"Wie ich durchs Abitur gekommen bin,
ist mir bis heute ein Rätsel"

In Colonia Diginiad – Es gibt kein Zurück spielen Emma Watson und Daniel Brühl ein Liebespaar. Wir trafen den aktuell erfolgreichsten deutschen Schauspieler-Export Daniel Brühl kurz vor der Premiere seines neuen Films zum Interview.

Foto: Phil Poynter

Santiago de Chile, 1973. Hunderttausende protestieren auf den Straßen gegen den General Pinochet. Der fiktive Plot des Films spielt vor der Folie wahrer historischer Ereignisse. Er erzählt die Geschichte der Colonia Dignidad, einer von dem Deutschen Paul Schäfer angeführten Sekte im Süden Chiles. Lena (Emma Watson) und Daniel (Daniel Brühl) spielen ein deutsches Liebespaar, das in einen chilenischen Militärputsch gerät. Nachdem Daniel verhaftet und anschließend verschleppt wird, schließt Lena sich einer berüchtigten Gruppe an, in der sie ihren Freund vermutet und gerät selbst in die Fänge der gefährlichen Sekte, die sogar enge Verbindungen zum Geheimdienst unterhält. Wir sprachen mit Daniel Brühl über seinen neuen Film, sein Streber-Image, Emma Watson und einen skurrilen Doppelgänger auf Facebook.

 

INTERVIEW: Emma Watson hat angeblich nur mitgemacht, weil sie ihre Freundin im Film spielen durfte. Ist das so?

DANIEL BRÜHL: Natürlich. Das kann ich vollkommen nachvollziehen. (lacht)

INTERVIEW: Hat Sie Ihnen das so gesagt?

BRÜHL: Ja klar. Es gab sonst keinen anderen Grund (lacht). Nein im Ernst, sie hat es mir selbst erzählt. Es hat mich sehr gefreut das zu hören. Aber es beruht ja auf Gegenseitigkeit. Ich fand es natürlich auch super, dass sie mitgemacht hat.

INTERVIEW: Sind sie befreundet?

BRÜHL: Wir haben uns sehr gut verstanden. Das ist immer Gold wert. Da wir ein Paar gespielt haben, hingen wir auch die ganze Zeit aufeinander rum. Es ist schon schön, wenn es dann gut funktioniert. Befreundet wäre jetzt aber zu viel gesagt. Sagen wir so: wir sind freundschaftlich auseinander gegangen und hin und wieder in Kontakt.

INTERVIEW: Sammeln Sie Andenken von solchen Begegnungen und Erlebnissen?

BRÜHL: Ich habe mir angewöhnt Fotos von Kollegen, mit denen es besonders viel Spaß gemacht hat, zu entwickeln. Man hat ja sonst keine Fotos mehr, weil sich alles in irgendwelchen Rechnern und iPhones verliert.

INTERVIEW: Sie sind nicht auf Instagram unterwegs, oder?

BRÜHL: Nee, gar nicht.

INTERVIEW: Da gibt es aber welche, die Dinge in ihrem Namen machen.

BRÜHL: Ja, das habe ich gehört. Ich habe das ein paar Mal bei Facebook mitgekriegt. Das passiert ja ständig, ist in der Regel auch kein Problem. In einem Fall war jemand aber so dämlich, dort auch private Sachen über mich mit irgendjemandem auszutauschen, der ich gar nicht bin. Die haben miteinander kommuniziert und ein richtiges Treffen geplant. Beinahe hätte also wirklich irgend so ein Psycho eine Verabredung mit einem Freund von mir arrangiert. Da war ich dann schon alarmiert.

INTERVIEW: Im Film wird ein historischer Ort dargestellt, an dem Deutsch und Spanisch gesprochen wurde. Gedreht wurde aber auf Englisch. Ist das nicht etwas komisch?

BRÜHL: Richtig. Wenn man allerdings einen internationalen Film mit einem Cast wie Mikael Nyqvist und Emma Watson machen will, dann muss man sich auf eine Sprache einigen, die jeder spricht. Und das ist nun mal Englisch. Ich selber würde mir auch wünschen bei bestimmten Rollen und Themen bei der Sprache zu bleiben, die realistisch ist. Manchmal finde ich eine Synchronfassung für den Zuschauer schon fast besser, weil es dann zu einem homogenen Ganzen wird. Wenn die Leute anfangen Englisch mit deutschem Akzent zu sprechen wird das manchmal ziemlich abenteuerlich. Aber bei internationalen Co-Produktionen ist das leider immer so.

Daniel Brühl: “Wie ich durchs Abitur gekommen bin, ist mir bis heute ein Rätsel. Ich kann noch nicht mal einen Dreisatz lösen”
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INTERVIEW: Sie sprechen fünf Sprachen fließend, spielen alle Genres und betreiben ein Restaurant – Sie können ja offensichtlich alles. Sind Sie eigentlich ein Streber?

BRÜHL: Ich tue nur so, als könnte ich viel. (lacht) Ich kann auch ganz viele Sachen nicht, Bügeln zum Beispiel. Außerdem kann ich nichts Technisches und nichts, was logisches Denken voraussetzt – darin bin ich eine absolute Niete. Wie ich durchs Abitur gekommen bin, ist mir bis heute ein Rätsel. Ich kann noch nicht mal einen Dreisatz lösen. Mir lagen glücklicherweise immer Sprachen, das ist ganz praktisch für meinen Beruf. Aber das hat nichts mit Strebersein zu tun, sondern wurde mir auch in die Wiege gelegt, weil ich zweisprachig aufgewachsen bin. Ist also nicht alles nur wahnsinnige Sprachintelligenz. (lacht)

INTERVIEW: Auf der einen Seite gibt es in ihrem neuen Film eine Lovestory für Fans von Emma Watson und Daniel Brühl. Auf der anderen Seite ein knallhartes Historiendrama, in dem lauter grausame Dinge thematisiert werden. Der Missbrauch, die Rolle des westdeutschen Staates damals in Südamerika….einige Kritiker behaupten, dass dieser Mix nicht funktioniert. Wie empfinden Sie das?

BRÜHL: Das ist auf jeden Fall ein Balanceakt. Die Herangehensweise war aber vollkommen dem Regisseur überlassen. Florian Gallenberger hat sich dafür entschieden, die Geschichte in eine Thrillerhandlung zu packen. Mir erschließt sich allerdings schon, warum er das so umgesetzt hat. Er wollte das Thema „verdaubar“ machen, weil es in seiner ursprünglichen Form, so wie es da tatsächlich stattgefunden hat, dem Zuschauer nicht zuzumuten ist.

INTERVIEW: War Ihnen die Geschichte um die Sekte der Colonia Dignidad vor dem Filmangebot bekannt?

BRÜHL: Meine Familie war früher recht engagiert, wir haben sogar eine Zeit lang Exil-Chilenen bei uns zuhause aufgenommen. Meine Mutter ist Spanierin, deshalb konnte ich alle verstehen und mit ihnen kommunizieren. Eine Sensibilität fürs Thema war also schon da. Irgendwann habe ich über die schreckliche Colonia Dignidad gelesen und war erstaunt darüber, wie wenig Leute eigentlich davon wissen – auch in Deutschland. Bei einigen klingelte zwar irgendetwas, aber die hatten dann häufig eine falsche Idee von dem, was da überhaupt passiert war. Wie das ganze eigentlich anfing, wie schlau dieser Paul Schäfer in der Rekrutierung der Leute war, die nach dem Krieg völlig mittel- und orientierungslos waren. Mich erschreckt vor allem, wie lange er von verschiedensten Seiten protegiert wurde und wie clever er sich abgesichert hat.

INTERVIEW: Haben Sie auch mit Zeitzeugen gesprochen?

BRÜHL: Das war zum Teil ein richtig riskantes Unterfangen, weil die Sekte bis heute noch immer von einigen Leuten geschützt wird. Das wichtigste für uns war der permanente Kontakt zu Jörg Schnellenkamp, einem ehemaligen Colonno. Die Geschichten, die der mir erzählt hat, werde ich nie wieder aus meinem Kopf kriegen. Der Erfindungsreichtum im Bösen dieses Mannes übersteigt jegliche Vorstellungskraft. Ein normaler Mensch würde gar nicht auf die Ideen kommen, die dieser Typ hatte. Er hat systematisch Leute und Leben zerstört – seine Mitglieder, politische Häftlinge und so weiter. Ein echt düsteres Kapitel.

Daniel Brühl: “Star-Allüren sind Ausdruck von Verunsicherung – entweder Komplexe oder einfach nur totale Dekadenz.”
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INTERVIEW: Februar ist Festivalzeit. Ist die Berlinale nur Arbeit oder auch Vergnügen für Sie?

BRÜHL: Berlinale macht immer Spaß. Ein paar Sachen werde ich mir auch wieder anschauen. Letztes Jahr war es natürlich super in der Jury, weil man sich den kompletten Wettbewerb anschauen und anschließend mit den tollsten Leuten darüber reden durfte. Es war auch mal ganz angenehm zu bewerten und nicht bloß selbst beurteilt zu werden. Ansonsten freue ich mich besonders auf den Geburtstag unserer Tapas-Bar. Das Einweihungsfest war zur Berlinale vor fünf Jahren. Seither feiern wir jedes Mal und es sind echt schon tolle Leute gekommen. Letztes Jahr war Ian McKellen sogar da und die ganze Jury sowieso. Ian meinte am nächsten Tag, dass es für ihn das beste Fest war. Das macht uns natürlich sehr stolz. Ich freue mich einfach darauf, vertraute Gesichter wieder zu sehen.

INTERVIEW: Sie haben von Bewertung gesprochen. Wie ist es, wenn Sie sich selbst auf der Leinwand sehen – zufrieden?

BRÜHL: Nie. Ehrlich gesagt ertrage ich mich nicht, das ist echt schlimm. Und mit dem Alter wird’s immer schlimmer. Ich kann mir einen Film maximal dreimal angucken. Und dann nie wieder. Ich habe bisher keinen Film öfter gesehen, weil ich meine Stimme und auch häufig das Make-up nicht ertrage. Ich kriege da regelmäßig die Krise mit mir. Aber so geht es den meisten Schauspielern. Das dritte Mal ist übrigens meistens die beste Erfahrung, weil man da nicht mehr ausschließlich auf sich selbst fixiert ist, sondern auch mal sieht, was die anderen so machen. (lacht)

Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück startet am 18. Februar in den Kinos.