Julien Dossena

Paco Rabanne steckte Barbarella in den Pelz und kleidete Jane Birkin in Silber ein. Später kannte man die Marke bloß noch für ihre Parfums. Bis Julien Dossena das Haus aus seinem Dornröschenschlaf weckte.

FRAUKE FENTLOH: Es heißt, für Ihre aktuelle Kollektion hätten Sie mit dem Grafiker Peter Saville Pornofilme geschaut. Warum bloß?

JULIEN DOSSENA: Das war Recherche, wir haben zusammen T-Shirts entworfen. als ich ein Teenager war, suchte ich überall nach den Shirts von Peter Saville, da gab es allerdings kaum Internet, man musste also richtig tief graben. Später lernten wir uns kennen. Wir haben uns gleich gut verstanden, weswegen wir letztes Jahr T-Shirts mit alten Buchcovern drauf entworfen haben. Wir sind beide große Buchliebhaber. Nun erzählte Saville mir, dass er total vernarrt in eine Amateurpornoseite sei, sie heißt X-Hamster. Ihm gefiel, wie die Leute dort die Filmtitel für ihre Erotikfilme gestalteten. er machte jede Menge Screenshots davon. Der Schriftzug „Nylon Mist“, den wir auf eines der T-Shirts gedruckt haben, stammt von einem Japaner, der Filme mit Nylonstrumpfhosen dreht. Uns gefiel die Poesie des Titels. „Nylon Mist“ könnte auch ein toller Name für einen Nachtclub in Tokio sein. Jedenfalls verbrachten Saville und ich einen wunderbaren Nachmittag damit, uns in seiner Londoner Wohnung durch diese Seiten zu klicken und dabei viele Zigaretten zu rauchen.

FF: Welche Marke rauchen Sie?

Paco Rabanne Sommer-Kollektion 2018

JD: Camel. Viel zu viele. Meine erste Zigarette war eine Camel, und ich halte ihr die treue.

FF: Mir ist aufgefallen, dass man in Paris keine elektrischen Zigaretten sieht, wie sie anderswo gerade so beliebt sind.

JD: Nein, nein. In Frankreich geht es um die Attitüde. Wir sind sehr konservativ, selbst in unseren schlechten Angewohnheiten. eine elektrische Zigarette fühlt sich nicht sexy an. Als wollte man den Nervenkitzel, aber ohne die Gefahr. Wenn man den Kitzel will, muss man die Gefahr der Zigarette dazunehmen.

FF: Ihre Kleider erinnern an eine glamouröse Version der Science-Fiction-Filme der Neunziger.

JD: Die habe ich immer im Hinterkopf. Als Teenager las ich sehr viele Science-Fiction-Bücher. Und Paco Rabanne hatte immer einen modernistischen Designansatz. Diese sehr glatte und messerscharfe Ästhetik gehört dazu.

FF: Welche Science-Fiction-Werke sind Ihnen wichtig?

Julien Dossena: “Eine elektrische Zigarette fühlt sich nicht sexy an. Als wollte man den Nervenkitzel, aber ohne die Gefahr”
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JD: Als Teenager las ich „Dune“ und Philip K. Dick. Später, vielleicht mit 16, kam Ballard. Da wurde es subtiler. Als Kind liebt man ja Geschichten über den Mars und den Weltraum. Ballards Geschichten spielten in unserer Welt, doch immer fand eine geringfügige Verschiebung in der Wahrnehmung statt, die alles verändert. Das gefiel mir. Er hat meine ästhetische Wahrnehmung stark beeinflusst. „Crash“ war eine Geschichte, die ich klar vor Augen hatte. Diese maschinenhaften Körper, die Autos. So entdeckte ich die perversere Sparte, Cronenberg, David Lynch. Ich hatte immer eine Anfälligkeit für Eskapismus, der in den Gedanken stattfindet. Auch in der Philosophie. Durch eine kleine Veränderung könnte die Welt eine andere sein. Denken Sie an das, worüber Philip K. Dick geschrieben hat: Was, wenn die Amerikaner nicht den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten? Es geht um eine andere Realität.

FF: Paco Rabanne stattete selbst Filme wie „Barbarella“ aus. Die Marke stand für Silberkleider und goldene Kettenhemden. Sie vermieden es, allzu viele Referenzen aus dieser Zeit einzubringen. Bis jetzt.

JD: Als ich anfing, gab es keine Kunden mehr. Paco Rabanne existierte weder auf dem Markt noch in der Wahrnehmung. Wir mussten erst mal eine Basis aufbauen und herausfinden, was man heute von uns kaufen möchte. Ist es eine Bomberjacke, sind es kurze Röcke oder Yogahosen? Flache Schuhe? Wir mussten einen Grundstein legen. Und eine Garderobe im Sinne der Marke aufbauen, mit Kleidungsstücken, die sehr modern sind. Mehr Bomberjacke als Pelzjacke. Erst später, drei Jahre nachdem ich den Job übernommen hatte, fühlte ich mich frei genug, mit anderen Seiten der Marke zu spielen.

FF: Empfinden Sie die starke Identität der Marke als Einschränkung?

JD: Nein, im Gegenteil. Paco Rabanne war immer sehr radikal. Ich schätze mich wirklich glücklich, mit dieser Marke zu arbeiten, statt mit einer, die nicht relevant genug für ein Comeback ist. Heute gibt es in der Mode überall Marken, überall Shows, es gibt viel mehr Player im Spiel. Wenn man etwas erreichen will, muss man sehr direkt sein.

FF: Inwiefern war Paco Rabanne radikal?

Paco Rabanne Sommer-Kollektion 2018

JD: Er begann 1968, zu der Zeit gab es in Frankreich natürlich einen echten kulturellen und gesellschaftlichen Umbruch. Die Franzosen waren immer sehr konservativ, man hörte den Jugendlichen überhaupt nicht zu. Es herrschte die Autorität der eltern. Dann kam die Revolution einer neuen Generation. In der Musik, in der Kunst, im Kino. In der Mode tauchten Paco Rabanne und Courrèges und Cardin auf. Zum ersten Mal in der Geschichte Frankreichs war es die junge Generation, die das Land intellektuell antrieb. Manchmal auch mit Gewalt, wenn man an die Revolten von 1968 denkt. In dem Jahr hatte Paco Rabanne seine erste oder zweite Show. Sie fand inmitten der Tumulte statt. Er ließ die alten Muster der Haute-Couture-Häuser hinter sich, die in einer völlig bourgeoisen Denkweise feststeckten. Vorher sollten sich die Töchter anziehen wie die Mütter, Paco Rabanne zog die Töchter an. Plötzlich durften sie abends rausgehen und Spaß haben. Er schneiderte kurze Kleider – inzwischen mag etwas anderes daraus geworden sein, aber damals ging es wirklich darum, sich bewegen zu können, tanzen zu können. So schnell sein zu können wie Männer, statt mit adretten Frisuren auf hohen Absätzen und in engen Röcken herumzustöckeln.

FF: Welches Bild haben Sie vor Augen?

JD: Jane Birkin und Serge Gainsbourg, sehr erotisch im Club. Jane trägt ein superkurzes Kleid und wirkt sehr selbstsicher. Sie tanzen zusammen in der Menge. Dann Françoise Hardy, im silberfarbenen Overall in einem Park in London. Sie ging im Kettenhemdanzug in die Stadt, um Brot zu kaufen. Ohne sich darum zu kümmern, was andere Menschen darüber denken, wenn sie ein silbernes Mädchen auf der Straße zu sehen. Sehr konzeptuell, aber immer gepaart mit einer gewissen Frische und Unschuld.

FF: Für die Paisley-Stoffe der neuen kollektion ließen Sie sich von Andy Warhols Sofa inspirieren.

Paco Rabanne Sommer-Kollektion 2018

JD: Das Partythema hatte ich mir bisher nicht erlaubt, denn als ich zu Paco Rabanne kam, wollten alle Partykleider. Überall sah man Balmain. In dieser Nische wollte ich nicht landen, deswegen habe ich mich erst mal mit der Tagesgarderobe befasst. Doch jetzt schien mir die Zeit passend. Das Factory-Gefühl gefiel mir schon immer, die Balance zwischen Spaß, Konzeptualität und Kunst. Es war Pop, aber zur gleichen Zeit hatte es etwas, ich will nicht sagen: Perverses. Sexy und dunkel. Mitten in der Factory mit ihren silberfarbenen Industriewänden stand ein altes Sofa mit altmodischem Tapetenmuster. Darauf saß Andy Warhol mit der Sonnenbrille auf der Nase, in schwarzen Lacklederhosen und einem hellblauen Hemd. Ich baute die Kollektion entlang dieser Texturen auf, der silberfarbenen Wände und der grungy Anmutung des alten Sofas. Daraus wurden Paisley-Muster und Silberhosen. Ich wollte den Raum in Kleidern nachbilden.

FF: Wie hat sich die Pariser Modeszene in Ihren Augen verändert? Plötzlich scheint es in der Stadt junge, neue Labels zu geben.

JD: Das ist neu. Es begann vielleicht vor fünf Jahren. Vorher war es wirklich eine Schande mit den jungen Designern. Paris ist immer die größte Modestadt gewesen, die Einkäufer lassen hier mehr Geld als irgendwo sonst auf der Welt. Aber für junge Designer gab es überhaupt keine Unterstützung. Die gingen nach London oder New York. In Paris musste man ums Überleben kämpfen. Es war wirklich ein Albtraum. Die Szene in Paris wurde alt. Mittlerweile ist den Leuten klar geworden, wie wichtig es ist, die Jungen zu unterstützen. Sie werden diejenigen sein, die bald das Geld verdienen.

FF: Haben die Neuen auch den berühmten Französinnen-Stil ausrangiert?

JD: Ach, das Pariser Mädchen. Ich hasse dieses Klischee. Ballerinas, schmale Jeans, verwuschelte haare. Meine Freundinnen sehen nicht so aus. Das interessiert mich wirklich gar nicht. Das ist für mich die bourgeoiste und konservativste Vorstellung eines Mädchens, die man haben kann. ohne Fantasie. Ist das, wovon Frauen träumen? Mein Traum ist es nicht.

FF: Sie haben kürzlich ein eigenes Magazin kuratiert, es waren aber kaum Kleidungsstücke drin, stattdessen waren die Models nackt.

Paco Rabanne Sommer-Kollektion 2018

JD: Mich interessiert die Wahrnehmung des nackten Frauenkörpers. Ich habe viel mit einem Buch aus dem Jahr 1969 gearbeitet, das Paco rabanne gemeinsam mit Jean Clemmer gemacht hat: „Nudes“. Es zeigt nackte Körper auf surrealistische Weise: der weibliche Körper als Landschaft. Die Hüften erinnern an Hügel, die Kleider an einen Fluss aus Metall. Schon interessant, dass sein Buch als pornografisch angesehen wurde. natürlich war es provokativ. Aber eine nackte Frau muss nicht automatisch ein Sexobjekt sein. Das passiert im Auge des Betrachters. Man sieht heute kaum noch Aktaufnahmen. Es gibt bloß Porno oder Mode.

FF: Stört Sie das?

JD: Für mich ist ein Aktbild etwas völlig anderes als ein sexuelles Bild. Darum interessierte mich die Sichtweise von Coco Capitán, der Fotografin, mit der wir zusammenarbeiteten. Sie ist eine junge lesbische Frau. Ich wollte mich mit dieser Wahrnehmung auseinandersetzen. Ich habe den Eindruck, dass Frauen noch immer einen langen Kampf zu kämpfen haben. Ich erlebe ständig, wie den Frauen in meinem Umfeld auf der Straße hinterhergepfiffen wird. Sie können wer weiß was tragen, riesige schwarze Mäntel, das ändert nicht viel. Sie passen sich an. Sie tragen auf der Straße Kopfhörer, selbst wenn sie keine Musik hören. Weil sie wissen, dass sie zehnmal am tag belästigt werden. also tun sie so, als würden sie Musik hören, damit sie sich taub stellen können. Das finde ich traurig.

FF: Was lesen Sie gerade?

JD: Ein Buch über Andy Warhol, von Natasha Fraser-Cavassoni. Leichte Lektüre, es geht um ihr Leben als Punkmädchen in London. Außerdem lese ich gerade die Biografie von Simone Veil, das ist natürlich etwas politischer. Sie hat in Frankreich die Abtreibung legalisiert, was sehr notwendig war. Vorher arbeitete sie für das Justizministerium mit Gefängnissen. Und das, nachdem sie selbst in Auschwitz gewesen war. Für sie, als frühere Gefangene, ging es darum, den Gefangenen grundlegende Menschenrechte zu geben. Die Gefängnisse in Frankreich sind immer noch wirklich beschissen, das ist ein großes Problem in unserem Land. Aber damals war es mittelalterlich. Die Menschen wurden wie Hunde behandelt. Das Buch handelt von diesem Teil ihrer Karriere. Dann habe ich immer einen Klassiker zur Hand. Gerade lese ich mal wieder Balzac, die fantastischen Erzählungen. „Das Mädchen mit den Goldaugen“. Typisches 19. Jahrhundert und sehr dicht.

FF: Sammeln Sie Bücher?

JD: Ja, allerdings weniger, wenn es um Literatur geht, da kaufe ich der Einfachheit halber Taschenbücher. aber ich sammele Fotobücher und Designbücher und Grafikbücher, die kaufe ich ständig. In meinem Haus gibt es eigentlich kaum Möbel, es ist praktisch leer, aber voller Bücher. Sie stapeln sich überall. Ich besitze wenige Tische, Bücher kommen zuerst.

FF: Wo essen Sie dann Ihr Frühstück?

JD: Ich kann morgens nichts essen, da wird mir schlecht. Kaffee ist völlig ausreichend.

FF: Wo finden Sie in Paris den besten Kaffee?

JD: Ich muss sagen, dass ich in Paris nie einen schlechten Kaffee hatte. Zumindest, wenn man sich an Espresso hält. Den macht jede Bar gut.

FF: Gehen Sie zu Fuß?

JD: Ja. Obwohl, meistens nehme ich wohl das Taxi. Aber ich glaube, ich steige bald wieder auf die Metro um, der Verkehr ist ein Albtraum. Ich gehe viel zu Fuß, das macht den Kopf frei. Ich bin kein Fahrradtyp. Das ist für mich das Gleiche wie mit der elektrischen Zigarette.



Interview: Frauke Fentloh