Der alte Junge

Alexander Muret malt wie geschrieben. Ob er auch so spricht wie gedruckt?

Foto: Nadine Fraczkowski

Von: KATJA HORVAT

Der New Yorker Künstler Alexander Muret malt mit Worten. Seinen Kritzeleien, Schmierereien und willkürlich erscheinenden Klecksen wohnt dank ihrer intimen Natur etwas Mystisches inne. Muret folgt einer archaischen Philosophie der Wahrnehmung und Malerei, angelehnt an Malewitschs Intention, um „ein Bild von den Fesseln der Darstellung und Repräsentation zu befreien, es in höhere Sphären zu heben und ihm mehr räumliche Freiheit zu gewähren“.

KATJA HORVAT: Alexander,mal von den goldenen Worten Kasimir Malewitschs abgesehen: Was bedeutet Ihnen das Werk von Cy Twombly?

ALEXANDER MURET: Ich mag ihn sehr. Früher bedeutete mir seine Idee des gestischen Schreibens viel. Die Idee beschreibt eine Art des Schreibens, die Intention hat, aber keinen Inhalt. Ich stand immer auf antike Texte – indisch, griechisch, römisch und so, weil sie mir damals gestisch vorkamen. Sie umgab eine gewisse Aura, die Macht der Malerei, zu der sich mein Jungenkopf besonders hingezogen fühlte – weil er diese alten Schriften nicht verstand.

KH: Machen Sie Kunst für andere Leute oder für sich?

AM: Beides. Ich glaube, dass man durch Kunst Erfahrungen mit seinem Publikum teilen kann und auch, dass Kunst neue Perspektiven eröffnen kann.

KH: Beim Schreiben ist der erste Satz von entscheidender Bedeutung. Wie fangen Sie ein Gemälde an?

AM: Es fängt immer mit Sprache an, oder besser: mit der Erscheinung des Wortes.

KH: Also denken Sie wie ein Schreiber?

AM: Ich schreibe tatsächlich täglich, aber nur Persönliches. Ich leere meinen Geist, arbeite Ideen aus oder schreibe über Kunst. Und wenn ich male, dann ausschließlich Worte. Figürliches male ich selten. Eigentlich nie.

KH: Landen diese täglichen Aufzeichnungen dann doch versteckt und überkritzelt in Ihrer Kunst?

AM: Ein bisschen. Ich habe verschiedene Schreibroutinen. Es gibt meine allmorgendliche Routine, das nenne ich Verkehrsschreiben. Darin arbeite ich meine Ideen aus. Außerdem skizziere ich viel, wozu auch Schreiben gehört, und das führt in der Regel zu einem Kunstwerk.

KH: Wie lange brauchen Sie von einer Idee zu einem fertigen Kunstwerk?

AM: Das hat sich letztens geändert. Ich habe noch nie so lange von einer Idee bis zur Ausführung gebraucht wie bei meiner Ausstellung „Write Large and Thick“. Normalerweise passiert das fast gleichzeitig, aber bei dieser Show in Los Angeles war es andersherum.

KH: Haben Sie gezögert?

AM: Ja, weil ich normalerweise nicht denke, während ich an meiner Kunst arbeite. Das mache ich sonst intuitiv, mit Dringlichkeit. Bei der physischen Ausführung von visueller Kunst sollte man sein analytisches Denken zügeln, sonst hat man am Ende etwas Minderwertiges gemacht.

KH: Sie klingen, als wären Sie 45. Wie alt sind Sie tatsächlich?

Untitled (Red Vinly Painting), 2017

AM: Ich bin 24. Aber es stimmt, ich versuche zu klingen, als wäre ich 45.

KH: Was muss sich Ihrer Ansicht nach noch ändern, bevor Sie endlich so alt sein können, wie Sie sich jetzt schon fühlen?

AM: Mein Perfektionismus. Er lähmt mich. Er hält mich von meiner Arbeit ab – aber ein Nachteil kann auch von Vorteil sein. Die Realität ist: Meine Arbeit zeige ich nur, wenn sie perfekt ist. Perfektionismus ist also zugleich auch meine beste Eigenschaft.

KH: Was halten Ihre Eltern von Ihrer Arbeit?

AM: Sie verstehen sie nicht, aber sie gefällt ihnen schon irgendwie. Sie haben aber keinen großen Einfluss darauf. Ich sehe sie nicht so häufig.

KH: Wer brachte Ihnen dann als Kind die Kunst näher?

AM: Mein bester Freund Sycko. Wir wuchsen beide in einer Stadt auf, in der sonst niemand kreativ oder an Kunst interessiert war. Während der Schule hingen wir viel rum und schauten Horrorfilme. Ich mag Horrorfilme nicht mal, aber er schon, also habe ich sie auch geschaut. Ihn haben sie sehr beeindruckt und dazu bewegt, seine Kleidung zu zerreißen und mit etwas Blutähnlichem zu beschmieren. Er sah daneben aus und ich neben ihm vergleichsweise normal – das hat meine Entwicklung positiv beeinflusst.

KH: Was wollten Sie damals werden?

AM: Mit 17 beschloss ich, Maler zu werden, und mit 19 setzte ich diesen Beschluss in die Tat um. Auch da gab es kaum Abstand zwischen der Entscheidung und Umsetzung.

KH: Wie wird man Künstler? Entscheidet man das einfach, und das war’s?

AM: Ja, das ist interessant. Da gibt es die unterschiedlichsten Theorien, das sind beinahe schon Glaubensbekenntnisse. Ich verstehe mich zumeist nur als Maler, weil wirklich jeder Künstler sein kann. Kunst ist nur ein Rahmen.

KH: Einmal Künstler, immer Künstler? Also: für immer?

„H.I.J.K.L.M.“, 2017
“Mein Perfektionismus lähmt mich. Er hält mich von meiner Arbeit ab.”
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AM: Ich glaube, diese Frage werden wir uns noch öfter stellen, weil so viele Kunststudenten dieses Ding eine Weile ausprobieren und erkennen werden, dass es nirgends hinführt, sich für etwas anderes entscheiden und die Kunst an den Nagel hängen. Das ist ein neues Phänomen. Mir sind aus der Geschichte kaum Fälle bekannt, dass ein Künstler aufgeben wollte.

KH: Wohin wollen Sie Ihr Werk entwickeln – denken Sie überhaupt darüber nach?

AM: Ja, die ganze Zeit! Für mich führt Malerei automatisch zur Skulptur, Skulptur zur Installation, die dann wiederum zu Architektur führt und schließlich zum Schreiben. Ich bewundere Autoren, sie haben so ein schweres Handwerk. Die eigenen Gedanken und Gefühle präzise in Worte zu übersetzen ist einfach alles. Schlussendlich möchte ich schreiben.

KH: Das erinnert mich an Vito Acconci, nur hat der es andersrum hinbekommen. Haben Sie eine Muse?

AM: Vielleicht Kanye West? Wenn Shunryu Suzuki noch am Leben wäre, würde ich ihn mir als Muse wünschen. Er könnte mir helfen, mit meiner Zen- Praxis voranzukommen.

KH: Lassen Sie uns über Saint Laurent reden. Sie haben mit Hedi Slimane an seiner letzten Kollektion für das Haus kollaboriert. Ich möchte nur wissen: Wem haben Sie die frohen Neuigkeiten zuerst erzählt?

AM: Laszlo! Er ist so etwas wie mein großer Bruder. Er weiß immer alles zuerst. Das Beste ist, dass er sich wirklich über so etwas freuen kann.

KH: Welches Kunstwerk hat Sie besonders geprägt?

AM: Zählen Reproduktionen aus der Kunstabteilung einer Bibliothek?

KH: Klar. Wie betiteln Sie Ihre Arbeiten?

AM: Ich vermeide es, schlau sein zu wollen. Namensgebung ist ein sehr delikates Unterfangen, ein Kunstwerk kann durch einen allzu überlegten Titel sabotiert werden.

KH: Was haben Sie zuletzt gelesen?

AM: Die Autobiografie von Gucci Mane in dem Buchladen Stories in Los Angeles. Anne Carsons Gedichte bei Spoonbill & Sugartown in Brooklyn. „The Complete Tales of Winnie-the- Pooh“ bei Barnes & Noble in Houston. Ein paar Seiten Marcel Proust, die ich im Flur gefunden habe. Unter der Dusche höre ich das „Daodejing“– Hörbuch.

„Slate“, 2013

KH: Was haben Sie zuletzt gekauft?

AM: Eiskaffee. Das ist meine Regel: morgens Tee, am – späten – Nachmittag dann Eiskaffee.

KH: Raubt der Ihnen denn nicht den Schlaf?

AM: Nicht die Bohne! Ich schlafe ausgezeichnet. In letzter Zeit benutze ich dafür einen japanischen Futon und bin auf dem Weg zum perfekten Schlaf. Ich verwende ein Kissen mit einer Füllung aus Buchweizenspelz. Ich habe sogar mal einen Monat lang auf dem Boden geschlafen. Bloß um es auszuprobieren.

KH: Aufregend! Welchen Song haben Sie zuletzt gehört?

AM: Einen von Drake. Im Atelier auch gern den „Dschungelbuch“– Soundtrack. Ab und an die Muji-„Background Music“ von Haruomi Hosono vom Yellow Magic Orchestra.

KH: „Das Dschungelbuch“ ist Ihr Lieblingsfilm?

AM: Ich mag „Edward mit den Scherenhänden“.

KH: Haben Sie „Happiness“ gesehen?

AM: Nein,was ist das?

KH: Ein Film, in dessen Eröffnungsszene Jon Lovitz zu Jane Adams sagt: „Sie sind Scheiße, und ich bin Champagner.“

AM: Das ist doch endlich mal ein Zitat!

 

 

Interview: Katja Horvat

01.03.2018 | Kategorien Interviews, Magazin | Tags , , , ,

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