich zu verlieben und die Spezies zu vermehren. Ich will im Film die Kamera nicht Richtung Wand schwenken, wenn diese nonverbalen Momente doch wichtiger und universeller sind als alle Dialoge drumherum. Es geht mir nicht darum zu provozieren.

INTERVIEW: Wie haben Sie Schauspieler gefunden, die bereit waren, vor der Kamera Sex zu haben?

NOÉ: Eigentlich wollte ich mit einem realen Paar drehen. Aber es ist schwer, ein Liebespaar zu finden, das so exhibitionistisch ist. Und bei denen, die offen dafür waren, entsprach entweder der Mann oder die Frau nicht dem, was ich mir vorgestellt hatte. Also habe ich doch ein Casting gemacht. Für Frauen scheinen Sexszenen übrigens ein größeres Problem zu sein als für Männer. Selbst wenn die Szenen nicht echt sind wie etwa in Blau ist eine warme Farbe oder Nymphomaniac, werden sie auf gewisse Weise bloßgestellt. Und wir leben in einer männlich dominierten Welt, in der ein Mann, der seinen Schwanz zeigt, cool ist, man einer Frau ihre Nacktheit aber vorwirft. Männer verhalten sich da ziemlich dumm. Darum haben wir bei LOVE auch die Abmachung getroffen, dass wir nicht verraten, welche Szenen simuliert und welche echt waren. Es war auf jeden Fall schwerer, eine Frau für den Film zu finden als einen Mann. Jeder Typ, den ich kenne, wollte seinen Schwanz für die Kamera auspacken.

INTERVIEW: Interessanterweise sieht man im Film tatsächlich viel mehr vom Mann – anders als in den meisten Filmen.

NOÉ: Dabei ist das viel passender fürs Kino! Schließlich liegt das männliche Geschlechtsteil komplett außen. Es ist auch viel einfacher, einen Typen beim Orgasmus zu zeigen als eine Frau. Bei der Frau filmt man am besten das Gesicht, dann wird das am deutlichsten. Für Irreversibel wollte ich eigentlich eine Liebesszene mit Monica Bellucci und Vincent Cassel drehen, die ja damals ein Paar waren. Ich habe sie gefragt, ob ich ihre Gesichter filmen kann, während sie Sex haben oder so tun, als hätten sie Sex, unter der Decke. Ich hätte gar nicht gewusst, ob sie miteinander geschlafen hätten oder nicht. Aber das war ihnen dann doch zu privat.

INTERVIEW: Dafür wurde Irreversibel berühmt für die wahrscheinlich schlimmste Vergewaltigungsszene der Filmgeschichte. Wieso suchen Sie stets diese Extreme?

NOÉ: Wenn man sich einmal für ein Thema entschieden hat, sollte man es so stark umsetzen wie möglich. Mir ist gerade ein Kriegsfilm angeboten worden, und ich bin versucht, ihn zu machen. Natürlich wäre das ein Film voller Testosteron und Tod. Das ist für mich die wirklich dunkle Seite der Menschheit. Sehr wahrscheinlich wird dieser Film gewalttätiger sein als Irreversibel. Denn Krieg ist Gewalt, es gibt keine Grenzen. Wenn man etwas Derartiges abbilden will, dann so extrem wie möglich.

INTERVIEW: Also möchten Sie doch schockieren!

NOÉ: Ich will es heftig genug machen, um beim Publikum eine Emotion hervorzurufen. Die Zuschauer wissen ja, dass das alles unecht ist. Das Blut ist kein Blut, die Waffe ist keine Waffe. Also gehe ich an die Grenzen und darüber hinaus, um das Ganze dramatischer zu machen. Ich bin wie ein Zauberer auf der Bühne, der die Leute dazu bringen will zu glauben, dass er die Frau in Stücke sägt. Vielleicht gibt man ein bisschen Blut dazu, um es realer zu machen.

Gaspar Noé: “Mir ist gerade ein Kriegsfilm angeboten worden. Sehr wahrscheinlich wird dieser Film gewalttätiger sein als Irreversibel”
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INTERVIEW: Wie bereiten Sie sich auf solche Projekte vor? Es heißt, Sie würden immer wieder für Recherchetrips abtauchen.

NOÉ: Nun, für Enter The Void habe ich in Tokio viel Zeit damit verbracht, feiern zu gehen und Recherche mit Psychedelika zu betreiben. Damit habe ich aber ohnehin schon recht jung angefangen. Ich habe Pilze und Ayahuasca genommen, Acid allerdings nicht so viel, vielleicht drei oder vier Mal. Jedes Mal, wenn mir jemand ein neues Molekül angeboten hat, habe ich es probiert – einfach um zu sehen, wie es sich anfühlt. Seit Enter the Void habe ich aber keine psychedelischen Drogen mehr genommen. In dem Moment, als der Film fertig war, hatte ich das Gefühl: Mit diesem Teil meines Lebens bin ich durch, mit dieser Art der Recherche. Vielleicht waren die Recherchezwecke auch nur eine Ausrede. Für Irreversibel bin ich wahrscheinlich in jeden einzelnen Pariser Schwulenclub gegangen. Gemeinsam mit einem Assistenten und meinem Produzenten.

INTERVIEW: Sie waren dort mit Ihrem Team unterwegs?

NOÉ: Ja, ehrlich gesagt habe ich mich mit den beiden in diesen Hardcore-Clubs sicherer gefühlt. Wir wollten ein Gefühl für die Stimmung und die Location bekommen. Als Recherche war es definitiv sehr lustig. Letztendlich haben wir beschlossen, in einem sehr harten Sadomaso-Club zu drehen. Aber wer weiß, vielleicht drehe ich morgen einen Film über Religion und hänge dafür mit Leuten herum, die an Gott glauben, und höre mir an, was die zu sagen haben.

INTERVIEW: Mit Ihrem eigenen Leben hat die Suche nach Extremsituationen also nicht viel zu tun?

NOÉ: Na ja, genau wie in Enter the Void gab es in meiner Jugend diese Situation, in der ich mich in der Toilette eingeschlossen habe und dachte, ich würde von der Polizei verhaftet werden. Das ist vielleicht ein persönliches Trauma, das ich in den Film gepackt habe (lacht). Aber Situationen wie Vergewaltigung und Mord bin ich nie nahegekommen – obwohl ich Frauen kenne, die vergewaltigt wurden, oder Typen, die mir erzählt haben, dass sie jemanden getötet haben. Meinem eigenen Leben ist aber LOVE definitiv am nächsten. Ich habe allerdings nie ein Mädchen aus Versehen geschwängert, auch wenn vielen meiner Freunde das passiert ist. Dass das Mädchen neun Monate später anruft und der Typ seiner neuen Freundin sagen musste: „In Südfrankreich ist gerade mein Baby geboren worden“ oder so (lacht).

INTERVIEW: Können wir von Ihnen eines Tages einen jugendfreien Film erwarten?

NOÉ: Ohne Sex? Warum nicht. Eigentlich könnte ich auch einen Film ohne Drogen drehen. Aber ich werde bestimmt einen Film machen, der sehr viel schockierender ist als Irreversibel.



Von: Frauke Fentloh