ALICIA DRAKE

Mit ihrem ersten Buch „The Beautiful Fall“ hat sie einen Klassiker der Modegeschichte geschrieben. Jetzt erscheint ihr Roman.

Illustration: Sandro Fabbri

Von: JOACHIM BESSING

Damals, bei ihrem vor zwölf Jahren erschienenen Debüt, war es gar nicht mal so klar, ob es sich bei der Geschichte aus dem Paris der 70er-Jahre nun um ein Sachbuch handelte oder um Fiktion – mittlerweile existiert ja der komische und vor allem für Verlagsvertreter und Buchhändler und Rezensenten nützliche Einsortierungsbegriff des sogenannten erzählenden Sachbuchs: Möglicherweise war „The Beautiful Fall“ dafür Avantgarde.

Denn allzu fantastisch, zumindest fabelhaft kam es den Lesern vor, was Alicia Drake vom Liebesleben und von den Ränkespielen der Modeschöpfer Karl Lagerfeld und Yves Saint Laurent damals zu erzählen wusste. Das war, das ist hier wichtig festzustellen, noch lange vor dem farbigen Biopic über das Leben Yves Saint Laurents, in dem Karl Lagerfeld von Nikolai Kinski gespielt wurde. Und natürlich auch lange vor der Zeit, da Hedi Slimane als Designer ins Haus Yves Saint Laurent geholt wurde, um dort zunächst einmal das Yves zu streichen aus dem verwaisten Namen.

Nach beinahe zwei Jahrzehnten hat Alicia Drake die Stadt Paris, die ihr den Stoff zum Schreiben in Form eines historischen Bodens vor den Füßen sozusagen ausgerollt hatte, verlassen. Mittlerweile lebt sie in der Grafschaft Oxfordshire, also total auf dem Land. Und dennoch handelt auch ihr Roman, der den schönen Titel „I Love You Too Much“ trägt, von der Pariser Oberschicht. Erzählt wird aber nur ganz am Rande von der Mode. Es geht um die erste Liebe eines Teenagers. Um die Entfremdung von den Eltern, die dann plötzlich kindischer erscheinen als man selbst. Im Französischen nennt man das „l’éducation sentimentale“.



JOACHIM BESSING. „I LoveYou Too Much“ ist vom Aufbau her langsam, doch gewaltig. Es braut sich zusammen. Ich hoffe sehr, Ihr Buch wird viele Leser finden.

ALICIA DRAKE: Danke sehr!

JB: Sie haben 18 Jahre lang in Paris gelebt. Ihr Buch spielt in Paris. Warum sind Sie nach London zurückgezogen?

AD: Ich lebe auf dem Land, in der Grafschaft Oxfordshire. Mein Leben hat sich radikal verändert. In Paris sind wir von einem Arrondissement ins nächste gezogen. Ich habe im elften gelebt, im neunten, im zweiten, zuletzt im sechsten – also immer im Zentrum. Irgendwann bekam ich das Gefühl, dass ich aus schriftstellerischen Gründen zurückmüsste in die Umgebung meiner Muttersprache. Ich hatte Sehnsucht nach dem Englischen. Dabei liebe ich das Französische! Ich spreche es auch gern; den ersten Entwurf von „I Love You Too Much“ habe ich sogar auf Französisch verfasst. Zu der Zeit dachte ich noch, dass ein derart französischer Roman sich nicht mitteilen können würde, wenn ich ihn auf Englisch schreibe. Einige Figuren wie beispiels- weise die Mutter des Protagonisten Paul kamen englischsprachigen Erstlesern kaltherzig vor. Das musste ich erklären: Pauls Mutter ist nicht kaltherzig, sie ist eine Pariserin. Das bedeutet unter anderem auch, sich auf eine bestimmte Art auszudrücken. Für britische Ohren klingt das dann freilich schroff. Nun ja, aber mein Französisch war dann halt leider nicht gut genug für die Literatur, beziehungsweise wenn Milan Kundera auf Französisch schreibt, klingt das anders. Der zweite Grund, der Stadt den Rücken zuzukehren, war dann, dass ich Paris zunehmend als bedrückend empfand.

“Ich bin ein visuell orientierter Mensch. Dass man in Paris den Horizont nie zu sehen bekommt vor lauter Häusern, hat mich bedrückt.”
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JB: Tatsächlich? Warum?

AD: Ich bin ein visuell orientierter Mensch. Dass man in Paris den Horizont nie zu sehen bekommt vor lauter Häusern, hat mich bedrückt. Wenn ich heute aus dem Fenster schaue, sehe ich über weites Land, ich sehe Hügel. In Paris schaut man auf die Fassade des gegenübergelegenen Hauses. Man schaut in die Wohnungen von anderen. Sie merken es, in meinem Roman stecken viele meiner Empfindungen aus jener Zeit. Ich behaupte auch gar nicht, dass ich jetzt für immer auf dem Land leben will. Aber ausprobiert haben wollte ich es schon mal. Als Schriftsteller fühlt man sich von einem Leben in der Abgeschiedenheit angezogen, denke ich. Außerdem bin ich nicht allein, ich habe fünf Kinder.

JB: Und mit dem Umzug aufs Land kam der Wunsch, einen Roman zu schreiben?

AD: Schon als ich „The Beautiful Fall“ fertig hatte, spürte ich diesen Wunsch. Damals fing ich an mit Texten, von denen ich glaubte, sie könnten Prosa sein. Aber das waren lediglich dünn maskierte Geschichten über mich selbst, mein Leben, aus meiner Kindheit. Indes, ich schrieb weiter. Dieser Prozess hat mich zwei Jahre in Anspruch genommen. Ich wusste, erst danach, wenn ich all dies losgeworden war, würde ich den Roman schreiben können.

JB: Ich kann all das sehr gut verstehen: das Verlangen nach dem Fluidum der Muttersprache über den Wunsch nach einem Dasein in der Abgeschiedenheit und das Abschütteln der intimen Konflikte, um zur eigenen Erzählstimme durchdringen zu können. Aber ich habe „The Beautiful Fall“ damals schon als Roman gelesen. Das Jahr 2006 war ja beinahe die Zeit vor dem Internet.

AD: Genau!

Der Klassiker "The Beautiful Fall" von Alicia Drake
“Es ist mir sehr wichtig, klar festzustellen, dass es zu keiner Zeit eine Fehde gegeben hat zwischen mir und Karl Lagerfeld. Er hat mich verklagt, aber es gab keine Fehde.”
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JB: Man konnte da nicht einfach googeln, um etwas aus dem Privatleben von Karl Lagerfeld zu erfahren – oder aus dem von Yves Saint Laurent.

AD: Ganz und gar nicht.

JB: Das war ungeschriebene Geschichte. Das ragte ins Mythische hinein. Und dazu kam Ihre Sprache, die war so, dass man diesen Text einfach wegschlürfen wollte. Und dann kam es zum Skandal. Ich habe schon damals nicht verstehen können, wie es zu dieser Fehde zwischen Lagerfeld und Ihnen kommen konnte.

AD: Es ist mir sehr wichtig, klar festzustellen, dass es zu keiner Zeit eine Fehde gegeben hat zwischen mir und Karl Lagerfeld. Er hat mich verklagt, aber es gab keine Fehde. Neulich wurde ich am Piccadilly Circus von einem Mitglied des Lesezirkels Velvet Page angesprochen, ob ich nicht Lust hätte auf eine Lesung aus „The Beautiful Fall“ mit anschließender Diskussion. Das wurde sehr schön und auch interessant für mich, denn ich hatte ja seit Jahren nicht mehr über dieses Buch gesprochen. Jemand aus dem Publikum führte aus, dass er das ganze Buch hindurch meine Zärtlichkeit gespürt hatte. Meinen liebevollen Blick auf Karl. Ich schreibe längst nicht mehr über Mode, aber meine Bewunderung für seine Kreativität, seine Persönlichkeit, seine Willensstärke und sein Durchhaltevermögen ist nach wie vor sehr groß.

“Vielleicht hat ja erst mein Buch, das er verbieten lassen wollte, Karl Lagerfeld erlaubt, über all dies sprechen zu dürfen.”
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JB: Trotzdem ist ein Buch das Kind des Schriftstellers.

AD: Als mein Buch „The Beautiful Fall“ herauskam, wurde ich verklagt. Vor Gericht verteidigte ich mich selbst. Wie Sie wissen, gewann ich. Aber eine Fehde war das nicht. Und später ist ja auch die Biografie von Karls großer Liebe Jacques de Bascher erschienen, es gab einige Filme über Yves Saint Laurent und diese Ära, um die es in meinem Buch geht. Und so schräg das klingen mag: Vielleicht hat ja erst mein Buch, das er verbieten lassen wollte, Karl Lagerfeld erlaubt, über all dies sprechen zu dürfen. Ich glaube, für ihn war es damals eine fürchterliche Vorstellung, dass ein Buch erscheinen könnte, das sich seiner Kontrolle entzieht.

JB: Hatten Sie es ihm nicht angekündigt?

AD: Er wusste, dass dieses Buch erscheinen würde. Sieben Jahre lang, so lange habe ich daran geschrieben, habe ich ihm wieder und wieder Faxe geschickt und Briefe. Teilweise mehrmals im Jahr. Von Boten persönlich überbrachte Schreiben gab es auch.

JB: Hat er Ihnen jemals geantwortet?

AD: Nein. Ganz am Anfang hatte ich ihn am Telefon interviewt für eine Geschichte in der britischen „Vogue“. Damals hatte er mir versprochen, mir bei der Recherche zu helfen. Da nannte er mir seine Faxnummer. Also faxte ich. Aber er faxte mir nie zurück. Einmal traf ich mich mit seiner Schwester. Zum Abschied versprach sie mir, ihrem Bruder zu schreiben. Es war nicht so, dass ich etwas geheim halten wollte. Und bis heute habe ich nie erfahren, was genau ihn dazu getrieben hat, mich zu verklagen. Wir sind uns ja nie persönlich begegnet.

JB: Gut, und wenn man dann noch in Paris lebt – das ist ja wie ein Skandal aus einem Roman des 19. Jahrhunderts! Hat man Ihnen in Gesellschaft die Rücken zugekehrt?

AD: Das Herrliche an meinem Leben in Paris war halt, dass ich eine Außenseiterin geblieben bin – „une étrangère“. Ich hatte zwar zuvor auch schon über Mode geschrieben, aber immer als freie Autorin. Ich war nie irgendwo bei einem Magazin angestellt. Ich glaube sogar, dass ich dieses Buch überhaupt bloß schreiben konnte, weil ich mich unabhängig gefühlt habe von der Branche. Wie Proust habe ich mich handschriftlich in Briefen an die Personen gewandt, die ich sprechen wollte.

JB: Ihr Roman spielt in einem Milieu, das mich erinnert hat an die kalifornische Upperclass, die Bret Easton Ellis in „Less Than Zero“ beschrieben hat.

"I Love You Too Much" von Alicia Drake

AD: In unserer Generation haben wir einfach ausreichend Zeit, um uns mit uns selbst zu beschäftigen. Was ja gut ist, einerseits. Gerade las ich bei jemandem auf Instagram „Fifty is the new Thirty“ – und ich dachte: „Nein, auf gar keinen Fall ist man mit 50 wie 30.“ Aber daraus spricht halt unser aller Verzweiflung. Wie sehr wir am Ideal der Jugend kleben. Und in Paris gibt es einen immensen Druck für Frauen, jung auszusehen, jugendlich zu wirken, eine gute Figur zu behalten. Sonst gilt man bald nicht mehr als relevant. Nun gibt es im Leben einer Frau diese Phase zwischen dem 40. und dem 50. Lebensjahr, da kann die Frau in sich Veränderungen fühlen, die man ihr vom Äußeren her nicht unbedingt ansieht. An diesem Punkt befindet sich Séverine, die Mutter meines Protagonisten Paul. Sein Vater übrigens auch. Er fühlt seine Kräfte schwinden. Und daher rührt dann im Endeffekt der zunehmende Zynismus beider Elternteile: Einst waren sie beliebt, jetzt nimmt das ab. Wer einmal berühmt war, dem genügt bald nichts mehr. Alles scheint zu gering.

JB: Paul erhält seine Zuneigung durch Cindy, die philippinische Haushälterin.

AD: In Paris bezeichnet man jemanden wie sie als Babysitter, auch wenn das Kind längst in der Pubertät ist.

JB: Sie verabreicht ihm vor allem Butter.

AD: Butter, Zucker, Ketchup, Mikrowelle – aber doch auch ihre Anwesenheit. Sie ist nahbar. In Paris, das ist interessant, gibt es eine regelrechte Gemeinde dieser Hausangestellten, die in den Familien die für die Kinder lebenswichtigen Dienste leisten. Die Frauen stammen nicht ausschließlich von den Philippinen, viele sind Nachfahren von Nordafrikanern. Ohne diese Frauen ginge es den Kindern in den bourgeoisen Vierteln, dem siebten und dem sechsten, schlecht.

JB: Man hat die Elternliebe ausgelagert. Im Deutschen gab es den Begriff der Amme als einer familienfremden Frau, die ihre Brüste vermietet hat.

AD: Das ist in Paris nicht nötig, da ist das Stillen ohnehin verpönt. Das gilt als bäuerlich, und zudem ist der Mutterbegriff in Paris ganz anders gefasst als in Deutschland oder hier in Großbritannien. Die Britin ist Mutter aus einem Gefühl heraus. Das habe ich in Paris bei den Müttern nicht feststellen können.

JB: Da Sie nun auf dem Lande leben: Interessieren Sie sich neuerdings für Vögel?

AD: Ich liebe die Vögel. Aber wir haben auch ein Pferd hier und zwei Ponys, wir haben Schafe und einen Hund. Von Landschaft und Tieren umgeben fühle ich mich geborgen und gleichsam zum Schreiben angeregt. Ich denke mal, das kommt vom Pulsschlag der Natur, der hier draußen allem zugrundeliegt.

„I LOVE YOU TOO MUCH“ ist bei Pan Macmillan erschienen.