GRETA GERWIG

Vor der Kamera gab Greta Gerwig bisher die charmant verplante Berufsjugendliche. Nun führt sie auch noch Regie und als erst fünfte Frau (!) überhaupt in der Oscar-Geschichte, war sie für „Lady Bird“ als Beste Regisseurin nominiert.

Foto: Collier Schorr

Greta Gerwig geht anstandslos als New Yorkerin durch, was wohl auch daran liegt, dass sie sehr oft sympathisch vertüdelte Großstadtneurotikerinnen mit WG in Brooklyn gespielt hat. Eigentlich aber kommt Gerwig aus Sacramento. Als Teenager sagte ihr das nicht zu, und das zwiespältige Verhältnis zur kalifornischen Sonnenküste war so prägend, dass Gerwig, angelehnt an ihre Jugend dort, „Lady Bird“ schrieb. Es ist ihr Regiedebüt. Der Film handelt von Christine, die sich aus künstlerischen Gründen Lady Bird nennt, blassrosa gefärbte Haare trägt, die reichen Mitschüler mal beneidet, mal befreundet und sich generell in ihrem Leben kolossal deplatziert fühlt. Mit Saoirse Ronan und Timothée Chalamet hat Gerwig dafür die jungen Schauspieler der Stunde rekrutiert. Die Quittung kam sofort: Als erst fünfte Frau (!) der Geschichte wurde sie für einen Regie-Oscar nominiert, den Goldjungen bekam sie nicht, aber die historische Nominierung bleibt.



Von: FRANCIS FORD COPPOLA

FRANCIS FORD COPPOLA: Fangen wir ganz am Anfang an: Wann hast du aufgehört, an den Weihnachtsmann zu glauben?

GRETA GERWIG: Da war ich vielleicht sieben oder acht und bekam eine Staffelei geschenkt. An der stand in vielen verschiedenen Farben geschrieben: „Frohe Weihnachten“. Ich erkannte gleich die Handschrift meiner Mutter und führte einen großen Tanz im Wohnzimmer auf: „Ich weiß Bescheid, ich weiß Bescheid!“ Dann begann ich vor Enttäuschung zu heulen. Die Geschichte sagt eigentlich viel über mich aus. Es macht mir Spaß, Dingen auf den Grund zu gehen. Und dann schlägt das Ganze in völlige Verzweiflung um.

SAOIRSE RONAN UND GRETA GERWIG AM SET VON LADY BIRD, FOTO: MERIE WALLACE

FFC: Haben deine Eltern es zugegeben?

GG: Ja, sie dachten, dass es mich amüsiert. Ähnlich ging es mir übrigens mit Filmen, ich dachte, die kämen praktisch postwendend weswegen ich die Bücher darunter versteckte. Am Anfang fiel es mir schwer, ganze Romane zu schaffen, deswegen las ich Theaterstücke, weil sie kürzer sind und so geschrieben, dass sie einen gleich am Anfang fesseln.

FFC: Hattet ihr vor „Lady Bird“ viel Zeit zum Proben?

GG: Ja, ich habe die Rollen ziemlich früh besetzt, darum kamen dauernd Schauspieler bei mir zu Hause vorbei. Ich habe sie auch zusammen tanzen lassen, denn das hat Mike Mills auch gemacht, als ich mit ihm gedreht habe. Mir hat das geholfen, weil einem der eigene Körper weniger peinlich ist und man sich generell vor anderen Menschen weniger schämt.

FFC: Bei jedem Film, den ich drehe, erbitte ich mir ja zwei Wochen Probe, aber das klappt fast nie. Ich bekomme vielleicht eine.

LUCAS HEDGES UND SAOIRSE RONAN, FOTO: MERIE WALLACE

GG: Eine der allerersten Szenen, die ich für den Film schrieb, war die, in der jemand Lady Bird fragt: „Wo kommst du her?“, und sie antwortet: „Sacramento.“ Aber ihr Gegenüber versteht sie nicht richtig und fragt nach: „Woher?“ Und sie sagt: „San Francisco.“ Von dort aus wollte ich quasi rückwärts einen Film konstruieren, in dem man, wenn sie das sagt, den Schmerz fühlt, den ein Ort bedeutet, an den man nicht zurückkehren kann.

FFC: Das schafft dein Film definitiv.

GG: Wenn man ein Teenager ist, hat man ja immer das Gefühl, dass das Leben woanders passiert. Und dann gehst du endlich an den Ort, wo dein Leben stattfnden sollte, und stellst fest, dass das auch ein Trugschluss ist.

SAOIRSE RONAN IN IHRER ROLLE "CHRISTINE" (LADY BIRD), FOTO: MERIE WALLACE
TIMOTHÉE CHALAMET UND SAOIRSE RONAN, FOTO: MERIE WALLACE

FFC: So habe ich mich gefühlt, als ich in Long Island aufwuchs. Ich wollte unbedingt in New Orleans leben. Jahre später zog ich dort ins French Quarter, und ich dachte, ich würde jetzt Theaterstücke schreiben und eine Freundin haben und all die Dinge, die ich nicht hatte. Tat ich aber nicht.

GG: Ich hatte mal eine sehr intensive Sam-Shepard-Phase und dachte: „Ich bin am völlig falschen Ort und habe auch noch das falsche Geschlecht! Und bin auch kein starker Trinker! Ich muss ein wilder Mann werden und in den Westen ziehen und lernen, Vieh mit dem Lasso einzufangen!“

FFC: Ich glaube nicht, dass Sam Shepard Vieh mit dem Lasso einfangen konnte.

GG: Na ja, er wirkte halt so! Wenn man als Jugendlicher selbstzerstörerische Künstler idealisiert, sieht man natürlich nur die Schönheit ihrer Kunst und nicht den Schmerz, der damit zusammenhängt. Dann entdeckte ich Joan Didion, und das war das erste Mal, dass ich etwas von einer Künstlerin las – einer großartigen Künstlerin –, die da herkam, wo ich herkam, und darüber schrieb. Und das erste Mal, dass mir dämmerte, dass ich kein anderer Mensch werden muss, um selbst etwas Wertvolles zu erschaffen.

FFC: Darum geht es in deinem Film, oder?

GG: Ich schätze, das ist eine Erkenntnis, mit der ich mich noch immer herumschlage.

„LADY BIRD“ läuft ab dem 19. April im Kino.

06.03.2018 | Kategorien Interviews, Magazin | Tags , , ,

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