Im Gespräch mit den Stars von Babylon Berlin

Es ist das Mammutprojekt des deutschen Fernsehens: Vier Jahre lang arbeiteten die Autoren und Regisseure Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten an der Serie BABYLON BERLIN um den Kommissar Gereon Rath und die Stenotypistin Charlotte Ritter, die im Berlin der 20er-Jahre spielt: in glitzernden Nachtclubs, Neuköllner Hinterhöfen und in den Straßen der Vier-Millionen-Stadt.

38 Millionen Euro Kosten, 5 000 Statisten, fast die ganze Riege deutscher Schauspieler von Fritzi Haberlandt und Hannah Herzsprung über Lars Eidinger bis Benno Fürmann. Verkörpert werden die beiden Hauptfiguren von Liv Lisa Fries und Volker Bruch, die – das wird beim gemeinsamen Shooting deutlich – sich bestens verstehen und unablässig miteinander quackeln.

ANNE WAAK: Eine Frage vorweg: Kriegen sich Ihre Figuren Gereon Rath und Charlotte Ritter irgendwann?

VOLKER BRUCH: Klar. Irgendwann bestimmt.

LIV LISA FRIES: Aber es dauert halt eine Weile – wie das ja manchmal so ist im Leben.

AW: Gereon ist 1899 geboren, Charlotte 1907. Wie haben Sie sich auf Ihre Rollen vorbereitet?

LLF: Die Zahlen stimmen sogar, so hatte ich das auch recherchiert.

VB: Recherchiert? Die Figuren sind fiktiv, Liv.

LLF: What?! (Gelächter)

VB: Wir haben im Vorfeld viel Zeit mit den Regisseuren und den anderen Schauspielern verbracht. Wir haben das Buch von vorn nach hinten durchdekliniert. Das war auch wichtig, weil wir jeden Tag Szenen aus ganz unterschiedlichen Folgen gedreht haben. Um da den Überblick zu behalten, war es wichtig, sich gut auszukennen.

LLF: Ich habe mir Filme aus der Zeit angeschaut, Ausstellungen, Dokumentationen. Und ich habe Romane gelesen. Ich brauchte das, um mich einzufühlen. Es gab unglaublich viele Kostüm- und Maskenproben. Das war wichtig, um die Figuren zu finden. Aber los ging es eigentlich mit Tanzproben. Volker und ich haben Charleston gelernt, vier Monate lang.

VB: … um die Choreografie, die wir gelernt hatten, am Tag der Szene komplett hinzuschmeißen und in einer Mittagspause eine ganz neue zu lernen.

AW: Kannten Sie sich vor dem Dreh?

VB: Nein. Aber es hat schon beim Casting gefunkt.

AW: Was wäre gewesen, wenn Sie sich nicht hätten leiden können?

LLF: Dann wären wir entweder beide oder einer von uns nicht besetzt worden.

VB: Und wenn doch, hätten wahrscheinlich am Set alle darunter gelitten. Es kostet unglaublich viel Energie, so tun zu müssen, als würde man sich mögen. Liv und ich haben keine langen Aufwärmphasen gebraucht, auch wenn wir uns innerhalb der Drehzeit mal bis zu vier Wochen nicht gesehen hatten.

LLF: Wobei die eine Szene am Kiosk am Alexanderplatz eine schwere Geburt war. Da spielten so viele Facetten eine Rolle. Die beiden finden sich irgendwie gut, gleichzeitig schließen sie einen Deal miteinander, Charlotte versucht sich wie eine Kommissarin zu verhalten, weil Rath das fälschlicherweise annimmt. Da waren so viele sich überlagernde Ebenen.

VB: Für mich war die schiere Masse an Drehtagen schwierig. Sieben Monate fast jeden Tag zu drehen, das ist schon ein Marathon. Zum Glück bin ich gut im Abschalten. Sobald ich nach Drehschluss im Auto sitze, ist es für mich dann auch getan.

LLF: Du hattest ja auch fast doppelt so viele Drehtage wie ich. Für mich war das vergangene Jahr ideal, ich hatte eine richtig gute Zeit. Meine Tage waren strukturiert, und ich wusste, dass ich über längere Zeit einen Rhythmus habe.

AW: Wie ins Büro gehen?

LLF: Das nicht. Strukturiert, aber auch frei. Für mich war die Vorbereitung das Extremste. Da bist du, Volker, glaube ich, aber auch anders als ich. Du bist wahrscheinlich generell ein wenig gelassener. Ich suche dann, weiß nicht, wer meine Figur ist. Wir hatten in der Vorbereitungsphase eine Leseprobe mit allen Schauspielern …

AW: … man hat übrigens das Gefühl, in der Serie spielen alle deutschen Schauspieler mit.

LLF: Ha,ja. Und die, die noch nicht mitspielen, werden noch auftauchen. Manchmal dachte ich: Mann, der muss doch noch mitspielen. Dann bekam ich zu hören: Wissen wir doch, aber den heben wir uns für die nächste Staffel auf. Bei der Leseprobe jedenfalls saß ich dann da und dachte – das ist keine Koketterie: Alle sind super besetzt, nur ich habe keine Ahnung, was ich hier mache. Hoffentlich kriegt das keiner mit!

AW: Man nennt das das Hochstapler- Syndrom.

LLF: Irgendwie hatten sie sich im Casting ja für mich entschieden, aber ich dachte, dass ich da halt nur einen guten Moment hatte.

AW: Jetzt, wo Sie sich kennen: Beschreiben Sie sich mal.

LF: Oh, das finde ich ja spannend!

VB: Okay: Liv ist sehr geradeaus, sagt, was sie denkt. Sie ist sehr impulsiv und lässt sich gern mitreißen. Ist begeisterungsfähig und ist, wenn die Kamera läuft, komplett da.

LLF: Volker ist einer der entspanntesten Menschen, die ich kenne. Aber auch sehr ernsthaft und gewissenhaft. Das finde ich toll. Und dass du Sachen, die schon als gesetzt gelten, noch mal hinterfragst und noch mal neu probierst. Und du bist total lustig. Und unglaublich kollegial. Es gibt ja auch ganz tolle Schauspieler, die mit sich allein spielen.

AW: Ihre erste Rolle war neben Götz George. Von dem heißt es, er habe in jeder Szene versucht, im Bild zu sein.

LLF : Joaa. Götz war aber auch sehr kollegial. Er hat mich am ersten Tag abgecheckt: Ob ich schon gedreht habe und so. Der wollte wissen, mit wem er es zu tun hatte.

AW: Es wird sehr viel berlinert in der Serie. Mussten Sie das lernen?

LLF: Nein. Ich bin ja in Berlin geboren und aufgewachsen. Wobei man in den Zwanzigern anders berlinert hat als heute. Das ist ein leicht anderer Duktus, den ich eigentlich genau so auch lernen wollte. Aber die Regisseure wollten das nicht. Es ging eben nicht darum, dass wir die Zeit möglichst originalgetreu abbilden. Tom (Tykwer) hat immer gesagt: Wir machen hier etwas Eigenes. Die Zeit soll auferstehen, aber die Leute sollen sich auch identifizieren können. Das heißt nicht, dass jemand sagt: „Find’ ick total cool.“ Aber die Sprache ist so, dass man sich auch heute damit identifizieren kann. Peter Kurth als Wolter sagt zum Beispiel einmal „Arschloch“, was damals nicht im gleichen Gebrauch wie heute üblich war.

AW: Macht es einen Unterschied für die eigene Arbeit, ob man in einer Vorabendserie spielt, die sich im Zweifel versendet, oder in einer der teuersten deutschen Fernsehproduktionen aller Zeiten, von der man weiß, dass sie auch in den USA laufen wird?

VB: Während der Arbeit selbst hat man zum Glück keine Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen. Und das ist auch gut so. Dieser Druck ist ja nichts, was einem bei der Arbeit hilft.

LLF: Mich hat das schon verunsichert. Deswegen war es beruhigend, wenn ich ans Set kam. Da ging es um die Sache und die Arbeit daran.

VB: Und ich war so gern am Set. Wegen der Leute, aber auch weil ich gespannt war, was sie uns da wieder für eine wahnsinnige Kulisse hingestellt haben. Man stellt sich das ja nicht vor. Man liest die Szene, da steht drin: „Rath geht über die Straße.“ Und dann kommt man am Drehtag am Set an, da stehen 200 Komparsen, es regnet in Strömen, Autos fahren über die Kreuzung, Menschen hasten umher, und ja: Rath geht über die Straße.

LLF: Als sie den Alexanderplatz abgesperrt hatten, hat es mir die Kinnlade runtergehauen. Sie hatten den kompletten Platz mitten in Berlin in die Zwanziger versetzt. Das war unglaublich. Davon abgesehen ist das Tolle die Komplexität aller Charaktere und dass wir die Zeit haben, die auch zu zeigen.

AW: Angenommen, es täte sich jetzt das Wurmloch auf, durch das man in die Zeit von „Babylon Berlin“ reisen könnte. Gingen Sie durch?

LLF: Schon, ja. Was mich an der Zeit interessiert, sind die Frauen. Die Emanzipation. Oder wie der sich damals langsam durchsetzende Achtstundentag dazu führte, dass die Leute mehr Freizeit hatten und somit Tanz, Ekstase und Rausch. Aber was danach passierte, ist halt ohne Worte. Also: anschauen ja. Da leben: nein. Interessant finde ich auch, dass die Welt damals nicht so durchpsychologisiert war. Ich habe in der Vorbereitung einen Roman aus der Zeit gelesen, „Alles ist Jazz“ von Lili Grün. Die Figuren haben etwas, das mich berührt. Die sind ganz nah an ihren Gefühlen und einer Art Kern, sie haben den Durchblick, sind reflektiert, merken das aber gar nicht. Und wischen es auch im selben Moment wieder weg. „Weeß och nich, wo ditt gerade herkam.“ Das wollte ich auch in die Serie bringen, deshalb habe ich zusammen mit Tom und Henk Handloegten, einem der Autoren und Regisseure, etwas geschrieben, das diesem Gefühl nahekommt.

AW: Was verstehen Menschen, die nicht beim Film sind, nicht über Ihre Arbeit?

VB: Viele denken, die Mengen an Text, die man lernen muss, seien ein Problem. Das ist ein großes Missverständnis.

LLF: Also das finde ich nicht. Wenn es keinen Text gäbe, wäre das der perfekte Beruf für mich.

VB: Dann musst du Gereon Rath spielen! Ich bin sehr viel häufiger zu sehen, aber habe im Vergleich deutlich weniger Text.

AW: Wirklich? Das fällt gar nicht auf.

LLF: Ich plappere die ganze Zeit! Ich musste so viel nachsynchronisieren.

VB: Ich bin dann wohl eher der schweigsame Typ.

LLF: Ich habe immer solche Angst, meinen Text zu vergessen. Aber ich glaube, dass es immer auch Gründe hat, wenn das passiert. Dann stimmt etwas nicht, entweder am Set oder am Text selbst. Die meisten Menschen vergessen, dass Schauspieler sein nicht nur heißt, vor der Kamera zu stehen. Sogar meine Schwester vergisst das, wie mir neulich wieder klar wurde. Es gehört Vor- und Nachbereitung dazu, man spricht über Szenen – man baut sie regelrecht.

VB: Deswegen sind gute Schauspieler auch alle Drehbuchautoren. Man bekommt kaum jemals perfekte Szenen. Man kann immer noch was tüfteln. Und das gehört auch dazu.

„BABYLON BERLIN“ läuft ab dem 13.10. auf Sky, Ende 2018 dann in der ARD.

Interview: Anne Waak

Credits:

Fotos NADINE FRACZKOWSKI

Styling ALISA VORNEHM 

Haare und Make-up UTE HILDENBEUTEL

Foto-Assistenz LUCIANA DAMIAO

Styling-Assistenz HELENA KUHNEN

Haare- und Make-up-Assistenz SUTIDA

Produktion LUISA BONSEN

11.10.2017 | Kategorien Film, Interviews, Serie