"Ich hab geheult, aber ich hab ihn gehasst"

Helene Hegemann wurde kein Jahr zu früh berühmt, seitdem gibt es den schönen Begriff vom Teengenie in der Neueren Deutschen Literatur. Dass sie ihren weltweit erfolgreichen Roman „Axolotl Roadkill“ einst verfilmen würde, stand irgendwie immer im Raum, und in diesem Sommer ist es so weit: Am 29. Juni kommt Axolotl Overkill in die Kinos. Auf dem Sundance Festival wurde Frau Hegemanns zweite Regiearbeit schon mit einer Auszeichnung bedacht. Johanna Adorján, Schriftstellerin und „Kulturjournalistin des Jahres 2017“, kommt auch drin vor – sie spielt eine Psychotherapeutin. Ideale Besetzung für ein interessantes Gespräch

Helene Hegemann | Foto: Mathilde Agius | Styling: Anna Schiffel | Look: Courrèges & Prada

JOHANNA ADORJÁN: Ich spiele in deinem Film eine winzige Rolle, nicht der Rede wert, wenn man blinzelt, verpasst man’s, aber warum eigentlich eine Therapeutin?

HELENE HEGEMANN: Weil ich dir, völlig zu Recht, Talent unterstellt habe. Und es außerdem ganz gut fand, die Therapeuten, gibt ja mehrere, mit Journalisten zu besetzen. Warum auch immer. Rein intuitiver Move, da gibt’s keinen Hintergrund.

J A : Aber du hättest mir ruhig mehr Regieanweisungen geben können. Hast du das nie gemacht, hast du auch bei den anderen nie was gesagt?

H H : Doch, klar, man sagt schon mal was als Regisseur. Aber du brauchtest ja gar keine Anweisungen. Vielleicht war der Rahmen für dich frei genug, dass du ein bisschen Scheiß machen konntest, und das war dann aber kein Scheiß, sondern richtig gute Improvisation.

J A : Du hast ja auch selbst einen Auftritt in deinem Film. Da zieht die Kamera plötzlich an dir vorbei, und dann sitzt du da eben auf deinem Regiestuhl.

H H : Ach ja, richtig, stimmt, peinlich, hätte ich auch lassen können.

J A : Das machen ja einige Regisseure. Hast du zum Beispiel Manchester by the Sea gesehen von Kenneth Lonergan?

H H : Ja. Wo kommt der denn davor?

J A : Er ist der Passant, der sagt: „Great parenting“.

H H : Ach der. Das wusste ich nicht.

J A : Super Film, oder?

H H: Ja,ganz toll.

J A : Und ich hoffe, dass du La La Land gehasst hast.

H H : Ja ja, keine Sorge. Ich hab geheult, aber ich hab ihn gehasst.

J A : Ich auch.

Helene Hegemann | Foto: Mathilde Agius | Styling: Anna Schiffel | Kleid: Acne Studios

H H : Welche Stellen?

J A : Leider weiß ich’s nicht mehr, weil ich den ganzen Film vergessen habe, genau während der Abspann lief. Deine?

H H : Ich hab natürlich geheult, als sie ihre Vorstellung hat in diesem kleinen, extra zu diesem Zweck gemieteten Theater, wo sie ihr eigenes Solo-Stück aufführt. Es sind nur wenige Leute da, das hatte ich schon erwartet, nicht so schlimm. Aber dann sitzt sie danach in ihrer Garderobe und ist gerade an dem Punkt, wo sie nicht weiß, ob’s wirklich richtig scheiße gelaufen ist oder sie sich das nur einbildet. Und dann laufen zwei Typen an der offenen Tür vorbei, die auch echt nicht ahnen können, dass sie da drin sitzt, und sagen: „Oh Gott, war das schrecklich, embarrassing, die muss sich doch jetzt erhängen …“ Furchtbar, das hat mich völlig fertiggemacht.

J A : Schaust du viele Filme?

H H : Ja. Du auch?

J A : Ja. Total. Am liebsten alleine und im Kino, dann sitze ich am Rand und hoffe, dass es gut wird. Wenn Filme richtig gut sind, macht mich das glücklicher als so ziemlich alles andere auf der Welt. Ich bin dann so froh, dass es so tolle Leute auf der Welt gibt.

H H : Ja, das ist bei mir auch so. Oder wenn man aus dem Kino rausgeht und plötzlich wirklich das Gefühl hat, zur Hauptfigur geworden zu sein. Das schafft kein anderes Medium, glaub ich. Das schafft auch kein Buch, das können nur Filme.

J A : Ich finde so beeindruckend, dass du dein eigenes Buch verfilmt hast. Sich hinzusetzen und selbst zu adaptieren, was man geschrieben hat, also noch mal denselben Stoff für ein anderes Medium zu bearbeiten und das dann auch noch selbst zu inszenieren, finde ich total …

H H : … bekloppt, oder?

J A : Nee, bewundernswert. Ich hätte überhaupt nicht die Geduld oder was man da braucht.

H H : Aber wenn Film die Kunstform wäre, mit der du viel mehr anfangen könntest als mit Schreiben?

J A : Ist das so bei dir?

H H : Ja, schon. Und du würdest dann das Angebot kriegen, dass … Was weiß ich. Stell dir mal vor, die Rechte von „Geteiltes Vergnügen“ würde jemand kaufen, bei dem du wüsstest, es kommt bei der Verfilmung das exakte Gegenteil von dem raus, was du mit dem Stoff mal in die Welt setzen wolltest. Inhaltlich, politisch, ästhetisch.

Helene Hegemann: “2005 war ich westdeutsche Juniorenmeisterin in "Dancefloor", Kategorie Smallgroup”
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J A : Stimmt, bei Andreas Dresen würde ich vielleicht wirklich denken, ach was soll’s, mach ich halt die nächsten drei Jahre das.

H H : Oder?

J A : Aber Schreiben ist doch das Gegenteil von Regie führen. Beim Schreiben hast du ganz allein die Kontrolle über alles, beim Film bist du doch dauernd auf andere angewiesen, Licht, Ton, Schauspieler … Das hast du doch alles gar nicht in der Hand.

H H : Gerade das ist so angenehm. Dass das, was man produziert, nicht das Endprodukt ist, sondern von Schauspielern und Ausstattern und der Kamera zwangsläufig zu was völlig anderem gemacht wird – ein Kunstwerk, das sein Eigenleben entwickelt, weil es keinen Alleinverantwortlichen gibt. Klingt romantisch verklärt, ist aber echt so. Außerdem wird am Set alles für dich organisiert, solange du der Chef bist. Man wird abgeholt, kriegt zu Mittag, alle konstruieren permanent das Gefühl, dass es um wahnsinnig viel ginge, und verhalten sich dann echt wie Notfallchirurgen. Das ist toll, viel toller als am Schreibtisch sitzen.

J A : Deinen ersten Film Torpedo hab ich bei der Premiere 2008 in der Volksbühne gesehen. Ein 50-minütiger Kurzfilm mit Alice Dwyer. Warum hast du danach überhaupt ein Buch geschrieben?

Helene Hegemann | Foto: Mathilde Agius | Styling: Anna Schiffel | Mantel: Bottega Veneta

H H : Weil man Filme nicht schnell genug finanziert kriegt.

J A : Wirklich, das war der Grund?

H H : Ja. Ich hatte mir zwischendrin mal was ausgedacht, das war mal mein Lieblingsthema, aber wir haben, glaube ich, nie darüber geredet, über diese minderjährige Serienkillerin, kennst du die, Mary Flora Bell? Die war elf und sah aus wie von Spielberg besetzt für so was. Die hat in Irland Ende der 60er- Jahre zusammen mit einer Freundin Kinder erwürgt, also eins nach dem anderen, aber gar nicht völlig weggepsycht, sondern die war einfach falsch sozialisiert worden.

J A : Vielleicht war sie das Böse.

H H : Klar, kann sein. Aber die hat jetzt ein okayes Leben, ist verheiratet, hat Kinder – nachdem sie jahrelang aus jedem Dorf, in das sie gezogen ist, wegdemonstriert wurde.

J A : Und sie konnte wahrscheinlich nie bestraft werden.

H H : Doch, mit elf ist die in eine geschlossene Jungsanstalt gekommen. Nur Jungs, die alle zwischen 16 und 18 waren. Und danach sechs Jahre lang Frauengefängnis.

J A : Und das wolltest du als Serie schreiben?

H H : Nein, nein. Obwohl, eine gute Serie wäre das wahrscheinlich sogar auch geworden, extrem zerrissen. Aber dafür gab es kein Geld, und ich hab das damals vielleicht auch ein bisschen zu splattermäßig runtergebrochen. Jedenfalls kam es nie zustande. Das ist nicht der Grund, warum ich angefangen habe zu schreiben, aber fast.

J A : „Axolotl Roadkill“. Ist ja bekannt. Das Buch, mit dem du bekannt wurdest und das du jetzt eben verfilmt hast. Ich  hab das zur Vorbereitung gegoogelt, und wenn man sich den Wikipedia-Eintrag zu „Axolotl Roadkill“ durchliest, dann ist so Inhalt: zwei Sätze. Dann kommen die Kapitel „Diskussion“ und „Kritik“: Da tauchen nur noch Medienmänner auf, soundso schrieb in der „taz“, soundso urteilte soundso, soundso wies dies zurück, soundso veröffentlichte einen Artikel, der sich am nächsten Tag jedoch als Satire herausstellte … Rückblickend auf diesen ganzen Zirkus, das ist jetzt sieben Jahre her: Was ist für dich geblieben davon?

H H : Ich tu jetzt so, als würde ich das zum ersten Mal sagen, und zwar, dass es gar nicht so schlecht ist, was da passiert ist. Man kennt doch so Leute, die aus Versehen einen Raketenstart hatten, wo sie übermäßig gehyped wurden, nicht nur Autoren, auch Schauspieler, vor allem Frauen. Und dann sitzen die den ganzen Tag und googeln sich und gucken, was für nette Artikel hinzugekommen sind, und machen sich auf eine selbstzerstörerische Weise abhängig von so was. Und ich glaube, wenn deine Außenwirkung einmal komplett infrage gestellt wurde, und zwar wirklich so fundamental, dass in der „SZ“ ein Kreuzworträtsel mit deinem entstellten Gesicht ist, in dem sich alles darum dreht, wie hässlich du aussiehst, und wenn so was alle drei Tage passiert, dann kriegt man eine ganz gute Antihaltung, und dann ist es einem auch egal. Weil, man überlebt ja trotz dieses Albtraums, und man schreibt ja trotzdem weiter. Wenn man’s einmal durchhat, das, wovor andere Leute, glaube ich, Angst haben, dann macht man davon nichts mehr abhängig.

J A : Ich hab das Gefühl, dass Leute, die das alles nicht genau verfolgt haben, sondern nur so ein Rauschen mitgekriegt haben, heute noch denken: „Helene Hegemann, ah, ist das nicht die mit dem Plagiat?“ Das ist hängen geblieben, weil das so laut und penetrant war. Stört dich das, oder ist das auch: Lass sie reden, ist doch egal?

H H : Es nervt, wenn dann Kommentare kommen wie: „Warum verfilmt sie jetzt das, was sie sowieso komplett abgeschrieben hat?“ Das stimmt ja einfach nicht. Es ging da um zwei Seiten. Das ist kein abgeschriebenes Buch. Und selbst diese zwei Seiten waren modifiziert. Egal. Vor einigen Tagen bin ich jedenfalls auf einem Empfang einem Kameramann vorgestellt worden, der auf die Information, dass ich gerade „Axolotl Roadkill“ verfilmt habe, fragte, wie es denn gewesen sei, mit so einer anstrengenden Autorin wie Helene Hegemann zusammenarbeiten zu müssen. Der wusste offenbar nicht, wie ich aussehe, aber dass ich anstrengend bin. Das war irgendwie toll, ein Triumph.

J A : Lass uns bitte sofort über den Film reden. Was ist das zum Beispiel bitte für ein grandioses Soulstück am Anfang?

H H : Das ist ein Gospelsong von Pastor T. L. Barrett. „Nobody Knows“ aus dem Jahr 1971 mit Jugendchor.

J A : Du hast überhaupt großartige Musik. Die Sachen von Terranova, also von Fetisch, zum Beispiel, die du unter Ausgehszenen gelegt hast. Es gibt ja nichts Peinlicheres in Filmen als Clubszenen, die ja meistens bläulich beleuchtet sind und aussehen wie Bacardi-Werbung.

H H : Ja, oder wie „GZSZ“. Weil’s bei Clubszenen ja auch keinen Inhalt gibt. Du kannst halt nichts wiedergeben, weil es nur um Inhaltlosigkeit geht.

J A : Leute, die ihre Haare schütteln. Sieht schnell aus wie ein Helene-Fischer-Video.

H H : Weil Ausgehen ja auch oft ist wie ein Helene-Fischer-Video, oder? Das ist ja das Schlimme.

J A : Nee, manchmal eben nicht.

H H : Findste nicht? Also der Vorgang selber, was man da macht, nämlich fast gar nichts, das ist schon…

J A : Nein, das ist zu aseptisch. In Wahrheit hat es ja früher nach Zigarettenrauch gerochen, und jetzt riecht es nach Schweiß. Und bei Helene Fischer, würde ich denken, riecht es nach Pril. Aber im Film gibt es zum Beispiel einen Moment, wo Jasna Fritzi Bauer und Mavie Hörbiger in einer Ausgehsituation durch einen Flur gehen, und darunter liegt Musik von Terranova, und das hat mich so unglaublich an ein Gefühl erinnert, das ich vergessen hatte. Im Prinzip wohl einfach ans Jungsein.

H H : Wirklich? Wir haben das im Tresor gedreht, und der Besitzer ist Dimitri Hegemann, mit dem ich überhaupt nicht verwandt bin, aber aufgrund des Nachnamens und gegenseitiger Sympathie haben wir irgendeine Art der Nettigkeit miteinander, die über das normale Sich-kaum-Kennen hinausgeht. Er hat uns drehen lassen, sich aber vertraglich zusichern lassen, dass wir unter die dort gedrehten Szenen Techno legen müssen. Das war für mich total problematisch. Techno unter einer Clubszene im Film behauptet immer etwas, das man in einem Film überhaupt nicht widergespiegelt kriegen kann. Ich dachte erst an Garage Punk aus den Sechzigern, dann an ’ne Ballade, was man sich halt so ausdenkt. Und dann hatte aber Fetisch diese Musik, und das ist so toll, weil die so besonders ist…

Helene Hegemann: “Ausgehen ist ja auch oft wie ein Helene-Fischer-Video, oder? Das ist ja das Schlimme”
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J A : Die hat so was Dunkles und Warmes und Lebendiges.

H H : Und eine Entwicklung, das finde ich so interessant. Das ist eine lang gezogene Emotion. Was bei elektronischer Musik eigentlich selten ist.

J A : Und wer ist diese junge Tänzerin? Es gibt eine Szene, vollkommen zusammenhangslos, die ist da einfach so in den Film reingeworfen. Da tanzt auf einmal ein Mädchen so eine Art expressiven HipHop-Tanz durch ein Wohnzimmer, das vorher oder nachher auch nie vorkommt im Film. Erklär mal.

H H : Leonie Brouwer-Pohlenz, die habe ich bei „Got to Dance“ mal im Fernsehen gesehen, dieser Castingshow. Die kommt aus Cuxhaven und tanzt seit zwei Jahren, ist elf Jahre alt. Inzwischen wahrscheinlich schon 13 und drei Köpfe größer als ich, aber beim Dreh war sie elf.

J A : Es gibt überhaupt ein paar surreale Szenen oder Auftritte im Film. Wo plötzlich ein Pinguin durch eine Wohnung watschelt und man nicht weiß, ob das Ausdruck eines Gefühlszustands sein soll oder ein Symbol oder real. Wie überlegt man sich so was?

H H : Ich hatte einige von denen im Drehbuch an einer anderen Stelle, wo sie inhaltlich mehr Sinn gemacht hätten, aber nicht funktioniert haben. Und im Schnitt merkten wir dann, wo sie am besten funktionierten – aus dem Kontext gerissen, als reine Emotion.

J A : Stört es dich, wenn Leute denken, die Hauptfigur seist du? Und ihr Vater sei dein Vater, also Carl Hegemann, der Volksbühnen-Dramaturg?

H H : Ist natürlich totaler Quatsch.

J A : Ist mir klar, dein Vater wohnt sicher nicht in so einer schicken Beton-Villa.

H H : Nein, der wohnt im absoluten Gegenteil.

J A : Stört es dich, dass so viele Menschen Biografie und Fiktion nicht auseinanderhalten können?

H H : Ich bin ja selber so blöd, du nicht auch? Ist natürlich bekloppt, aber ich mach das automatisch auch selber. Obwohl ich ja eigentlich wissen müsste, dass …

J A : Ich dachte, du empörst dich jetzt.

H H : Ich find’s natürlich nervig. Und im Falle meines Vaters wird es richtig kritisch, weil der das Gegenteil ist von dem Arschlochvater im Film, das tut mir fast leid. Wie ist das bei dir?

J A : Ich hab mal ein Buch mit Kurzgeschichten geschrieben, da gab es die Orte, aber alle Geschichten waren absolut erfunden. Bis auf eine, die basierte, lose, auf etwas, was ein Freund erlebt hatte. Sonst alles komplett erfunden. Weißt du, wie viele Leute sich darin wiedererkannt haben?

H H : Also, zu mir kamen bestimmt 50, die überzeugt davon waren, du hättest über sie geschrieben. So viele hättest du in diesem Buch gar nicht unterbringen können.

J A : Es war absurd. Es haben sogar Leute, die ich beim Schreiben noch gar nicht kannte, darauf bestanden, dass sie das sind. Und das ließen die sich auch nicht ausreden. Insofern – eh wurscht. Aber ich wollt noch was zum Thema Tanzen fragen. Was warst du noch mal?

H H : Westdeutsche Juniorenmeisterin 2005 in Dancefloor, Kategorie Smallgroup.

J A : Mit welchem Song wurdest du da zur Siegerin?

H H :Unser Lied – das war ja ’ne Gruppenchoreografie – war: „Dust to Dust“ von Special D., falls dir das was sagt. Nee? Such das mal bei YouTube, du drehst durch.

Helene Hegemann | Foto: Mathilde Agius | Styling: Anna Schiffel


Fotos MATHILDE AGIUS | Styling ANNA SCHIFFEL | Haare & Make-up KENNY CAMPBELL | Produktion SARAH KHIABANI | Foto-Assistenz RONALD ROSE | Styling-Assistenz ALISA VORNEHM

29.05.2017 | Kategorien Film, Interviews | Tags , , , , ,