„Paris hat mich geschluckt“

Eine deutsche Frau an der Spitze eines traditionsreichen französischen Unternehmens, das überdies in all den Jahren zuvor als die Unternehmung eines einzigen Mannes bekannt geworden war – weltweit bekannt sogar in diesem Fall: Christian Liaigre, der Inbegriff des Pariser Interieurs.

Foto: Hugo Comte

Wie viele Schattierungen von Braun es doch geben kann – über Erdhaftes, Praliné, Bronze bis in die subtilen Nuancen des Karamelligen hinein, das habe ich vor allem durch die Dekorationskunst von Christian Liaigre erfahren. Im ausgehenden 20. Jahrhundert gab es in Paris kaum ein Hotel, kaum ein Restaurant oder Café, das eröffnet wurde und nicht in diesem eleganten, auch teuren, stets auch irgendwie japonaisen Stil eingerichtet war.

Jetzt ist Frauke Meyer für die stilistische Ausrichtung des Hauses allein verantwortlich. Es heißt auch nur noch Liaigre. Frau Meyer hat den klaren Auftrag, das Unternehmen zu verjüngen, und das gelingt ihr mit sicherer Hand. Wer den Stil von Liaigre noch mit Brauntönen aller Couleur assoziiert, wird ihre Handschrift nicht damit in Verbindung bringen. Das ist ein Vorgang, der auch etwas von einer Veränderung erzählt – und damit von den neuen Möglichkeiten einer Gesellschaft, die in anderen Aspekten doch sehr konservativ erscheint.

Frauke Meyer hat einen für die französische Aussprache unmöglichen Vornamen. Andererseits fällt wohl den meisten Deutschen das Buchstabieren des Nachnamens Liaigre auch nicht leicht.

Das Gespräch findet gegenüber vom neuen Hauptquartier der Firma statt, im legendären Bistrot de Paris.



JOACHIM BESSING: Hier saß also immer Serge Gainsbourg.

FRAUKE MEYER: Ja, der wohnte hier um die Ecke in einer Parallelstraße, der Rue de Verneuil.

JB: Wann sind Sie nach Paris gekommen?

FM: 1991. Ich stamme aus Papenburg. Das ist eine kleine Stadt im Norden Deutschlands nahe der Nordsee an der holländischen Grenze. In Papenburg gibt es einen großen Hafen. Und eine große Werft, die Meyer Werft. Eigentlich wollte ich Medizin in Deutschland studieren, aber der Numerus clausus stand dem im Weg, und ich musste zwei Semester auf meinen Studienplatz warten. Die Familientradition war, dass alle Kinder für ein Jahr das Nest verlassen, um im Ausland andere Erfahrungen sammeln zu können. Das hatte meine Mutter schon so gemacht. Meine Schwestern ebenso. Mein Englisch war gut genug, also wurde ich nach Paris geschickt. Französisch sprach ich nämlich schlecht.

JB: Waren Sie zuvor schon einmal in der Stadt?

FM: Nein. Und da ich die Sprache nicht beherrschte, war es für mich sehr schwierig, hier zurechtzukommen. Damals, vor 26 Jahren, sprach man in Paris kaum Englisch. Und trotzdem habe ich mich in diesem einen Jahr total in Paris verliebt.

JB: Sie wohnten wohl in einem Chambre de bonne?

FM: Ich wohnte etwas außerhalb, fuhr jeden Tag nach Paris rein zu meinem Französischunterricht am Institut Catholique.

JB: Ach stimmt, da oben ist man ja katholisch.

FM: Ja, aber das hatte damit nichts zu tun. Es gab für Ausländer sowieso nur zwei Universitäten, die infrage kamen. Und in meiner freien Zeit habe ich ansonsten alles mitgenommen an Kunst, Ausstellungen und Happenings. Da habe ich langsam verstanden, dass Kunst für mich wichtig ist. Dass man auch noch etwas anderes mit Kunst anfangen könnte, als Kunstlehrerin zu werden. oder Kuratorin.

JB: Oder selber Künstlerin.

FM: Vor allem dass das eine Zukunft haben kann.

JB: Sind Sie damals in die entsprechenden Kreise hineingeraten?

FM: Nicht gleich am Anfang. Da war ich nur Beobachtende. Bald wollte ich mich an der École nationale supérieure des Arts Décoratifs einschreiben und habe das dann auch geschafft. Und dadurch bin ich in die künstlerische Szene hineingeraten. In meiner Diplomjury war übrigens Christian Liaigre.

JB: Und Sie waren seine Musterschülerin?

FM: Ich wusste damals nicht, wer Christian Liaigre ist. Ich hatte mich gewundert, wer dieser Mann im braunen Cordanzug war.

JB :Ach, er hatte einen braunen Anzug an?

Frauke Meyer: “Ich spreche heute gut Französisch, weil wir nächtelang diskutiert haben. Über das Leben. Wie man es leben soll.

Tweet this

FM: Ja, und nach der Prüfung hat er mir einen Arbeitsplatz in seinem Atelier angeboten. Das war 1998. Und da bin ich dann mit meinem Hab und Gut in eine wunderschöne winzige Wohnung in der Rue Saint-Martin gezogen.

JB: Die man zu der Zeit auch noch leicht bekam.

FM: Nein, das war hier schon immer schwierig. Ich habe mir die Wohnung damals mit einem Schauspieler geteilt.

JB: War das ein Franzose oder ein Deutscher?

FM: Ein Franzose. Ich spreche heute gut Französisch, weil wir nächtelang diskutiert haben. Über das Leben. Wie man es leben soll.

JB: Auch über Liebe?

FM: Das kam später.

JB: Aber in Paris wird doch immer über die Liebe diskutiert.

FM : Auf jeden Fall. Immer. Liebe ist ganz wichtig.

JB: Ich stelle mir vor, der Umgangston in Papenburg ist von Natur aus eher trocken gewesen; wenig leidenschaftlich auch. orgien gab es vermutlich auch eher nicht. Und dann kommen Sie nach Paris, in dieses beinahe noch existentialistische Klima hier, überall wurde noch geraucht – wie hat das auf Sie gewirkt?

FM: So toll, dass ich unbedingt in Paris bleiben wollte.

JB: Wie haben denn die Franzosen Ihren Vornamen ausgesprochen?

FM: Mein Vorname ist eine Katastrophe.

JB: Frôquè?

FM: Ja, oder Frohque.

JB: Also wie Frog, Frosch.

Frauke Meyer: “Ich habe in all den Jahren ja mit dabei zugesehen, wie Paris verarmt ist.”
Tweet this

FM: Bei meinen beiden Kindern habe ich darauf geachtet, dass sie international exportierbare Namen bekommen. Viele Menschen denken, dass ich ein Mann bin. Buchstabieren bringt hier auch nichts, dadurch wird es nur noch schlimmer.

JB: Wenn Sie vom Pariser Flair sprechen, woran denken Sie dabei – an das Licht? An die Farben der Fassaden? Das Grau der Dächer?

FM: Es fällt mir schwer, das noch objektiv zu beschreiben, weil ich mich unglücklicherweise ein bisschen daran gewöhnt habe. Wenn ich morgens zur Arbeit fahre, meistens fahre ich mit dem Fahrrad, dann fahre ich an der Seine entlang. Ein Teil der Quais ist im vergangenen Jahr stillgelegt worden. Das ist jetzt Fahrradzone, da wird man gar nicht mehr mit den Autos konfrontiert. Da fahre ich durch Paris, als ob ich ganz alleine bin. Heute früh habe ich die berittene Polizei überholt. Die Sonne stieg langsam in den Himmel. Ich sah das Grand Palais, die Fahrt führt über wunderschöne Brücken. Dann ist es manchmal so, dass ich auf einer Brücke die Perspektive habe auf ost- und Westparis zugleich, und das überwältigt mich. Immer noch. Ich glaube, man hätte ein Problem, wenn einen das nicht mehr ergreift. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir das je so ergeht. Das mag klingen wie ein Klischee, aber genau das, wofür Paris bekannt ist, genau das ist ja auch das Schöne an Paris: Es gibt immer eine Caféterrasse, wenn im Frühling die Cafés ihre Stühle nach draußen räumen, dann lebt Paris wieder auf. Die Art de Vivre ist allüberall. Das findet man in Deutschland nirgendwo. Die Selbstverständlichkeit, mit der man hier zusammen einen Kaffee trinken geht. Eine Zigarette raucht.

JB: Auch dass die Leute hier mittags zwei Stunden lang essen gehen. Dass sie im Sommer einfach den ganzen August über nicht zu erreichen sind.

FM: Das ist etwas, was mich als Deutsche an Paris sehr irritiert hat. Als ich angefangen habe zu arbeiten, habe ich mich gegenüber Geschäftspartnern beinahe dafür entschuldigt. Heute stehe ich total dazu. Und ich glaube, dass Bewusstsein, gut zu leben, ist mehr denn je wichtig. Für die gesamte Menschheit. Ist es denn wirklich eine Qualität, das ganze Jahr durchzuarbeiten wie ein Cheval, wie ein Pferd, wie es im Französischen heißt? Man kann sagen, was man will: Ich hätte diesen Sommer nicht drei Wochen lang Ferien gemacht, wenn das Unternehmen während dieser Zeit nicht geschlossen worden wäre. Ich bin glücklich, dass ich drei Wochen etwas anderes gemacht habe, und es war für das gesamte Unternehmen wichtig, zu sich zu kommen. Vor allem in einem kreativen Team.

JB: Der neue Präsident hat verkündet, er will die Grande Nation wie ein Start-Up führen. Ich glaube nicht, dass das geht.

FM : Ich glaube, da wird ihm auch viel in den Mund gelegt.

JB: Andererseits hat er in Frankfurt auf der Buchmesse eine wunderbare Rede gehalten, da ging es um seine literarischen Einflüsse, und das ist die andere Qualität, die ich hier finde. Man kann mit den Franzosen sehr schnell Diskussionen führen, da geht es um ganz andere Themen als in Deutschland. Die Schulbildung scheint mir hier ganz anders strukturiert.

FM: Zum einen das, aber sie wird auch gelebt. Allgemeinbildung ist hier sehr wichtig. Geschichtswissen ist wichtig. Wenn man in einem der ältesten Bezirke in Paris wohnt, dann muss man auch wissen, womit man sich umgibt. Wenn man an der Place de la Bastille vorbeifährt, weiß man, was sich dort abgespielt hat. In Paris liebt man Geschichte, und man liebt Kunst. Seit jeher waren in Paris Architektur, Künste, Politik und Geschichte eng miteinander verbunden. Hier ist es normal, mit diesem Bewusstsein seinen Alltag zu leben. Das beeinflusst das Verhalten. Durch dieses bestimmte Niveau.

JB: Waren Sie schon einmal im Souvenirladen der National- versammlung? Da gibt es etwa 50 Artikel in den Farben der Trikolore, die sind alle gut. Von T-Shirts bis zu Socken, alles ohne Witze, alles unpeinlich, genial. Unvorstellbar, das mit Schwarz-Rot-Gold hinzukriegen. Unsere Flagge ist ja schon vom Design her schlecht. Man will ja nichts in Schwarz-Rot-Gold besitzen. In Blau-Weiß-Rot hingegen schon.

FM: Sie meinen, dass die Voraussetzungen bei den Deutschen andere sind als bei den Franzosen.

Foto: Hugo Comte

JB: Sie sind doch Ästhetin. Und Sie sagen von sich, dass Sie durchlässig sind, empfänglich – gehört ja zum schöpferischen Menschen dazu. Inwieweit hat Paris Sie denn ästhetisch für sich eingenommen? Wie Sie Ihre Fahrradfahrt schildern, das ist ja ein Fest der Sinne.

FM: Auf jeden Fall hat mich die Stadt geprägt. In Paris ist die Bevölkerung elegant. Sei es in der Métro, sei es auf der Straße irgendwo. In Deutschland ist das nicht so. Vielleicht bin ich davon sogar angezogen worden. Von dieser Eleganz. Und dem gewissen Chauvinismus, dass man in Frankreich bei manchen Strömungen und Tendenzen sagt: „Interessiert uns nicht. Wir machen das anders.“ Frankreich ist im Vergleich zu Deutschland kaum amerikanisiert. Und durch Donald Trump hat sich das Thema vollends erledigt. Paris behauptet seine Identität. Das finde ich sehr positiv. Die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, will die Anzahl der Autos weiter reduzieren, es soll mehr Elektroautos geben, mehr Leihfahrräder. Sie will die Stadt lebenswert machen. Und das ist total neu. Sehr interessant. Ich weiß nicht, was daraus wird, ich persönlich bin sehr skeptisch, was die Bürgermeisterin angeht, aber ihr Projekt finde ich gut für Paris.

JB: Würden Sie sagen, dass Sie zu einer Französin geworden sind?

FM: Ich habe oft darüber nachgedacht, mit meinem Mann nach Berlin zu ziehen.

JB: Ist er Franzose?

FM: Ja.

JB: Dann würde er dort doch nicht überleben.

FM: Das war auch mein Grund, letztendlich doch nicht nach Berlin zu gehen. Weil ich wusste, er wird es nicht aushalten. Und die Erfahrungen, wenn wir ab und an nach Deutschland gekommen sind, die waren schon etwas verstörend. Wenn man beispielsweise den Platz wechseln möchte in einem Flugzeug, das total leer ist, dann heißt es: „Nein!“ Das sind Erfahrungen, die man nicht unbedingt mit einem Franzosen an der Seite machen möchte.

JB : Man hatte mir geraten, das Gespräch auf Französisch zu führen, weil Sie angeblich französisch denken – wann fängt dieser Prozess an, dass einem die Muttersprache fremd wird? Fängt das in Träumen an?

FM: Ich habe wenig deutsche Freunde in Paris. Es gibt viele Deutsche hier, aber die deutsche Mentalität ist mir fremd geworden. Ich habe das Gefühl, dass Paris mich geschluckt hat. Für die Franzosen bin ich allerdings noch immer sehr deutsch.

JB: Woran merken die das?

 

Frauke Meyer: “Ich bin stolz auf meinen unterschied, auf den Kontrast von Deutschland zu Frankreich.

Tweet this

FM: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das ist wohl so, als ob man einen Akzent hat. Den man aber selbst nicht wahrnimmt, weil man ihn dann korrigieren würde. Ein gewisses Niveau einhalten, Genauigkeit – es sind ein paar Dinge, die man als Deutscher einfach macht. Wenn man beispielsweise eine Notiz schreibt, weil jemand versucht hat, anzurufen, dann schreibt man dort den Namen des Anrufers hin, die Uhrzeit des verpassten Anrufs und die Rückrufnummer.

JB: Wachsen Ihre Kinder zweisprachig auf?

FM: Ja.

JB: Warum?

FM: Wenn ich die französische Staatsbürgerschaft annehmen möchte, müsste ich die deutsche aufgeben. Man kann zwei haben, wenn man wie meine Kinder in Frankreich geboren ist und eine deutsche Mutter hat. Bis zum 13. Lebensjahr, danach muss man die deutsche dann aufgeben.

J B: Und das wollen Sie nicht?

FM: Nein.

JB: Weil?

FM: Weil ich Deutsche bin. Ich bin stolz auf meinen Unterschied, auf den Kontrast von Deutschland zu Frankreich. Hier sind die sozialen Schichten wesentlich stärker ausgeprägt als in Deutschland. Es gibt Familien in Frankreich, in denen ist es immer noch üblich, dass die Kinder ihre Eltern siezen. Wenn Sie sich die Politik anschauen: Mir ist das klar geworden nach dem Regierungswechsel, da haben mich meine Kinder gefragt, warum der Präsident in einem Palast lebt – und Angela Merkel in einer Wohnung. Beantworten Sie mal diese Frage. Ich bin sehr gespannt, was aus dieser Fünfjahresregierung werden wird. Wo wir nach fünf Jahren sein werden. Ich wünsche mir sehr, dass Frankreich seinen Weg finden wird aus dem Schlamassel. Ich habe in all den Jahren ja mit dabei zugesehen, wie Paris verarmt ist. Man kann es nicht anders sagen: Es gibt hier viele Menschen, die auf der Straße leben. Das ist erschreckend.

JB: Das ist in Berlin aber auch so inzwischen. Es gibt eine wachsende Anzahl von Menschen, die ganzjährig im Park wohnen. Was ich daran beschämend finde: Es sind mittlerweile auch viele Frauen, die obdachlos sind.

FM: Hier sind es Familien.

JB: Ich würde gern noch einmal zurückkommen auf die gesellschaftlichen Unterschiede. Ich stelle mir das so vor, dass das Unternehmen Christian Liaigre paternalistisch organisiert war. Mit Christian Liaigre selbst als Patron. Wie haben Sie es geschafft, dass der Patron Ihnen sein Vertrauen geschenkt hat?

FM: Ich war sehr unabhängig. Und sehr eigenständig. Ich habe ja, bevor ich die künstlerische Leitung übernommen habe, das Büro lange geleitet. Ich glaube, dass ich bewiesen habe, was ich kann.

JB: Das ist jetzt aber sehr deutsch gedacht.

FM: Es war natürlich auch eine emotionale Sache.

JB: Christian Liaigre stammt aus einer Generation, die Deutschland und Frankreich als Kriegsgegner erleben musste.

FM: Mit meiner Herkunft hatte das aber nichts zu tun. Er hat mir sehr vertraut.

JB: Ruft er Sie manchmal noch an und sagt: „So nicht!“?

FM: Weniger. Er hat sich sehr davon gelöst.

 

Interview: Joachim Bessing

Fotos: Hugo Comte

13.12.2017 | Kategorie Interviews | Tags ,