"Ich wäre gern
ein schwarzes Loch"

Kate Tempest weiß, wer die Welt retten kann: Wir! Und niemand anderes. Die britische Lyrikerin im Interview.

Kate Tempest | Foto: Nadine Fraczkowski

Europa ist verloren, Amerika ist verloren. Das sagt zumindest die britische Lyrikerin, Dramatikerin und Schriftstellerin Kate Tempest auf ihrem neuen HipHop-Album „Let Them Eat Chaos“. Nachdem sie im Sommer ihren ersten Roman „Worauf du dich verlassen Kannst“ veröffentlicht hat, widmet sie sich nun der Welt im Wandel und sagt: Alles, was uns jetzt noch retten kann, ist Empathie.

Kate Tempest Oh Mann, sorry, ich muss mich erst einmal kurz locker machen (Steht auf und läuft durch den Raum). Das letzte Interview war etwas merkwürdig.

Interview Tun Sie sich keinen Zwang an, an Grundschulen werden neuerdings auch Entspannungsübungen zum Unterrichtsbeginn gemacht.

Tempest Wow, das ist ja großartig, dass so etwas jetzt an Schulen unterrichtet wird.

Interview Das dachte ich mir auch. Leider 20 Jahre zu spät in unserem Fall. Es heißt, Sie hätten mit 16 die Schule geschmissen, um Ihre Karriere als Poetin und Rapperin einzuschlagen. Das klingt einigermaßen wild.

Tempest Und stimmt leider gar nicht. Das ist bloß eine dieser Geschichten, die sich verselbstständigt haben. Die Wahrheit ist, dass ich irgendwann aufgehört habe, in die Schule zu gehen. Ich war extrem gelangweilt und habe dauernd nur Ärger gemacht. Ich durfte aber trotzdem noch meinen Abschluss machen. Und danach bin ich dann auf ein College für ein paar Jahre, um Musik zu studieren. Im Anschluss daran habe ich eine Abendschule besucht, um mein Abitur nachzuholen. Und dann habe ich an der Uni Englische Literatur studiert.

Interview Das ist alles eher das Gegenteil von Schule schmeißen.

Tempest Ich habe es eben auf meine Weise gemacht. In der Schule bin ich einfach nicht klargekommen. Ich habe mich permanent mit Lehrern und Mitschülern angelegt und außerdem viel zu viel Gras geraucht. Ich war 13 oder 14 und habe eigentlich den ganzen Tag nichts anderes gemacht, außer Gras zu rauchen, Bücher zu lesen, Musik zu hören und Raps zu schreiben. Ich wollte nicht gesagt bekommen, wie und was ich zu lernen hatte. Für mich waren diese Lehrer verlorene Gestalten. Das ist natürlich arrogant, aber so ist man halt als Teenager.

Interview Es gab keine Ausnahmen?

Tempest Nein. Also, na ja, einen Lehrer mochte ich. Im Grunde habe ich meine echten Lehrer in Platten und Büchern gefunden. Das Tolle daran ist, dass man quasi direkt von den Meistern lernt (lacht). Ich habe alles gelesen, was mir zwischen die Finger kam. Es ging nicht mal so sehr darum, ob das Buch gut war oder nicht. Die Hauptsache war, dass ich las. Der Großteil meiner Kindheitserinnerungen besteht darin, dass ich hinter einem Buch verschwunden bin und meine Eltern versuchen, mich dazu zu bringen, das Buch für einen Moment zur Seite zu legen.

Interview Es gibt schlimmere Kinder.

Tempest Je nachdem, was es für Konsequenzen hatte. Ich bin das jüngste von fünf Geschwistern, und ich muss etwa vier oder fünf gewesen sein, da sind wir mit dem Zug nachmittags zu meinen Großeltern gefahren, die auf der anderen Seite von London lebten. Ich war während der Fahrt natürlich die ganze Zeit am Lesen, und als meine Eltern und vier Geschwister ausstiegen, habe ich davon überhaupt nichts mitbekommen. Sie standen schon auf dem Gleis, als meine Schwester plötzlich kreischte: „Wir haben Kate vergessen!“ Ich muss dann an der nächsten Station in den gegenüberliegenden Zug gestiegen und zurückgefahren sein, aber meine Schwester erzählt heute noch von diesem Tag.

Kate Tempest: “Wir leben in einer extrem spannenden Zeit. Die Welt ist im Umbruch, und wenn sie das nicht ist, dann sollten wir uns schleunigst beeilen, das zu ändern”
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Interview Erinnern Sie sich an die erste Geschichte, die Sie aufgeschrieben oder erzählt haben?

Tempest Ich war mit meinem Vater Fußball spielen in Greenwich, in der Nähe der Themse, und hatte den Ball aus Versehen ins Wasser gekickt. Und da war da dieser Mann … ­Erinnern Sie sich daran, wie man als Kind alle Erwachsenen als unglaublich erfolgreiche Wesen wahrgenommen hat?

Interview Ich glaube, da müssen Sie mir auf die Sprünge helfen.

Tempest Na ja, die konnten alle möglichen Dinge tun, auf Laternenmasten springen zum Beispiel (lacht).

Interview Das mag englischen Erwachsenen vorbehalten sein.

Tempest Haha. Jedenfalls war da dieser Mann, der es tatsächlich geschafft hat, meinen Ball aus der Themse zu retten, dabei aber gleichzeitig seine Schlüssel und sein Portemonnaie verlor.

Interview Das ist wirklich heroisch.

Tempest Absolut. Und ich fühlte mich furchtbar deswegen. Ich war so perplex, dass dieser Mann mir so viel Güte entgegengebracht hatte und etwas, das ihm sehr wichtig gewesen war, dabei verloren hatte. Und er war noch nicht mal sauer darüber. Das hat mich als Kind gleichermaßen irritiert und fasziniert. Also schrieb ich diese Geschichte auf.

Interview Empathie spielt in Ihren Texten nach wie vor eine sehr zentrale Rolle. Diese Geschichte scheint fast so etwas wie einen archetypischen Grundstein dafür gelegt zu haben.

Tempest Literatur und Musik sind in meinen Augen ohnehin die zentralen Inkubatoren für Empathie. Und was, wenn nicht Empathie, können wir einer Welt, die sich vor Angst auffrisst, entgegenhalten? Wenn diese Welt, in der wir leben, in Zukunft noch Sinn ergeben soll, bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Empathie in Gang zu bringen. Das klingt einfach, leider ist es genauso einfach, sich in Panik zu verlieren. Wir müssen uns wirklich jeden gottverdammten Tag klarmachen, empathisch zu sein. Zweimal hinschauen, weiterbohren, tiefer gehen. Der natürliche Instinkt ist es nämlich, empathisch zu sein, nur gibt es leider ganz viel Mist, der uns diese Sicht auf die Welt vernebelt.

Interview Und Sie können von sich selbst behaupten, jeden Tag so zu leben?

Tempest Ich versuche es zumindest. Natürlich gelingt mir das auch nicht immer. So wie eben mit dieser Journalistin, da fand ich es extrem schwer, meine Empathie zu aktivieren (lacht).

Interview Können Sie einem Bettler Geld verweigern?

Tempest Es kommt drauf an. Manchmal fühlt es sich richtig an, Geld zu geben, manchmal kann es aber genauso gut sein, dass ich eine Zigarette mit ihm rauche oder einfach nachfrage, wie es ihm geht oder was seine Geschichte ist. Das klingt kitschig, aber ich meine es ernst: Als Schriftstellerin empfinde ich nun mal eine sehr große Liebe für die Menschen. Ich liebe es, sie zu beobachten, ich liebe es, mit ihnen abzuhängen. Ich bin in einer riesigen Stadt groß geworden, in der ich nach wie vor lebe und in der ich permanent von Menschen umgeben bin.

Interview Und die Sie bis vor Kurzem auch nicht wirklich oft verlassen haben.

Tempest Das stimmt, bis vor ein paar Jahren bin ich so gut wie nie gereist. Das hat sich natürlich verändert. Erst kürzlich war ich mit meinem Roman auf Lesetour in Amerika und Australien, und gerade als Britin wird einem dann erst richtig bewusst, wie unfassbar abwesend britische Kolonialgeschichte eigentlich in Großbritannien selbst ist. Und auch das hat für mich mit Empathie zu tun.

Interview Inwiefern?

Tempest Durch Empathie erkennen wir die Wahrheit der Geschichte an. Für die einen ist es einfach, dahingehend selbstvergessen zu sein, für andere ist unmöglich, sich nicht ihrer Geschichte bewusst zu sein. Schließlich existieren nach wie vor Ungerechtigkeiten, die darauf fußen.

Kate Tempest | Foto: Nadine Fraczkowski

Interview Geht es mit der Welt zurzeit bergab oder bergauf?

Tempest Ich bin aufgewachsen in dem Glauben, dass wir in einer Zeit leben, die sich mit zwei Weltkriegen im Rücken dem Frieden verschrieben hat. Und dann passieren so Dinge wie der Brexit. Ein extrem gutes Beispiel für historische Selbstvergessenheit. Schließlich existiert da eine tiefe Illusion über ein besseres Früher, auf das wir uns zurückbesinnen müssten.

Interview Eine Illusion, die sich nicht nur in Großbritannien immer fester in die Köpfe der Menschen zu beißen scheint.

Tempest Wir leben in einer extrem spannenden Zeit. Die Welt ist im Umbruch, und wenn sie das nicht ist, dann sollten wir uns schleunigst beeilen, das zu ändern.

Interview Wie meinen Sie das?

Tempest Ehrlich gesagt, weiß ich das selbst noch nicht so genau. Das Ganze ist mehr ein Gefühl, über das ich vielleicht noch gar nicht so viel sagen kann.

Interview Apropos Empathie und Welt: Wenn Sie irgendetwas im Universum sein könnten, was wären Sie?

Tempest Ein schwarzes Loch, damit ich sehe, wie es von drinnen aussieht, oder ein Wal, weil ich mich Walen irgendwie verbunden fühle. Aber eigentlich ist das alles nicht wahr, weil ich fest daran glaube, dass es einen Grund gibt, warum wir hier und jetzt existieren. Das Universum hat entschieden, dass ich jetzt hier bin, und so ist es nun einmal.

Interview Wie haben Sie sich in den Anfangstagen Ihrer Karriere in London durchgeschlagen?

Tempest Ich habe einfach nie aufgehört. Als ich das erste Mal das Rappen für mich entdeckt hatte, war ich süchtig danach. Ich konnte nichts anderes mehr tun und an nichts anderes mehr denken. Den ganzen Tag schrieb ich Lyrics, und die ganze Nacht hörte ich Musik. Und dann bin ich zu all diesen Raves und Open-Mic-Sessions gegangen. Ich rappte draußen vor den Clubs und noch im Bus auf dem Weg nach Hause. Tagsüber gab ich Gedicht-Workshops für Kinder, um mir ein bisschen Geld zu verdienen, und abends fuhr ich dann sechs Stunden mit meiner Band durchs Land, um irgendwo im Nirgendwo für den Barkeeper und noch zwei andere Leute zu spielen.

Interview Jeder Pub in South London kann sich jetzt also auf die Fahne schreiben, dass Sie dort schon einmal gespielt haben?

Tempest Ja, bringt aber natürlich wenig, wenn das in allen Pubs steht (lacht). Ich wollte es einfach unbedingt hinkriegen. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich mit 18 mein erstes HipHop-Album veröffentlicht. Ich war richtig sauer, dass es nicht klappte. Ich rappte mir den Mund wund, und nichts passierte. Die ganze Zeit fragte ich mich: „Wie machen das die Leute? Wie zur Hölle verlassen sie diese vier Wände der Pubs in South London?“ Irgendwann wurden wir dann vermehrt auf so Hippie-Festivals gebucht, und zwischenzeitlich dachte ich, okay vielleicht ist es das also. Wir und diese Hippie-Festivals (lacht).

Interview Und wie sind Sie dann den Hippie-Festivals entkommen?

Tempest Mit meinem ersten epischen Gedicht, Brand New Ancients. Es war 74 Minuten lang, und plötzlich nahmen mich die Leute ganz anders wahr. Ihnen wurde klar, dass es mir ernst ist. Ich war nicht mehr dieses Mädchen, das sowieso jeden Abend auftrat.

Interview Als Poetin hatten Sie zu dem Zeitpunkt doch ohnehin schon ein gutes Standing, oder?

Tempest Das stimmt. Ich lebte ja quasi davon, indem ich Stücke schrieb für verschiedene Theater. Die Musikindustrie hingegen erschien mir wie eine unüberwindbare Festung.

Interview Als Poetin mit Mitte 20 in London sein Geld zu verdienen klingt aber auch schon verdammt cool.

Tempest Mag sein. Letzten Endes ist es auch nur ein Job gewesen. Die Leute denken immer, dass ich ein riesiger Shakespeare-Fan bin, dabei stimmt das gar nicht. Ich habe bloß nach Auftrag für die Shakespeare Company Stücke verfasst, damit sie diese wiederum Schulklassen reindrücken konnten. Das war halt mein Job.

Interview Ich kann mir vorstellen, dass die Altersspanne Ihres Publikums ziemlich weit reicht, oder?

Tempest Ja, auf jeden Fall. Ich erinnere mich an einen Auftritt in Salt Lake City, bei dem drei Generationen der gleichen Familie anwesend waren.

Interview Wie haben Sie das denn rausgefunden?

Tempest Es war kaum jemand bei diesem Gig, und danach haben wir abgehangen und mit den Leuten gequatscht. Dabei kam raus, dass die Großmutter Krebs diagnostiziert bekommen hatte und die drei sich daraufhin vorgenommen hatten, mehr Zeit miteinander zu verbringen. Und weil alle sich aus unterschiedlichen Gründen für meine Musik interessierten, kamen sie zu unserem Konzert. Die Tochter war vielleicht zwölf und die Mutter war so Ende 30.

Interview Ich muss gestehen, dass mir beim Anschauen Ihrer Auftritte zwischendurch auch der Gedanke kam, Sie seien eher 90 und nicht 30. Sie wirken so weise.

Tempest Haha. Es gibt natürlich auch eine Kehrseite, was das angeht. Als wir in Atlanta, Georgia, spielten, der Heimatstadt von Outkast, war ich total aufgeregt und habe mich wie ein kleines Kind gefreut, dass ich jetzt mit meinem Auftritt so großen Meistern des HipHop Tribut zollen konnte. Kurz davor hatte ich allerdings mit Brand New ­Ancients einen Literaturpreis in England gewonnen, weshalb ich in so seriösen Kulturradiosendungen Interviews gegeben hatte. Und darüber sind dann irgendwelche Kirchengruppen in Amerika auf mich aufmerksam geworden und fingen an, mein Gedicht in ihren Lesekreis zu integrieren. Jedenfalls kommen wir auf die Bühne in Atlanta, um eine richtig gute HipHop-Show abzuliefern, und dann sitzen da in der ersten Reihe zehn alte weißhaarige Damen auf Stühlen, die sich wegen ihres kirchlichen Lesekreises Tickets für mein Konzert gekauft hatten. Das war so ziemlich das Gegenteil von dem, was ich mir unter meinem Tributkonzert an André 3000 vorgestellt hatte.

Kate Tempests neues Album „Let Them Eat Chaos“ erscheint am 7. Oktober.

05.10.2016 | Kategorien Interviews, Kunst, Literatur | Tags ,

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