Fotografin Bettina Rheims
im Interview

Close up of Karolína Kurková, December 2001, Paris © Bettina Rheims

Die Fotografin Bettina Rheims hat mit ihrer Arbeit Pionierarbeit geleistet. Bereits in den 80er Jahren interessierte sie sich für die Transgenderszene, dokumentierte den Aufstieg eines neuen androgynen Ideals. Weltberühmt wurde sie mit ihrem Blick auf die Frau: erotisch, verführerisch, fragil, stark.

INTERVIEW: Gerade arbeiten Sie an den Vorbereitungen für Ihre große Retrospektive. Gab es Überraschungen, als Sie Ihr Archiv durchgesehen haben?

BETTINA RHEIMS: Unzählige. Beispielsweise stand der Kurator der Ausstellung neulich mit einem Foto vor mir und fragte, ob ich mich daran erinnere, Andy Warhol fotografiert zu haben. Das hatte ich vollkommen vergessen! Andy und ich waren keine engen Freunde, aber doch gute Bekannte. Aber dass ich sein Porträt geschossen habe, hatte ich vollkommen ausgeblendet.

INTERVIEW: Wie fühlt es sich an, auf so eine lange Zeit zurückzublicken?

RHEIMS: Schön und traurig zugleich. Wenn man über sechzig ist und sich all diese Bilder anschaut, fühlt man sich wie auf dem Friedhof. Ich vergesse immer, dass ich nicht mehr jung bin, denn mein Körper funktioniert ja noch. Aber als ich nun die vielen Jahre Revue passieren ließ, dachte ich mir, dass ich ganz schön Gas geben muss, um all das umzusetzen, was ich noch schaffen will. Für mich sind die Rock n’ Roll Zeiten vorbei. Obwohl – die sind ohnehin vorbei.

INTERVIEW: Neulich lief bei Gucci Hari Nef über den Laufsteg, das erste Transgendermodel, das bei IMG unter Vertrag genommen wurde. Sie beschäftigen sich bereits seit den 80ern mit dem Thema. Was hat sich verändert?

REHIMS: Vor zwanzig Jahren blieb den meisten Transgender keine Alternative, als sich zu prostituieren. Heutzutage gibt es für viele die Möglichkeit auch in normalen Berufen zu arbeiten, aber dennoch muss noch sehr viel passieren bis diese Menschen gänzlich akzeptiert sind. Die meisten erzählen nach wie vor von Ausgrenzung und Ablehnung.

INTERVIEW: Was war denn Ihre Intention, als Sie begannen Transgender zu fotografieren?

RHEIMS: Es waren die Achtziger und AIDS breitete sich rasend schnell aus. Für junge Transgender im Alter von sechzehn, siebzehn Jahren bedeutete Sex und Prostitution quasi der Tod, insofern mussten Alternativen gefunden werden. Die Fashionwelt passte sich an und fand auf der Suche nach einem neuen Schönheitsideal, die Androgynität. Das habe ich damals dokumentiert. Ich mache zwar keine Reportagen, aber dennoch stecken in meinen Bildern oft politische Züge.

Breakfast with Monica Bellucci, November 1995, Paris © Bettina Rheims
Bettina Rheims: “Sie werden nicht erleben, dass ich einen Raum betrete, in dem mehr als zehn Menschen sind.”
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INTERVIEW: Bekannt wurden Sie auch mit weiblichen Aktaufnahmen. Damals kritisierten feministische Blätter, Sie würden Frauen mit einem männlichen Blick objektivieren.

RHEIMS: Das waren vor allem Stimmen aus Deutschland, da es dort eine sehr starke Feminismus Bewegung gab. Man warf mir vor, es wäre nicht die Aufgabe einer Frau andere Frauen zu erotisieren. De facto ist es aber so, dass es gerade die Frauen sind, die meine Arbeit lieben und die sich gerne von mir fotografieren lassen. Das hängt damit zusammen, dass sie mir vertrauen und beim Shooting ihr Innerstes nach außen kehren. Nicht selten fühlt sich so ein Termin an wie eine Therapiesitzung.

INTERVIEW: Sind Sie der Therapeut?

RHEIMS: Das kommt schon vor. Ich fotografiere in der Regel Menschen, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Kurz vor dem Shooting nehme ich mir ein wenig Zeit um die andere Person kennenzulernen. Das ist wichtig, denn während der Aufnahmen fordere ich sehr viel von meinem Gegenüber. Allerdings gebe ich auch sehr viel, erzähle, frage nach. Manchmal muss man schon sehr tief graben, um wirklich die Seele des anderen erfassen zu können.

INTERVIEW: Ist das die größte Herausforderung?

RHEIMS: Ja, die Suche nach dem Besonderen. Vielfach fotografiere ich berühmte Frauen, die schon unzählige Male vor einer Kamera standen. Da muss man sich in tiefe Gewässer bewegen um etwas ganz Neues zu finden.

INTERVIEW: Ihre Menschenkenntnis ist sicherlich phänomenal!

RHEIMS: Ich bin ein wahrer Voyeur mit der Gabe zur Beobachtung. Ich habe ein außerordentlich gutes Gespür dafür, wie jemand ist, auch wenn ich ihn gerade erst kennenlerne. Das läuft sehr instinktiv und strengt mich oft an, da es eine emotionale Angelegenheit ist. Im letzten Winter habe ich Frauen im Gefängnis porträtiert, die dort lebenslänglich einsitzen. Natürlich musste ich die einzelnen Frauen erst überzeugen, habe ihnen meine Arbeiten gezeigt, mir ihre Geschichten, Wünsche und Sehnsüchte angehört. Manche waren ganz offen, andere schüchtern, wieder andere ängstlich oder verschlossen. Aber wie soll jemand auch offen sein, wenn er seine drei Kinder umgebracht hat?

INTERVIEW: Kommt es eigentlich auch vor, dass Sie selbst gehemmt sind?

RHEIMS: Ich bin generell ein unsicherer Mensch. Sie werden nicht erleben, dass ich einen Raum betrete, in dem mehr als zehn Menschen sind.

INTERVIEW: Wirklich?

RHEIMS: Ich gehe nie zu einer meiner Eröffnungen. Ich würde mich zu Tode fürchten.

INTERVIEW: Weil Sie schüchtern sind?

RHEIMS: Als junges Mädchen empfand ich mich als hässlich und wollte mich niemandem zeigen. Deswegen habe ich mich dann später auch in der Dunkelkammer verkrochen. Dort habe ich die Tür vor der Welt verschlossen und keiner konnte mich sehen.

INTERVIEW: Mit wie vielen Menschen umgeben Sie sich denn maximal, wenn sie es sich aussuchen können?

RHEIMS: Mit zweien. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe viele Freunde. Nur möchte ich sie nicht alle auf einmal sehen.

INTERVIEW: Ich schätze dann sind Sie kein Fan von großen Geburtstagspartys.

RHEIMS: Nein. Nur im kleinen Kreis.

Kristin Scott Thomas playing with a blond wig, May 2002, Paris © Bettina Rheims
Bettina Rheims: “ Früher hat es viel Spaß gemacht, in Paris zu leben. Heute fühlt es sich an, als wäre die Stadt in eine düstere Wolke gehüllt. ”
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INTERVIEW: Lassen sich Frauen eigentlich lieber fotografieren, als Männer?

RHEIMS: Allerdings. Frauen lieben das Spiel mit der Verwandlung, mit dem Make-up und dem Styling. Außerdem können Sie sich bei mir vollkommen gehen lassen und müssen keine Sorge haben, dass etwas Sexuelles eine Rolle spielt. Männer zu fotografieren gefällt mir hingegen nicht so gut, denn dafür mag ich sie zu sehr. Ich möchte nicht die Fotografin sein, die mit einer roten Nase am Set steht, weil sie ihre Kamera so oft daran gerieben hat. Das ist so unerotisch.

INTERVIEW: Irgendwie niedlich.

RHEIMS: Es geht. Ich benehme mich wie ein Lkw-Fahrer, wenn ich arbeite. Hinzu kommt, dass die meisten Männer es nicht sonderlich mögen, fotografiert zu werden. Und wenn es ihnen gefällt, dann ist das auch  irgendwie komisch.

INTERVIEW: Jacques Chirac haben Sie gleich mehrmals abgelichtet.

RHEIMS: Allerdings! Sogar das offizielle Porträt stammt von mir.

INTERVIEW: Sind Politiker ein beliebtes Modell?

RHEIMS: Tatsächlich war derjenige, bei dem ich mich am unwohlsten gefühlt habe, ein Politiker: Francois Mitterand, eine sozialistische Ikone und ehemaliger französischer Präsident. Es war ein Cover für den Stern und er hat mich sehr verunsichert.

INTERVIEW: Inwiefern?

RHEIMS: Ich weiß auch nicht. Irgendwie kam da nichts rüber, es hat einfach nicht geklappt und am Ende hatte ich kein Ergebnis, das zu hundert Prozent zufriedenstellend war. Wenn das Model ein junges russisches Model ist, dann hat man auch dann ein Bild, wenn es nicht optimal gelaufen ist. So ist das mit der Schönheit.

INTERVIEW: Warum trägt Kristin Scott Thomas auf ihrem Porträt eigentlich eine blonde Perücke?

RHEIMS: Wir dachten wohl, das würde gut aussehen. Aber als ich sie dann fotografierte, gefiel es mir gar nicht gut. Ich glaube, blond ist nicht ihre Haarfarbe. Ich bat sie also, die Perücke abzunehmen und die Geste, die sie dann dabei machte sah toll aus! Nach nur fünfzehn Wiederholungen war das Ding im Kasten. (lacht)

INTERVIEW: Kürzlich erzählte mir eine junge Künstlerin davon, dass ihr in der Kunstszene das Leben mit sexueller Belästigung schwer gemacht würde. War das für Sie als weibliche Fotografin je ein Thema?

RHEIMS: Nie. Die Achtziger waren ohnehin eine sehr freie Zeit, da hatte jeder Sex mit jedem. Aber ansonsten ist da nie was vorgefallen. Natürlich gibt es immer wieder Arschlöcher, aber das hat nichts mit Sex zu tun – das sind einfach Arschlöcher.

INTERVIEW: Ihr Vater war ein bekannter Kunsthistoriker und Auktionator und später sogar der Nachlassverwalter Picassos. Wie war es mit soviel Kunst aufzuwachsen?

RHEIMS: Wir haben unsere Kindheit in Museen, in Kirchen und auf Friedhöfen verbracht, wo unsere Eltern uns an Gemälde und Skulpturen heranführen wollten. Ich fand das unheimlich langweilig und wollte natürlich lieber ins Kino oder in den Zirkus. Erst viel später wurde mir bewusst, wie privilegiert ich gewesen war und dass ich besser daran getan hätte, den Freunden meines Vaters einmal zuzuhören. Immerhin verbrachte ich meine Wochenenden mit Man Ray und André Breton – aber die fand ich eben sterbenslangweilig. Nichtsdestotrotz hat mich diese Erziehung sehr geprägt und meinen Blick geschult. Die Malerei ist nach wie vor meine größte Inspirationsquelle.

INTERVIEW: Sie haben einen Großteil Ihres Lebens in Paris verbracht. Hat die Stadt sich in Ihren Augen verändert?

RHEIMS: Leider schon. Früher hat es so einen Spaß gemacht, in Paris zu leben. Die Leute hatten Arbeit, es gab eine große kreative Szene, eigentlich war alles möglich. Heutzutage ist Paris sehr grau. Die Menschen haben kein Geld, viele haben Angst, man weiß nie wo und wann die nächste Bombe hochgehen könnte. Es fühlt sich an, als wäre die Stadt in eine düstere Wolke gehüllt. Wenn ich jung wäre, würde ich wegziehen. Aber eigentlich befindet sich die ganze Welt im Wandel, es sind einfach andere Zeiten.

Milla Jovovich, étude, March 2005, Paris © Bettina Rheims

Bettina Rheims wird vertreten von Camera Works.

Von: Anneli Botz