"Es ist das erste Mal, dass ich wirklich stolz darauf bin, dass ein Album meinen Namen trägt"

Charlotte forever! Neues Album! Neues Selbstbewusstsein! Neue Heimat! Neues Glück!

Foto: Collier Schorr, Styling: Suzanne Koller

Aufregung im Berliner Soho House. Charlotte Gainsbourg hat es irgendwie geschafft, ihre beiden Telefone zu verlieren. Eben waren sie noch da, jetzt sind sie weg. In einer ihrer beiden Suiten müssten sie eigentlich liegen, tun sie aber nicht. Weil sie auf lautlos gestellt wurden, kann man sie mit einem Anruf leider nicht finden. Mehrfach werden die Räumlichkeiten durchsucht, jedes Mal Fehlanzeige.

Als Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin zählt die 46-jährige Schauspielerin und Sängerin zum Hochadel der französischen Unterhaltungsindustrie. Sie hat über 50 Filme gedreht, wurde für „Antichrist“ und „Nymphomaniac“ mit diversen Schauspielpreisen ausgezeichnet und ist neuerdings das Gesicht von Saint Laurent. Gerade hat sie ihr viertes Studioalbum „Rest“ fertiggestellt, es ist das erste, bei dem die Songtexte von ihr selbst stammen. Die sonst notorisch schüchterne und unsichere Künstlerin wirkt rundum entspannt. Aber wo sind die Telefone? Sie entschuldigt sich kurz, um sich selbst auf die Suche zu machen, fährt dazu mit dem Fahrstuhl auf und ab und kehrt mit leeren Händen zurück. Plötzlich wird immerhin eines der Telefone in einer Zimmerecke entdeckt. Sie schaut auf das Display. Keine Anrufe von zu Hause: Unverschämtheit! Sie lacht, das Gespräch kann beginnen.

HARALD PETERS: Kann es sein, dass in Ihrem neuen Album viel mehr von Ihnen selbst steckt als sonst?

CHARLOTTE GAINSBOURG: Ja, das Album bin ziemlich ich. Aber ich habe noch keinen so richtigen Blick darauf. Es ist noch zu neu, obwohl wir vier Jahre daran gearbeitet und vor drei Jahren mit den Aufnahmen angefangen haben. Drei Jahre sind eine lange Zeit, also sollte ich es eigentlich einschätzen können. Kann ich aber nicht. Ich wollte nicht, dass es aufhört. Ich wollte nicht sagen: „So, jetzt ist es fertig.“ Der Schritt kam mir zu groß vor. Es fiel mir leichter, das eine oder andere Stück noch einmal neu aufzunehmen, weil ich vielleicht noch ein Wort ändern wollte. So ging es immer weiter, bis der Punkt kam, an dem ich mir gegenüber ein klein wenig brutal werden musste und „Stopp!“ sagte.

HP: Interessanterweise klingen auch manche Songs, als würden sie nicht enden wollen.

CG: Haha! Vielleicht.

HP: Vor allem der letzte Song „Les oxalis“ und der mit dem Video.

CG: „Rest“?

HP: Nein, der andere.

CG: „Deadly Valentine“?

HP: Ja, genau.

CG: Stimmt, das ist ein langes Lied.

HP: Was eine gute Sache ist.

CG: Ich mag es, wenn Lieder unterschiedlich lang sind. Ich weiß zwar, dass Radiosender Songs in einer bestimmten Länge bevorzugen, weil sie dann besser ins Programmformat passen, aber das ist mir egal. Und was Alben angeht: Ich mag es, wenn sie kurz sind, und mein neues Album ist nicht kurz genug. Aber ich konnte es nicht noch weiter kürzen.

HP: Wie lang ist es denn?

CG: Kürzer als eine Stunde. Irgendwas zwischen 45 und 50 Minuten. Weil es einen Hidden Track gibt. Es sind elf Songs und ein versteckter. Ursprünglich waren es 16. Von vier Stücken mussten wir uns verabschieden. Es fällt nicht leicht, Songs zurückzulassen, die einem etwas bedeuten. Aber ich bin mit der endgültigen Auswahl glücklich und auch mit der Reihenfolge. Es hat Ewigkeiten gedauert, bis ich die richtige Reihenfolge hatte. Ich bin nie weiter als vier Songs gekommen.

HP: Ich würde sagen, das der erste Song ziemlich offensichtlich ist.

CG: Ja, der erste ist offensichtlich und der letzte auch. Der Rahmen stand also fest, wie es aber innerhalb des Rahmens aussehen sollte, war nicht so leicht. Mal wirkte es zu schwer, mal ergab es keinen Sinn, mal waren sich die Songs, die aufeinander folgten, sich von der Stimmung her zu ähnlich. Für Künstler und Musiker mögen solche Dinge kein großes Problem darstellen, aber für mich … Ich weiß einfach nicht, wie solche Dinge funktionieren. Ich gehe an die Sache eher instinktiv heran. Ich probiere.

HP: Aber ist das nicht eher eine gute Sache? Das ist doch besser, als abgeklärt an solch einem Projekt zu arbeiten, oder?

CG: Ja, vielleicht ist es besser, sich eine gewisse Unschuld zu bewahren und ganz spontan zu handeln, sofern an einem vierjährigen Arbeitsprozess überhaupt noch etwas spontan ist. Bei Filmen mag ich es zum Beispiel lieber, wenn ich ein bisschen mehr darüber weiß, aber eigentlich geht es mir bei allen Dingen so, dass ich nie genau formulieren kann, was ich will, oder behaupten könnte, dass ich wirklich die Kontrolle habe.

HP: Bei den meisten Musikern ist es ja so, dass die jeweils ersten Alben die besten sind, weil sie noch keine Ahnung haben, was sie da eigentlich tun. „Rest“ ist nun nicht ihr erstes, sondern das vierte Album, aber …

CG: Mir geht es ähnlich. Ich mag erste Male, und dass ich im ersten Song von ersten Malen, ersten Schritten und solchen Dingen singe, ist kein Zufall. Bei den ersten Erfahrungen, die man macht, passiert immer etwas Magisches, und das ist bei diesem Album der Fall. Für mich ist es ein Debüt. Es ist das erste Album, bei dem ich auch die Texte geschrieben habe. Es ist das erste Mal, dass ich wirklich stolz darauf bin, dass ein Album meinen Namen trägt. Auf die Alben davor war ich ebenfalls stolz, aber ich habe irgendwie immer nur so getan, als wäre ich wirklich für sie verantwortlich gewesen. Und ich war ja auch in gewisser Weise für sie verantwortlich, weil ich zum Beispiel für „IRM“ sehr viel mit Beck (hat das Album produziert) geredet habe, sehr viele Dinge mit ihm geteilt habe, sodass das Endergebnis doch sehr persönlich war. Aber mir war es trotzdem peinlich, dass die Texte nicht von mir waren.

HP: Wie muss man sich das vorstellen? Dass Sie zum Beispiel mit Beck besprochen haben, dass Sie gern einen Song über dieses oder jenes Thema hätten und Sie darin folgende Dinge ausdrücken möchten? Und Beck ist dann nach Hause gegangen und am nächsten Tag mit dem fertigen Song wieder im Studio aufgetaucht?

Foto: Collier Schorr, Styling: Suzanne Koller

CG: Nein, bei Beck war es so, dass ich dabei sein konnte, während er schrieb.

HP: Er ist also sehr schnell.

CG: So schnell! Und das war ja auch einer der Gründe, warum ich nie selber geschrieben habe: weil ich immer von Leuten umgeben war, die so brillant waren. Beck zum Beispiel schreibt einen Text auf ein Stück Papier, während er nebenbei auf der Gitarre komponiert. obwohl, nein, das stimmt nicht. Bei Beck fängt es immer mit Beats an. Er hat dabei stets darauf geachtet, dass es für mich musikalisch in die richtige Richtung geht, und auf meine Vorschläge gehört, auch wenn ich gar kein Instrument spiele, na ja, ich habe hier und da ein wenig auf dem Piano geklimpert. Also, bei ihm fing es mit dem Beat an, dann hat er auf der Gitarre eine Melodie ausprobiert und sich danach mit Stift und Papier hingesetzt, während ich hinter meinem Computer so getan habe, als würde ich auch einen Songtext schreiben. Noch bevor ich auch nur eine Idee hatte, war er schon mit dem kompletten Stück fertig.

HP: Und Sie so: „Warum hab ich es überhaupt versucht?“

CG: Genau: „Warum hab ich’s nur versucht?“ Aber er meinte: „Es ist im Grunde ganz leicht, du musst nur diesen Damm durchbrechen.“ Sein Vorschlag war, dass ich versuchen sollte, den schlechtesten Song aller Zeiten zu schreiben. Und wenn ich den schlechtesten Song aller Zeiten geschrieben habe, könne ich loslegen und bessere Songs schreiben. Das war seine Theorie. Für mich hat sie aber nicht funktioniert. Also habe ich ihm meine Ideen gegeben. Die Sache mit dem MRT war ein guter Ausgangspunkt, darüber wollte ich auf „IRM“ sprechen, weil diese traumatische Erfahrung immer noch frisch war. (Gainsbourg hatte 2007 einen, wie es aussah, leichten Unfall beim Wasserski. Ein halbes Jahr später bekam sie schwere Kopfschmerzen, die, wie sich bei einer MRT-Untersuchung zeigte, von einer schweren Blutung ausgelöst wurden, die ihr Gehirn zur Seite drückte. Es kam zu einer Notoperation. MRT heißt auf französisch IRM, daher der Titel ihres dritten Albums.) Ich hatte immer noch Angst. Ich wollte über den Tod sprechen, es sollte um Erinnerungen gehen. Ich versuchte, bei meinen Gesprächen mit Beck so persönlich wie möglich zu werden. Dann hatte ich hier und da ein paar Wörter, die mir wichtig waren, ein paar Songtitel. „Heaven Can Wait“ kam zum Beispiel von mir. Aber, nun ja, alles in allem war ich mit meiner Leistung nicht sonderlich zufrieden.

HP: Also haben Sie sich bei dem neuen Album gezwungen, die Texte selbst zu schreiben.

CG: Deswegen hat es auch so lang gedauert. Ich weiß immer noch nicht, ob ich mit dem, was ich geschrieben habe, wirklich zufrieden bin. Jedes Mal, wenn ich die Songs höre, vergesse ich die Texte wieder, sie scheinen nicht so wichtig zu sein. Aber vielleicht ändert sich das, wenn ich endlich das fertige Produkt in Händen halte. Dann kann ich die Texte gedruckt lesen und bekomme dadurch die nötige Distanz. Vielleicht verstehe ich dann, was ich da gemacht habe. Ich meine, ich weiß natürlich, was ich gemacht habe, aber mir gefällt es, ein bisschen vage zu bleiben. obwohl ich mir die Songs wirklich sehr, sehr oft angehört habe, kommt es mir vor, als würde ich sie nicht kennen. obwohl ich sie geschrieben habe, könnte ich Ihnen jetzt jedenfalls keinen der Texte aufsagen.

HP : Statt mit Beck haben Sie das neue Album mit dem französischen Musiker und Produzenten SebastiAn aufgenommen.

CG: Ja,irgend wann wurde der Wunsch deutlicher, mit dem nächsten Album elektronischer zu werden. Mir waren SebastiAns Arbeiten aufgefallen, und ich wollte mich mit ihm treffen. Also kam er zu mir nach Hause, und ich muss sagen, dass es nicht besonders gut lief. Er kam zu spät, er war betrunken, er wollte ein Bier haben, aber ich hatte kein Bier. Er hat sich sehr selbstbewusst gegeben, aber ich habe sofort gemerkt, dass er es nicht war. Er war sogar ziemlich schüchtern. Er hat mir dann einen Vortrag gehalten, was ich tun und nicht tun sollte. Ich sollte ein Album mit französischen Songs aufnehmen und so singen, wie ich es auf dem Album getan habe, dass ich mit meinem Vater aufgenommen habe, als ich 16 war, und so weiter. Und ich dachte nur: „Oh je, bye bye!“ Hahaha!

Charlotte Gainsbourg: “Ich kann mich in Frankreich nicht mit anderen eltern in ein Café setzen, um einen Tee zu trinken. Das kann ich einfach nicht tun”
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HP: Aber dabei ist es offensichtlich nicht geblieben.

CG: Ja. obwohl er überhaupt keinen guten Eindruck hinterlassen hat, dachte ich, dass er vielleicht doch interessanter sein muss, als es zunächst den Anschein hatte. Der zweite Anlauf war, dass ich ihm eine Liste mit Soundtracks gab, die eine Inspiration sein sollten. Das waren hauptsächlich Soundtracks von Horrorfilmen wie zum Beispiel „Der weiße Hai“.

HP: Ach!

CG: Ja, die Musik ist ziemlich orchestral und aggressiv. Andere Filme waren „Psycho“, „The Shining“, „Carrie“ und „Midnight Express“, obwohl „Midnight Express“ technisch gesehen kein Horrorfilm ist.

HP: Aber warum ausgerechnet Horrorfilme?

CG: Weil sie als Kind und Teenager einen großen Eindruck auf mich gemacht haben und immer noch sehr präsent sind. Schon bei „5:55“, dem Album, das ich mit Air aufgenommen habe, hatte ich die Idee. Soundtracks von Horrorfilmen arbeiten oft mit kindlichen Melodien, weil es besonders beängstigend ist, wenn man Kinder und dunkle Themen kombiniert. Jedenfalls hat SebastiAn auf Basis der Liste, die ich ihm geschickt hatte, eine Reihe von Demos produziert, und sie waren genau das, was ich mir vorgestellt hatte.

HP: Seine unfreundliche Trunkenheit war damit entschuldigt.

CG: Oh ja! Wir haben uns dann wieder getroffen, aber die Sache brauchte Zeit. Und dann – aber das ist eigentlich seine Geschichte – hörte er komplett mit dem Trinken auf, er war plötzlich wie neu, eine andere Person. Das Projekt entwickelte sich jedenfalls sehr, sehr langsam, wir kamen irgendwie nicht in Schwung. Ich hatte die Demos bestimmt für Monate, wenn nicht sogar ein Jahr. Und dann starb ja meine Schwester in Paris, was natürlich eine sehr traumatische Erfahrung war. Aber ich schrieb immer weiter und traf dann Guy-Man von Daft Punk.

HP : Wie nennen Sie ihn?

FOTO: COLLIER SCHORR, STYLING: SUZANNE KOLLER

CG: Guy-Man. Er heißt ja eigentlich Guy-Manuel de Homem-Christo, aber das ist für den Alltagsgebrauch einfach zu lang. Er meinte zu mir, dass er einen Loop habe, den ich verwenden könne, wenn ich wolle. Also hörte ich ihn mir an. Es war eine sehr kindliche, eindringliche und unschuldige Melodie, die eine ziemlich eigentümliche Stimmung verbreitet. Ich mochte sie sehr und zeigte ihm meine Texte, die ich für passend hielt. Wegen des Todes meiner Schwester waren sie alle sehr düster. Guy-Man meinte dann, dass es zu viel sei: „Wir müssen das reduzieren, vereinfachen. In meiner Vorstellung höre ich nicht mehr als zwei Worte pro Vers.“ Das war natürlich schwer, aber wir haben uns hingesetzt und das Problem gemeinsam gelöst. Ich rede von dem Titelsong „Rest“.

HP: Was bedeutet der Titel für Sie?

CG: Im Französischen bedeutet „rest“ „bleib“, und im Englischen ist es „Ruhe“ so wie in „Ruhe in Frieden!“ und natürlich auch „der Rest“, also die Dinge, die übrig bleiben. Wir haben den Song dann sehr schnell aufgenommen, und Guy-Man hat ihn nur eine Woche später abgemischt. Das war vor dreieinhalb Jahren. Wir hätten den Song schon damals veröffentlichen können, aber wir haben uns entschieden, ihn für das Album, an dem ich mit SebastiAn weiterarbeiten wollte, zu sparen. Und dann bin ich nach New York abgehauen.

HP: Warum?

CG: Um meinem alten Leben zu entkommen. Ich war am Ertrinken, ich konnte mit dem Tod meiner Schwester nicht umgehen, es war einfach unmöglich. Ich suchte Hilfe, versuchte Lösungen zu finden … Die Hoffnung war, dass ein Ortswechsel helfen würde. Also haben wir uns dafür entschieden, nach New York zu gehen. Es machte Sinn.

HP: Warum?

CG: Keine Ahnung! Heute weiß ich, dass meine einzige Verbindung zu New York meine Schwester ist. Sie hatte einen englischen Vater (der Komponist John Barry), der in Long Island wohnte. Sie war also oft in New York, ich eher nie. Als wir bereits dort lebten, fiel mir dieser Zufall auf. Man versucht ja immer, Bedeutung in Zufällen zu erkennen. Aber davon abgesehen kam uns New York wie eine gute Lösung vor, weil es nicht Europa war und damit weit genug weg, aber trotzdem einigermaßen nah, weil die Verbindung nach Paris ja recht unkompliziert ist.

HP: Ich denke auch, dass für Sie das Leben in New York deutlich unkomplizierter sein dürfte. In Paris kennt Sie jeder, seit Sie ein Baby waren. In New York wahrscheinlich eher nicht.

CG: Ja, das ist eine Sache, die ich mit großer Freude entdecken durfte. Bevor wir umzogen, war mir gar nicht klar, was das bedeutet. Dass ich in der Lage war, einfach auf die Straße zu gehen, habe ich erst da realisiert. Dort konnte ich mich auf meine Kinder konzentrieren, sie zur Schule bringen, Dinner kochen – ich brauchte das, wir brauchten das. Wir fünf mussten uns als Familie wiederfinden. Ich musste meinen Kindern zeigen, dass ich immer noch ihre Mutter war, dass ich immer noch funktionierte. Es war wie eine Wiedergeburt. Und New York gab mir die komplette Freiheit, auch in künstlerischer Hinsicht.

HP: Wie meinen Sie das?

CG: New York hat mir nicht nur ermöglicht, einfach nur eine Mutter zu sein, zu Elternabenden zu gehen und mit anderen Müttern zu reden, also ganz einfache Dinge zu tun. In Frankreich erkennen mich die Leute sofort. Das liegt nicht an ihnen, sondern an mir, denn ich bin ja diejenige, die bekannt ist – aber es ist Teil des Jobs, und ich will mich darüber nicht beschweren. Aber ich kann mich in Frankreich nicht mit anderen Eltern in ein Café setzen, um eine Tasse Tee zu trinken. Das kann ich dort einfach nicht tun.

HP: Es ist ja auch so, dass jeder, den Sie in Frankreich treffen, bereits eine Meinung über Sie hat.

Charlotte Gainsbourg: “Ich habe mir ständig die Musik meiner Eltern angehört. Wenn ich mir meine Kinder ansehe, frage ich mich natürlich, warum sie sich meine Musik nicht anhören”
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CG: Genau. Aber in New York habe ich Leute getroffen, die mich nicht kannten. Manchen habe ich erzählt, warum ich Frankreich verlassen habe, manchen wiederum nicht, aber das spielte keine Rolle. Es hat Spaß gemacht, so wie jeder andere zu sein. Dadurch konnte ich auch meine Identität akzeptieren, ich fand es plötzlich wieder toll, eine Französin und Engländerin zu sein, die französische und englische Texte schreibt. Die Amerikaner haben ja das große Talent, alles willkommen zu heißen, und zunächst einmal allen möglichen Dingen grundsätzlich positiv gegenüberzustehen. Manchmal kann es einem zu viel werden, weil es mitunter so wahnsinnig oberflächlich wirkt, aber für eine Weile kann es auch großartig sein. Mir hat es jedenfalls sehr geholfen, weil ich plötzlich den Mut hatte, neue Dinge zu tun: Texte zu schreiben, Videos zu drehen, zu fotografieren, zu zeichnen, mich künstlerisch auszudrücken. In Amerika ist das ja keine große Sache. Dort ist es ja nicht nur so, dass alles „amazing“ und „wonderful“ ist, sondern auch so, dass es eigentlich niemanden so richtig interessiert. In New York ist irgendwie jeder ein Künstler. Alle haben sich schon mal an irgendetwas versucht, Klamotten gemacht, gemalt, gezeichnet, was auch immer.

HP: Alle sind quasi rund um die Uhr damit beschäftigt, sich selbst auszudrücken.

CG: Ganz genau. (Plötzlich springt der Fernsehapparat an. Der Sender ist auf CNN gestellt, Harvey Weinstein ist zu sehen, Charlotte Gainsbourg fängt an zu singen: „He’s going down! Hahaha“) Aber zurück zum Thema: Wenn jeder ein Künstler ist, spielt die Frage, ob man Talent hat oder nicht, keine Rolle mehr. Die Frage, ob etwas gut ist oder schlecht, hat keine Bedeutung. Ich brauchte das. In Frankreich führte alles, was ich getan habe, gleich zu der Frage, ob ich so gut wie mein Vater, so gut wie meine Mutter bin.

HP: Aber diese Frage stellen Sie sich doch auch selbst andauernd. Jedenfalls haben Sie früher gesagt, dass Sie sich ständig mit ihnen vergleichen.

CG: Mache ich ja auch, aber das heißt ja nicht, dass ich möchte, dass andere mich vergleichen.

HP: Ihre gesamte Familie taugt ja zu einer ununterbrochenen Vergleicherei: Vater, Mutter, ihre Schwester Lou. Sind Sie eigentlich ehrgeizig?

CG: Äh, …ja! Aber mit meinen Eltern kann ich sowieso nicht mithalten. Kann ich einfach nicht. Die Schlacht ist verloren. Das heißt nicht, dass ich deswegen nicht auf dem gleichen Gebiet arbeiten kann. Es heißt lediglich, dass ich dabei nicht so selbstsicher bin. Manchmal fragen mich die Leute: „Warum bist du Schauspielerin, wenn du so unsicher und schüchtern bist?“ Und genau das ist der Grund: weil ich schüchtern bin, weil ich auf mich aufmerksam machen muss. Ich kenne viele Schauspieler, die wahnsinnig schüchtern sind. Schüchternheit ist für große Schauspielkunst zwar keine Grundvoraussetzung, aber meiner Meinung nach macht es Sinn. Gerade als schüchterner Mensch treibt man sich bis an die Grenzen und darüber hinaus, um sich selbst zu beweisen, dass man Sachen kann.

FOTO: COLLIER SCHORR, STYLING: SUZANNE KOLLER

HP: Aber man macht diese Sachen ja als eine andere Person. Weil man eine Rolle spielt, ist man nicht man selbst.

CG: Man ist nie man selbst. Deswegen habe ich auch den Song „I’m a Lie“ geschrieben, ich bin eine Lüge. Das Problem mit dieser Aussage ist, dass man die Behauptung einer Lüge als Lüge bezeichnen könnte und sich dann nur noch im Kreis dreht, aber: Ja, ich spiele eine Rolle, und nein, ich weiß eigentlich auch nicht so genau, wo ich eigentlich stehe. Aber das ist Teil des Jobs.

HP: Ihre Musik klingt neuerdings viel französischer als auf den Alben davor. Es erinnert mich an irgendetwas Französisches aus den Siebzigern und Achtzigern, obwohl ich nicht behaupten kann, französische Musik aus jener Zeit zu kennen.

CG: Ich weiß, dass SebastiAn sich ebenfalls an Soundtracks orientiert hat, zwar nicht von Horrorfilmen, aber von französischen Filmen aus den Siebzigern.

HP: Dann ist es wahrscheinlich meine Erinnerung an diese alten Filme, weswegen mir die Musik so französisch vorkommt.

CG: Ganz bestimmt. Er hat diese Art von Filmmusik mit den Horrorfilm- Soundtracks, die ich ihm vorgeschlagen habe, und die Musik meines Vaters als Inspirationsgrundlage genommen. Irgendwo schwingt immer etwas mit, das an das „Histoire de Melody Nelson“- Album meines Vaters erinnert. Sei es der Bass oder die Streicher, es gibt viele Sounds, die typisch sind für seine Musik. Wir haben uns ganz bewusst daran orientiert.

HP: Ach so! Das ist also kein Zufall gewesen.

CG: Nein. Aber wir haben nie darüber gesprochen. Es gab da ein stilles Übereinkommen. Aber so war es auch bei meiner Zusammenarbeit mit Beck, mit Air und Jarvis Cocker. Wir haben nie gesagt, dass ein Song ein bisschen mehr nach „Melody Nelson“ klingen müsse. Aber die neuen Songs sind sehr französisch, SebastiAn ist sehr französisch. Es hat ihm auch gar nicht gefallen, für das Album öfter nach New York zu kommen. Er hat diesen sehr französischen Vibe.

HP: Er war also stets anwesend, als Sie das Album aufgenommen haben?

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CG: Ja, genau, sonst wären wir nämlich nicht vorangekommen, so wie in dem ersten Jahr in Paris, wo wir nur ein paar Meetings hatten, aber nie im Studio waren. Überhaupt kam mir seine Art zu komponieren sehr mysteriös vor. Ich hatte davor ja das Album mit Beck aufgenommen und daher erwartet, irgendwelche Instrumente zu sehen. Ich dachte immer: „Wie machst du eigentlich deine Musik? Und wenn du alles auf dem Computer arrangierst, dann zeige mir doch zumindest deinen Rechner!“ Aber nein, es blieb alles sehr geheimnisvoll. Er zog sich in seinen Keller zurück, obwohl, stimmt gar nicht, er hatte damals eine Einzimmerwohnung, eine ziemlich beschissene, wenn ich das so sagen darf. Sie sah wie eine typisch unordentliche Junggesellenwohnung aus, obwohl er mit seiner damaligen Freundin dort lebte.

HP: Aber es war nicht die Freundin, die sich von ihm getrennt hat, weil er ihr nicht auf Facebook folgen wollte?

CG: Was?

HP: Kennen Sie die Geschichte nicht? Auf dem aktuellen Frank Ocean-Album erzählt SebastiAn diese kleine Episode aus seinem Leben.

CG: Nein, die Geschichte kenne ich gar nicht. Ich kenne seine aktuelle Freundin, seine Verlobte. Und ich weiß, dass er mit Frank ocean zusammengearbeitet hat, was auch ein Grund war, warum es mit dem Album so lange dauerte. Jedenfalls kam er nur ungern nach New York. Und wenn er kam, hatte er die Musik dabei, und wenn er abreiste, nahm er die Musik wieder mit. Ich hatte nie einen Überblick. Ich sagte immer: „Lass mir doch wenigstens die Gesangsspuren da, damit ich sie mir in Ruhe anhören kann.“ Ich brauche nämlich immer erst Abstand, bevor ich sie mir anhören kann, das geht nie sofort. Beim Schauspielen geht es mir genauso. Ich kann mir die Aufnahmen nie gleich nach der Szene ansehen. Und wenn mich jemand fotografiert hat, kann ich mir auch die Fotos nicht anschauen. Ich weiß, dass meine erste Reaktion negativ sein wird: „oh je! Welch Enttäuschung!“ Ich bin froh, dass ich jemanden habe, der sich für mich die Fotos anschaut, meine Freundin Nathalie Canguilhem. Sie ist eigentlich Regisseurin, aber sie hat mir bei dem visuellen Konzept für das neue Album geholfen. Immer, wenn sie mir Fotos zur Freigabe schickt, sage ich nur: „Die sind ja grauenhaft! Entsetzlich!“ Am nächsten Tag schaue ich sie mir noch einmal an und denke: „Na ja, okay, wenn’s sein muss.“ Weil ich mich nicht mag, muss ich mich immer noch an mich selbst gewöhnen. Das hat natürlich mit Eitelkeit zu tun. Ich hoffe jedes Mal, dass ich hübscher aussehe, was auch daran liegt, dass man sich im Spiegel meist als sehr viel hübscher wahrnimmt. Ich denke auch immer, dass ich eine bessere Stimme habe.

HP: Wie passend, dass Sie Sängerin und Schauspielerin geworden sind. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung.

Charlotte Gainsbourg: “Äußerlichkeiten
waren für meine eltern eine wichtige Sache. Wenn jemand hübsch war, galt er automatisch als irre interessant”
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CG: Das hat natürlich auch mit meinen Eltern zu tun. Meine Mutter war eine so wunderschöne Frau, sie ist es immer noch. Da kann ich wirklich nur sehr schwer mithalten, vor allem wenn man mit der Idee groß wird, dass körperliche Schönheit das Beste und Wichtigste ist, was es gibt. Das galt in meiner Familie aber nicht nur für Frauen. Meinem Vater war sein Aussehen zum Beispiel immer total peinlich, das war für ihn ständig ein Thema. Äußerlichkeiten waren für meine Eltern eine wichtige Sache. Wenn jemand hübsch war, galt er automatisch als irre interessant.

HP: Das hängt wahrscheinlich mit dem Arbeitsfeld zusammen.

CG: Ja, aber es ging auch um ihre Funktion als Eltern. Als Eltern muss man doch in allem, was die eigenen Kinder tun, Schönheit sehen. Aber so war es bei uns zu Hause nicht.

HP: Was halten Ihre Kinder eigentlich von Ihrer Musik?

CG: Es ist seltsam. Meine Kinder haben nicht das Verhältnis zu ihren Eltern, das ich zu meinen Eltern hatte. Ich habe mir quasi ständig die Musik meiner Eltern angehört. Das lag natürlich auch daran, dass man damals wegen der technischen Voraussetzungen Musik immer gemeinsam gehört hat. Es gab noch keinen Walkman und all die anderen Geräte, die darauf folgten. Wenn eine Platte lief, dann haben sie alle gehört. Wenn meine Eltern ihre Platten aufgenommen haben, dann haben sie sich die Songs zu Hause angehört, und wir haben das automatisch mitbekommen. Aber als Teenager habe ich ihre Sachen auch ständig aufgelegt. Wenn ich mir heute meine Kinder ansehe, frage ich mich natürlich, warum sie sich meine Musik nicht anhören. Irgendwie ist mein Beruf nicht Teil des Familienalltags, und auch Yvans Beruf (Yvan Attal, Regisseur, Vater ihrer drei Kinder) hat nichts mit unserem Alltag zu tun. Ich meine, klar, es ist irgendwie präsent, weil wir beide sehr beschäftigt sind. Sie wissen also, was wir beruflich tun, aber es scheint ihnen auch einigermaßen egal zu sein.

HP: Aber irgendeine Meinung müssen sie doch dazu haben.

CG: Ja, schon. Wegen „Antichrist“ und „Nymphomaniac“ hat sich mein Sohn sehr für mich geschämt, das war für ihn wirklich nicht leicht. Er war Teenager, und das Internet war voll davon. Meine Tochter war zu klein, um es mitzubekommen. Sie war wegen „Nymphomaniac“ ein bisschen beunruhigt, aber damals lebten wir bereits in New York, sie hat also nicht allzu sehr gelitten.

HP: Fanden die Kinder den Umzug gut?

CG: Ja, das war so lustig. Ich meinte damals zu ihnen: „Ihr wisst schon, dass euch in New York keiner kennt. Wir sind dort nicht berühmt.“ Und meine Tochter sagte: „Ich weiß, ich weiß. Kann ich den Leuten sagen, dass du Bäckerin bist?“ Hahaha! Ihr Idealbild einer Mutter ist also eine backende Frau. Das fand ich sehr süß. Aber wenn man berühmt ist, dann bedeutet das für die Kinder immer eine Last.

HP: Haben Sie das als Kind so empfunden?

CG: Meine Mutter hat uns Kindern immer das Gefühl gegeben, dass sie einen Traumjob hat. Alles daran war einfach wunderbar. Zu spielen war ein Traum, vor der Kamera stehen ein großes Glück. Deswegen war für mich der Job immer positiv konnotiert, wenn man mal von den Schwierigkeiten absieht, die das konkrete Schauspielern so mit sich bringt. Aber der Job an sich war rundherum gut. Ich hoffe, dass ich meinen Kindern etwas Ähnliches vermitteln kann und konnte. Das Problem ist, dass die Rollen, die ich spiele, es mir nicht immer leicht machen. Aber ich mag nun mal die etwas härteren Rollen. Ich weiß nicht, ob sie das verstehen können oder begreifen. Aber ich hoffe es zumindest.

„ResT“ ist bei Warner Music erschienen.

Interview: Harald Peters

Fotos: Collier Schorr, Styling: Suzanne Koller

Das Interview stammt aus der Winter 2017/18-Ausgabe der Inter/VIEW und kann hier bestellt werden.

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