"Ich habe jetzt einfach weniger Angst vor dem Scheitern"

Diese Frau macht einfach alles richtig: die richtigen Rollen 
(von „Superbad“ bis zu Woody Allens neuem Film „Irrational Man“), 
die richtigen Eltern (der erste Film, den sie zu sehen bekam, 
war „Reichtum ist keine Schande“), die richtige Haarfarbe 
(mal rot, mal blond). Man muss Emma Stone einfach lieben!

DIANE KEATON: So, Emma.

EMMA STONE: Ja …

KEATON: Ich war mal mit Sissy Spacek und Jessica Lange auf dem Cover vom Interview Magazine, für diesen Film Crimes of the Heart. Und im Interview habe ich gesagt: „Der beste Weg, das zu bekommen, was du willst, ist, niemanden wissen zu lassen, dass du es willst – dich selbst eingeschlossen.“ Sagst du dir so etwas auch, um dich nicht schuldig zu fühlen, weil du erfolgreich und ehrgeizig bist?

STONE: (lacht) Mein Gehirn funktioniert etwas anders: Das Einzige, was mich beruhigt, ist, genau zu wissen, was ich will. Gestehst du dir wirklich selbst nicht ein, was du willst?

KEATON: Ich habe es zumindest versucht. Ich habe mich sonst schuldig gefühlt.

STONE: Warum?

KEATON: Weil es zu viel verlangt schien. Ich dachte, wenn ich zugeben würde, dass ich es will, würde es nicht klappen. Als Bestrafung für den Wunsch, sozusagen.

STONE: Mir geht es genau andersherum. Komisch, oder? Das ist wahrscheinlich einfach ein psychologischer Mechanismus, der einen irgendwie schützt. Ich fühle mich sicherer, wenn ich weiß, was ich will. Wenn ich nicht weiß, was ich will, fühle ich mich, als würde ich orientierungslos durchs Universum trudeln. Ich muss versuchen, weniger bestimmt zu sein.

Emma Stone: “Wenn ich nicht weiß, was ich will, fühle ich mich, als würde ich orientierungslos durchs Universum trudeln”
Tweet this

KEATON: Na ja, vielleicht nicht. Vielleicht es so genau richtig. Auf deinem Interview-Cover von 2012 bist du jedenfalls atemberaubend sexy. Du scheinst ohne Angst in die Welt zu blicken. Und für alles bereit zu sein, was eine Schauspielerin spielen kann. Fühlst du dich so?

STONE: Gott, nein.

KEATON: Fühlst du dich bereit, die großen Rollen zu übernehmen?

STONE: Ich fühle mich bereiter denn je, etwas total anderes und Herausforderndes und Beängstigendes zu tun. Wahrscheinlich, weil ich gerade Sally Bowles (im Broadway-Revival von „Cabaret“) gespielt habe. Wenn man am Broadway spielt, muss man jeden Abend losgehen und das durchziehen, egal wie man sich fühlt. Und man erzählt eine ganze Geschichte und nicht Szene für Szene wie beim Film. Ich glaube, dass ich das Schauspielern jetzt auf andere Weise verstehe. Aber erst in den letzten sechs Monaten oder dem letzten Jahr hatte ich das Gefühl, dass ich diese verschiedenen Dinge wirklich ausprobieren kann. Ich glaube, ich habe jetzt einfach weniger Angst vor dem Scheitern.

KEATON: Bei mir ist es genau andersherum. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als eine Geschichte komplett durchzuerzählen, vor einem Publikum, das leibhaftig im Theater vor dir sitzt. (Stone lacht) Für mich ist Szene nach Szene am aufregendsten.

STONE: Machst du gern viele Takes?

KEATON: Oh ja. Ich mag das, weil ich nicht weiß, was passieren wird, und ich die Freiheit habe, Sachen auszuprobieren. Und ich mag einfach diese bruchstückhafte Version des Lebens. Eine komplette Geschichte zu erzählen scheint einfach zu ernst. Das Einzige, was mich an Auftritten interessiert, ist das Singen. Singst du?

STONE: Na ja, ich bin keine Sängerin.

KEATON: Siehst du, das wäre lustig, der Gesangspart.

STONE: Oh, es ist super. Aber achtmal pro Woche zu singen, insgesamt 40 Songs, ist unglaublich fordernd. Ich habe ständig meine Stimme verloren.

KEATON: Lass uns noch mal über das Foto sprechen. Du bist so schön darauf, und man sieht, dass du ein Chamäleon bist. Es zeigt so viele Facetten von dir. Es ist toll, das zu haben, diese ständig wechselnde Erscheinung. In dem Interview mit Cameron Crowe hast du etwas gesagt, was ich wirklich interessant fand. Du hast gesagt, dass Leute in der Zeit stehen bleiben, in der sie erfolgreich geworden sind. Weil das die Zeit ist, in der ihr ganzes Leben sich verändert hat. Sie sind damit erfolgreich geworden, diese Person zu dieser Zeit zu sein. Und sie müssen wirklich kämpfen, um darüber hinauszuwachsen. Das ist einfach eine bemerkenswerte Feststellung. Wie bist du darauf gekommen?

STONE: Hat Cameron das gesagt oder ich? Oh Gott. Vielleicht hatte ich das irgendwo gelesen (lacht). Ich kann es mir jedenfalls nicht selbst überlegt haben, denn diese Erfahrung hatte ich zu der Zeit noch nicht gemacht. Aber inzwischen habe ich viele Menschen gesehen, die schon lange berühmt oder erfolgreich sind und die immer noch in diesem Muster feststecken. Als ob sie in dem Alter blieben, in dem die Leute …

KEATON: … sie am liebsten mochten.

STONE: Genau. Die universell akzeptierte Version ihrer selbst.

KEATON: Das funktioniert nie, auch wenn man es versucht.

STONE: Du kannst wahrscheinlich mehr darüber sagen als ich. Du hast es auf jeden Fall nicht gemacht, und du bist schon lange berühmt.

KEATON: Na ja, die Tatsache, dass du diesen Gedanken mit 23 oder 24 formuliert hast …

STONE: Ich weiß gar nicht, ob ich ihn wirklich gedacht habe (lacht).

Emma Stone: “Mir ist eigentlich nie so richtig klar geworden, dass ich Fans habe”
Tweet this

KEATON: Das ist mir wirklich in Erinnerung geblieben, weil ich es selbst erlebt habe: Wie lange macht man das, was die Menschen am Anfang dazu gebracht hat, einen zu mögen? Und wie verändert man sich und entwickelt sich weiter und wächst und lässt das hinter sich?

STONE: War das schwierig für dich?

KEATON: In gewisser Weise schon. Ich war 30, glaube ich, als Der Stadtneurotiker in die Kinos kam. Das hat mein Leben komplett verändert. Also musste ich mich diesen Herausforderungen stellen. Aber du … ich meine, du bist ein großer Filmstar und erst 26. Es ist verrückt, womit du klarkommen musst. In dem gleichen Interview hast du auch gesagt, deine erste Erinnerung an totales Glück war, während der Monsunzeit in Arizona mit deinem Vater auf der Veranda zu sitzen, Erdnüsse zu essen und den Sturm anzuschauen. Als du vielleicht vier oder fünf warst. Diese Erinnerung hat für mich etwas Universelles – sie ist geheimnisvoll, aber einfach.

STONE: Absolut. Das Beste an dieser Erinnerung ist – und ich kann nur hoffen, dass andere Menschen die gleiche Erfahrung gemacht haben –, dass es dabei um Liebe geht, bevor die Liebe kompliziert wird. Es ist einfach die reinste Form der Liebe, die keine Erklärung braucht. Und wenn man das Glück hatte, das mit einem Elternteil oder mit beiden zu haben, ist das ein Gefühl, das dein Leben verändert. Bei allem, was in meiner Familie oder mit Freunden oder in Liebesbeziehungen über die Jahre passiert ist, konnte ich immer zurück zu dieser Erinnerung, in der ich den Monsun beobachte und Erdnüsse esse. Das ist ein Schlüsselmoment fürs Leben.

KEATON: Wir können uns glücklich schätzen. Mir geht es genauso, vor allem wenn es um meine Familie geht.

STONE: Es ist wirklich besonders.

KEATON: Du hast einmal gesagt, dass du bei Filmen das Ende am liebsten magst, dass alle deine Lieblingsfilme einen tollen Schluss haben. Verrätst du mir dein liebstes Filmende?

STONE: Mein liebstes Ende ist das von Lichter der Großstadt, dem Charlie-Chaplin-Film. Das schaue ich mir allein auf Youtube an und heule los (lacht). Jeder mittelmäßige Film kann von einem tollen Ende gerettet werden. Leider gilt das auch im Umkehrschluss: Ein falsches Ende kann einen großartigen Film ruinieren. In Lichter der Großstadt spielt Charlie Chaplin einen Landstreicher, er ist verliebt in ein blindes Blumenmädchen, das auf der Straße Blumen verkauft. Und eines Tages kauft er eine Blume von ihr. Sie hört die Tür zufallen und denkt, dass er gegangen ist und ihr das ganze Wechselgeld dagelassen hat. Darum hält sie ihn für einen reichen Mann und, na ja, er lässt sie in dem Glauben. Sie denkt, er sei ein Millionär. Aber er ist ein Landstreicher und hat kein Geld. Eines Tages liest er in der Zeitung von einem Arzt, der Augenoperationen macht. Ich glaube, sie kosten 5.000 Dollar. Er macht bei einem Boxwettkampf mit und gibt ihr das Geld für die Operation. Und sie weiß nicht, wer er wirklich ist. Am Ende des Films, in den letzten fünf Minuten, läuft er die Straße entlang, und er hat sie seit Monaten nicht gesehen. Kinder beschießen ihn mit Papierkügelchen und machen sich über ihn lustig. Und sie kommt raus. Er sieht sie im Fenster. Ihr gehört jetzt der Blumenladen. Sie kommt aus dem Laden, steckt ihm eine Blume ans Revers und drückt seine Hand. Und sie kennt seine Hand, weil sie vorher blind war. Sie hält einfach die Hand und schaut ihn an, weil er so anders aussieht, als sie ihn sich vorgestellt hatte. Und er blickt sie auf diese Art an, die man vorher noch nie gesehen hat – mit so viel Liebe in den Augen. Und sie sagt: „Du?“ Und er nickt. Und er sagt: „Du kannst jetzt sehen?“ Und sie sagt: „Ja, ich kann jetzt sehen.“ Und er lächelt, und dann wird abgeblendet. Es ist so schön. Ich glaube, Woody liebt den Film auch.

KEATON: Oh, das tut er.

STONE: Das Ende von Manhattan fühlt sich ähnlich an.

KEATON: Wie alt warst du, als du den Film das erste Mal gesehen hast?

STONE: Ich glaube, ich war 14. Damals gab es jemanden in meinem Leben, der diese Filme in der Schule gesehen hat. Also hat er mir Charlie Chaplin gezeigt.

KEATON: Ah.

STONE: Das war eine dieser Beziehungen in meinem Leben, die an sich nicht gut funktioniert haben. Aber die Dinge, die er mir in der Popkultur gezeigt hat, waren unbezahlbar und haben mein Leben geprägt. Dafür bin ich ihm dankbar.

KEATON: Andrew Garfield hat gesagt: „Mit Emma Stone zu drehen war, wie in einen aufregenden, verschlungenen Fluss zu tauchen (Stone lacht) und niemals ans Ufer zu schwimmen. Vom Anfang bis zum Ende. Spontan. Im Moment. Präsent. Beängstigend. Lebendig. Die einzige Art, wie Schauspielerei sein sollte.“ Mein Gott. Wie hast du dich gefühlt, als du von dieser traumhaften Beschreibung gehört hast?

STONE: Er ist solch ein Dichter. Natürlich ist mir das Herz aufgegangen, als ich es gehört habe, aber so schreibt er immer. Jeden Tag.

KEATON: Nicht dein Ernst.

STONE: Doch, tut er. Er ist sehr poetisch.

KEATON: Also, Emma, pass auf. So wie ich das sehe, bist du auf ungewöhnliche Weise schön.

STONE: Oh.

KEATON: Für mich sind Dinge wie Komplexität und eine gewisse Abseitigkeit wichtige Bestandteile von Schönheit. Wenn du an Schönheit denkst, wie definierst du die?

STONE: Unser Geschmack ist sehr ähnlich – ausgehend von deinem Buch und dem, was ich auf deiner Pinterest-Pinnwand gesehen habe.

KEATON: Oh mein Gott.

STONE: Je einzigartiger, desto besser. Wenn man merkt, dass jemand seinem eigenen Aussehen treu bleibt, hat das diese Selbstakzeptanz, die mir gefällt. Davon werde ich angezogen.

KEATON: Ich habe bei Wikipedia über dich gelesen. Du bist in Scottsdale, Arizona, geboren worden.

STONE: Yup.

KEATON: Und natürlich liebst du deine Mutter. Also dachte ich: „Also, das haben wir gemein: den Westen und unsere Mütter.“ Trotzdem ist deine Geschichte ziemlich anders. Bei Wikipedia heißt es, dass du auf dem Gelände des Camelback-Golfplatzes aufgewachsen bist.

STONE: Darum können wir Wikipedia nicht trauen.

KEATON: Stimmt es nicht?

STONE: Wir haben am 16. Loch des Camelback-Golfplatzes gewohnt. Aber bei Wikipedia stand auch mal, dass meinen Eltern der Golfplatz gehörte, was gar nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte. Und in Arizona wohnt man sowieso nur ein paar Meilen vom nächsten Golfplatz entfernt, wenn nicht wirklich auf einem.

KEATON: Ich habe auch gelesen, dass du zwei Jahre lang zu Hause unterrichtet wurdest.

STONE: Das stimmt.

KEATON: Zu dieser Zeit, das hat mich echt umgehauen, bist du in 16 Produktionen des Valley Youth Theatres aufgetreten, unter anderem in Alice im Wunderland und Die Prinzessin auf der Erbse. (Stone lacht) Ich dachte nur: „Wow, dieses Mädchen!“ Aber wirklich, Emma, wie um Himmels Willen hast du diese Leidenschaft entwickelt? Woher kommt diese Arbeitsmoral, in diesem Alter, auf dem Golfplatz oder wo auch immer du zu Hause unterrichtet wurdest? In 16 Produktionen aufgetreten! Das ist echt eine Geschichte. Sogar damals wusstest du, was du wolltest.

STONE: Ich wusste, dass ich es liebe, aufzutreten. Nein. Ich war absolut besessen davon – und bin es bis heute, aber hoffentlich auf eine etwas erwachsenere Art.

KEATON: Als dann dein Traum wahr wurde und du ein großer Filmstar wurdest, hast du dich da verantwortlich gefühlt für die Leute, die dir zum Erfolg verholfen haben, also deine Fans? Wie ist dein Verhältnis zu deinen Fans?

STONE: Ich bin selbst so ein Hardcore-Fan – wie gerade du ja weißt. Ich weiß, wie es ist, Fan zu sein. Aber ich glaube, mir ist eigentlich nie so richtig klar geworden, dass ich Fans habe. Ich blende das immer ein bisschen aus und denke, dass sich die Leute eigentlich mehr für das Projekt selbst interessieren als speziell für mich. Vielleicht ist das unklug. Aber wenn jemand zu mir kommt und etwas über meine Arbeit sagt, was wirklich von Herzen kommt, dann bedeutet mir das viel.

KEATON: Deine Geschichte hat mich gepackt. Auch der Schauplatz. Großartig. Für mich ist es perfekt. Die Hitze und die Trockenheit.

STONE: Magst du die Wüste?

KEATON: Ich liebe sie.

STONE: Ich habe meine Probleme mit der Wüste. Als ich in Arizona aufgewachsen bin, hatte ich mit der Trockenheit zu kämpfen. Ich liebe die Hitze, aber ich mag die Trockenheit nicht. Aber Feuchtigkeit und Hitze, das liebe ich.

KEATON: Du magst die Sommer an der Ostküste?

STONE: Oh, ich liebe es, weil man sich so lebendig fühlt. Nicht wie in Arizona, da fühlt man sich, als würde man bei lebendigem Leib gebacken. Du schwitzt und dein Haar sieht schrecklich aus und du bist einfach … Die Hitze ist mörderisch. (Keaton lacht) Eine Wieso-sollte-jemand-hier-leben-wollen-Hitze. Dafür kommt nichts an die Sonnenuntergänge dort ran. Und die Ruhe in der Wüste … Ich glaube, ich sollte dem Ganzen noch eine Chance geben.

Das Interview ist in der Juli-Ausgabe 2015 erschienen.

 

Fotos: Craig McDean | Styling: Elin Svahn

27.02.2017 | Kategorien Film, Interviews, Magazin | Tags , ,

Interviews / Weitere Artikel

28.12.2015

Mrs GORDON,
wie träumt man kalifornisch?

Musikerin Kim Gordon, 61, hat Angst vor hohen Wellen und zu viel Sonnenschein.

06.03.2017

Ende mit Spaghettisauce:
Adam Driver

Für Martin Scorseses Film „Silence“ hat Adam Driver bis zur totalen Erschöpfung gehungert. Warum ihm das gefiel, erklärt er hier dem Regisseur Noah Baumbach, für den er in „Frances …

02.06.2014

 Schon wieder geraucht? Viggo Mortensen im Interview 

Eigentlich wollte Viggo Mortensen, 55, gerade mit dem Rauchen aufhören. Dann kam ihm ein gutes Drehbuch in die Quere und jetzt ist er wieder voll am Quarzen. Aber er sieht dabei hervorragend aus.

29.05.2015

AURELIE DUPONT
"Ich wollte es den Ballettlehrern heimzahlen"

Sie hat den Traum gelebt, den viele kleine Mädchen hegen: das Leben ein Tanz. Aurélie Dupont war 17 Jahre lang der Ballett-Star der Pariser Oper. Doch wie verkraftet man es, wenn mit 42 Jahren der …

28.10.2015

REGISSEUR SPECIAL:
"Er ist wieder da"-Regisseur DAVID WNENDT im Interview!

Opas Kino ist tot. Das von Papa auch. Sieben Interviews mit sieben Regisseuren, denen der deutsche Film eine gloriose Zukunft verdankt. Teil 1: David Wnendt, dessen Film Er ist wieder da gerade in …

01.07.2015

Dominique Lévy - Die Topgaleristin im Interview

Erst im Mai kürte die Times Dominique Lévy zu einer der zehn erfolgreichsten Kunsthändlerinnen weltweit. Mit INTERVIEW sprach die Vollblutgaleristin darüber, wie sich die Art Basel aktuell …