"Ich bin Anarchist,
wenn es um Modetrends geht"

Der Designer Craig Green wurde mit seiner Abschlusskollektion von der britischen Presse verhöhnt. Kurz darauf kleidet er mit seiner poetischen Männermode die größten Popstars unserer Zeit ein, stattet Hollywoodfilme aus und wird von den Kritikern bejubelt wie kaum ein anderer Londoner Designer seiner Generation. Wie hat er das bloß geschafft? Ein Besuch in seinem Atelier.

Craig Green | Foto: Blommers & Schumm

Ein ehemaliges Werftgelände im Londoner In-Viertel Hackney. Craig Green öffnet das Tor zu seinem Studio in schwarzer Jacke, schwarzen Jeans und knöchelhohen Converse-Turnschuhen – auch in Schwarz – und führt durch winzige Schnitträume, vorbei an Zeichentischen in einen Meetingraum, in den gerade vier Stühle und ein quadratischer Tisch passen. Wer die Größenverhältnisse in London kennt, weiß: Für einen Jungdesigner ist das ein Palast. In fast kometenhafter Geschwindigkeit ist der Designer zum neuen Star der Londoner Modewoche aufgestiegen. Bis 2012 hat er am Central Saint Martins College zunächst Kunst und später Mode studiert, um erst für den Designer Henrik Vibskov und dann Walter Van Beirendonck zu arbeiten. 2014 gründete er sein eigenes, gleichnamiges Menswearlabel. Kurz darauf bewarben sich einige der einflussreichsten Modeleute um Jobs bei ihm, darunter der Fotograf Nick Knight oder der Sounddesigner Frédéric Sanchez, ohne jede Gage. Die aktuelle Sommerkollektion von ihm – dekonstruierte Trenchcoats, ritterrüstungshafte Patchworkjacken und von Outerwear inspirierte Kapuzenshirts – hängt in angesagten Boutiquen wie Dover Street Market in London und Ssense in Montréal. Seine kostümhaften Entwürfe haben Green einen Job als Ausstatter für Ridley Scotts Prometheus-Fortsetzung Alien: Covenant eingebracht. Er entwarf alle Outfits, die im Raumschiff getragen werden. Bei dieser martialischen Mode kaum zu glauben: Craig Green beendet jede Antwort mit einem unpassend lauten Lachen. Es scheint fast, als wäre ihm der Wirbel unangenehm, der gerade um ihn gemacht wird.

Interview Herr Green, der Designer Jonathan Anderson trägt am liebsten Jeans und T-Shirt, Raf Simons weiße Hemden zu Strickpullis und Sie Jeans und Turnschuhe. Warum kleiden sich ausgerechnet die radikalsten Männermodedesigner in Uniformen?

Craig Green Ich kann nur für mich sprechen: Ich gehe einfach nicht gerne shoppen. Das ödet mich an. Seit ich ein Teenager bin, ziehe ich nur Levi’s-Jeans und Chucks an. Ich bin da wie Marge von The Simpsons. Als sie einmal die Tür zu ihrem Kleiderschrank öffnet, sieht man überall dasselbe blaue Kleid und dieselbe Perlenkette. Ähnlich eintönig sieht es auch bei mir aus. Das gibt mir Sicherheit. Wenn mal die Passform meiner Levi’s geändert wird, bringt mich das total aus dem Konzept. Bei meinem eigenen Kleidungsstil bin ich Autist. Ich besitze fünf T-Shirts, zwei Jeans und eine Jacke.

Interview Für einen Designer, von dem es gerade heißt, er revolutioniere die Männermode, ist das überschaubar. Warum sieht man Sie nicht in Ihren eigenen Entwürfen?

Green Moment. Ich trage schon meine eigenen Sachen. Die Jacke ist aus meiner eigenen Kollektion. Sie ist einem Lieblingsstück nachempfunden, einer Workwear-Jacke, die ich getragen habe, bis sie auseinandergefallen ist. Neben den experimentellen Teilen, die ich auf dem Laufsteg zeige, gibt es auch solche tragbaren Sachen. Sie bilden so etwas wie meinen persönlichen Kleiderschrank ab. Meine Runwaystücke sind mir zu kompliziert für den Alltag. Die ganzen Bänder und Schlaufen an meinen Entwürfen sind einfach unpraktisch. Ich verfange mich darin ständig in Autotüren und bleibe überall hängen.

Interview Die Zeitung „Daily Mail“ hat Ihre Abschlusskollektion einem Alltagstest unterzogen. In der Modenschau hatten Sie den Models Sperrholzrahmen um den Kopf gebaut. Dafür wurden Sie von der britischen Presse verspottet. Ein Journalist nannte Sie in Anlehnung an die Designerin Vivienne Westwood „Vivienne Wastewood“, also Sperrmüll.

Green Der Name ist zugegeben ziemlich lustig. Aber damals konnte ich natürlich erst mal nicht darüber lachen. Ich war ziemlich deprimiert, fühlte mich wie ein Witz. Ich war noch unerfahren. Es war meine erste Show nach meinem Abschluss, und ich begann zu zweifeln, ob es überhaupt der richtige Job für mich ist. Ich hatte auch schon geahnt, dass die Presse nichts Gutes im Sinn hat.

Interview Erzählen Sie.

Green Ein Redakteur der „Daily Mail“ rief sofort nach der Show an, um die Looks zu bestellen. Angeblich für ein Shooting. Wir haben freundlich abgesagt. Sie haben dann Bretter aus dem Baumarkt besorgt und einen Look nachgebaut. Damit haben sie ein Model durch London geschickt und die Reaktionen dokumentiert. Die Leute waren verstört. Bei Harrods wurde ihm sogar der Zutritt verweigert. Können Sie sich das vorstellen? Bei Harrods? Erst war ich geschockt. Rückblickend bin ich aber dankbar, dass es passiert ist. Es hat meine Karriere losgetreten. Auch schlechte Nachrichten können eben gute Nachrichten sein.

Interview War es Teil Ihres Businessplans, auf den Titelseiten der englischen Boulevardpresse zu landen?

Green Nein, nein. Es war nie meine Absicht, eine Kollektion zu entwerfen, die darauf abzielt, möglichst verrückt zu sein und in der „Daily Mail“ Schlagzeilen zu machen. Ich habe die Kollektion so inszeniert, weil ich es poetisch fand, nicht um zu schocken. Die Reaktionen waren extrem. Es war kaum auszuhalten. Irgendwann kam ich aber zu der Überzeugung, dass es doch gut ist, Meinungen zu spalten. Mir gefällt es, dass meine Sachen die Leute zum Nachdenken bringen, dass sie eine Reaktion hervorrufen. Selbst wenn sie es ablehnen.

Interview Die Presse ist mittlerweile sehr nett zu Ihnen. Bei der Modenschau für Ihre Sommerkollektion 2015 haben Sie die Front­row zum Weinen gebracht. Modekritiker twitterten, wie ergriffen sie waren. Was war passiert?

Green Irgendwie herrschte an dem Tag eine komische, emotionale Stimmung. Louise Wilson war gerade erst verstorben.

Interview Die legendäre Modeprofessorin vom Central Saint Martins College, von der es heißt, Sie habe mit ihrer knallharten Art Alexander McQueen zu McQueen gemacht. Sie selbst haben auch bei ihr studiert.

Green Ja, sie war eine fantastische Lehrerin. Wir standen alle durch ihren Tod noch immer unter Schock. Als wir einen Probedurchlauf machten, lagen meine Nerven blank. Ich dachte, alles würde schieflaufen und, dass es die schlechteste Show werden würde, die ich je gemacht habe. Es war das erste Mal, dass ich auf Farben und Prints verzichtete. Davor gab es handbemalte Teile mit Batikmustern. Die Musik war immer sehr radikal. Jetzt spielten wir klassische Musik und Enya. Dazu ließ ich die Models barfuß laufen. Plötzlich erschien mir alles total langweilig. Es war ein Desaster. Ich war überrascht, als ich später erfuhr, dass die Leute so berührt waren, dass sie weinen mussten. Ich kann es mir bis heute nicht erklären. Vielleicht lag es an Enya.

Interview Rei Kawakubo, die Designerin von Comme des Garçons, studierte Bildende Kunst, der Designer Joseph Altuzarra Kunstgeschichte, und auch Sie studierten Kunst. Sind Künstler die besseren Modedesigner?

Green Manchmal ist es einfach nützlich, gar keine Ahnung von etwas zu haben. Ich hatte vor meinem Studium nie ein Modemagazin in den Händen und wusste ehrlich gesagt gar nicht, dass das Central Saint Martins College so berühmt für seine Modeklassen ist. Das war aber gut so. Es hat mir erlaubt, absolut frei zu denken. Wenn ich zurückgehen und meinen Abschluss jetzt machen würde, glaube ich nicht, dass ich noch diese Freiheit von damals hätte. Ich weiß jetzt einfach zu viel über das Modebusiness. Hätte ich als Kind „Vogue“ gelesen und wäre modeverrückt gewesen, sähe meine Arbeit nicht so aus, wie sie aussieht. Ich würde viel stärker in Trends denken. So habe ich meinen eigenen Trip.

Interview Da entwerfen Sie Mode, die von der Modepresse bejubelt wird, und am Ende landen Ihre Runway-Entwürfe in Museen und nicht auf der Straße. Frustriert Sie das?

Green Ganz und gar nicht. Das ist großartig, weil wir keinen Platz haben, die Sachen zu lagern. Aber im Ernst: Es ist schön zu wissen, dass die Sachen Teil eines Archivs sind und sich jemand darum kümmert. Ein privater Sammler aus Griechenland hat direkt fünf Stücke aus meiner Abschlusskollektion gekauft. Seither kauft er mindestens einen Komplett-Look pro Saison. Und das Metropolitan Museum in New York und das Museum of Scotland haben Teile aus meiner Frühjahr/Sommer-Kollektion 2015 gekauft. Für mich ist es eine große Anerkennung und die Bestätigung, dass ich etwas entworfen habe, das die Mode überdauert. Neben allen kommerziellen Zwängen ist es mir wichtig, dass meine Mode fantasievoll bleibt.

Interview Besonders Popstars kleiden sich für ihre Auftritte gerade sehr gerne in Ihren Entwürfen. Drake und Rihanna haben ihre Welttourneen in Outfits von Ihnen eröffnet.

Green Ja, es hat sich alles so ergeben. Ich habe mich immer davor gescheut, Promis Sachen zu leihen. Ich wollte nie als der Designer berühmt sein, dessen Sachen Rihanna oder Drake tragen. Drake hat sie sich einfach gekauft und wurde darin abgelichtet. Besser hätte ich es nicht planen können. Denn meine Mode ist überhaupt nicht von der Musikkultur inspiriert. Ich habe nicht wie andere Designer Musen aus dem Musikbusiness. Aber ich bin sehr dankbar, dass ich von Popstars entdeckt wurde. Es war der logische nächste Schritt in meiner Karriere. Mein Label fand urplötzlich auf einer Weltbühne statt.

Interview Künstlerinnen wie Rihanna und FKA Twigs sind ganz verrückt nach Ihren Sachen. Und wenn man in den großen Department-Stores nachfragt, heißt es, dass vorwiegend Frauen bei Ihnen in der Männerabteilung kaufen. Überrascht Sie das?

Green Überhaupt nicht. Das höre ich immer wieder. Für mich ist es einfach ein Zeichen der Zeit. Ich finde es großartig, dass meine Mode gleichzeitig sowohl Männer als auch Frauen einkleidet. Es fühlt sich vollkommen natürlich an. Ich muss gestehen, besonders die Runwaylooks stehen Frauen besser.

Interview Bitte?

Green Ja, das sehe ich übrigens nicht als Einziger so. Ungefähr 70 Prozent der Presse, die ich bekomme, zeigt meine Sachen an weiblichen Models. Und es war ja schon immer so, dass sich Frauen Männersachen angeeignet haben: den Tuxedo, das weiße Hemd. Ich kenne kaum Männer, die in der Frauenabteilung einkaufen. Sicher gibt’s das auch. Aber es ist eher andersherum.

Interview Nachdem Unisex lange ein Ladenhüter war, wird damit heute selbst High-Street-Fashion verkauft. Stört es Sie, dass es als Trend vermarktet wird?

Green Davon grenze ich mich entschieden ab. Ich habe noch nie Männer in Röcke gesteckt. Der Trick ist mir zu simpel. Meine Mode ist auf solche Art und Weise dekonstruiert, dass sie nicht mehr eindeutig als Männermode erkennbar ist. Diese Uneindeutigkeit ist einfach zeitgemäß.

Craig Green: “Bei meinem eigenen Kleidungsstil bin ich Autist”
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Interview Modekritiker behaupten, Sie seien ein „Mode-Anarchist“. Was haben Sie gegen Trends?

Green Tun sie das? Das wusste ich noch gar nicht. Ich bin jedenfalls kein Anarchist in dem Sinne, dass ich das Modesystem infrage stelle und zum Erliegen bringen möchte. Ich bin Anarchist, wenn es um Modetrends geht. Sie langweilen mich zu Tode. Sie erneuern nichts. Mich interessiert Mode, die Gefühle transportiert, die poetisch ist.

Interview Die Models bei Ihren Modenschauen erinnern an Zen-Meister, Priester und Nomaden aus einer mittelalterlichen Zukunft – oder liegen wir falsch?

Green Nein. Als Jugendlicher war ich besessen von dem Film The Wicker Man. Es ist ein Horrorthriller aus den 70er-Jahren, der einen starken religiösen Subtext hat. Es geht um Kulte. Meine Abschlusskollektion war stark davon inspiriert. Und von dem Film Das Dorf der Verdammten, einem Science-Fiction-Film aus den 60er-Jahren. Die Frauen in einem Dorf werden von Aliens geschwängert und gebären alle strohblonde Kinder. Sie tragen alle steingraue Anzüge. Die Stimmungen aus diesen Filmen treffen bei mir auf Workwear, was wohl den leicht martialischen, aber auch spirituellen Look meiner Kollektionen erklärt. Außerdem schaue ich mir ein paar Techniken von traditionellen Trachten ab, was wohl das Altertümliche ausmacht.

Interview Das müssen Sie erklären.

Green Ich fahre jedes Jahr nach Griechenland, nach Naxos. Dort gibt es ein Museum, das nach der Wirtschaftskrise schließen musste. Ich kaufe bei jeder Reise Stücke aus der Sammlung ab. Es sind Trachten von griechischen Inseln. Sie sind handgemacht. Ich habe Textildesign studiert und war von solchen Sachen schon immer fasziniert. Das handwerkliche Geschick, das dort drinsteckt, hat mir so manches Mal bei der Konstruktion von Stücken geholfen. Das könnte ich auch in japanischen Trachten finden. Dass es griechische geworden sind, ist dem Zufall geschuldet, dass ich dort am liebsten Urlaub mache.

Interview Wie Alexander McQueen und John Galliano wuchsen Sie in einfachen Verhältnissen in London auf. Beflügelt so eine Herkunft die Kreativität?

Green In meinem Elternhaus waren Mode und Kunst nie Thema. Selbst in meinem Umfeld nicht. Ich bin nicht großartig aus meinem Viertel rausgekommen und hatte nie Kontakt zu diesen Dingen. Als Jugendlicher dachte ich, ich wüsste, was Mode ist, weil ich mir jeden Morgen überlegt habe, was ich anziehe. Dabei hatte ich keine Ahnung. Für mich war alles Designermode, was einen Namen im Etikett trug. Mir war nicht klar, was ein Designer macht. Woher auch? Ich kannte keine Modemagazine, nichts. Ich meine das nicht negativ. Ganz im Gegenteil. Es hat meine eigene Kreativität beflügelt. Ich hatte immer die Fantasie, dieser Welt zu entkommen. Das hat mich sehr geprägt. Ich wollte keine Mode entwerfen, sondern eine Welt.

Interview Verstehen Ihre Eltern, was Sie machen?

Green Mein Vater ist Klempner und meine Mutter war Krankenschwester, das heißt sie haben wirklich gar keinen Bezug zu meinem Umfeld. Sie haben aber immer ihr letztes Hemd gegeben, um mich zu unterstützen. Als ich für eines meiner ersten Vorstellungsgespräche nach Paris musste, hat meine Mutter sogar ihr Auto verkauft, damit wir uns die Reise leisten konnten. Sie wollte mich unbedingt begleiten. Aber im Grunde interessieren sich meine Eltern nicht für Mode. Als ich meiner Mutter erzählte, dass der weltberühmte Concept-Store Dover Street Market meine Kollektion eingekauft hätte und das einem Ritterschlag gleichkäme, dachte sie, es handele sich dabei um einen echten Markt und war wenig beeindruckt. Erst als sie das mit Rihanna und Drake erfuhr, geriet sie wirklich aus dem Häuschen.

Interview In Ihren Entwürfen spielen Sie mit Funktionsmode und Workwear. Ist das der Arbeitsbekleidung Ihres Vaters geschuldet?

Green Könnte sein. Ich komme aus einer echten Handwerkerfamilie. Ein Onkel von mir war Zimmermann, der andere Polsterer. Nach der Schule habe ich ihnen oft für ein paar Stunden geholfen, um so etwas Geld zu verdienen. Ich hatte schon früh Kontakt zu dieser Welt. Mein Vater trug selber keine Arbeiterkleidung, sondern nur T-Shirt und graue Jogginghosen. Dass sich bei meinen Entwürfen alles auf eine kastige Form zurückführen lässt, liegt auch daran, dass ich eine ziemlich kräftige Statur habe. Da hat sich diese Silhouette einfach bewährt. Ich habe kürzlich erfahren, dass der typische Craig-Green-Kunde etwas kräftiger ist.

Interview Sie sagen also, vor allem Frauen und dicke Männer kaufen bei Ihnen ein?

Green Es sieht ganz danach aus. Die großen Größen sind oft sofort ausverkauft. Das lässt darauf schließen, dass meine Sachen eher von älteren Männern getragen werden. Und es gibt noch ein Indiz: Wir verzeichnen besonders starkes Wachstum in den USA und in Kanada. Wahrscheinlich weil die Männer dort kräftiger sind als anderswo.

von Nils Binnberg

Credits

Haare: Hester Wernert-Rijn/Unspoken mit Produkten von Wella und Balmain

Make-Up: Mathias Van Hooff/Management+Artists mit Produkten von Mac Models Niki, Willy/Paparazzi Models

Foto-Assistenz: Robert Buchan­

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