Remembering
JONATHAN GOLD

Jonathan Gold ist am 21. Juli 2018 in Los Angeles verstorben. Er war nicht nur der erste Food-Journalist, 
der mit dem Pulitzer-Preis aus­gezeichnet wurde, er war auch der erste, über den man einen Kinofilm gedreht hat. 2016 haben wir mit Jonathan Gold gesprochen.

Jonathan Gold aka "The L.A. Guy"

Nachdem bei Jonathan Gold erst vor einigen Wochen Krebs diagnostiziert wurde, ist er am 21. Juli 2018 mit nur 57 Jahren in Los Angeles verstorben. Der Food-Journalist, der unter anderem für LA Weekly und die Los Angeles Times geschrieben hat, hat 2007 als erster Gastronomiekritiker den Pulitzer-Preis gewonnen. 2015 drehte Laura Gabbert außerdem die Dokumentation City of Gold über ihn. „I can’t imagine the city (Los Angeles) without him. It just feels wrong. I feel like we won’t have our guide, we won’t have the soul,“ sagte die Regisseurin nach seinem Tod. 2016 haben wir mit Jonathan Gold gesprochen.

Go for Gold!
L.A.’s charmantester Food-Kritiker im Interview

Jonathan Gold isst, wie er schreibt: mit voller Hingabe. Für den Ort des Treffens wählte er ein einfaches Thai-Restaurant in einer heruntergekommen Strip-Mall in Thai Town. Hat man den aktuellen Kinofilm City of Gold gesehen, ist das keine Überraschung mehr. Die Dokumentation von Laura Gabbert zeichnet ein Porträt der Stadt Los Angeles, erzählt durch die Augen von Gold. Der 55-jährige Kritiker ist dafür bekannt, vermeintlich unbedeutenden Restaurants die gleiche Beachtung zu schenken wie dem neuen Streich des gefeierten Starkochs. Grund dafür ist seine unvoreingenommene Neugier, die ihn seit 30 Jahren in seinem Pick-up durch die Stadt treibt. Dass er wirklich keinen Unterschied zwischen Sterne- und authentischer Einwandererküche macht, wird klar, sobald das Essen auf dem Tisch steht. Dann unterbricht er sein Gegenüber mit einem konzentrierten Lächeln und sagt Sätze wie: „Diese Dinger hier sehen so hässlich aus, aber sie sind einfach verdammt lecker.“ Mit Dingern ist die frittierte Schweinehaut gemeint, die auf seiner Nudelsuppe schwimmt. Als sein Eistee mit Pandanblättern gebracht wird, spricht er nicht weiter, ehe man probiert hat. Durch Golds Augen betrachtet scheint das große Essensangebot der Stadt auf einmal bekömmlich. Und L. A. plötzlich ganz übersichtlich. Golds Kritiken wirken wie eine kulinarische Stadtkarte.

INTERVIEW: Herr Gold, in L. A. stellen sich die Leute stundenlang für gutes Essen an. Was war Ihr Rekord?

JONATHAN GOLD: Drei Stunden für ein Stück frittiertes Hühnchen. Der Gourmetkoch Ludo Lefebvre hatte mal einen Food-Truck mit Fried Chicken. Das war das Warten absolut wert.

INTERVIEW: Wo lohnt es sich in L. A. gerade besonders?

GOLD: Immer noch im Sqirl von Jessica Koslow. Ihr Café ist zwar total gehypt, aber manchmal sind gehypte Orte tatsächlich gut. Ihre Küche ist vollkommen alltäglich, aber irgendwie hat sie es geschafft, einfache Gerichte wie ein Marmeladenbrot auf ein neues Level zu heben. Und Sqirl hat seinen Stadtteil verstanden. Bis vor Kurzem war die Gegend sehr arm, es lebten hauptsächlich Latinos hier. Aber so langsam färbt das Nachbarviertel Silver Lake ab, in dem viele Hipster leben. Ich entschuldige mich für das Wort Hipster. Ich benutze es ungern, aber was soll man machen? Toll finde ich auch das neue französisch-mexikanische Restaurant von Ludo Lefebvre, das Trois Familia in Silver Lake. Dort gibt es nur Frühstück und Lunch, aber es ist immer eine Schlange davor.

INTERVIEW: Sie sprechen oft von der Musik eines Essens. Hören Sie denn gern Musik beim Essen?

GOLD: Nein, nicht unbedingt. Wenn ich esse, bin ich meist zu konzentriert. Deshalb mag ich auch die Musik in Restaurants nicht besonders. Trotzdem beschreibe ich sie oft in meinen Kritiken, weil die Wahl der Musik auch viel über das Restaurant aussagt.

INTERVIEW: In vielen amerikanischen Restaurants hat Musik Discolautstärke. Warum eigentlich?

GOLD: Das hat zwei Gründe. Erstens trinken die Leute mehr, wenn es laut ist. Ich nehme an, weil man eh nicht versteht, was der andere sagt, und man sich ja irgendwie beschäftigen muss. Der zweite Grund: Durch laute Musik versuchen Restaurants ihr Publikum jung zu halten. Eine Art unausgesprochene Segregation also. Man kann schließlich nicht sagen: „Sie sind zu alt, Sie dürfen hier nicht rein.“ Gleiches versucht man übrigens auch durch schummrige Beleuchtung zu erreichen.

INTERVIEW: Sie sind eigentlich ausgebildeter Cellist. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Restaurantkritiker zu werden?

GOLD: Mein einziges Talent neben der Musik ist die Fähigkeit zu lesen. Um mir neben meiner Arbeit im Studio etwas dazuzuverdienen, arbeitete ich als Korrekturleser für LA Weekly und schrieb Musikkritiken. Das war toll, so konnte ich als Anfang-20-Jähriger Nachmittage mit meinen Idolen wie Karlheinz Stockhausen verbringen. Irgendwann fragte mich der Verleger, ob ich nicht die Restaurantausgabe betreuen wolle. Essen hat mich schon immer interessiert, und ich dachte: „Toll, welch Gelegenheit, meine Freunde umsonst zum Essen auszuführen.“ Und wie sich herausstellte, lag es mir, darüber zu schreiben. Das ist jetzt 30 Jahre her.

INTERVIEW: Was gefällt Ihnen bis heute am besten?

GOLD: Ich denke, der Schock des Neuen. Jedes Mal, wenn ich ein neues Restaurant ausprobiere, habe ich immer noch dieses Gefühl von Aufgeregtheit, so wie es meiner Vorstellung nach auch Theaterkritiker haben. Sobald sich der Vorhang hebt, paart sich die Aufregung mit der Hoffnung, gleich die wohl beste Erfahrung seines Lebens zu machen.

INTERVIEW: Wann war das zum letzten Mal der Fall?

GOLD: Oh, es passiert ständig. Neulich im Attica in Melbourne, das Essen hat mich einfach umgehauen. Waren Sie schon einmal da? Dieser Laden ist so gut. Der Chefkoch setzt sich intensiv mit seiner Umgebung auseinander, findet Zutaten, mit denen noch keiner zuvor gekocht hat. Wie ein bestimmtes Seegras, das nicht nur selten ist, sondern dazu noch köstlich schmeckt. Unvergesslich bleibt für mich aber die Kartoffel im Attica, die in der Erde, in der sie geboren wurde, geröstet wird. Näher an den Ursprung zurück kann man nicht.

Jonathan Gold: “Fleisch ist nur noch eine Beilage”
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Optisch der Food-Kritiker par excellence und dennoch oft nicht erkannt: Jonathan Gold

INTERVIEW: Sie sind dafür bekannt, nahezu alles zu probieren. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Restaurants aus, über die Sie später schreiben werden?

GOLD: Zu 60 Prozent besuche ich die Restaurants wie jeder andere Kritiker auch. Aber ich entdecke auch viel auf Weibo, dem chinesischen Facebook. Selbstverständlich spreche ich kein Chinesisch. Aber geht es um Essen, erkenne ich das schnell. Den Rest erledigt Google Translate. Oft ernte ich Kritik, weil ich auch über vermeintlich unbedeutende Restaurants in Strip-Malls, Food-Trucks oder auch mal einen Essensstand in einem Supermarkt schreibe. Aber genau das ist L. A. Fast jeder hier hat einen Elternteil mit fremden Wurzeln. Für die Leute ist es normal, mit authentischer Thai-Küche aufzuwachsen, sich im Kino japanische Filme anzusehen oder den Unterschied zwischen der Musik aus Nord- und Zentralmexiko zu kennen.

INTERVIEW: Wie zeigt sich die Vielfalt an Kulturen in der Food-Szene?

GOLD: Als ich hier aufwuchs, gab es schon viele Asiaten in der Stadt, aber nahezu jedes Restaurant servierte die gleichen 14 Gerichte. Mit dem Immigration and Nationality Act von 1965 wurde L. A. zum Zentrum von Einwanderung aus aller Welt und dadurch auch die Lokalszene abwechslungsreicher. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viel Spaß es machte, plötzlich in ein Restaurant gehen zu können und nicht nur ein neues Gericht zu entdecken, sondern auch die Küche einer völlig neuen Region kennenzulernen. Ich kenne inzwischen die Unterschiede von der Südthai- bis zur Nordthai-Küche. Was wir gerade essen, kommt aus Zentral-Thailand. In San Gabriel Valley zum Beispiel, einem lang gezogenen Stadtteil 20 Meilen östlich von Downtown, kann man sich durch ganz China essen, ohne dabei die Stadt zu verlassen. Meiner Meinung nach ist San Gabriel einer der aufregendsten Stadtteile von L. A.

INTERVIEW: Was zeichnet L. A. noch aus?

GOLD: L. A. ist für mich der Inbegriff eines Ortes, an dem man sich immer wieder neu erfinden kann. So wie der Betreiber von Guerrilla Tacos. Er lernte unter Alain Ducasse und arbeitete in den besten Restaurants Kaliforniens, bevor er einen der leckersten mexikanischen Food-Trucks der Stadt aufmachte. Sein Fleisch bekommt er von einer sensationellen Schweinefarm, und durch seine Kontakte zum Fischmarkt ist der Fisch immer der frischeste. Selbstverständlich könnte er mit seinem Wissen diese Zutaten auch zu einem Gourmetmenü verarbeiten und 150 Dollar dafür nehmen. Aber er macht lieber eine der besten Tacos der Stadt daraus und verlangt sechs Dollar dafür.

INTERVIEW: Was halten Sie von neumodischen Trends wie Clean Eating?

GOLD: Sie kommen und gehen. Veganismus ist natürlich ein wenig albern, trotzdem hat es etwas losgetreten. Es ist offensichtlich, dass wir alle zunehmend weniger Fleisch essen werden. Die Hauptzutat ist Gemüse, Fleisch ist nur noch Beilage.

Jonathan Gold: “L. A. ist für mich der Inbegriff des Ortes, an dem man sich immer wieder neu erfinden kann”
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INTERVIEW: Gibt es einen Food-Trend, dem wir in Zukunft öfter begegnen werden?

GOLD: Die Zukunft liegt in der Fermentation. Sous-vide, also Zutaten vakuumverpackt schonend im Wasserbad zu garen, haben wir inzwischen hinter uns gelassen. Aber das Kochen mit niedriger Temperatur wird weiterhin eine Rolle spielen. Man kann dabei zusehen, wie das Essen sich verwandelt. Und das macht Spaß.

INTERVIEW: Und was wollen Sie 2016 gar nicht mehr auf dem Teller sehen?

GOLD: Kale. Obwohl ich zugeben muss, dass ich das auch nur gern sage. Erst gestern gab es das bei uns zum Abendessen. Aber nur Palmkohl, nicht diesen schrecklichen mit den geriffelten Blättern.

INTERVIEW: Gibt es ein Restaurant, das Sie immer wieder anzieht?

GOLD: Ich versuche jedes Jahr im Noma in Kopenhagen zu essen. Was René Redzepi da macht, ist einfach magisch. Und noch dazu sehen die Kopenhagener so verdammt gut aus. Man fühlt sich ja schon als Perverser, wenn man einfach nur durch die Straßen spaziert.

INTERVIEW: Vor 20 Jahren wäre eine Dokumentation über einen Restaurantkritiker undenkbar gewesen. Wie ist Essen zur Religion geworden?

GOLD: Es stimmt, die jungen Leute widmen sich dem Essen mit solch einer Leidenschaft und Hingabe, wie es meine Generation mit der Musik tat. Anstelle von Musikclips läuft aber heute ständig etwas zum Thema Essen im Fernsehen. Und in den sozialen Netzwerken finden sich die Menschen zu kleinen Gruppen zusammen. Es gibt Team Vegan, Team Nose to Tail oder Team Spicy.

INTERVIEW: Sie als Foodie sind auf Twitter, aber nicht auf Instagram. Wie kann das sein?

GOLD: Ja, ich weiß. Ich wollte schon lange damit anfangen. Mein Telefon ist voll mit unzähligen Essensbildern, Fotos meiner Kinder und von Katzen. Der perfekte Inhalt, um mit einem Instagram-Account Erfolg zu haben.

INTERVIEW: Meinen Sie wirklich?

GOLD: Sie werden sehen.

 

Von Inga Krieger

Lust auf einen Nachschlag? Dann werfen Sie einen Blick auf den Trailer zu City of Gold!