The Fresh Prince
Kendrick Lamar im Interview

Er ist jung. Er ist schwarz. Er braucht das Geld. Kendrick Lamar hat sich mit seinem Debütalbum von den finstersten Straßen Comptons bis auf die Champs-Élysées gerappt. Amerika feiert ihn als den Erneuerer des HipHops. Wir auch!

Interview: Kendrick, frierst du?

Kendrick Lamar: Es ist so entsetzlich kalt in Deutschland. Ich friere nonstop, seit ich hier gelandet bin, seit über 70 Stunden. Nichts hilft. (legt sich in ­Embryohaltung auf das Sofa) So fühlt sich das Leben als vermeintlicher Popstar an: Es ist kalt.

Interview: Die Vorschusslorbeeren waren in deinem Fall eher ein Lorbeerbaum: Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendein Magazin, ein Blog, ein Aufmacher behauptet, Kendrick Lamar sei der Retter des HipHops. Zuletzt berichtete das sogar der New
Yorker,
nicht gerade das Zentralorgan des rhythmischen Sprechgesangs.

Lamar: Wenn ich jedes Mal einen Dollar bekommen würde, wenn das ein Journalist sagt oder schreibt, wäre ich reich! Letztendlich verdanke ich meinen Erfolg wahrscheinlich der Tatsache, dass die Leute mich als Mensch und nicht als Action-Figur wahrnehmen.

Interview: Jennifer Lawrence erzählte Drew Barrymore in Interview, sie wolle sich von ihrem ersten Scheck einen Pool voller Pasta bauen lassen.

Lamar: Das hat sie gesagt? Wow! Jennifer ­Lawrence ist einfach mal die coolste Frau. Scheiße, jetzt fragst du mich sicher gleich, was ich kaufen würde. Und ich werde voll gegen Jennifer Lawrence abstinken, weil ich nichts vorweisen kann. Ich komme nicht dazu, Geld auszugeben. Ich habe kein Auto, keine fette Uhr – Scheiße, nicht einmal eine Wohnung. Ich wohne im Hotel, im Bus, am Flughafen. Meinen ersten Dollar, den ich als Rapper verdient habe, trage ich jedoch immer mit mir rum(zeigt auf seinen Schuh, einen Turnschuh von Margiela)

Interview: Wie bitte?

Lamar: Hier, schau, der Dollar steckt gefaltet in meinem linken Schuh (lacht).

Interview: Als Obolus für Charon, den Fährmann, der dich über den Acheron ins Reich des Totengottes Hades fahren wird?

Lamar: Eigentlich war es als Glücksbringer gedacht. Hm, aber ich mag die Doppelfunktion: Wenn es so weit ist, muss mich der alte Knabe ohnehin nur über den East L.A. River schippern. Ich komm schließlich aus Compton, aber das weißt du ja sicher.

Interview: Bei einem deutschen Vorstadtjungen rattern da im Kopf nur die Klischees runter, die man aus Filmen wie Menace II Society kennt.

Lamar: All die Klischees stimmen. Wenn es ein anderes Leben dort gäbe, hätte längst jemand einen Film darüber gedreht. Compton bedeutet Ghetto, ist Ghetto, hat Ghetto erfunden. Selbst wenn ich Leute in L.A. treffe und sie hören, dass ich aus Compton komme, verstecken sie ihr Hab und Gut. Ich kenne kein Viertel, das so eine Wirkung auf Menschen hat.

Interview: Bei einem Rap-Start-up kommt die Marke Compton einem Triple-A-Rating gleich – mit Paten wie Eazy-E, Dre, The Game, N.W.A

Lamar: Es ist aber auch eine große Bürde. Heute als Rapper ist diese eher positiv besetzt, früher als Jugendlicher empfand ich sie belastend. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich aufgewachsen bin. Meine Eltern sind 1984 nach Compton gezogen, mitten rein in die Hölle, rein in die Crack-Epidemie, verstehst du? Sie wollten weg aus dem Sumpf in Chicago, raus aus dem Gang-Leben meines Vaters, einen Neuanfang unter der Sonne Kaliforniens wagen. Irgendwo, ganz egal wo. Von allen gottverdammten Orten landen sie ausgerechnet in Compton! Die beiden hatten einfach keinen Plan. Sie kamen da im Sommer 1984 an – alles, was sie hatten, waren 500 Dollar in der Tasche.

Interview: Du wurdest 1987 geboren.

Lamar: Ja, und bis dahin lebten meine Eltern in irgendeiner wirklich schäbigen Absteige, die die beiden immer noch romantisch verklärt Hotel nennen.

Interview: Wie muss man sich deine Kindheit vorstellen?

Lamar: Meine Mum war eines von 13 Geschwistern, und irgendwann landete der ganze Clan bei uns in Compton. Als Sechsjähriger war es für mich normal, zu sehen, wie ein Onkel eine Schrotflinte putzt, irgendwer Kokain streckt oder es zu Crack aufkocht. Vor der Tür wurden Drogen verkauft, im Wohnzimmer wurde gefeiert, alle paar Tage wurde jemand verhaftet oder man musste das weiße Hemd anziehen, weil wieder ein Bekannter abgestochen oder sonst wie ermordet wurde. Das soll nicht verrückt oder so klingen, aber so war es nun mal.

Interview: Deswegen heißt dein Album Good Kid, M.a.a.d City.

Lamar: Ganz genau. Ich war ein guter Schüler, ein netter Junge. Mein Glück war es, dass ich ziemlich früh gelernt habe, in meine Bücher abzutauchen und so dem Schlamassel, der Gewalt, den Gangs, dem ganzen Wahnsinn um mich herum zu entfliehen. Ich habe mehr zugehört als geredet.

Interview: Du musstest dich also nicht entscheiden, auf welcher Seite du stehst, ob du Blau oder Rot, die Farben der Crips und Bloods, tragen willst?

Lamar: Man muss letztendlich nur aufpassen, mit wem man abhängt. Wenn man mit Bloods-Leuten befreundet sein will, wird man zwangsläufig den Bloods zugerechnet. Und dann geht die ganze Scheiße erst richtig los: Welcher Block, welche Straßenseite, welche Straßenecke, es ist wie im Krieg.

Interview: Ein Krieg vor der eigenen Haustür.

Lamar: Ich habe etliche gute Freunde wegen dieser Scheiße verloren, irgendwann merkte ich: Das bin ich nicht. Das will ich nicht sein. Ich will lesen, ich will Filme sehen, ich will Geschichten erzählen.

Interview: Books against Bloods and Crips?

Lamar: Darf ich die Zeile klauen?

Interview: Gerne.

Lamar: Okay, dann setze ich mich jetzt auch anständig hin. Mir ist einfach sehr kalt.

Kendrick Lamar: “Ich habe kein Auto, keine fette Uhr – Scheiße, nicht einmal eine Wohnung. Ich wohne im Hotel, im Bus, am Flughafen”
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Interview: Auf dem Albumcover sieht man dich als Baby, es sieht aus, als sei es auf einer Party bei euch zu Hause entstanden.

Lamar: Ja, das Foto ist echt. Und friedlich. Ich wollte zeigen, dass in Compton auch normales, positives Leben stattfindet.

Interview: Ein anderes Bild zeigt deinen Vater, dich als kleinen Jungen und eine ziemlich große Schrotflinte. Ich hoffe, die habt ihr euch für das Bild von den Nachbarn geliehen?

Lamar: Nein! Sie war der ganze Stolz meines Vaters! (lacht) Das Gewehr lag immer im Wohnzimmer auf dem Schrank.

Interview: Die Legende besagt, dein Vater habe dich als Kind zum Videodreh von Tupacs und Dr. Dres California Love mitgenommen.

Lamar: Mitgenommen ist übertrieben. Er sah, was los war, und holte mich. Das Video wurde keinen Block von unserer Haustür entfernt gedreht. Die ganze Nachbarschaft war auf der Straße, alle waren mächtig stolz, alle haben gelacht und eine gute Zeit gehabt, es war wie ein Volksfest.

Interview: War das der Tag, an dem der Junge Kendrick beschlossen hat, Rapper zu werden?

Lamar: Unterbewusst vielleicht.

Interview: Du nennst Tupac als eines deiner Idole. In deinem Alter war dieser bereits mehrfach angeschossen, saß im Knast und hatte die Drogenprobleme der Mutter in eine Ballade verwandelt. Dagegen wirkt deine Jugend geradezu mustergültig.

Lamar: Überhaupt beide Eltern zu kennen, beziehungsweise dass sie immer noch glücklich verheiratet sind, ist in der Tat eine große Ausnahme bei uns im Viertel. Das war bei mir nicht der Fall. Meine Mum arbeitete bei McDonald’s, und mein Dad machte alles, um ein paar Dollar heimzubringen. Bei meinen Freunden war der Dad oft im Knast oder tot und die Mutter bis zu den Haarspitzen high auf Crack.

Interview: Umso bemerkenswerter ist es, dass du nicht die Perspektive des typischen AK-47-gestählten Gangsta-Rappers einnimmst, sondern die des Jungen, der vor dem Mündungsfeuer in Deckung geht.

Lamar: Ich bin wahrscheinlich der erste Rapper aus Compton, der sich verletzlich zeigt, der vor Kugeln davonläuft, der ausgeraubt wird und freiwillig eingesteht, wenn er ein Opfer ist.

Interview: Wann hast du kapiert, dass es auch noch andere Realitäten abseits von Compton gibt?

Lamar: Zunächst nur in Büchern, mit eigenen Augen habe ich das erst viel später gesehen. Mein großes Glück war wirklich, dass ich tolle Lehrer hatte, die mich angeleitet haben, die mich inspirierten zu schreiben. Erst heute weiß ich, wie krass es eigentlich war, in Compton aufzuwachsen. Ich treffe überall Menschen, die mich inspirieren, reise um die Welt, schaue mir neue Dinge an, entdecke Zusammenhänge, lerne unglaublich viel. Tag für Tag. Und dennoch schlägt das Herz in meiner Brust denselben alten Takt: Comp / ton / Comp / ton / Comp / ton.

Interview: Dein Rap-Kollektiv trägt den Namen Black Hippy. Was ist denn der Unterschied zu einem weißen Hippie?

Lamar: Weiße Hippies stehen für Frieden und Liebe. Schwarze Hippies für Frieden, Liebe und die Farbe Schwarz.

Interview: Ach so.

Lamar: Ja, denn Schwarz steht für das Leben, für Wut, für Trauer, für Schmerz.

Interview: Kiffen tun beide.

Lamar: Ja, aber unsere Joints sind stärker! (lacht)

Interview: HipHop feiert seit geraumer Zeit ein ziemlich eindrucksvolles Comeback – angeführt von Künstlern wie A$AP Rocky, Angel Haze, Odd Future und natürlich Kendrick Lamar. Warum hat es so lange gedauert, bis HipHop sich erneuern konnte?

Lamar: Das habe ich mich auch schon gefragt. Irgendwie war Anfang der Nullerjahre die Luft raus – komisch, oder?

Interview: Vielleicht lag es daran, dass die ­Pop-Charts plötzlich von den HipHop-Beats der Neptunes geprägt waren

Lamar: Vielleicht! Heute klingt im Pop dafür ­alles so Dance-mäßig elektronisch – was uns Rappern das Leben wieder einfacher macht.

Interview: Interessanterweise klingen die neuen Rapper in ihren Texten und Weltbildern oft abgeklärter und erwachsener als die alte Garde.

Lamar: Wir haben weniger Scheuklappen. Unsere Einflüsse und Inspirationen sind dank Internet viel globaler, als das in den Neunzigern der Fall war.

Interview: Als Frank Ocean im Herbst sein ­Coming-out hatte, war das Medienecho gewaltig. Unzählige Künstler gratulierten ihm zu seinem mutigen Schritt. Glaubst du, dass seine Offenheit die HipHop-Basis erreicht? Auf den Straßen von Compton etwa?

Lamar: Definitiv. Allerdings wird es Jahre, vielleicht sogar Generationen dauern, bis man das großflächig spürt. Wichtig ist, dass Frank den Mut hatte. Denn jetzt können 16-jährige Kids, die nicht wissen, wie sie sich zu ihrer Sexualität bekennen sollen, zu ihm aufschauen. Und spüren, dass sie nicht allein sind.

Interview: Wäre so etwas in den Neunzigern möglich gewesen?

Lamar: Undenkbar! Die Homophobie im HipHop war damals viel ausgeprägter als heute. Jeder wollte hart und stark sein. Dabei waren auch damals nicht weniger Rapper und Sänger schwul. Denk nur mal an die R’n’B-Typen… Davon sind bestimmt 90 Prozent schwul. Und keiner traute sich, den Schritt zu gehen, den Frank gemacht hat. Die leben heute noch ihre Macho-Lüge. Das ist einfach nur traurig. Mann, es ist so verdammt kalt in deiner Stadt!

Interview: Was vermisst du am meisten, wenn du nicht zu Hause bist?

Lamar: Die Sonne. Ich habe schon als Kind Tage gehasst, an denen es regnet. Zumindest dachte ich das. Jetzt weiß ich, wie ekelhaft Schnee ist.

Von: Jörg Harlan Rohleder