Grace
die Große

Auch mit 75 Jahren denkt Grace Coddington nicht ans Aufhören. Ein Treffen.

Grace Coddington | Foto: Arthur Elgort

Grace Coddington war 
Model, Moderedakteurin 
und Muse. Seit ihrem Auftritt in der Dokumentation The September Issue 
ist sie ein Star. Mittlerweile hat sie ein eigenes Parfum, konzipiert Werbekampagnen und ist Herausgeberin von sechs Büchern. Das jüngste Werk, „Grace: The American Vogue Years“, das ihre Arbeiten für die Zeitschrift von 2002 bis jetzt illustriert, ist soeben erschienen – 
und wohl nicht ihr letztes.

Ein altes Ziegelstein-Hochhaus in West Chelsea, New York, unweit der High Line. Durch das Erdgeschossfenster leuchtet ­Grace Coddingtons präraffaelitische Mähne. Ihre Assistentin öffnet die Tür zum Apartment #1EE, das die bescheidene Größe eines Single-Studios hat. Grace sitzt kerzengerade, als würde sie eine Stochastik-Aufgabe lösen, in weißem, kurzärmligem Hemd, schwarzer Hose und schwarzen Céline-Ponyfell-Sneakern, komplett ungeschminkt hinter einem kleinen Schreibtisch, isst noch die Reste eines in Alufolie gewickelten Burgers und erklärt mit vollem Mund, erst vor Kurzem hierhergezogen zu sein. Seit Anfang dieses Jahres ist die Grande Dame der amerikanischen Vogue zum Creative Director at Large geworden, was heißt, dass sie nun eine Freiberuflerin ist. Und sie ist gefragt wie nie. Zu ihren Kunden gehören Comme des Garçons, Phaidon, Tiffany & Co. und, natürlich, Anna Wintour.

Interview Miss Coddington …

Grace Coddington Bitte sagen Sie Grace. Sonst weiß ich gar nicht, mit wem Sie sprechen.

Interview Einverstanden, Grace. Sie sind dieses Jahr 75 geworden. In Deutschland ist man da im Allgemeinen schon zehn Jahre in Rente. Sie hingegen knien bei Shoots immer noch auf dem Boden, um Models Strümpfe anzuziehen. Warum tun Sie sich das an?

Coddington Ich liebe meine Arbeit und habe das Gefühl, dass ich immer noch was zu sagen habe. Außerdem habe ich Angst vor zu viel Ruhe. Es sind schon etliche Leute um mich herum tot umgefallen, sobald sie im Ruhestand waren. Also mache ich noch so lange weiter, bis mich niemand mehr will.

Interview Sie haben seit 2005 sechs Bücher rausgebracht, waren Star in der Dokumentation The September Issue, haben dieses Jahr ein Parfum mit Comme des Garçons kreiert und eine Kampagne mit Tiffany & Co. produziert. Lautet Ihr Motto: je oller, je doller?

Coddington Für mich ist alles eine logische Weiterentwicklung und hängt zusammen. Ich studiere ja nicht plötzlich Medizin. So abenteuerfreudig bin ich dann doch nicht. Ich bin neuerdings Freiberuflerin und in der Lage, andere Sachen zu machen, wie eben das Parfum. Die Planung dafür hat aber schon vor ein paar Jahren begonnen. Anna (Wintour) hat mich unterstützt, obwohl ich damals noch Vollzeit für Vogue gearbeitet habe. Sie wusste wohl, dass sich diese Sachen in die Länge ziehen.

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Interview Der 81-jährige Karl Lagerfeld designt für Chanel und Fendi, arbeitet als Fotograf und Herausgeber, hat eine Bibliothek aus 300 000 Büchern aufgebaut. Anstatt über Druck zu jammern, wirft er sich vor, faul zu sein. Er sagt, er kenne „nur Strass, keinen Stress“. Verstehen Sie das?

Coddington Ach, Karl ist einfach der Knaller. Ich frage mich immer, wie er auf diese Sprüche kommt. Er ist so klug. Jeder fragt sich, wer ihn bei Chanel ablösen wird, und er sitzt da noch immer mit einer unglaublichen Energie. Ich bin mir sicher, er arbeitet, bis er tot umfällt. Auch ich will arbeiten, solange ich kann. Das kann bis morgen sein oder irgendwann später. Ich habe mir keine Deadline gesetzt. Hätten Sie mich das vor ein paar Jahren gefragt, hätte ich gedacht, ich würde mit 75 irgendwo auf dem Land leben mit 100 Katzen. Das ist nicht passiert.

Interview Sie haben Ihre neue Rolle als Creative Director at Large bei Vogue als „Teil III“ Ihres Berufslebens bezeichnet, als neues Kapitel nach Ihrer Arbeit als Model in den 1960ern und als Moderedakteurin. Was war der Auslöser, noch mal neu zu beginnen?

Coddington Du meine Güte, was ich in Interviews immer alles sage. Ich wollte einfach Zeit für andere Projekte haben. Von den wenigen Leuten, die Vollzeit für Vogue arbeiten, wird erwartet, dass sie immer 100 Prozent auf Vogue fokussiert sind, ihr Allerbestes geben. Nun arbeite ich pro Jahr nur noch an vier Modeshootings und bin auch nicht mehr jeden Tag in der Redaktion. Ich muss nun nicht mehr jeden Tag um 7:30 Uhr aufstehen.

Interview Sie wurden mit 17 von der britischen Vogue als Model entdeckt, haben dort 19 Jahre als Redakteurin gearbeitet und sind nun bereits 28 Jahre bei der amerikanischen Vogue. Haben Sie je daran gedacht zu kündigen?

Coddington Irgendwie habe ich jetzt ja gekündigt. Aber wenn man so lange wie ich mit Vogue und Condé Nast lebt und arbeitet, wird es Teil von einem selbst. Ich könnte nie für einen anderen Verlag arbeiten.

"Grace: The American Vogue Years" | Foto: Courtesy of PR

Interview Sie arbeiten seit mehr als 50 Jahren in der Modewelt. Dort beklagt man sich gerade, dass es nichts Neues mehr gibt, alles sei nur Recycling oder retro. Sehen Sie das auch so?

Coddington Es war immer schon so, länger als sich alle darüber beschweren. Die Herausforderung ist die Art und Weise, wie man etwas recycelt und neu erfindet. Denn der Körper verändert sich im Grunde nicht: Wir haben zwei Arme, zwei Beine, manche Leute haben auch eine Taille, und all das gilt es mit Klamotten zu bedecken. Zwangsläufig wiederholt sich da alles.

Interview Sie haben in Ihrer Karriere ungefähr 3 000 Fashion-Shows besucht. Dann haben Sie alles doch schon mehrfach gesehen.

Coddington Ja, ich habe viel gesehen, aber ich war nie davon gelangweilt. Das bin ich noch immer nicht. Auch wenn etwas eine Neuerfindung der 40er-, 50er- oder 60er-Jahre ist, so ist es eine Neuerfindung für die Frau oder das Mädchen von heute, mit einer anderen Frisur und anderem Make-up. Es ist spannend zu sehen, woher ein Stil kommt. Oft ist es ein Mix der 40er- und 80er-Jahre, denn die Vierziger wurden in den Achtzigern wieder aufgegriffen. Und man erlebt alles auch immer mit anderen Leuten. Ich habe die 80er-Jahre in den 80er-Jahren mit einer bestimmten Gruppe an Fotografen, Models, Hairstylisten fotografiert. Heute arbeite ich mit ähnlicher Mode, aber mit komplett neuen Leuten. Das verändert das Ganze natürlich

Interview 2009 wurden Sie durch R. J. Cutlers Dokumentation The September Issue einer großen Öffentlichkeit bekannt und nach dem Ende Ihrer Modelkarriere in den 60er-Jahre wieder ins Rampenlicht gerückt. Wie war es für Sie, plötzlich berühmt zu sein?

Coddington Es hat komplett mein Leben verändert. Bis dahin waren wir Mode­redakteure eher anonyme Gestalten und nur den Insidern bekannt. Durch den Film konnte man Einblick in die Vogue-Redaktion bekommen, und weil ich da oft mit Anna herumstreite oder herumdiskutiere, bin ich zwangsläufig stark rübergekommen.

Interview Die Doku hat die Leute hinter den Kulissen zu Stars gemacht. Modeleute nennen sie Editorialistas.

Coddington Ja, das war ein Wendepunkt. Auf einmal war jeder ein Promi, egal was wer macht. Manchmal muss man dafür nicht mal ein Moderedakteur sein, sondern einfach nur eine Familie, die sich filmen lässt. Der Film kam genau zu einer Zeit, in der plötzlich jeder einen Blick in den Kleiderschrank, in das Haus, in das private Leben von Celebrities werfen wollte. Das ist ja nach wie vor so. Deshalb sind Magazine wie People auch so erfolgreich. Ich kaufe sie mir ja selbst.

Interview Und, haben Sie sich darin schon selbst entdeckt?

Coddington Noch nie! Aber die Aufmerksamkeit, die ich jetzt habe, reicht mir schon. Kaum lief der Film in den Kinos, wurde ich auf der Straße erkannt. Jemand schrie: „Grace! Grace!“, und ich dachte, das wäre ein Freund von mir, drehte mich um, und da stand ein Fremder. Aber der Trubel hat auch sehr viel Gutes. Die Leute wollen plötzlich, dass ich mit ihren Produkten in Zusammenhang gebracht werde, wie vor Kurzem Tiffany & Co. Sie wollten vor allem meinen Namen für die Kampagne. Ich frage mich echt, warum, denn ehrlich gesagt trage ich nicht viel Schmuck.

Interview In dem Making-of-Video zur Kampagne erwähnen Sie, dass Sie vor jedem Job Angst haben. Wie äußert sich das?

Coddington Hoffentlich in einer Form, die niemand anderes bemerkt. Man weiß einfach nie, wie die Sachen laufen werden. Ich kann vorab sicherstellen, dass die Klamotten passen, ja, aber ich weiß nicht, ob die Chemie zwischen allen stimmen wird. Auch wenn ich jedes Bild vor dem Shooting fertig im Kopf sehen kann, heißt es nicht, dass wir es so in den Kasten bekommen. Alles kann sich schlagartig ändern. Nur weil ich das schon ewig mache, gibt es keine Garantie.

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Interview Sind Sie noch nervös, wenn Sie Ihrer Chefredakteurin Ideen präsentieren?

Coddington Ich würde nicht sagen, dass ich nervös bin. Ich mache mir eher darüber Gedanken, wie ich meine Vorschläge so präsentiere, dass sie ihr gefallen. Das ist alles eine Sache der Wortwahl. Ich muss etwas so beschreiben, dass sie sich in ihrem Kopf ein Bild davon machen kann und sofort erkennt, warum etwas gut für Vogue ist. Wenn man dabei unsicher ist, bemerkt sie das und hinterfragt die gesamte Idee. Daher muss man Vorschläge für Anna produktiv machen, sonst verschwendet man nur Zeit.

Interview Der Regisseur R. J. Cutler meinte in einem Interview mit der New York Times: „Anna geht es immer um das, was als Nächstes kommt. Grace hingegen interessiert sich vor allem für den historischen Blick auf Kunst und Mode.“ Wie oft streiten Sie sich?

Coddington Wir schauen einfach in entgegengesetzte Richtungen, und es stimmt, dass Anna nicht zurückblickt. Aber ich schaue auch nach vorne, so ist es nicht.

Interview Die Romanverfilmung Der Teufel trägt Prada hat das Modebusiness als ein Haifischbecken gezeigt. Sie haben in dieser Welt überlebt. Haben Sie ein Rezept gegen Intrigen?

Coddington Ich würde Der Teufel trägt ­Prada nicht als eine ernsthafte Darstellung der Modewelt betrachten. Das ist eine nette Geschichte, geschrieben von einer Frau, die fünf Minuten Erfahrung bei Vogue hatte und dachte, sie wüsste alles über Mode. Fashion ist nicht so hohl und dumm, wie es dort dargestellt wird, sondern ein ernsthaftes Business. Und zwar ein sehr schönes. Ich hoffe, die Leute schenken dem Film nicht zu viel Aufmerksamkeit, sondern schauen ihn im Flugzeug an und lachen darüber.

Interview In Ihrer Autobiografie schreiben Sie: „Auch ich kann manchmal eine Bitch sein.“ Wie zeigt sich das bei Ihnen?

Coddington Da wollte ich nur lustig sein. Aber natürlich kann ich rumzicken, doch da muss ich schon sehr provoziert werden. Ich mache keinen Umweg, um böswillig zu sein, was echte Zicken ja im Grunde genommen machen. Meist passiert das aus Neid – und ich bin niemand, der neidisch ist. Wenn ich was nicht haben kann, weil jemand anderes es hat, dann suche ich mir was Neues. Das ist sonst alles Zeitverschwendung.

Interview Die Modebranche steht gerade vor einem Umbruch. Früher wurden Models für ihre 90-60-90-Maße gebucht, heute nach der Anzahl ihrer Follower auf Instagram. Wie denken Sie über diese Entwicklung?

Coddington Es ist wirklich schlimm, dass das so gekommen ist. Ich arbeite so nicht, überhaupt nicht, aber 99 Prozent der Industrie macht das leider. Nur weil diese Leute in den sozialen Medien eine Million Follower haben, heißt das nicht, dass sie Überflieger sind. Es bedeutet lediglich, dass sie Teil einer sozialen Schicht sind, die an so einem Unsinn interessiert ist.

Interview Es gab kürzlich einen wahren Shitstorm nach einem Post auf vogue.com, in dem sich Redakteure darüber beschwert haben, dass Blogger und Influencer bei ­Fashion-Shows in der Frontrow sitzen und bezahlte Inhalte zeigen. Stört es Sie, wenn plötzlich ein 20-jähriges Bloggermädchen neben Ihnen sitzt, von dem Sie noch nie was gehört haben?

Coddington Blogger werden nun Influencer genannt? Du meine Güte. Na ja, ich war anfangs schon genervt, als Blogger ein neues Phänomen waren. Sie hatten überhaupt kein Mode-Know-how, sondern trugen einfach Skinny Jeans in Lila oder so was in dieser Art, nannten sich Blogger und bekamen Jobs bei Magazinen, obwohl nicht mal klar war, ob sie schreiben konnten. Das fand ich ärgerlich, aber ich bin darüber hinweggekommen. Es gehört einfach zu der Zeit, in der wir leben. Solange ich einen Job habe, was bisher der Fall ist, ist das okay. Das sind immer noch Blogger, die eine andere Form von Respekt bekommen als jenen, den Leute mir entgegenbringen. Und Vogue hat da nun Stellung bezogen? Wann war das? Was haben sie genau gesagt?

Interview Ja, das war kurz nach der Mailänder Modewoche. In dem Beitrag wurden Blogger als „armselig“ und „peinlich“ bezeichnet, und es wurde ihnen geraten, sich andere Jobs zu suchen.

Coddington Ach, wirklich? Das habe ich nicht mitbekommen. Ich bin wirklich überrascht, denn ich war die letzten Wochen recht häufig in der Redaktion. Sehen Sie, ich lese das alles gar nicht.

von Denise Koller

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