IMAN

Eine Ikone wird 63: Alles Gute zum Geburtstag, Iman! Vor einigen Jahren, noch bevor ihr Ehemann David Bowie starb, wurde sie von Naomi Campbell interviewt. Ein Gespräch aus dem Archiv.

NAOMI CAMPBELL: Iman, du bist in Somalia aufgewachsen. Verbindet dich heute noch viel mit dem Land deiner Eltern?

IMAN MOHAMED ABDULMAJID: Nicht wirklich. Meine ganze Familie lebt seit mehr als 20 Jahren in Amerika, und Somalia ist heute nicht mehr das Land meiner Kindheit. Das ist ziemlich traurig, da meine Eltern eigentlich dort begraben werden wollen. Egal wie viel Geld ich jemals verdiene, diesen Wunsch werde ich ihnen nicht erfüllen können.

NAOMI: Wie bist du aufgewachsen?

IMAN: Wir hatten wenig Geld, aber wir waren nicht arm. Das Leben änderte sich später, als mein Vater Diplomat wurde.

NAOMI: Bist du mit ihm gereist?

IMAN: Schon, allerdings boten damals Länder wie der Sudan und Saudi-Arabien keine ausreichenden Bildungsmöglichkeiten für Mädchen. Deswegen besuchte ich eine Schule in Ägypten. An langen Wochenenden flogen wir dann nach Beirut, ins Paris des Mittleren Ostens.

NAOMI: Welchen Einfluss hatte deine Mutter auf dich?

IMAN: Na ja, ich bin in einem muslimischen Land aufgewachsen. Dort gelten Jungs in der Regel mehr als Mädchen – das akzeptierte meine Mutter nicht. Sie gab mir immer das Gefühl, dass ich jedwede Dinge mindestens so gut, wenn nicht besser kann als die Jungs. Ihr war es wichtig, dass ich mich nicht unter Wert verkaufe, mich nicht mit weniger zufrieden-gebe. Sie sagte immer: „Iman, Nein ist ein vollständiger Satz. Lerne Nein zu sagen.“ Als ich 1975 nach Amerika kam und zum ersten Mal hörte, das schwarze Models weniger verdienen als weiße, schmerzte es sehr. Deshalb lautete meine erste Ansage: Ich mach den Job nicht, wenn ich auch nur einen Cent weniger bekomme.

NAOMI: Ja, das war dein Verdienst!

IMAN: Ich folge einem ganz einfachen Grundsatz: Geh, wenn eine Sache nicht gut für dich ist. Man darf keine Angst davor haben zu gehen.

NAOMI: Du bist seit 20 Jahren mit David Bowie verheiratet. Was ist das Geheimnis einer glücklichen Ehe?

IMAN: Man muss sich toll finden, den anderen begehren, sich respektieren. Das ist die Grundlage. Darüber hinaus haben wir entschieden, dass wir Presse, Journalisten, all das, nicht bei uns zu Hause haben wollen. Privates und Öffentliches trennen wir sehr genau. Es ist einfach schwer, jemals Ruhe zu finden, wenn man einmal die Tür zu weit öffnet. Abgesehen davon amüsieren wir uns sehr zu zweit. David ist ein echter Gentleman, sehr englisch auf eine Art.

NAOMI: Eure Hochzeit in der Toskana soll sehr romantisch gewesen sein.

IMAN: … es hat geregnet!

NAOMI: Das soll ja Glück bringen.

IMAN: Aber man will dennoch nicht, dass es am Hochzeitstag regnet – und man alles nach Innen verlegen muss. Die Italiener sagten: „Oh, beschwer dich nicht, du wirst 50 Jahre verheiratet sein, du wirst sehr glücklich sein!“ Und damit hatten sie recht.

Iman: “Ich wollte das, was ich gerne als Kriegsbeute bezeichne, ich wollte die Kam­pagnen, die Anzeigen, das große Geld.”
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NAOMI: Iman, du warst das erste schwarze Model auf dem Cover der Vogue …

IMAN: Nein, das war Beverly Johnson.

NAOMI: Ach, stimmt, okay, das zweite. Dafür hast du uns allen geholfen: mir, Tyra, Jourdan Dunn …

IMAN: Mir haben Naomi Sims und Beverly Johnson geholfen.

NAOMI: Und Donyale Luna.

IMAN: Ganz genau. Beverly hat die Tür zu den Editorials für uns geöffnet, ich wollte das, was ich gerne als Kriegsbeute bezeichne, ich wollte die Kampagnen, die Anzeigen, das große Geld.

NAOMI: Das hast du auch bekommen!

IMAN: Ja, habe ich.

NAOMI: So habe ich dich auch erstmals gesehen: nicht in irgendeinem Editorial, sondern in Anzeigenkampagnen. Du wurdest von Pete Beard entdeckt, einem amerikanischen Fotografen. Kannst du die Geschichte kurz erzählen, obwohl du sie wahrscheinlich schon sehr oft erzählt hast?

IMAN: Ja, ganz kurz.

NAOMI: Schieß los!

IMAN: Ich war in Nairobi auf dem Weg zur Uni, als er mich auf der Straße angehalten hat und fragte, ob ich jemals fotografiert worden sei. Und ich dachte nur: Äh, wieso denken eigentlich immer alle Leute, dass es in Afrika keine Kameras gibt?

NAOMI: Haha.

IMAN: Und ich sagte: „Natürlich bin ich schon fotografiert worden.“ Und er darauf: „Von wem?“ Und ich: „Meinen Eltern.“ Und er dann: „Professionell?“ Und ich dachte, dass er wie ein Typ vom Playboy daherredet – so wie ihn stellte ich mir die Leute vom Playboy nämlich vor. Also sagte ich: „Ich bin nicht diese Sorte Mädchen.“

NAOMI: Haha.

IMAN: Später gehörte ich dann aber doch zu diesen Mädchen, weil Richard Avedon mir meine Sachen ausgezogen hat. Jedenfalls meinte Pete Beard, dass er mich gern fotografieren würde. Aber ich tat so, als würde ich ihn gar nicht hören, und ging einfach weiter.

NAOMI: Er war ein hübscher Mann, nicht wahr?

IMAN: Oh, er ist es immer noch … Nachdem ich abgelehnt hatte und einfach weiterging, meinte er: „Ich zahle auch dafür!“ Und ich sagte: „Was? Wie viel?“ – Ich hatte damals nämlich überhaupt kein Geld, und die Studiengebühren waren fällig. Peter fragte: „Wie viel Geld willst du denn haben?“ „8000“, antwortete ich, das war in etwa der Betrag, den man für ein einjähriges Stipendium bekam. Und er sagte: „8000 Dollar? Okay!“

NAOMI: Cleveres Mädchen!

IMAN: Natürlich dachte ich, dass die Sache damit erledigt sei und ich ihn nie wieder sehen würde. Aber dann kontaktierte er mich über einen Freund. Er ließ mir ausrichten, dass ich am nächsten Tag irgendwo zu erscheinen habe. Dann hatte ich jemanden von der Modelagentur am Telefon: „Oh, du musst nach New York kommen, um eine Karriere als Model zu machen, bla, bla, bla“ – dabei hatte ich damals noch nie ein Modemagazin gesehen. Also sagte ich: „Ja, aber nur, wenn ihr mir das Rückflugticket bezahlt.“

NAOMI: Na klar!

IMAN: Außerdem brauchte ich für die Reise die Einwilligung meiner Mutter, ich war nämlich noch zu jung. Ich hab dann meine Papiere gefälscht.

NAOMI: Hast du nicht!

IMAN: Doch, hab ich, laut meinen Papieren war ich 19.

NAOMI: Und wie alt warst du wirklich?

IMAN: Nicht einmal 18.

NAOMI: Also 17.

IMAN: 17 und ein bisschen.

NAOMI: Du Fuchs!

IMAN: Natürlich flog die Sache binnen einer Woche direkt auf, weil meine Fotos plötzlich in Newsweek abgebildet waren. Mein Vater sah die Ausgabe der Zeitschrift zu Hause in Afrika und fragte: „Wo ist sie?! In New York? Wer hat ihr das erlaubt?“ Seitdem lebe ich hier.

NAOMI: Hast du Ärger bekommen?

IMAN: Ziemlich!

NAOMI: Sehr gut! Den hast du verdient.

Iman Abdulmajid war das erste afrikanische Supermodel

IMAN: So fing es jedenfalls an. Meinen ersten Job an meinem dritten Tag in New York hatte ich mit Arthur Elgort für die amerikanische Vogue.

NAOMI: Du hast von Anfang an Geschichte geschrieben! Und trotzdem hast du vor mehr als 20 Jahren aufgehört zu modeln.

IMAN: Weißt du eigentlich, seit wann ich bei keiner Fashion Show mehr war? Seit 1989!

NAOMI: Als Model oder als Gast?

IMAN: Die einzige, bei der ich war, ist die deiner Stiftung!

NAOMI: Leute, habt ihr das gehört? Die einzige Fashion Show, bei der Iman seit 1989 als Gast aufgetaucht ist, war Fashion for Relief 2005 zugunsten der Opfer von Hurrikan Katrina. Tausend Dank, dass du da warst.

NAOMI: Hast du eigentlich irgendwelche neuen Lieblingsdesigner?

IMAN: Klar. Eine ganze Menge. Alexander Wang, Prabal, Joseph Altuzarra – und Jason Wu. Tut mir leid für Oscar de la Renta, aber das ist der neue Oscar de la Renta. Er ist das neue Blut. Die neue Zeit.

NAOMI: Deine Firma Iman Cosmetics ist weltweit erfolgreich. Ich jedenfalls tue keinen Schritt ohne deinen Lippenstift. Wie hast du das geschafft?

IMAN: Die Idee kam mir am allerersten Tag als Model. Ich wurde von Arthur Elgort für die amerikanische Vogue fotografiert. Der Make-up-Artist, seinen Namen habe ich leider vergessen, sagte zu mir: „Hast du deine eigene Foundation dabei? Ich habe nämlich nichts für dich.“ Die Frage stellte er dem anderen Mädchen nicht. Und ich hatte in meinem Leben noch nie Make-up gesehen. Er mixte dann irgendwas zusammen, und meine Haut sah anschließend grau aus.

NAOMI: Das ist so eine Frechheit! Ist mir auch schon passiert.

IMAN: Als Model ist dein Bild deine Währung. Es ist das Einzige, was du hast. Niemanden interessiert es, wie du in Wirklichkeit aussiehst. Und hinterher würde niemand sagen, das der Make-up-Typ ein Idiot war. Sie würden sagen, dass du schrecklich aussahst, und dich nicht wieder buchen. Deswegen habe ich meine eigene Make-up-Linie gegründet. Ich bin in New York durch die Läden gezogen, habe alle Foundations gekauft, die ich finden konnte. Die habe ich zusammengemixt und Polaroids von mir selbst gemacht, bis ich die richtige Mischung hatte. Ich habe das also vor 20 Jahren erfunden. Und der Laden gehört immer noch mir.

NAOMI: Du hast für die BBC einen Dokumentarfilm über das Leid in Somalia gedreht. Der Film wurde im Weißen Haus gezeigt, damit die Amerikaner die Situation besser verstehen.

IMAN: Und daraufhin haben sie ihre Truppen losgeschickt.

NAOMI: Meinst du, das hat was gebracht?

IMAN: Auf jeden Fall. Die Armee hat Nahrung ins Land gebracht. War es befreiend? Nein. Aber es hat ein Kapitel abgeschlossen. Als ich dort war, fuhr ich zu meiner alten Schule und zu unserem alten Zuhause, das ich mitten in der Nacht verlassen hatte, als wir nach Kenia gezogen sind. Für den Film folgte ich den Lastwagen, die jeden Morgen die Toten einsammelten, weil die Leute sie vor die Häuser legten. Endlose Häuserreihen mit Leichen davor. Als ich zurück in die Schweiz kam, wo David und ich damals noch lebten, hatte ich meine Stimme verloren. Der Arzt meinte, es sei der Schock. Ich konnte auch zwei Wochen nicht liegen. Aber der Film war mir wichtig, und ich bin stolz drauf.

NAOMI: In den Neunzigern hast du Nelson Mandela getroffen, als du für die amerikanische Vogue in Kapstadt warst. Wie fühlte es sich an, diesen Mann kennenzulernen?

IMAN: Ich schwebte auf Wolken. Gott sei Dank war Bruce Weber schnell genug, uns zu fotografieren. Es war das erste und einzige Mal, dass David und ich gemeinsam in einer Fotoproduktion waren. Wir sind damals nach Südafrika gefahren, weil sich das Land gerade öffnete und um die „Rainbow Nation“ von Nelson Mandela zu ehren. Wir blieben einen ganzen Monat da und trafen Miriam Makeba, den Künstler Beezy Bailey, den Musiker Hugh Masekela, Desmond Tutu. Ein wahnsinniger Trip.

NAOMI: Du bist Botschafterin von Raise Hope for Congo. Kannst du mir was darüber erzählen?

IMAN: Im Osten des Kongo gibt es große Rohstoffvorkommen, mit denen verschiedene Söldnertruppen finanziert werden. Viele von denen benutzen Massenvergewaltigungen als Strategie, um die Bevölkerung einzuschüchtern und die Kontrolle über die Minen und die Handelsstraßen zu behalten. Der Bürgerkrieg dort ist der schlimmste Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg. Bewaffnete Gruppen verdienen Hunderte Millionen Dollar jedes Jahr mit dem Handel der vier wichtigsten Mineralien: Zink, Tantalum, Wolfram und Gold. Mit dem Geld kauft die Miliz Unmengen von Waffen und terrorisiert die Zivilbevölkerung. Die schlimmsten Verbrechen geschehen rund um die Minen. Das Problem ist, dass diese Mineralien für die Produktion von elektronischen Geräten wie Mobiltelefonen und Computern gebraucht werden. Die Herkunft von Rohstoffen ist oft nicht bekannt. Westliche Konsumenten können nie ausschließen, dass sie bewaffnete Milizen in Afrika indirekt unterstützen.

NAOMI: Du bist sehr aktiv auf Twitter. Was sind deine Erfahrungen damit? Bringt es dir was?

IMAN: Wenn ich David erwähne, kriege ich sofort tausend Antworten. Wenn ich über mein Business tweete, nur ein paar. Je persönlicher man wird, desto besser.

NAOMI: Eure Tochter Lexi ist fast schon ein Teenager – wie muss man sich David als Vater vorstellen?

IMAN: Er ist der Sensible, der Lustige und übernimmt den entspannteren Part. Ich bin eher die Strenge!

NAOMI: Verrätst du uns, welcher dein liebster Song von David ist?

IMAN: Heroes – und das gesamte Album Heathen.

NAOMI: Du bist mit einem der großartigsten Musiker aller Zeiten verheiratet. Gibt es, abgesehen von Davids Werk, Musik, die du gerne hörst?

IMAN: Bon Iver, Jay-Z, Kanye West … und Adele.

NAOMI: Leihst du dir manchmal seine Klamotten?

IMAN: Nein! Honey, ich habe Hüften! Die würden niemals passen!

NAOMI: Was ist das schönste Geschenk, das dir deine Kinder jemals gemacht haben?

IMAN: Armbänder aus Nudeln, die sie selbst gebastelt haben.

NAOMI: David malt gerne zur Entspannung – welches Hobby hast du?

IMAN: Ich sticke!

25.07.2018 | Kategorien Fashion, Interviews | Tags , , ,

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